Euthyphron-Dilemma

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Euthyphron-Dilemma ist ein philosophisches und theologisches Problem, das ansatzweise erstmals von dem griechischen Philosophen Platon in seinem fiktiven, literarisch gestalteten Dialog Euthyphron formuliert wurde.

Problemstellung[Bearbeiten]

Allgemein ausgedrückt geht es um die Frage, ob etwas deswegen ethisch richtig ist, weil es dem Willen einer Gottheit entspricht, oder ob es an und für sich ethisch richtig ist und aus diesem Grund von der Gottheit gewollt wird. Wenn das ethisch Richtige als das Gottgefällige definiert wird, haben Begriffe wie „gut“ und „richtig“ keinen eigenen Inhalt, sondern besagen nur, dass etwas von einer Gottheit gewollt wird. Dann sind alle ethischen Aussagen auf Aussagen über den göttlichen Willen reduzierbar und die Ethik hat keine eigenen Kriterien, nach denen sie etwas beurteilen könnte. In diesem Fall gibt es keine Ethik als eigenständige philosophische Disziplin. Wenn hingegen das ethisch Richtige eigene Merkmale aufweist, aus denen sich seine Definition ergibt, dann ist die Gottgefälligkeit kein Teil der Definition und somit kein Kriterium für ethische Urteile. In diesem Fall existiert eine ethische Norm, an die auch die Gottheit gebunden ist, sofern die Aussage „Gott ist gut“ bzw. „Die Götter sind gut“ zutreffen soll. Dadurch erscheint diese Norm als höchste Instanz, die sogar dem göttlichen Willen übergeordnet ist. Das ist mit manchen theologischen Lehren nicht vereinbar.

Die Erörterung im Euthyphron[Bearbeiten]

In Platons Dialog Euthyphron versuchen die Gesprächspartner, der Philosoph Sokrates und sein betont religiöser Mitbürger Euthyphron, das Wesen der Frömmigkeit zu bestimmen. Der Begriff τὸ ὅσιον (to hósion) bezeichnet „das Fromme“, das heißt das Richtige oder Pflichtgemäße. Ein Definitionsvorschlag Euthyphrons lautet: „Was also den Göttern lieb ist, ist fromm; was nicht lieb, ruchlos.“[1] Diese Definition wird auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft und dahingehend präzisiert, dass das, was alle Götter lieben, das Fromme ist.[2] Sie erweist sich aber als unzulänglich. Sokrates wendet ein: „Bedenke dies: Wird das Fromme von den Göttern geliebt, weil es fromm ist, oder ist es fromm, weil es geliebt wird?“[3] Er vertritt die Auffassung, dass das Fromme nicht mit dem Gottgeliebten gleichgesetzt werden dürfe; etwas sei gottgeliebt, weil es von den Göttern geliebt wird, das Fromme hingegen werde von ihnen geliebt, weil es fromm ist. Die Feststellung, das Fromme werde von den Göttern geliebt, sei keine Aussage über das Wesen des Frommen, sondern nur über das, was mit dem Frommen geschieht. Euthyphron habe also nichts darüber ausgesagt, was das Fromme ist. Euthyphron sieht das ein.

Über die Schlüssigkeit einzelner Teile der von Sokrates vorgetragenen Argumentation gehen in der Forschung die Meinungen auseinander; überwiegend wird die Auffassung vertreten, sie sei gesamthaft nicht schlüssig.[4]

Die Auffassungen, die Platon in seinen Dialogen von seinem Lehrer Sokrates vertreten lässt, können – soweit sie nicht ironisch, sondern ernst gemeint sind – als Ausdruck seiner eigenen Position betrachtet werden. Somit war Platon der Überzeugung, das ethisch Richtige könne nicht in Abhängigkeit von der Einstellung der Götter definiert werden. Für Platon gab es kein „Euthyphron-Dilemma“, sondern nur eine Frage, die er in dem Dialog klar beantworten ließ. Ein Dilemma wurde daraus erst viel später in der christlichen Theologie, als sich zeigte, dass die Autonomie der Ethik mit manchen theologischen Vorstellungen schwer zu vereinbaren ist.

Rezeption[Bearbeiten]

Im Mittelalter wurde das Problem von katholischen Theologen erörtert, allerdings ohne Bezugnahme auf den Dialog Platons, denn dieser war damals in der lateinischsprachigen Gelehrtenwelt völlig unbekannt.

Im modernen theologischen und religionskritischen Diskurs lautet die Fragestellung: „Wird das moralisch Gute deswegen von Gott befohlen, weil es das moralisch Gute ist, oder ist es deswegen moralisch gut, weil es von Gott befohlen wird?“

In seiner 1927 erschienenen Schrift Why I am not a Christian (Warum ich kein Christ bin) verwendete Bertrand Russell das Dilemma als Argument gegen eine theistische Moralbegründung. Nach seiner Argumentation ist unter der Voraussetzung, dass es einen Unterschied zwischen moralisch Falschem und Richtigem gibt, zu fragen, ob dieser Unterschied aufgrund von Gottes Geboten entsteht oder nicht. Im ersteren Fall besteht für Gott selbst kein Unterschied zwischen Gut und Böse. Dann ist die Aussage, Gott sei gut, nicht sinnvoll. Hält man aber an dieser Aussage fest, so muss man akzeptieren, dass Falsch und Richtig eine Bedeutung haben, die von Gottes Geboten unabhängig ist. Dann sind Gottes Gebote unabhängig von der Tatsache, dass er sie geschaffen hat, als gut zu bewerten. Bei dieser Annahme muss man aber zugeben, dass Falsch und Richtig nicht durch Gott entstanden sind, sondern ihm in ihrem Wesen logisch vorausgingen.[5]

Auch Michael Schmidt-Salomon argumentiert anhand des Euthyphron-Dilemmas gegen eine theologische Moralbegründung. Er befasst sich mit den Konsequenzen der Behauptung, Gottes Gebote seien deshalb gut, weil sie von Gott ausgehen. In diesem Fall ist zu fragen, ob es moralisch gerechtfertigt wäre, Kinder zu foltern oder zu ermorden, wenn Gott ein entsprechendes Gebot aufstellte. Nach Schmidt-Salomons Überlegung bringt diese Fragestellung den Gläubigen in ein ethisches Dilemma: Wenn er die These aufgibt, Werte seien über Gottes Gebote begründet, kann er in einen Konflikt mit seinem Glauben geraten. Wenn er das nicht will, muss er akzeptieren, dass Gottes Gebote auch dann noch gültig sind, wenn sie offensichtlich Inhumanes einfordern. Falls der Gläubige behauptet, dass ein allgütiger Gott niemals grausame Gebote erlassen würde, zeigt er damit, dass er über eigene moralische Standards verfügt, anhand derer er selbst Gottes Güte beurteilt.[6]

Literatur[Bearbeiten]

Zum modernen Diskurs

  • Paul Helm (Hrsg.): Divine Commands and Morality. Oxford University Press, Oxford 1981, ISBN 0-19-875049-8
  • Peter Vardy: Das Rätsel von Übel und Leid. Don Bosco Verlag, München 1998, ISBN 3-7698-1088-0, S. 82–98

Zur Darstellung bei Platon

  • John H. Brown: The Logic of the Euthyphro 10A–11B. In: The Philosophical Quarterly Bd. 14 Nr. 54, 1964, S. 1–14
  • Sheldon Marc Cohen: Socrates on the Definition of Piety: Euthyphro 10A–11B. In: Rachana Kamtekar (Hrsg.): Plato’s Euthyphro, Apology, and Crito. Critical Essays. Rowman & Littlefield, Lanham 2005, ISBN 0-7425-3324-7, S. 35–48
  • Louis-André Dorion: Platon: Lachès, Euthyphron. Traduction inédite, introduction et notes. Flammarion, Paris 1997, ISBN 2-08-070652-7, S. 323–334
  • John C. Hall: Plato: Euthyphro 10a1–11a10. In: The Philosophical Quarterly Bd. 18 Nr. 70, 1968, S. 1–11
  • Thomas D. Paxson: Plato’s Euthyphro 10 a to 11 b. In: Phronesis 17, 1972, S. 171–190
  • Laszlo Versényi: Holiness and Justice. An Interpretation of Plato’s Euthyphro. University Press of America, Washington D.C. 1982, ISBN 0-8191-2317-X, S. 70–77, 86f.

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Platon, Euthyphron 6e–7a.
  2. Platon, Euthyphron 9e.
  3. Platon, Euthyphron 10a.
  4. Siehe dazu Louis-André Dorion: Platon: Lachès, Euthyphron. Traduction inédite, introduction et notes, Paris 1997, S. 323–334; Laszlo Versényi: Holiness and Justice. An Interpretation of Plato’s Euthyphro, Washington D.C. 1982, S. 70–77, 86f.; Thomas D. Paxson: Plato’s Euthyphro 10 a to 11 b. In: Phronesis 17, 1972, S. 171–190; Robert G. Hoerber: Plato’s Euthyphro. In: Phronesis 3, 1958, S. 95–107, hier: 102–104; John H. Brown: The Logic of the Euthyphro 10A–11B. In: The Philosophical Quarterly Bd. 14 Nr. 54, 1964, S. 1–14; John C. Hall: Plato: Euthyphro 10a1–11a10. In: The Philosophical Quarterly Bd. 18 Nr. 70, 1968, S. 1–11.
  5. Bertrand Russell: Why I Am Not a Christian, New York 1957, S. 12.
  6. Michael Schmidt-Salomon: Existiert Gott? (Diskussionsbeitrag Düsseldorf 2005), S. 6 (PDF; 126 kB).