Extraktion (Zahnmedizin)

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Die Extraktion (lat. ex-trahere „herausziehen“) ist in der Zahnmedizin die chirurgische Entfernung eines Zahnes, ohne dass ein größerer Schnitt vonnöten ist. Die auch unter der Bezeichnung Exodontie bekannte Zahnextraktion kann im Normalfall von jedem Zahnarzt vorgenommen werden. Ist ein größerer Schnitt und die Bildung eines Schleimhautperiostlappens erforderlich, so fällt das unter den Begriff Operative Zahnentfernung (Osteotomie im zahnmedizinischen Fachjargon: „Aufklappung“).

Als Anästhesie dient normalerweise eine Infiltrations- oder Leitungsanästhesie.

Indikation[Bearbeiten]

Absolute Indikation: Querfraktur der Zahnwurzel im mittleren Drittel der Zahnwurzel. Nebenbefund: Approximal-Karies
Relative Indikation: Der Zahn 37 könnte evtl. nach einer Wurzelbehandlung mit einer Krone erhalten werden. Nebenbefunde: Der Zahnkeim 38 ist retiniert und verlagert. Der Zahn 27 ist stark kariös.

Man unterscheidet zwischen absoluten und relativen Indikationen.

Absolute Indikationen[Bearbeiten]

Relative Indikationen[Bearbeiten]

Nach Abszessbildung extrahierter, stark geschädigter Zahn 36 bei nicht zur Wurzelspitzenresektion bereitem Patienten
  • Starke Zerstörung der Zahnhartsubstanzen (Zahnschmelz, Dentin), wenn eine Zahnerhaltung mittels Zahnfüllungen oder Krone nur noch auf Zeit möglich ist.
  • Der Patient lehnt zahnerhaltende Maßnahmen ab, muss aber dennoch von seinen Schmerzen befreit werden.
  • Der Patient kann sich die Kosten für notwendige zahnerhaltende Maßnahmen (zum Beispiel eine Krone) finanziell nicht leisten (soziale Indikation).
  • Es besteht ein Missverhältnis zwischen Zahn- und Kiefergröße, so dass nicht alle Zähne ausreichenden Platz finden: systematische Extraktionstherapie nach Hotz im Rahmen einer Kieferorthopädischen Behandlung.[1]
  • Als Ausgleichsextraktion, wenn in der gegenüberliegenden Kieferhälfte ein Zahn fehlt und eine (Mittellinien)-Verschiebung vermieden werden soll (zum Beispiel: es fehlt der Zahn 35: der Zahn 45 wird im Rahmen einer Ausgleichsextraktion entfernt.)[2]

Instrumente und Technik der Zahnextraktion[Bearbeiten]

Instrumente[Bearbeiten]

Wie bei jedem operativen Eingriff müssen die eingesetzten Instrumente steril sein.

Zur Extraktion werden für die verschiedenen Aufgaben und Zahngruppen unterschiedlich geformte Zangen verwendet.

Im Oberkiefer:

  • Frontzahnzangen
  • Prämolarenzangen
  • Molarenzangen (unterschiedlich für die rechte und die linke Seite)
  • Weisheitszahnzangen
  • Wurzelzangen

Im Unterkiefer:

  • Front- und Prämolarenzangen (identisch, weil beide Zahngruppen nur eine Wurzel haben)
  • Molarenzangen
  • Weisheitszahnzangen
  • Wurzelzangen

Innerhalb dieser Gruppen gibt es noch sehr unterschiedliche Spezialausführungen.

Auch für die Extraktion von Milchzähnen gibt es Spezialzangen.

Zur Durchtrennung der Fasern des Zahnhalteapparates und zur Lockerung der Zähne werden Extraktionshebel (zum Beispiel Beinscher Hebel oder Wurzelheber) verwendet.

Ein historisches Extraktionsinstrument ist zum Beispiel der Storchschnabel.

Alle diese Instrumente sind aus hochwertigem Stahl gefertigt.

Technik der Zahnextraktion[Bearbeiten]

Wie jeder chirurgische Eingriff in den Körper des Menschen zu diagnostischen und/oder therapeutischen Zwecken ist sie ein operativer Eingriff.[3][4] Bereits die Injektion des Lokalanästhetikums ist ein invasiver Eingriff, mit dem die Schleimhaut verletzt wird.

In der Regel wird vor einer Zahnextraktion eine örtliche Betäubung durchgeführt. Bei sehr stark gelockerten Zähnen kann eventuell darauf verzichtet werden. In Ausnahmefällen ist eine Vollnarkose notwendig.

Der Ausdruck „einen Zahn ziehen“ ist zwar allgemein gebräuchlich, beschreibt jedoch nur sehr unzulänglich die eigentliche Technik der Extraktion. Vielmehr kommt es darauf an, das Zahnfach (Alveole) mit gefühlvollen, geeigneten Hebel- und Kippbewegungen (Luxationsbewegungen) aufzuweiten und zu „erspüren“, wohin der Zahn am ehesten nachgibt. Dabei muss durch Abstützung des Knochen mit der freien Hand eine Zersplitterung der Alveolenwände vermieden werden. Durch bloßes Ziehen wäre es in den allermeisten Fällen unmöglich, einen Zahn zu entfernen, insbesondere nicht bei den (oberen) Molaren, deren Wurzeln oft stark divergieren. Nach der Extraktion werden die Alveolenwände manuell wieder zusammengedrückt.

Eine normale Begleiterscheinung jeder Extraktion ist eine Blutung aus den verletzten Gefäßen der Gingiva, des Zahnhalteapparates und im Knochen. Normalerweise reicht postoperativ die Einlage eines sterilen Tupfers als Druckverband für ca 30 min aus. Das entstehende Blutgerinnsel (Koagulum) ist der ideale Wundverband. Um die offene Wundfläche zu verringern, können chirurgische Nähte vorgenommen werden. Das sollte bei der Extraktion mehrerer Zähne in einer Sitzung (Reihenextraktion) routinemäßig erfolgen. Bei der Extraktion mehrerer Zähne oder absehbar großflächiger Extraktionswunde kann auch die Eingliederung einer Verbandplatte sinnvoll sein. Erforderlichenfalls kann ein Schmerzmedikament verordnet werden. Das Schmerzmittel soll keine Acetylsalicylsäure (zum Beispiel Aspirin) enthalten, da diese die Blutgerinnung negativ beeinflusst.


Mögliche Komplikationen[Bearbeiten]

Blick auf den Oberkiefer Richtung kranial.

selten:

sehr selten:

  • Abriss des Tuber maxillae (Dessen Lage siehe Abbildung)
  • Fraktur (Bruch) des Unterkiefers oder des Kiefergelenkes
  • Luxation (Ausrenken) des Kiefergelenks
  • Bruch der Injektionskanüle
  • Verschlucken von Zähnen oder Zahnteilen
  • Aspiration von Zähnen oder Zahnteilen
Knopf-sonde nach Bowman. Charakter-istisch sind die stumpfen Enden.

Die Eröffnung der Kieferhöhle bei einer Extraktion ist kein Behandlungsfehler. Wichtig ist nur, dass die Eröffnung der Kieferhöhle vom Zahnarzt erkannt wird. Dazu empfiehlt sich die routinemäßige Durchführung des Nasen-Blas-Versuch (Valsalva-Pressdruck(-Versuch)) nach der Extraktion von oberen Zähnen. Zuverlässiger ist jedoch, die Alveolen mit einer Knopfsonde auszutasten.

Eine in die Kieferhöhle luxierte Wurzel muss entfernt werden - erforderlichenfalls Weiterbehandlung durch einen HNO-Arzt.

Eine Perforation der Kieferhöhle (Mund-Antrum-Verbindung = Mund-Kieferhöhlen-Verbindung) kann von einem chirurgisch versierten Zahnarzt, einem Oralchirurgen oder einem Kieferchirurgen mit einem vestibulär gestielten Dehnungslappen gedeckt werden (Plastische Deckung). Dazu wird das Periost an der Lappenbasis von der Innenseite des Lappens her durchtrennt, so dass sich der Mukosalappen ausreichend dehnen (mobilisieren) lässt. Der anschließende Nahtverschluss muss sehr sorgfältig erfolgen.

Soweit möglich sollte der Patient heftiges Schneuzen und Niesen in den ersten Tagen nach der Operation vermeiden, da durch den Druck der Verschluss der Kieferhöhle wieder aufreißen kann.

Bei entzündeten Kieferhöhlen (zum Beispiel durch die infizierte Wurzelspitze) versagt die primäre Deckung mit einer Lappentechnik oft, da sich das ausströmende Sekret (von der Nasenhöhle über die Alveole in die Mundhöhle) auch bei gutem Wundverschluss eine Verbindung bahnt. In diesem Fall ist vor der plastischen Deckung die Ausheilung der Entzündung in der Kieferhöhle anzustreben. Gegebenenfalls wird dazu die Kieferhöhle über die eröffnete Alveole gespült. Von Fall zu Fall sollte die Unterstützung eines Hals-Nasen-Ohrenarztes in Anspruch genommen werden. Erst nach dem Abklingen der Entzündung kann eine plastische Deckung erfolgen.

Bei komplizierten Zahnentfernungen sind grundsätzlich alle Zahnteile zu sammeln, um sicherzugehen, dass keine Zahnteile verschluckt oder aspiriert wurden.

Ein Verschlucken von Zähnen oder Zahnteilen ist nur mit geringen Gefahren behaftet.

Eine gefährliche Komplikation hingegen ist eine Aspiration von Zähnen oder Zahnteilen. Es muss unbedingt und schnell eine Weiterbehandlung bei einem Facharzt (HNO-Arzt) erfolgen.[5] [6]

Nachbehandlung[Bearbeiten]

Im Allgemeinen kontrolliert der Behandler am folgenden Tag die Wunde.

Soweit die Wunde vernäht wurde, müssen nach einigen Tagen die Nähte entfernt werden - bei einer plastischen Deckung frühestens nach 10 Tagen.

Bei einer alveolitis sicca ist eine Wundrevision durch Kürettage und anschließendener mehrfacher Tamponade das Mittel der Wahl. (Sekundäre Wundheilung)

Verhalten nach der Operation[Bearbeiten]

Die Wunde schließt sich normalerweise im Laufe der ersten Wochen nach der Behandlung (Primäre Wundheilung).

In der ersten Zeit nach der Operation ist das richtige Verhalten für eine gute Wundheilung und die Minderung der unvermeidbaren Folgeerscheinungen wichtig.

Für die Dauer der Anästhesie ist das Führen von Fahrzeugen und die Bedienung von Maschinen nicht erlaubt.

In den ersten 24 Stunden sollte die Wunde gekühlt werden. Dies bewirkt eine geringere Schwellung. Hierzu können beispielsweise Eisbeutel verwendet werden. Auch das Lutschen von Eiswürfeln verringert die Temperatur im Mundraum, und die Wunde wird zusätzlich auch von innen gekühlt.

Einige Zahnärzte und Apotheker empfehlen zum schnelleren Abschwellen der Wundregion zusätzlich die Anwendung von Arnika-Präparaten.

Soweit keine Allergie gegen Kamille besteht, kann zur Unterstützung der Wundheilung und Desinfektion der Wunde nach dem Essen mit Kamille gespült werden.

Milchprodukte sind zu vermeiden, da die darin enthaltenen Milchsäurebakterien den sich bildenden Blutpfropf angreifen würden. Der Genuss von Koffein (Kaffee, Schwarztee, Energydrinks), Nikotin oder Alkohol ist einzuschränken, weil diese die Blutungsneigung fördern. Auch Vollkornprodukte und Speisen, die krümelige Bestandteile haben, können problematisch sein, da die Krümel in die Wunde geraten und zur Entzündung führen können.

Ebenfalls ist darauf zu achten, dass nach jeder Nahrungsaufnahme die Zähne und auch der Wundbereich vorsichtig mit einer kleinen, weichen Zahnbürste (Kinderzahnbürste) geputzt werden. Alternativ kann zur Mundhygiene eine Mundspülung verordnet werden, was besonders in den ersten Tagen angenehmer sein kann. Durch „Verschmutzung“ der Wunde kann es sonst zu einer Entzündung kommen, welche die Wundheilung stört.

Sprunghaft ansteigender Blutdruck kann ebenfalls problematisch sein. Deshalb ist Zurückhaltung bei sportlichen Anstrengungen geboten.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gottfried P. F. Schmuth: Kieferorthopädie, Georg Thieme Verlag, Stuttgart
  2. Gottfried P. F. Schmuth: Kieferorthopädie, Georg Thieme Verlag, Stuttgart
  3. Walter Hoffmann: Lexikon der Zahnmedizin, Quintessenz-Verlag, Berlin
  4. Frank Kehrer, Voraussetzungen für den weltweit häufigsten chirurgischen Eingriff, ZBW 11/2009
  5. Joachim Gabka / Herbert Harnisch: Operationskurs für Zahnmediziner, Georg Thieme Verlag, Stuttgart
  6. Joachim Gabka / Herbert Harnisch: Komplikationen und Fehler bei der zahnärztlichen Behandlung, Georg Thieme Verlag, Stuttgart

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Chirurgische zahnmedizinische Instrumente – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Extraktion – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
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