Félix Guattari

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Pierre-Félix Guattari (* 30. April 1930 in Villeneuve-les-Sablons; † 29. August 1992 in Paris) war französischer Psychiater und Psychoanalytiker.

Lebenslauf[Bearbeiten]

Guattari wuchs unter relativ gesicherten Verhältnissen in einem Arbeitervorort von Paris auf, war früh von den Ideen der institutionellen Pädagogik beeinflusst und wählte um 1950 die sich rasch weiterentwickelnde Psychiatrie als sein Fach. In dieser Zeit war er stark von der Arbeit von Jacques Lacan beeinflusst, dessen Analysand er bis 1960 war, obgleich er dessen theoretischen Ausarbeitungen mit einer gewissen Distanz begegnete. Die zahlreichen politischen Aktivitäten und Engagements, von denen die 50er und 60er Jahre gekennzeichnet waren, mündeten 1965 in die Gründung der F.G.E.R.I. (Fédération des groupes d'études et de recherches institutionelles) und der Zeitschrift Recherches, und in die aktive Teilnahme an den Mai-Ereignissen des Jahres 1968 (Daniel Cohn-Bendit, Jean-Jacques Lebel, Julian Beck und andere trafen sich ab März 1968 regelmäßig in den Räumen der F.G.E.R.I.). Im Umfeld dieser revolutionären Vorgänge lernte er an der Universität Vincennes Gilles Deleuze kennen: Für beide eine entscheidende Begegnung. Vier berühmt gewordene Bücher gingen aus der Zusammenarbeit mit Deleuze hervor:

  • Anti-Ödipus (1972, dt. 1974)
  • Kafka. Für eine kleine Literatur (1975, dt. 1976)
  • Tausend Plateaus (1980, dt. 1992)
  • Was ist Philosophie (1991, dt. 1996)

Ebenfalls mit Deleuze gründete er 1987 die Zeitschrift chimères, die sich, wie schon die Recherches, neben der Philosophie und der Psychiatrie auch der Mathematik, der Ethnologie, der Psychoanalyse, der Architektur, der Erziehung und anderen Themenfeldern öffnete.

Subjektivität und anti-psychiatrische Bewegung[Bearbeiten]

Das große Thema von Félix Guattari – und der theoretische Hintergrund für die bedeutende Rolle, die er in der anti-psychiatrischen Bewegung spielte – war die Frage der Subjektivität: »Wie lässt sie sich erzeugen, für sich ergreifen, anreichern und dauernd neu erfinden, und zwar in einer Weise, die sich mit den in Veränderung begriffenen Werte-Universen vereinbar machen lässt? Wie kann man an seiner Befreiung arbeiten, das heißt, an seiner Re-Singularisation? Alle Disziplinen müssen ihre Kreativität zusammenlegen, um die Wunden der Barbarei zu heilen…«. Ausgangspunkt für die Beantwortung dieser Fragen, denen vor allem die von Guattaris allein verfassten, letzten beiden Bücher (s. u.) gewidmet sind, ist die grundlegende These aus dem Anti-Ödipus, dass nämlich das Delirium und der Wahnsinn »die unbewusste Einbringung eines geschichtlich-gesellschaftlichen Feldes« sind. Ihre methodischen Grundlagen sind der Begriff der Wunschmaschine und die Technik der Schizoanalyse.

Ökosophie[Bearbeiten]

Wie etwa Arne Næss hat auch Guattari eine Bedeutung für den Ausdruck Ökosophie geprägt. Eine Anregung für Guattari war das Konzept der Ökologie des Geistes von Gregory Bateson.[1] Nach Guattari handelt es sich bei der Ökosophie weniger um eine bestimmte Philosophie als um einen Bereich der Praxis. Ökosophie bezeichnet danach ein ökologisch aufgeklärtes Handeln, das im Sinne des marxistischen Paradigmas der sozialen Revolution die soziale Sphäre berücksichtigt.[2]

Nach Guattari wird der traditionelle Umweltschutz der Komplexität der Mensch-Natur-Beziehungen (siehe auch Gesellschaftliche Naturverhältnisse) nicht gerecht. Insbesondere werde der Dualismus von kulturellen (menschlichen) und natürlichen (nichtmenschlichen) Systemen behalten. Ökosophie stelle dem einen gleichzeitig monistischen und pluralistischen Ansatz entgegen. Die Ökologie untersuche die engen Verbindungen komplexer Phänomene einschließlich der Beziehungen zwischen menschlicher Subjektivität, Umwelt und sozialen Beziehungen. In späteren Arbeiten betonte er Gilles Deleuze folgend Heterogenität und Differenz gegenüber Einheitlichkeit und Holismus.

Werke[Bearbeiten]

  • (zusammen mit Gilles Deleuze) Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt am Main, 1974 (orig. 1972)
  • Mikro-Politik des Wunsches. Merve, Berlin 1977, ISBN 3-920986-89-X (Internationale marxistische Diskussion. Bd. 70).
  • (zusammen mit Gilles Deleuze) Rhizom. Merve, Berlin 1977, ISBN 3-920986-83-0 (Internationale marxistische Diskussion. Bd. 67).
  • (zusammen mit Gilles Deleuze) Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Merve, Berlin 1992, ISBN 3-88396-094-2.
  •  Die drei Ökologien. Passagen, Wien 1994.
  • Über Maschinen. In: Henning Schmidgen (Hrsg.): Ästhetik und Maschinismus. Texte von und zu Félix Guattari. Merve, Berlin 1995, ISBN 3-88396-121-3 (Internationaler Merve Diskurs. Bd. 189).
  • Die Architektur-Maschinen von Shin Takamatsu. In: Christian Girard u.a. (Hrsg.): Shin Takamatsu, ein Architekt aus Kyoto. Merve, Berlin 1995, ISBN 3-88396-127-2 (Internationaler Merve Diskurs. Bd. 195).
  • Das neue ästhetische Paradigma. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, Schwerpunkt 'Medienästhetik' (hg. v. Erich Hörl u. Mark B. N. Hansen), Heft 1/2013. Diaphanes, Berlin 2013, ISBN 978-3-03734-240-4.

Von Guattaris allein verfassten Büchern wurden bisher nur wenige ins Deutsche übertragen:

  • Psychanalyse et transversalité (1973)
  • Trois milliards de pervers: grande encyclopédie des homosexualités, Revue Recherches, Nr. 12 (1973)
  • La révolution moleculaire (1977)
  • L'inconscient machinique (1979)
  • Les trois écologies (1985, dt. Wien 1989)
  • Les années hiver (1986)
  • Cartographies schizoanalytiques (1989)
  • Chaosmose (1992)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gregory Bateson: Steps to an Ecology of Mind
  2. Félix Guattari: The Three Ecologies. Trans. Ian Pindar & Paul Sutton, London & New Brunwick, NJ: The Athlone Press 2000

Literatur[Bearbeiten]

  • Ralf Krause, Marc Rölli: Mikropolitik. Eine Einführung in die politische Philosophie von Gilles Deleuze und Félix Guattari. Turia + Kant, Wien 2010, ISBN 978-3-85132-619-2.

Weblinks[Bearbeiten]