Evangelium der Frau Jesu

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Papyrusfragment mit dem Evangelium der Frau Jesu.

Das sogenannte Evangelium der Frau Jesu (englisch Gospel of Jesus’ Wife) ist ein Papyrusfragment, das am 18. September 2012 von der Kirchenhistorikerin Karen L. King (* 1954) der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Seinen Titel ebenso wie die große Aufmerksamkeit in den Medien[1] erhielt es dadurch, dass Jesus darin Bezug nimmt auf „meine Frau“. Forscher bezweifeln jedoch, dass es sich um ein antikes Schriftstück handelt. Möglicherweise handelt es sich um eine moderne Fälschung.

Veröffentlichung und Beschreibung des Fundes[Bearbeiten]

Nach Angabe von King befindet sich der Papyrus in privatem Besitz, wobei der Besitzer nicht genannt werden wolle. King gibt an, dass der Papyrus bereits 1982 von Peter Munro, damals Ägyptologie-Professor an der Freien Universität Berlin, geprüft und für authentisch gehalten wurde. Nähere Umstände des Funds sind nicht bekannt.

Die Zeilen 4–5 (recto) haben die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit besonders auf sich gezogen. Sie werden von King wie folgt gelesen (in deutscher Übersetzung):[2]

„… Jesus spricht zu ihnen: Meine Frau … … sie wird für mich Jünger (sic) sein können und …“

Da die Ränder abgebrochen sind, ist unklar, in welchem Zusammenhang diese Worte stehen. Das Fragment hat eine Größe von 8 x 4 cm, ist an beiden Seiten abgebrochen und enthält Teile von neun Zeilen. Der Text ist im sahidischen Dialekt des Koptischen verfasst. Im Vergleich zu anderen koptischen Manuskripten, wie beispielsweise den Codices von Nag Hammadi, vermittelt die Schrift den Eindruck, dass der Schreiber wenig geübt war. Aufgrund dieser paläographischen Merkmale wird der Papyrus von King auf die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts datiert.[3] King geht davon aus, dass der Text ursprünglich im 2. Jahrhundert auf Griechisch verfasst wurde. Sie begründet dies mit der inhaltlichen Verwandtschaft mit dem Thomasevangelium, dem Mariaevangelium und dem Ägypterevangelium.

Kontroverse über die Echtheit[Bearbeiten]

Forscher haben Zweifel an der Echtheit des Papyrus geäußert. Hugo Lundhaug und Alin Suciu argumentieren, dass die Form der Buchstaben dafür spreche, dass der Papyrus mit einem Pinsel beschrieben wurde. In der Antike wurde Papyrus jedoch mit einem Kalamos (Schreibrohr) beschrieben. Dies spreche dafür, dass es sich um eine moderne Fälschung handle.[4]

Francis Watson hat detailliert die Zitate und Anspielungen aus dem Thomasevangelium und dem Matthäusevangelium untersucht. Er kommt zu dem Schluss, dass die große Nähe des Textes auf dem Papyrus zu den genannten Schriften eher für eine moderne Fälschung spreche.[5]

Wie am 25. September 2012 durch Craig A. Evans bekannt wurde, hatten die Herausgeber des Harvard Theological Review aufgrund der Zweifel an der Echtheit des Papyrus zunächst davon Abstand genommen, den Artikel von Karen King wie geplant in ihrer Fachzeitschrift zu veröffentlichen.[6] Im April 2014 wurde schließlich eine überarbeitete Version dieses Artikels veröffentlicht, zusammen mit den Ergebnissen weiterer paläographischer und chemischer Analysen.[7] Die Kritiker, die Zweifel an der Echtheit des Papyrus äußerten, sehen ihre Argumentation weiterhin als unwiderlegt an und werfen King vor, sie stelle ihre Forschungsergebnisse in der Presse einseitig dar.[8]

Anfang Mai 2014 wurden weitere Zweifel an der Echtheit veröffentlicht. King konstatierte, dass diese ernst zu nehmen seien und in die Richtung einer Fälschung wiesen.[9][10][11][12]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Unter anderem Spiegel Online: Papyrus aus dem 4. Jahrhundert.Jesus sagte zu ihnen: Meine Ehefrau“, http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/papyrus-fragment-was-das-evangelium-von-jesus-frau-bedeutet-a-856697.html Frankfurter Allgemeine Zeitung: Papyrus-Fund. Hatte Jesus eine Ehefrau?, http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/papyrus-fund-hatte-jesus-eine-ehefrau-11895584.html
  2. Koptischer Text bei Karen L. King: „Jesus said to them: ‘My Wife …’“. A New Coptic Gospel Papyrus. http://news.hds.harvard.edu/files/King_JesusSaidToThem_draft_0917.pdf S. 14.
  3. Karen L. King: „Jesus said to them: ‘My Wife …’“. A New Coptic Gospel Papyrus. http://news.hds.harvard.edu/files/King_JesusSaidToThem_draft_0917.pdf S. 8.
  4. Hugo Lundhaug und Alin Suciu: On the So-Called Gospel of Jesus’s Wife. Some Preliminary Thoughts. http://alinsuciu.com/2012/09/26/on-the-so-called-gospel-of-jesuss-wife-some-preliminary-thoughts-by-hugo-lundhaug-and-alin-suciu/
  5. Francis Watson: The Gospel of Jesus’ Wife:How a fake Gospel-Fragment was composed. http://www.dur.ac.uk/resources/theology.religion/GospelofJesusWife.pdf
  6. http://nearemmaus.com/2012/09/25/update-on-the-gospel-of-jesus-wife-from-craig-a-evans/
  7. Harvard Theological Review 107/2 (April 2014).
  8. Francis Watson: Jesus' Wife Attempts Back: Initial Response, http://markgoodacre.org/Watson4.pdf, abgerufen am 14. April 2014.
  9. Christian Askeland: The forgery of the Lycopolitan gospel of John. http://evangelicaltextualcriticism.blogspot.de/2014/04/the-forgery-of-lycopolitan-gospel-of.html
  10. Jerry Pattengale von 'The Wall Street Journal': How the 'Jesus' Wife' Hoax Fell Apart. http://online.wsj.com/news/articles/SB10001424052702304178104579535540828090438?mg=reno64-wsj&url=http%3A%2F%2Fonline.wsj.com%2Farticle%2FSB10001424052702304178104579535540828090438.html
  11. Joost L. Hagen: Possible further proof of forgery: A reading of the text of the Lycopolitan fragment of the Gospel of John, with remarks about suspicious phenomena in the areas of the lacunae and a note about the supposed Gospel of Jesus’ Wife. http://alinsuciu.com/2014/05/01/guest-post-joost-l-hagen-possible-further-proof-of-forgery-a-reading-of-the-text-of-the-lycopolitan-fragment-of-the-gospel-of-john-with-remarks-about-suspicious-phenomena-in-the-areas-of-the-lac/
  12. Laurie Goodstein von 'The New York Times': Fresh Doubts Raised About Papyrus Scrap Known as ‘Gospel of Jesus’ Wife’. http://www.nytimes.com/2014/05/05/us/fresh-doubts-raised-about-papyrus-scrap-known-as-gospel-of-jesuss-wife.html?_r=0