Führer

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Führer (Begriffsklärung) aufgeführt.
Duce ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zum US-amerikanischen Bassisten siehe Adam Duce.

Der Begriff Führer wurde und wird für mehrere Politiker – insbesondere für unumschränkte Macht ausübende Staatsoberhäupter – gebraucht. Ursprünglich eine rein pragmatische Bezeichnung, repräsentiert das Wort heute meist einen Personenkult. In Analogie zum „Führer“ wurde auch der Begriff der Führerpartei geprägt. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde Adolf Hitler in Deutschland als Der Führer bezeichnet, zumeist ohne seinen Namen zu nennen.

Etymologie[Bearbeiten]

Für zeitgenössische Ohren selbstverständlich war die Bezeichnung eines Herrschers als „Führer“ in der Antike, im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, häufig unter Verwendung des lateinischen Wortes dux (lat. „Führer“) als dem jeweiligen Herrschernamen nachgestellter Ehrentitel, beispielsweise Robert, dux Francorum, also „Robert, Führer der Franken“. Eine Übersetzung ist das sprachlich äquivalente deutsche Wort Fürst. Außerdem wurden die Oberbefehlshaber von Armeen als Heerführer (lat. dux belli, „Kriegsherr“, mhd. hervüerer)[1] bezeichnet, das entspricht dem deutschen Herzog aus ahd. herizogo, „der vor dem Heer zieht“.

Das Wort selbst, ahd. fôrari ist nach Grimm „nachweislich nur in dem sinne von lohnträger, lastträger, bajolus[2], und erst mhd. füerære, vüerære, füerer, vüerer in der Bedeutung „einer, der führt“ erhalten[3], und erweitert sich erst neuzeitlich auf das heutige Bedeutungsfeld einschließlich „der ein Tier führt“, insbesondere „Fuhrmann[4] und „der eine Waffe, eine Insignie“ und ähnliches „führt“.

Die analoge Wortverwendung findet auch in anderen Sprachen statt, dann aber auch ohne den militärischen Kontext, im Sinne „Leiter“[5] mit „Führer“ ins Deutsche übersetzt:

  • In der Republik Venedig und anderen norditalienischen Stadtrepubliken wurden die Staatsoberhäupter mit dem norditalienischen Dialektwort Doge für „Führer“ benannt.
  • Der Oberste Rechtsgelehrte als höchsten Repräsentant der Islamischen Republik Iran wird als persisch ‏ولی فقیهwali-e faqih oder ‏رهبرrahbar, „Oberster Führer“, „Wegweiser“, bezeichnet.

Soziologie[Bearbeiten]

Der Soziologe Theodor Geiger machte Führertum zum Gegenstand einer soziologischen Untersuchung und fasste folgende Merkmale zusammen:

„Der Führer führt die Gruppe, nicht eine Herde Menschen; seine Macht als Führer erstreckt sich auch nicht auf den Menschen, welcher der Gruppe zugehört, im ganzen, sondern auf ihn nur insoweit, als er seelisch von der Gruppe erfaßt ist, also nur auf eine Partie seines Wesens. Er ist das Organ des von einer ihn selbst einschließenden Menschenmehrzahl getragenen Wir in der sichtbaren Welt.“[6]

Adolf Hitler[Bearbeiten]

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Diktator Adolf Hitler als „Führer und Reichskanzler des deutschen Volkes“ (demgemäß in seinem politischen Testament als „Führer der Nation“) oder auch einfach nur kurz als „Der Führer“ oder „Unser Führer“ bezeichnet (siehe auch: Führererlass).

In einer frühen Biografie stellt Konrad Heiden dar, das Wort „Führer“ als Bezeichnung und Beiname für Hitler sei seit 1925 in der NSDAP gebräuchlich gewesen.[7] Knaurs Konversationslexikon A–Z von 1934 erläutert unter dem Stichwort „Führer“: „Der Führer wird Adolf Hitler als die richtungsweisende und ausschlaggebende Persönlichkeit […] genannt.“ Ein Erlass vom 2. August 1934 (RGBl. I S. 751) sollte „für alle Zukunft“ regeln, dass Hitler im amtlichen wie außeramtlichen Verkehr nur als „Führer und Reichskanzler“ angesprochen werde.

Der Verwendungsbereich der Bezeichnung Führer für Positionen außerhalb der NSDAP wurde in der Folgezeit eingeschränkt. Anstelle der Bezeichnung „Führer der Deutschen Arbeitsfront“ trat zum Beispiel „Stabsleiter der DAF“. Der schon weit verbreiteten „Umdeutung der Amtsbezeichnung Führer in einen Eigennamen für Hitler“[8] sollte der Weg geebnet werden. An die Presse ergingen zwischen 1939 und 1942 mehrfach Weisungen, Adolf Hitler statt „Führer und Reichskanzler“ nur noch als „Führer“ zu bezeichnen. Als Abschluss dieser Entwicklung wird der „Beschluß des Großdeutschen Reichstags“ vom 26. April 1942 (RGBl. I S. 247) angesehen. Dort werden die vom „Führer“ beanspruchten Rechte bestätigt und dabei mehrfach die Bezeichnung „Führer“ verwendet, nicht einmal jedoch der Name „Hitler“.[9] In einer Anweisung vom 22. Januar 1942 hieß es bereits, in Zukunft solle der Ausdruck Führer und oberster Befehlsherr der Wehrmacht bei Besprechungen in militärischen Angelegenheiten zugunsten des Begriffs der Führer „immer mehr in den Hintergrund treten“.[10]

Ursprünglich hatte sich auch der protofaschistische österreichische Politiker Georg von Schönerer als „Führer“ bezeichnen lassen. Viele weitere hohe Amtsträger im nationalsozialistischen Deutschland trugen das Wort „Führer“ ebenfalls in ihrem Titel, so etwa der „Reichsführer-SS“ und der „Reichsjugendführer“, daneben auch die höheren Dienstgrade der SS. Grundlage dieser Bezeichnungen war das Führerprinzip und Bezug auf mittelalterlich-feudalistische Hierarchien mutmaßlich „urgermanischer“ Herkunft (Lehnswesen).

Heute wird deswegen im deutschen Sprachraum die Verwendung des Wortes Führer vermieden, sofern im jeweiligen Kontext die Gefahr besteht, dass ein Zusammenhang mit Hitler und dem Nationalsozialismus hergestellt werden könnte. Dies gilt vor allem für die Verwendung des Wortes Führer ohne weitere Attribute oder Zusätze. Oft wird es durch andere Wörter, wie beispielsweise Leiter, Chef, Manager oder das englische Führer-Äquivalent leader, ersetzt. Dennoch ist es im Deutschen üblich, Parteichefs im Allgemeinen als Parteiführer oder Oppositionsführer zu bezeichnen; es ist auch im polizeilichen und militärischen Gebrauch (Polizeiführer, Abteilungsführer, Hundertschaftsführer, Zugführer, Gruppenführer, Truppführer, aber: Führungsperson) zu verwenden. Im Sprachgebrauch des Italienischen hat nach der historischen Zeit des Faschismus das englische Fremdwort leader das ursprüngliche Wort duce heute weitestgehend ersetzt.

Das deutsche Wort „Führer“ hat in diesem Zusammenhang als Lehnwort auch Eingang in andere Sprachen gefunden. In Ermangelung von Umlauten in vielen Zeichensätzen wird es dort oft „Fuehrer“ oder auch „Fuhrer“ geschrieben.[11][12]

Andere „Führer“ genannte Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Weitere Machthaber, meist Diktatoren, die sich im Zuge eines übersteigerten Personenkultes in ihrer jeweiligen Landessprache selbst als „Führer“ bezeichnet haben oder noch so bezeichnet werden, waren oder sind:

  • Benito Mussolini als Diktator des damals faschistischen Italiens (Duce).
  • Subhash Chandra Bose, Freiheitskämpfer in der Indischen Unabhängigkeitsbewegung, genannt Netaji.
  • Josef Stalin, sowjetischer Diktator (Generalissimus), ließ sich seit seinem fünfzigsten Geburtstag 1929 offiziell als „Führer“ (russisch: вождь, Vožd oder Woschd) bezeichnen.[13]
  • Francisco Franco als Diktator Spaniens ließ sich Caudillo nennen, was ursprünglich ein Ehrentitel für einen Heerführer war. Durch das Staatsorgangesetz von 1967 und die Neufassung der bisherigen Verfassungsgesetze im gleichen Jahr erlangte der Titel die Bedeutung „Führer“. General Franco war demnach Staatschef auf Lebenszeit sowie Oberbefehlshaber und Haupt des Movimiento Nacional.
  • Ion Antonescu und Nicolae Ceaușescu, ehemalige Staatschefs Rumäniens (Conducător).
  • Jozef Tiso, Präsident der Ersten Slowakischen Republik, erhob sich 1942 zum Führer (slowakisch: Vodca).
  • Der sozialistische Ex-Präsident Kubas, Fidel Castro (Máximo Líder, also „Größter Führer“). In offiziellen Dokumenten wird er zudem als Comandante en Jefe bezeichnet.
  • Kim Il-sung, der 1994 verstorbene Staatsgründer von Nordkorea, wird bis heute als 위대한 수령 widaehan suryŏng – „Großer Führer“ – bezeichnet.
  • Kim Jong-il, der bereits ebenfalls verstorbene Sohn Kim Il-sungs, wurde nach Amtsantritt 친애하는 지도자 ch'inaehanŭn chidoja, etwa „Geliebter Führer“, genannt; jetzt „Großer Führer“ wie sein Vater.
  • Kim Jong-un hat als „Oberster Führer“ die Position seines Vaters nach dessen Tod 2011 geerbt.
  • Ante Pavelić nannte sich als Diktator des Unabhängigen Staates Kroatien 1941 bis 1945 Poglavnik, was so viel wie Oberhaupt oder Führer bedeutet.
  • Ferenc Szálasi nannte sich als Diktator Ungarns 1944 bis 1945 Führer der Nation (ungarisch: Nemzetvezető).
  • Nursultan Nasarbajew, seit 1991 Präsident Kasachstans, wurde im Juni 2010 durch Parlamentsbeschluss der Titel Führer der Nation (kasachisch Ұлт Лидері/Ult Lideri) zuerkannt.
  • Muammar al-Gaddafi, 1969 bis 1979 Präsident von Libyen, bis 2011 Revolutionsführer.
  • Saddam Hussein, 1979–2003 Präsident des Irak, nannte sich al-Kaid al-Daruri („unersetzlicher Führer“).

Siehe auch[Bearbeiten]

 Wiktionary: Duce – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Führer – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eintrag HEERFÜHRER, m. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Leipzig 1854–1960 (dwb.uni-trier.de)
  2. Eintrag FUHRER [furer], FÜHRER [fürer], m. In: Grimm: Deutsches Wörterbuch (dwb.uni-trier.de)
  3. Eintrag FÜHRER [fürer], m. In: Grimm: Deutsches Wörterbuch (dwb.uni-trier.de)
  4. Grimm: FÜHRER 4) und 6)
  5. Grimm: FÜHRER 2)
  6. Theodor Geiger: Führer und Genie, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 1926/27 (6. Jg.), S. 233–247, hier S. 235.
  7. Konrad Heiden: Adolf Hitler. Bd. 1: Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit. Zürich 1936, S. 216.
  8. Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. 2., durchges. und überarb. Auflage, Berlin 2007, ISBN 978-3-11-019549-1, S. 243.
  9. Vgl. Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus, 2. Aufl., Berlin 2007, ISBN 978-3-11-019549-1, S. 243; Beschluss vom 26. April 1942.
  10. Zitiert nach Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus, 2. Aufl., Berlin 2007, ISBN 978-3-11-019549-1, S. 243.
  11. GermanEnglishWords.com
  12. DE Deutschland, l’Allemagne, Germany
  13. Manfred Hildermeier, Die Sowjetunion 1917–1991 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte), Oldenbourg Verlag, München 2007, S. 53.