Exosoziologie

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Exosoziologie (auch Exo-Soziologie, Astrosoziologie, Xenosoziologie, jeweils Zusammensetzung aus exo- (außer-, außen-), astro- (stern-), xeno- (fremd-, auswärtig-) und Soziologie) ist die Bezeichnung verschiedener soziologischer Forschungsrichtungen, die sich mit den Entstehungsbedingungen und möglichen Eigenschaften extraterrestrischer Zivilisationen, möglicher Kontaktszenarien und deren Konsequenzen, Bedingungen menschlichen Zusammenlebens in künftigen Raumkolonien und mit den Auswirkungen von Weltraumfahrt und Weltraumforschung auf die menschliche Gesellschaft befassen.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Der erste Sammelband, der sich als Beitrag zur Exosoziologie verstand, erschien 1969 in Moskau und dann 1971 in einer englischen Übersetzung des NASA Übersetzungsdienstes.[2] Der Herausgeber, der sowjetische Astrophysiker Samuil Aronovich Kaplan (1921–1978), definierte Exosoziologie in der Einleitung in Analogie zur Exobiologie: Gegenstand der Exobiologie sei die Entstehung und Evolution von Leben unter extraterrestrischen Bedingungen, während die Exosoziologie die Entstehung und Entwicklung intelligenter Zivilisationen unter solchen Bedingungen zu untersuchen habe, und zwar einerseits durch die Auswertung von Daten über Entstehung und Wachstum der irdischen Zivilisation, zum anderen aber in Zukunft auch durch die Auswertung von Daten des SETI-Programms.[3]

Der amerikanische Philosoph und Germanist Lewis White Beck (1913–1997) diskutierte in einem Aufsatz von 1971 den wissenschaftstheoretischen und erkenntnistheoretischen Status von Exo-Wissenschaften und nannte hierbei, bereits in Kenntnis von Kaplans Projekt, auch die Exosoziologie. Von dieser könne gelten, was Peter Winch zur Anthropologie formulierte: „Eine andere Lebensweise ernsthaft zu erforschen, heißt notwendigerweise, unsere eigene Lebensweise zu erweitern – und nicht etwa nur, jene andere Lebensweise in die bereits geltenden Grenzen unserer eigenen einzuordnen.“[4] Den Gewinn sah Beck darin, nicht terrestrische Befunde für extraterrestrische Zivilisationen zu verallgemeinern, sondern abstraktere Modelle zu entwerfen, innerhalb derer die terrestrischen Verhältnisse als spezifische Ausprägungen allgemeinerer Prinzipien zu verstehen seien. Auf diese Weise könnten Hypothesen über Situationen anderswo als auf der Erde neues Licht auf unsere irdische Situation werfen, während die Verallgemeinerung terrestrischer Befunde bestenfalls schwache und unsichere Einsichten in extraterrestrische Verhältnisse erbringen könne.[5]

Als Beitrag von anthropologischer Seite[6] erschien 1974 der Sammelband Cultures Beyond the Earth, hervorgegangen aus Beiträgen der Vorjahreskonferenz der American Anthropological Association.[7] Der Schwerpunkt lag hierbei nicht auf der Gewinnung oder Vorwegnahme von Erkenntnissen über die Beschaffenheit außermenschlicher („non-human“) Zivilisationen, sondern auf der Untersuchung von Auswirkungen, die aus der Kolonisierung des Weltraums und aus interkulturellen Kontakten mit wesentlich anderen Kulturen für die menschliche Gesellschaft zu gewärtigen seien. Was schon der von der NASA beauftragte Brookings Report 1961 zu bedenken gegeben hatte, nämlich die historische Erfahrung von Gesellschaften, für die der Erstkontakt mit fremden Kulturen zur Desintegration oder Anpassung der eigenen Kultur geführt hatte, führte dann als Risikoszenario in den 1980er-Jahren auch zu praktischen Experimenten in Form von Rollenspielen, die zur praktischen Vorbereitung und Gewinnung von Erkenntnissen über die „human response“ auf solche Erstkontakte dienen sollten.[8] [9]

1983 entwarf dann auch der an der Universität von Hawaii lehrende Soziologe Jan H. Mejer in einem Zeitschriftenaufsatz[10] „Exo-Soziologie“ als eine neue Disziplin, die sich damit beschäftigen sollte,

  1. wie „Fremdheit“ gesellschaftlich konstruiert wird, und was sich daraus für das künftige Verständnis außerirdischer Fremder ableiten lasse
  2. wie irdische, insbesondere soziologische Wissenschaft etwas über die Verfasstheit außerirdischer Gesellschaften im Fall ihrer Entdeckung in Erfahrung bringen könne

Das Projekt Mejers blieb ohne praktische Folgen für den Wissenschaftsbetrieb, wurde jedoch in jüngerer Zeit modifiziert wieder von dem Politikwissenschaftler und Soziologen Michael Schetsche auf die Tagesordnung gebracht.[11]

In der amerikanischen Forschung trat besonders der Soziologe Jim Pass[12] seit 2003 für eine von ihm in “Astrosociology” umbenannte Forschung ein, deren Gegenstandsgebiet er dabei eingrenzt auf die Wechselwirkungen zwischen der Gesellschaft und ihren „astrosozialen Phänomenen“, letztere definiert als die Gesamtheit aller gesellschaftlichen Phänomene, die direkt oder indirekt in einer Beziehung zur Raumfahrt oder zu einer der Raumwissenschaften stehen.[13]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ulrike Landfester u.a. (Hrsg.): Humans in Outer Space – Interdisciplinary Perspectives, Springer, Wien 2010 (= Studies in Space Policy, 5), ISBN 978-3-7091-0279-4 (Inhaltsverzeichnis)
  • John Billingham, et al.: Social Implications of the Detection of an Extraterrestrial Civilization. SETI Press, Mountain View 1999, ISBN 978-0-966-63350-4.
  • Emmanuel Davoust: Sociology of Extraterrestrial Civilizations. in: Ders.: The Cosmic Water Hole. MIT Press, Cambridge 1991, ISBN 978-0-262-54161-9, S.121-130.
  • Frank White: Immediate Impact, Long-Term Impact. in: Ders.: The Seti Factor – How the Search for Extraterrestrial Intelligence Is Changing Our View of the Universe and Ourselves. Walker & Company, New York 1990, ISBN 978-0-8027-1105-2, S.111-170.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Michael T. Schetsche: Encounters among the stars – exosociological considerations.S. 104, Cultural consequences of the first contact. in: Ulrike Landfester, et al.: Humans in outer space – interdisciplinary perspectives. Springer, Wien 2011, ISBN 978-3-7091-0279-4.
  2. Samuil Aronovich Kaplan (Hg.): Внеземные цивилизации. Проблемы межзвездной связи. [Vnezemnye civilizacii. Problemy mežzvezdnoj svjazi.] Moskau: Nauka, 1969; engl. Extraterrestrial Civilizations. Problems of Interstellar Communication. Israel Program for Scientific Translation. Jerusalem 1971. (NASA Technical Translations, F-631), Online-Version
  3. Samuil Aronovich Kaplan: ''Exosociology – The Search for Signals from Extraterrestrial Civilizations, in: ders. (Hrsg.), Extraterrestrial Civilizations, Jerusalem 1971, S. 1-11 (Online-Version)
  4. Peter Winch: Understanding a Primitive Society, in: American Philosophical Quarterly 1 (1964), S. 307-324, hier S. 317f.: “Seriously to study another way of life is necessarily to seek to extend our own – not simply to bring the other way within the already existing boundaries of our own…”
  5. Lewis White Beck: Extraterrestrial Intelligent Life, in: Proceedings and Addresses of the American Philosophical Association 45 (1971/72), S. 5-21, hier S. 19: “In that way hypotheses about extraterrestrial situations may throw light on the terrestrial, while the illumination of the extraterrestrial by hard facts about life on earth is at best dim and wavering. What Peter Winch has said about anthropology, we may say about exo-sociology.”
  6. Zur anthropologischen Beteiligung allgemein siehe Steven J. Dick, Anthropology and the search for extraterrestrial intelligence: An historical view, in: Anthropology Today 22,2 (2006), S. 3-7 (Abstract)
  7. Magoroh Maruyama / Arthur Harkins, Cultures Beyond the Earth: The Role of Anthropology in Outer Space, Vintage Books, New York 1975; italienische Übs. Civiltà oltre la Terra, Siad, Mailand 1977
  8. Samuel Gerald Collins: All tomorrow's cultures: anthropological engagements with the future, Berghahn Books, New York 2008, ISBN 978-1-84545-408-1, S. 65ff. (“The Anthropological Alien”)
  9. Brookings report, NASA, Brookings Institution 1960: Proposed studies on the implications of peaceful space activities for human affairs, pdf, 250S., nasa.gov, abgerufen am 26. November 2010; Brookings Report engl. Wikipedia
  10. Jan H. Mejer: Towards an Exo-Sociogy: Constructs of the Alien. In: Free Inquiry in Creative Sociology 11/2 (1983), S. 171-174, hier wiedergegeben nach Michael Schetsche: Der Blick ins Nichts?, Telepolis 18. August 2008. Vgl. ders.: Encounters among the stars – exosociological considerations, in: Ulrike Landfester u.a. (Hrsg.), Humans in Outer Space – Interdisciplinary Perspectives, Springer, Wien 2010, S. 102-114; Ders.: Exosoziologie. Wissen und Nichtwissen über außerirdische Zivilisationen, in: Harald Zaun (Hrsg.), KOSMOLOGIE – Intelligenzen im All (Telepolis Special 1/2010), Heise-Verlag, Hannover 2010, S. 106-109.
  11. Siehe die vorige Anmerkung.
  12. Zum akademischen und beruflichen Werdegang siehe den Lebenslauf (PDF; 22 kB) auf der Webseite der 4Frontiers Corporation, für die Pass bei in der Entwicklung von Siedlungsprojekten auf dem Mars tätig ist.
  13. Jim Pass: Inaugural Essay: The Definition and Relevance of Astrosociology in the Twenty-First Century, Part one (PDF; 100 kB), 1. April 2004 veröffentlicht auf www.astrosociology.com