Experimentelle Archäologie

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Die Experimentelle Archäologie ist ein Spezialgebiet der Archäologie. Sie widmet sich vor allem der Erforschung technologischer Fragestellungen und untersucht praxisbezogene Aspekte antiker Lebensweisen.

Baumfällversuch mit einem rekonstruierten bandkeramischen Dechsel zur Ermittlung der Arbeitsspuren auf dem Werkzeug und Werkstücken

Ansatz[Bearbeiten]

Keramikofen nach spätbronzezeitlichem Vorbild, Experimentelle Archäologie am Tall Zira'a, Jordanien

Die klassischen archäologischen und geschichtswissenschaftlichen Methoden gewinnen ihre Erkenntnisse durch Beobachtung und Interpretation von Funden und Fundstätten. Die experimentelle Archäologie versucht diese Erkenntnisse durch Erfahrungswerte zu vertiefen.

Anhand von Fundstücken, Malereien und Texten wird versucht, die Arbeitstechniken der Vergangenheit zu erschließen. Diese Erkenntnisse werden dann von Archäologen und Handwerkern angewandt, um Artefakte nachzubilden, die ihren historischen Vorgängern möglichst ähnlich sind. In der Anwendung dieser Nachbildungen wird der technische Stand vergangener Epochen erfahrbar.

Als Vater der experimentellen Archäologie gilt der Amateurarchäologe Frederik Sehested (1813-1882), der 1879 in Soholm Dänemark mit steinzeitlichen Werkzeugen ein Blockhaus errichtete, das lange Zeit im Freilichtmuseum Den Fynske Landsby, in Odense auf Fünen stand.[1]

Später wurde mit dem Nachbau mittelalterlicher Langbogen deren enorme Durchschlagskraft bewiesen. Nachbauten antiker griechischer Brennöfen verdeutlichten die Effizienz und Methodik des antiken Töpferhandwerks. Viele Versuche beschränken sich auf einen Nachbau, während komplexere Fragestellungen etwa nach Abfallprodukten oder Formationsprozessen recht selten geblieben sind.

Definition und Abgrenzung[Bearbeiten]

Die Ausgangslage für experimentalarchäologische Versuche ist eine genau definierte Fragestellung. Die Ergebnisse aus den Versuchen müssen messbar und jederzeit nachvollziehbar sein sowie in allen Einzelheiten dokumentiert werden. Diese Ergebnisse müssen später unter den definierten Bedingungen jederzeit reproduzierbar sein.[2] Aus diesen Gründen sind viele als "experimentalarchäologisch" bezeichnete Aktivitäten, wie zum Beispiel Bronzeguss, Eisenverhüttung im Rennfeuerofen, oder Stein- und Knochenbearbeitung vor Publikum, per Definition, eher der Archäotechnik zuzuordnen.

Bekannte Beispiele[Bearbeiten]

Die Reisen von Thor Heyerdahl sind ein bekanntes Beispiel für experimentelle Archäologie. Heyerdahl baute unter anderem ein Floß (die Kon-Tiki) und besegelte damit den Pazifik.

Ra II im Park Piramides de Güimar auf Teneriffa
Rekonstruktionsversuch eines karolingischen Schuppenpanzers (8.-9. Jh.)

Mit den Schilfbooten Ra I und Ra II versuchte er von Afrika nach Amerika zu reisen. Mit diesen Unternehmungen bewies er experimentell die Haltbarkeit und Seetüchtigkeit dieser frühen Schiffstypen. Ein weiteres bekanntes Bootsexperiment war die Weltumseglung mit dem Wikingerschiff "Saga Siglar", das die Hochseetauglichkeit dieses Schiffstypes bewies.

Ein bekanntes bauarchäologisches Experiment ist das Erdwerk von Overton Down in Südengland. Dort wurde ein künstlicher Erdwall angelegt, in dem verschiedene Materialien eingegraben sind. Seit der Errichtung 1960 wird beobachtet, wie die Erosion die Gestalt des Walls verändert. In Ausgrabungen wird der Verfall der eingebrachten Stoffe beobachtet. Als Langzeitprojekt soll Overton Down Erkenntnisse über Funderhalt und Erosion erbringen, die in zukünftigen Ausgrabungen angewandt werden sollen. Ein weiteres Beispiel ist die gleichfalls in Großbritannien gelegene Butser Ancient Farm. Zu weiteren experimentellen Bauprojekten gehören unter anderem der Bau der Burg Guédelon, der Turmhügelburg bei Lütjenburg oder der Klosterstadt Messkirch. Eine lange Tradition in der Experimentellen Archäologie hat das Pfahlbaumuseum Unteruhldingen, in dem seit 1922 erprobt und geforscht wird.

Der Münchner Historiker Marcus Junkelmann lieferte im Jahr 1985 ein Beispiel, als er mit einigen Begleitern mit rekonstruierten Waffen und Ausrüstungsgegenständen von römischen Legionären eine Überquerung der Alpen wie vor 2000 Jahren bewältigte.

In jüngerer Zeit widmeten sich mehrere Fernsehproduktionen der experimentellen Archäologie. 2006 produzierte SWR die Dokumentarfilmserie Steinzeit – Das Experiment und im Jahr darauf folgte das Schweizer Fernsehen mit Pfahlbauer von Pfyn. Beide Formate widmeten sich dem Leben in der Steinzeit.

Experimentalarchäologie in der Lehre[Bearbeiten]

In Deutschland bieten archäologische Institute den Studierenden gelegentlich Kurse in Bronzeguss, Töpferei, Vasenmalerei und anderen Handwerkstechniken an. So soll ein lebendigeres Bild des Studienobjekts und ein besseres Verständnis für das Leben in der Vergangenheit entstehen. Einen Studiengang in experimenteller Archäologie bietet die Universität von Exeter an. Orte für praktische Versuche sind unter anderen das Sagnlandet Lejre in Dänemark, das Archäologisch-Ökologische Zentrum Albersdorf oder das vom Landkreis Mayen-Koblenz und dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum getragene und kurz vor der Eröffnung stehende Labor für Experimentelle Archäologie in Mayen,[3] wo Studierende auch aufwändige Experimente durchführen und praktische Erfahrungen sammeln können.

Experimentelle Archäologie und Museumspädagogik[Bearbeiten]

Spalten eines Eichenstammes mit wikingerzeitlichen Werkzeugen
Aufbau einer Lehmflechtwand im Wikingermuseum Foteviken
In Guédelon wird seit 1997 eine Burg ausschließlich mit den Techniken und Materialien des 13. Jahrhunderts erbaut.

Museumspädagogisch sind dagegen eher "archäotechnische" Ansätze ebenfalls im Einsatz. Ein Beispiel soll hier das Römermuseum in Haltern sein. Dort kann das Marschgepäck eines Legionärs geschultert werden, eine Erfahrung, die Respekt vor den Marschleistungen der Römer aufkommen lässt.

Allerdings ist eine experimentelle Archäologie als wissenschaftlicher Ansatz von diesen Aktivitäten - die ja in der Regel keine Fragestellungen besitzen und nicht dokumentiert werden, sondern nur Nachempfinden und Vermitteln wollen - deutlich zur Archäotechnik abzusetzen. Wissenschaftliche experimentelle Archäologie ist keine Museumspädagogik und wird auch selten öffentlich angewandt - sie dient nicht der Vermittlung, sondern dem Erkenntnisgewinn für die Forschung.[4]

Experimentelle Archäologie und Hobbyismus[Bearbeiten]

Da sich seit einigen Jahren auch immer mehr interessierte Laien mit hohem wissenschaftlichen Anspruch intensiv damit beschäftigen, kann man die experimentelle Archäologie im weiteren Sinne auch als Teil der Living History- oder Reenactment-Szene ansehen. Neben den oftmals langjährigen Erfahrungen, die diese Personen beitragen können, sind sie zudem meistens ehrenamtlich und kostenlos tätig und können daher auch in dieser Hinsicht für die Wissenschaft sehr wertvoll sein.[5]

Wissenschaftler und Verbände[Bearbeiten]

Mit der experimentelle Archäologie befassen sich unter anderem:

In der Europäischen Vereinigung zur Förderung der Experimentellen Archäologie e.V. EXAR haben sich verschiedene Arbeitsgruppen zusammengeschlossen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Experimentelle Archäologie in Deutschland. Isensee, Oldenburg 1990, ISBN 3-920557-88-3
  • Experimentelle Archäologie in Deutschland. Bilanz 1991-2001. Oldenburg 1991-2001
  • Experimentelle Archäologie in Europa. Bilanz 2002- . Oldenburg
  • Experimentelle Archäologie in Europa. Sonderband 1. Oldenburg 2005, ISBN 3-89995-266-9
  • Rolf Schlenker, Almut Bick: Steinzeit. Leben wie vor 5000 Jahren. Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-8062-2099-5
  • Erwin Keefer (Hrsg.): Lebendige Vergangenheit. Vom Archäologischen Experiment zur Zeitreise (Sonderheft 6 Archäologie in Deutschland). Mit Beiträgen von Erwin Keefer, Bastian Asmus, Jörg Bofinger, Sylvia Crumbach, Guntram Gassmann, Wulf Hein, Thomas Hoppe, Jens Lüning, Gunter Schöbel, Cornelia Szelényi und Jürgen Weiner, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-8062-1889-7
  • James R. Mathieu: Experimental archaeology - replicating past objects, behaviors, and processes. Archaeopress, Oxford 2002, ISBN 1-84171-415-1
  • John Morton Coles: Experimental archaeology. Acad. Press, London 1979, ISBN 0-12-179750-3
    • deutsch: Erlebte Steinzeit. Experimentelle Archäologie, übersetzt von Theodor A. Knust und Jutta Knust, Bertelsmann, München 1976, ISBN 3-570-00371-X
  • "Holz-Kultur - Von der Urzeit bis in die Zukunft. Ökologie und Ökonomie eines Naturrohstoffs im Spiegel der Experimentellen Archäologie, Ethnologie, Technikgeschichte und modernen Holzforschung. Oldenburg 2007, ISBN 978-3-8053-3763-2
  • Martin Schmidt, Marlise Wunderli: Museum experimentell. Experimentelle Archäologie und museale Vermittlung. Wochenschau-Verlag, Schwabach/Ts. 2008, ISBN 978-3-89974-400-2
  • Jürgen Weiner: Archäologische Experimente in Deutschland. Von den Anfängen bis zum Jahre 1989 - Ein Beitrag zur Geschichte der Experimentellen Archäologie in Deutschland. In: M. Fansa (Bearb.) Experimentelle Archäologie, Bilanz 1991. Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland, Beiheft 6 (Oldenburg 1991) S. 50-68.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Claus Ahrens: Wiederaufgebaute Vorzeit Wachholtz 1990 S. 13
  2.  Peter Kelterborn: Was ist ein wissenschaftliches Experiment?. In: Anzeiger der Arbeitsgemeinschaft für Experimentelle Archäologie der Schweiz AEAS. Nr. 1, 1994, S. 7-9 ([1] PDF, 5,18 MB, abgerufen am 23. März 2014).
  3.  Michael Herdick: Das Labor für Experimentelle Archäologie in Mayen (Lkr. Mayen-Koblenz). In: Europäische Vereinigung zur Förderung der Experimentellen Archäologie e.V. (Hrsg.): Experimentelle Archäologie in Europa Bilanz 2010. Isensee, Oldenburg 2010, ISBN 978-3-89995-739-6, S. 15-22.
  4. Martin Schmidt: Museumspädagogik ist keine experimentelle Archäologie. In: Experimentelle Archäologie und Museumspädagogik, Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland. Beiheft 20, Isensee, Oldenburg 2000 S. 81-89
  5.  Andreas Willmy: Experimentelle Archäologie und Living History - ein schwieriges Verhältnis?. In: Europäische Vereinigung zur Förderung der Experimentellen Archäologie e.V. (Hrsg.): Experimentelle Archäologie in Europa Bilanz 2010. Isensee, Oldenburg 2010, ISBN 978-3-89995-739-6, S. 27-30.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Experimentelle Archäologie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien