Extremsport

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Unter Extremsport versteht man das Herangehen an sportliche Grenzen. Extremsport bedeutet für den Sportler eine besondere technische, logistische, physische oder psychische Herausforderung und ist oft mit hohem Risiko verbunden. Extremsport wird einzeln oder in kleinen Gruppen, manchmal fernab der Öffentlichkeit, manchmal mit großer Medienpräsenz durchgeführt und ist in einigen Formen auch illegal.

Einordnung von Extremsportarten[Bearbeiten]

Die Beurteilung eines Sportes als „Extremsport“ ist vielfach subjektiv und erheblich vom einzelnen Betrachter und seinem Zugang zu der Sportart abhängig. So tendieren Außenstehende sehr viel schneller dazu, einen ihnen gefährlich erscheinenden Sport als extrem einzustufen als die aktiven Sportler selbst. Nahezu alle gängigen Sportarten wie Schwimmen, Gehen, Laufen, Klettern, Abfahrtsski, Kunstturnen, Tauchen, Paragleiten können auch exzessiv oder mit erhöhtem Risiko als „Extremsport“ betrieben werden. Der auf spektakuläre Bilddokumentationen spezialisierte Extremsportler Heinz Zak hat in einem eindrucksvollen Bildband optisch festgehalten, dass selbst das auf jeder Wiese zwischen zwei Bäumen praktizierbare Slackline zu hoch anspruchsvollen Aufgabenstellungen im Hochgebirge gesteigert werden kann.[1] Manche Sportarten wie z. B. Bungee-Jumping wirken auf Außenstehende als extrem, obwohl es kaum ein wirkliches Risiko, Höchstanforderungen oder Schwierigkeiten gibt. Auch Spitzensport oder technisch-logistisch herausfordernde Sportaktivitäten werden teilweise als Extremsport bezeichnet.

Beispiele für Sportarten, denen in der Öffentlichkeit oft das Etikett „Extremsportart“ oder „Risikosport“ angeheftet wird, sind Fallschirmspringen, Wingsuit fliegen, Acro-Paragliding, Base Jumping, Klippenspringen, Free-Solo-Klettern, Apnoe- bzw. technisches Tauchen, Wildwasserkajak und Wildwasserschwimmen.

Motivation für Extremsportler[Bearbeiten]

→ Hauptartikel: Wagnis (Psychologie)

→ Hauptartikel: Extremsportler

Ziel der meisten Extremsportler ist es, sich an ihre persönliche physische und/oder psychische Leistungsgrenze heranzutasten oder etwas zu tun, was so noch niemand getan hat. In der Regel sind Extremsportler keine waghalsigen Draufgänger, sondern Spitzensportler mit Ehrgeiz und einem starken Leistungswillen. Sie reduzieren das Risiko ihrer Projekte und Expeditionen durch eine gute Vorbereitung (Ausrüstung, Team, Ernährung, Sportmedizin, Wetter, Gelände, Navigation, Notfallmanagement, Rettungsgeräte u. a.).

Problematisch kann es für den Sportler sein, wenn in diesen Grenzbereichen ein übertriebener Ehrgeiz zur Selbstüberschätzung führt, wenn die Reflexion über das gesundheitliche Gefahrenpotenzial nicht ordnungsgemäß funktioniert (Beispiel Zugspitzlauf) oder Konkurrenz um ein erstrebenswertes Ziel (Erstbesteigungen, Rekorde etc.) in mangelhaft vorbereitete Unternehmungen treiben. Die Ausschüttung von Endorphinen kann Glücksempfindungen hervorrufen, aber auch zur Missachtung von Warnsignalen führen, die Unfälle verursachen können. Endorphine können auch im pathologischen Sinne süchtig machen.

Sportsucht[Bearbeiten]

→ Hauptartikel: Sportsucht

„Sport als Sucht“ ist die zwanghafte Beschäftigung mit Sport als Ersatzhandlung für einen Mangel an zwischenmenschlichem Kontakt, Geborgenheit, Anerkennung, Zuneigung etc. Sie wird oft in Kombination mit einer Essstörung beobachtet. Absicht ist dabei, das Körpergewicht stabil zu halten. Sportsucht ist krankhaft und hat oft zusätzliche Krankheiten im Gefolge. Sportsucht sollte allerdings nicht mit der Faszination an einer Sportart und der entsprechenden Hochmotivation verwechselt werden, die den Spitzensportler dazu drängt, das hoch befriedigende Glückserleben stets aufs Neue zu wiederholen und möglichst noch zu steigern.[2]

Nervenkitzel und Wertorientierung[Bearbeiten]

Extremsportler wie Reinhold Messner,[3] Alexander Huber [4]oder Iris Hadbawnik[5] kokettieren in ihren Buchtiteln damit, sich in ihrer Sportart „am Limit“ „und darüber hinaus“ zu bewegen. Die Rechtfertigungen verbleiben dabei weitestgehend in dem Bedürfnis nach Ausleben des Leistungsdrangs und der äußeren Tatsachenfeststellung. Es geht auch um die Demonstration der „Macht des Willens“ und ihren Triumph über die Gefahr.[6]

Extremsport kann aber mit sehr unterschiedlichen Wertorientierungen betrieben werden. Die Print- und Bildmedien schwanken in ihrer Resonanz auf die öffentlichkeitswirksame Thematik zwischen einer bewundernden Darstellung von spektakulären Höchstleistungen (Stratosphärensprung von Felix Baumgartner) und der eher ablehnenden Haltung gegenüber einer vermeintlich an „wirklichen“ Werten verarmenden Gesellschaft. So versuchen etwa die Soziologen Horst W. Opaschowski und Karl-Heinrich Bette den zunehmenden Drang zu einer Sportausübung in Extremformen als Zeitphänomen einer im Sicherheitsdenken erstarrten, gelangweilten, in ihrem Abenteuerbedürfnis unterforderten Zivilgesellschaft einzuordnen. [7] [8]

Nach den Forschungsergebnissen des Experimentalpsychologen Siegbert A. Warwitz greifen diese Einschätzungen jedoch zu kurz: Seine repräsentativen Erhebungen bei mehreren tausend Extremsportlern aus zahlreichen Sportbereichen ergaben ein höchst differenziertes Bild der Wagnisszenen, das von pathologischen bis zu psychologisch, pädagogisch und gesellschaftspolitisch hoch bedeutsamen Handlungsansätzen und Verhaltensmustern reicht. In Unterscheidung zwischen dem auf die bloße Reizsuche ausgerichteten „Thrillsucher“ und dem einer Wertorientierung folgenden „Sinnsucher“ kommt er zu dem Schluss, dass weniger die jeweilige Sportart als der ganz persönliche Werthorizont des einzelnen Sportlers, die Konsequenz seines Kompetenzaufbaus und sein Verantwortungsbewusstsein (auch gegenüber der eigenen Gesundheit) als entscheidende Kriterien bei der Beurteilung infrage kommen. [9] Auch das den Sportler erwartende Gefahrenpotenzial hängt nach den Recherchen von Warwitz weniger von den objektiven Gegebenheiten der einzelnen Sportart als vielmehr von dem subjektiven Kompetenzstand und der Verantwortungsfähigkeit des einzelnen Sportlers ab, der den Anspruch der Aufgabe mit seinem Können in ein vernünftiges Gleichgewicht bringen muss.[10]

Literatur[Bearbeiten]

  • Karl-Heinrich Bette: X-treme. Zur Soziologie des Abenteuer- und Risikosports, transcript Verlag, Bielefeld 2004, ISBN 978-3-89942-204-7
  • Norman Bücher: Extrem. Die Macht des Willens. Verlag Goldegg 2011. ISBN 978-3-902729-18-7
  • Iris Hadbawnik: Bis ans Limit und darüber hinaus, Faszination Extremsport, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2011. ISBN 978-3-89533-765-9
  • Alexander Huber: Der Berg in mir. Klettern am Limit. Malik. München 2007. ISBN 978-3-89029-337-0
  • Reinhold Messner, Thomas Hüetlin: Mein Leben am Limit. Malik, München 2004. ISBN 3-89029-285-2
  • Horst W. Opaschowski: Xtrem. Der kalkulierte Wahnsinn. Extremsport als Zeitphänomen, Germa-Press Verlag, 2000, ISBN 3-924865-33-7
  • Siegbert A. Warwitz: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsversuche für grenzüberschreitendes Verhalten. Verlag Schneider. Baltmannsweiler 2001. ISBN 3-89676-358-X
  • Siegbert A. Warwitz: Vom Sinn des Wagens. Warum Menschen sich gefährlichen Herausforderungen stellen. In: DAV (Hrsg) Berg 2006. München-Innsbruck-Bozen. Seiten 96-111. ISBN 3-937530-10-X
  • Heinz Zak: Slackline am Limit. BLV. München 2011

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Extremsport – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelbelege[Bearbeiten]

  1. Heinz Zak: Slackline am Limit. BLV. München 2011
  2. Wagnis muss sich lohnen. Interview in der Zeitschrift „bergundsteigen“ Innsbruck Oktober 2011
  3. Reinhold Messner, Thomas Hüetlin: Mein Leben am Limit. Malik, München 2004
  4. Alexander Huber: Der Berg in mir. Klettern am Limit. Malik. München 2007
  5. Iris Hadbawnik: Bis ans Limit und darüber hinaus, Faszination Extremsport, Verlag die Werkstatt
  6. Norman Bücher: Extrem. Die Macht des Willens. Verlag Goldegg 2011
  7. Horst W. Opaschowski: Xtrem. Der kalkulierte Wahnsinn. Extremsport als Zeitphänomen, Germa-Press Verlag, 2000
  8. Karl-Heinrich Bette: X-treme. Zur Soziologie des Abenteuer- und Risikosports, transcript Verlag, Bielefeld 2004
  9. Siegbert A. Warwitz: Erklärungsversuche für das Streben nach Wagnis. In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsversuche für grenzüberschreitendes Verhalten. Baltmannsweiler 2001. Seiten 98-292
  10. Siegbert A. Warwitz: Vom Sinn des Wagens. Warum Menschen sich gefährlichen Herausforderungen stellen. In: DAV (Hrsg): Berg 2006. München-Innsbruck-Bozen. Seiten 96-111