Evliya Çelebi

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Evliya Çelebi (osman.اوليا چلبي‎; * 25. März 1611 im Stadtteil Unkapanı in İstanbul; † nach 1683 auf Reisen, vermutlich in Ägypten) war ein osmanischer Schriftsteller, der in seinem Reisebuch (Seyahatnâme) über seine zahlreichen Reisen im Osmanischen Reich und in den Nachbarländern berichtete. Dieses Werk ist eines der wichtigsten über die osmanische Welt des späten 17. Jahrhunderts und wurde im Jahr 2013 zum Weltdokumentenerbe erklärt.[1] Der Orientalist Joseph von Hammer-Purgstall (1774-1856) hat Evliyâ Çelebi wiederentdeckt und übersetzt (1834).[2]

Herkunft und Jugend[Bearbeiten]

Evliyâ (dt. „Gottesfreund“) Çelebi (osmanischer Ehrentitel zur Bezeichnung vornehmer oder gebildeter Leute) war der Sohn des obersten Hof-Goldschmiedes von Sultan Ahmed I., Derviş Mehmed Zıllî Efendi (auch genannt Derviş Mehmed Ağa oder Derviş Mehmed Ağa-i Zıllî; †1648), und dessen Gattin, einer aus dem Kaukasus stammenden Hofdame. Evliya wuchs also in sehr günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen auf. Seine Vorfahren stammten aus Kütahya in Kleinasien und zogen nach der Eroberung von Konstantinopel dorthin.[2] Sein Vater war eine bekannte Persönlichkeit, die auch an der Eroberung Zyperns teilnahm.

Nach Abschluss seines Studiums an der Medrese des Şeyhülislâm Hâmid Efendi erhielt Evliya Çelebi einen Posten als Koran-Rezitator im Serail. Dort lernte er bei Keçi Mehmed Efendi Kalligraphie, Musik, arabische Grammatik und Koran-Kunde an der höheren Lehranstalt des Sultanspalastes (Enderun), wobei er sich als sehr talentiert erwies. Keçi Mehmed Efendi war auch Lehrer des berühmten Katib Çelebi. Evliya war durch seine familiäre Position und sein Studium ein gut erzogener, gebildeter und mit den Gepflogenheiten seiner Umgebung vertrauter Mann.

Im Dienst für den Sultan und auf Reisen[Bearbeiten]

Auf Betreiben seines Onkels Melek Ahmed Pascha wurde Evliya Çelebi 1638 in den Hofdienst bei Sultan Murad IV. als Leibkavallerist (sipahı) aufgenommen. In dieser Zeit durchstreifte er zunächst die Hauptstadt des Osmanischen Reiches und die nähere Umgebung Istanbuls. Von Anfang an notierte er, was er beobachtete und für bemerkenswert hielt. 1640 begann Evliya, in halboffizieller Funktion alle Teile des Reiches und der angrenzenden Länder zu bereisen. Zunächst begab er sich nach Bursa, Izmit und Trabzon. 1645 reiste er auf die Krim, wo er als Gesandter der Osmanen beim Tataren-Khan fungierte. Auch in den folgenden Jahren reiste Evliya im Dienst des Osmanischen Staates. Er war als Bote für verschiedene Befehlshaber des Heeres in Epirus unterwegs und arbeitete später als Buchhalter für den Generalgouverneur von Erzurum im Osten des Reiches. Dabei kam er bis nach Aserbaidschan und Georgien. 1648 kehrte Evliya nach İstanbul zurück und begab sich wenig später nach Damaskus, wo er drei Jahre blieb. Nach 1651 reiste er durch Rumelien: Längere Zeit hielt er sich in Sofia und Silistra[3] auf. 1664 war er bei der Schlacht von St. Gotthard Augenzeuge und er besuchte in Ungarn Buda und den Balaton. Zwischen 1665 und 1670 besuchte Evliya Österreich, Albanien, Dalmatien, Thessalien, Kreta, Komotini und Thessaloniki. Am Ende seines Lebens war er auch in Ägypten.

Seyahatnâme – das Reisebuch[Bearbeiten]

Seine Reiseberichte veröffentlichte Evliya Çelebi in einem zehnbändigen Werk, dem Seyahatnâme (Reisebuch). Er beschrieb darin alles, was ihm bemerkenswert erschien. Sein Werk bietet eine Mischung aus allen möglichen Wissensgebieten. Er beschreibt die bereisten Städte und einzelne wichtige Gebäude, vor allem Moscheen, Synagogen und Kirchen, und deren Geschichte. Ebenso beschreibt er die Menschen, ihre Volksbräuche, Lieder und Sprachen, ihre Kleidung und Feste sowie die Religion oder die zwischenmenschlichen Beziehungen. Ausführlich berichtet er über die Verwaltung des jeweiligen Gebietes, über angesehene Familien und berühmte Personen wie Dichter, Musiker, Militärs oder Beamte. Evliya interessiert sich für die wirtschaftlichen Grundlagen der einzelnen Gebiete, er macht auch Angaben über militärische Angelegenheiten, insbesondere über Lage und Stärke vieler Festungen. Sprachwissenschaftlich liefert Evliya wichtige Informationen, weil er oft Worte notiert, die von den verschiedenen Völkerschaften gebraucht wurden.

Allerdings ging der Autor bei der Zusammenstellung seiner Informationen unsystematisch vor. Die Informationen Evliyas sind daher nicht immer zuverlässig. Insbesondere bei Zahlenangaben übertreibt er oft. Es ist deutlich zu erkennen, dass der Autor mit seinen Reiseberichten nicht nur informieren, sondern auch unterhalten wollte. Dessen ungeachtet ist das Seyahatnâme eine wichtige Quelle für Leben und Kultur im Osmanischen Reich des 17. Jahrhunderts. Nur ein Beispiel ist Evliyas Beschreibung von Herkunft und Vorkommen von 76 Musikinstrumenten, wodurch das Seyahatnâme den wertvollsten Beitrag zur Kenntnis der damaligen Musik liefert.[4] In vielen Bereichen wird der Quellenwert von der Forschung erst seit einigen Jahren höher eingeschätzt.

Handschriftliche Textseite aus Band VII, Topkapı Sarayı Bibliothek

Evliya Çelebis Stil weicht stark von dem in seiner Zeit üblichen Stil der Divan-Literatur ab, der von Konventionen und Einflüssen aus dem Persischen geprägt war. Er benutzte stattdessen die damalige türkische Volkssprache. Seine Prosatexte sind fließend und leicht verständlich. Er lässt eigene Gefühle, Kommentare und Gedanken in die Beschreibung einfließen. Zumindest aus Sicht des Historikers ist Evliyas Umgang mit der Zeit problematisch. Der Autor interessiert sich nicht besonders für die klare Abfolge verschiedener Geschehnisse, die er schildert. In seinem Werk sind Vergangenheit und Gegenwart auch sprachlich eng verwoben: Nicht selten erzählt er zwei Begebenheiten aus unterschiedlichen Gegenden, als ob er sie zur selben Zeit beobachtet hätte.

In den zehn Bänden seines Fahrtenbuches beschreibt er folgende Reisen:

  1. Istanbul und Umgebung (1630)
  2. Anatolien, den Kaukasus, Kreta und Aserbaidschan (1640)
  3. Syrien, Palästina, Kurdistan, Armenien und Rumelien (1648)
  4. den Irak (1655)
  5. Russland und die Balkanhalbinsel (1656)
  6. die Ungarnfeldzüge (1663/64)
  7. das Kaisertum Österreich, die Krim und nochmals den Kaukasus (1664)
  8. Griechenland, nochmals die Krim und Rumelien (1667-1670)
  9. die Haddsch (Pilgerfahrt) nach Mekka (1671)
  10. Ägypten und den Sudan (1672)
Zusammentreffen der beiden Großbotschaften bei Komorn am 30. Mai 1665

Der “Goldene Apfel”[Bearbeiten]

Besonders ausführlich beschreibt er im VII. Buch seinen Besuch von Wien, dem „Goldenen Apfel“ (Kızıl Elma) der Osmanen. Da er manchmal seine Reiseberichte mit Fremderlebnissen ausschmückte, war auch sein Aufenthalt in Wien bei Historikern nicht unumstritten. Karl Teply hat aber 1975 im kaiserlichen Hofkammerarchiv eine Spesenrechnung aufgefunden, in der Evliyâ Efendi namentlich erwähnt wird. Er war als Begleiter im Tross des Osmanischen Großbotschafters Kara Mehmed Pascha, Beğlerbeği von Rumelien, im Jahre 1665. Man reiste entlang der Donau über Ofen, Komorn, Raab, Bruck an der Leitha und Schwechat nach Wien. Evliyâ Çelebi schildert in recht phantasievoller Art die Gebäude der Stadt, und spricht beispielsweise von 360 Kirchen und Klöstern, zählt 470 Türme, und behauptet, dass im Stephansturm 1000 Mönche lebten. Besonderes Interesse widmet er den Festungsanlagen und berichtet auch über lange Protokollstreitigkeiten zwischen dem Großbotschafter und dem Kaiserhof. Begeistert schildert er die Schönheit der Knaben und Mädchen Wiens. Der Umgang zwischen Männern und Frauen verblüfft ihn allerdings.

“Eine ganz seltsame Sache ist das. In diesem Land und überhaupt im ganzen Giaurenreiche führen die Weiber das große Wort und man ehrt sie und achtet sie um der Mutter Maria willen.” [5]

Literatur[Bearbeiten]

Ausgaben
  • Im Reiche des Goldenen Apfels. Des türkischen Weltenbummlers Evliyâ Çelebi denkwürdige Reise in das Giaurenland und in die Stadt und Festung Wien anno 1665. Übersetzt und eingeleitet von Richard Franz Kreutel, Erich Prokosch, Karl Teply. (Osmanische Geschichtsschreiber. Bd 2.) Verlag Styria, Graz/Wien/Köln 1987, ISBN 3-222-11747-0.
  • Seyahatnamesi. 2 Bde. Berlin 2005. ISBN 975-379-160-7 – (Çocuk Klasikleri Dizisi.)
Moderne türkische Werksauswahl für Kinder
  • Evliya Çelebi’s Book of Travels. Evliya Çelebi in Albania and Adjacent Regions (Kosovo, Montenegro). The Relevant Sections of the Seyahatname, hrsg. u. übersetzt von Robert Elsie und Robert Dankoff. Leiden und Boston 2000. ISBN 90-04-11624-9
Kritische Edition in englischer Sprache.
  • An Ottoman Traveller. Selections from the Book of Travels of Evliya Celebi. Ed. Robert Dankoff u. Sooyong Kim. London 2010. ISBN 978-190601144-4
  • Kairo in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Beschrieben von Evliya Çelebi, hrsg. u. übersetzt v. Erich Prokosch. Istanbul 2000. ISBN 975-7172-35-9
  • Selected Stories of Seyhatname, edited by Zeynep Üstün, translated by Havva Aslan, Profil Yayıncılık, Istanbul 2007 ISBN 978-975-996-072-8
Sekundärliteratur
  • Joseph von Hammer-Purgstall: Merkwürdiger Fund einer türkischen Reisebeschreibung. In: Intelligenzblatt zur Wiener Allgemeinen Literaturzeitung. 1814.
  • Klaus Kreiser: Edirne im 17. Jahrhundert nach Evliyâ Çelebî. Ein Beitrag zur Kenntnis der osmanischen Stadt. Freiburg 1975. ISBN 3-87997-045-9
  • Helena Turková: Die Reisen und Streifzüge Evliyâ Çelebîs in Dalmatien und Bosnien in den Jahren 1659/61. Prag 1965.
  • Franz Babinger: Ewlija Tschelebi’s Reisewege in Albanien. In: Mitteilungen des Seminars für Orientalische Sprachen 33 (1930), S. 138–178. Wieder abgedruckt in ders.: Aufsätze und Abhandlungen zur Geschichte Südosteuropas und der Levante Bd. 2 [München] 1966, S. 51–89.
  • Robert Dankoff: An Ottoman Mentality. The World of Evliya Çelebi. Leiden 2004
  • Robert Dankoff/Klaus Kreiser: Materialien zu Evliya Celebi. II. A Guide to the Seyâhat-nâme of Evliya Celebi. Bibliographie raisonnée. Wiesbaden 1992.
  • Jens Peter Laut: Materialien zu Evliya Celebi. I. Erläuterungen und Indices zur Karte B IX 6, »Kleinasien im 17. Jahrhundert nach Evliya Celebi«. Wiesbaden 1989.
  • Jens Peter Laut: [Karte] Kleinasien im 17. Jahrhundert nach Evliya Celebi. Wiesbaden 1992. (Tübinger Atlas des Vorderen Orients, Karte B IX 6, West- und Ostteil.)
  • Klaus Kreiser: Evliyā Çelebī, Oktober 2005. In: C.Kafadar/H.Karateke/C.Fleischer: Historians of the Ottoman Empire. Harvard University. Center for Middle Eastern Studies, ISBN 9780-9762-7270-0, S. 97-99. (Buch bei Google Books)
  •  Robert Elsie: Das albanische Lexikon des Evliya Çelebi (1662), und was ein Derwisch auf der Durchreise alles wissen muss. In: Südost-Forschungen. Nr. 57, 1998, S. 95-102 (Artikel als PDF).
Bibliographie
Umfassende Liste von Veröffentlichungen zu Evliya Çelebi und dem Seyahatname bis 2012

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Evliya Çelebi's "Book of Travels" in the Topkapi Palace Museum Library and the Süleymaniye Manuscript Library. In: Memory of the World - Register. UNESCO, 2013, abgerufen am 20. Juni 2013 (englisch).
  2. a b Evliyâ Çelebi: Im Reiche des Goldenen Apfels. Des türkischen Weltenbummlers Evliyâ Çelebi denkwürdige Reise in das Giaurenland und in die Stadt und Festung Wien anno 1665. Übersetzt und eingeleitet von Richard Franz Kreutel / Erich Prokosch / Karl Teply, Band 2 der Reihe: Osmanische Geschichtsschreiber. Verlag Styria, Graz/Wien/Köln 1987, ISBN 3-222-11747-0, S. 11-14.
  3. Walter Leitsch,Stanisław Trawkowski: Polen und Österreich im 17. Jahrhundert , Böhlau Verlag Wien, 1999, S. 269
  4. Henry George Farmer: Turkish Instruments of Music in the Seventeenth Century. As described in the Siyāḥat nāma of Ewliyā Chelebī. Civic Press, Glasgow 1937; unveränderter Nachdruck: Longwood Press, Portland, Maine 1976.
  5. Evliyâ Çelebi: Im Reiche des Goldenen Apfels. Des türkischen Weltenbummlers Evliyâ Çelebi denkwürdige Reise in das Giaurenland und in die Stadt und Festung Wien anno 1665.Übersetzt und eingeleitet von Richard Franz Kreutel/Erich Prokosch/Karl Teply, Band 2 der Reihe: Osmanische Geschichtsschreiber. Verlag Styria, Graz/Wien/Köln 1987, ISBN 3-222-11747-0, S. 234.