Fürstentum Tarent

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Das Fürstentum Tarent (1088 - 1465) war ein normannisches Fürstentum mit der Hauptstadt Tarent.

Es war in seiner 377-jährigen Geschichte zeitweise eine mächtige und fast unabhängige Feudalherrschaft des Königreichs Sizilien und später des Königreichs Neapel. Zeitweise war „Fürst von Tarent“ aber auch nur ein Titel, der dem Thronerben oder dem Mann einer regierenden Königin verliehen wurde.

Unter normannischer Herrschaft (1088–1194)[Bearbeiten]

Der erste Regent des Fürstentums war Bohemund I., der Sohn Robert Guiskards, der nach einer Auseinandersetzung mit seinem Halbbruder Roger Borsa den Titel bekam: um 1058 wurde die Ehe zwischen seinem Vater Robert und seiner Mutter Alberada von Buonalbergo wegen angeblicher Blutverwandschaft annulliert. Robert bekam von seiner zweiten Frau Sikelgaita, Tochter des Fürsten Guaimar IV. von Salerno einen Sohn Ruggero Borsa, der Nachfolger des Herzogtums Apulien wurde. Bohemund wurde mit Tarent und dem Großteil der Länder des „Sporns“ von Apulien entschädigt [1].

Nach dem Tod Bohemunds I. (1111) folgte ihm sein minderjähriger Sohn Bohemund II., dessen Mutter Konstanze von Frankreich, Tochter des Königs Philipp I. von Frankreich war.

Nach seinem Tod (1130) folgte ihm sein Onkel Roger II., Sohn von Roger I., Bruder von Robert Guiskard. Die Jahre seiner Herrschaft waren fruchtbar für die Stadt, die an großer Bedeutung als Industrie- und Handelsstadt (Keramik- und Fischverarbeitung) gewann. Roger II. galt als sehr gebildet und weltoffen und hat vermutlich nicht nur Griechisch, sondern auch Arabisch gesprochen. Er unterstützte den Gegenpapst Anaklet II. und wurde deshalb mehrmals von Papst Innozenz II. exkommuniziert. 1151 setzte er seinen jüngsten und einzigüberlebenden Sohn Wilhelm I. als Mitregenten ein, wodurch Roger II. eventuelle Nachfolgekämpfe unterbinden wollte. Roger II. starb 1154 und Wilhelm I., wegen seinen schlechten Gewohnheiten auch Wilhelm der Böse genannt, wurde der vierte Fürst von Tarent.

Bei seinem Tod 1166 wurde sein noch minderjähriger Sohn Wilhelm II., auch Wilhelm, der Gute genannt, sein Nachfolger. Er war der letzte normannische Fürst, weil seine Ehe mit Johanna von England kinderlos geblieben war. Er stimmte der Heirat der mehr als 30-jährigen postumen Tochter Rogers II., letzte Erbin der Krone, Konstanze, mit dem 19-jährigen Sohn Friedrich Barbarossas, Heinrich VI., zu. Nach über 100-jähriger normannischer Herrschaft begann eine neue Ära, die der Staufer.

Unter staufischer Herrschaft (1194–1266)[Bearbeiten]

Nach dem Tod Heinrichs VI. (1197) stieg in Sizilien sein noch minderjähriger Sohn Friedrich II. auf den Thron. 1210 besuchte er Tarent, wo die Bürger ihm untersagten in die Stadt einzutreten. Friedrich II. war seit 1205 Fürst von Tarent, und vererbte diesen Titel 1250 seinem Sohn Manfred. Friedrich II. verdankt man die Assisen von Capua, Gesetze, die die Adelsfehden beenden und den Landfrieden herstellen sollten. Apulien wurde in drei Bezirke unterteilt: Capitanata, Terra di Bari und Terra d'Otranto, zu dem ab 1239 auch das Fürstentum Tarent gehörte. Friedrich liebte Apulien sehr, diktierte aber, wie die Normannen ein hohes Steuersystem. Er ließ Jagdresidenzen und Schlösser (Castel del Monte) bauen. Ihm verdankt man auch die Gründung der Universität Neapel, die heutige Università Federico II und die Gründung der Universität für Apotheker (Pharmacognosia) in Salerno 1226. Als er vom Sechsten Kreuzzug zurückkehrte und in Tarent eine Zeitlang verbrachte, ließ er eine Hochburg und die S.Pietro Imperiale-Kirche (die heutige S. Domenico-Kirche) für seinen Aufenthalt in der Stadt bauen.[2]. 1250 starb Friedrich II. In seinem Testament hatte er Konrad IV., als Universalerben eingesetzt. Angesichts der hoffnungslosen Lage in Deutschland zog Konrad nach Italien. Dort starb er 1254 in einem Heerlager in Lavello an Malaria. Sein Sohn Konradin, den Konrad nie zu Gesicht bekommen hatte, war noch unmündig, so dass Konrads Halbbruder Manfred zunächst als Verweser auftrat.

Unter angevinischer Herrschaft (1266–1356)[Bearbeiten]

Die Herrschaft der Staufer endete mit dem Tod Manfreds (1266) in der Schlacht bei Benevent. Sein Reich ging an den vom Papst begünstigten Karl I. von Anjou, der vom Papst die Investitur des Reiches Sizilien (das ganz Süditalien umfasste) erhielt. Daraufhin zog Konradin, Sohn Konrads IV., 1267 auf Bitten der italienischen Stauferpartei, der Ghibellinen, selbst nach Italien, woraufhin ihn Papst Clemens IV. bannte. Beim Versuch, die Sarazenen von Lucera (Apulien) zu erreichen, die zu seinen Gunsten rebelliert hatten, wurde sein Heer am 23. August 1268 in der Schlacht bei Tagliacozzo von den Truppen Karls I. von Anjou vernichtend geschlagen. Konradin entkam zwar zunächst der Gefangennahme, wurde aber bei Astura von Giovanni Frangipani aufgegriffen und an Karl von Anjou ausgeliefert. Dieser ließ Konradin nach einem Scheinprozess zusammen mit zehn bis fünfzehn Begleitern, darunter auch Friedrich I. von Baden, am 29. Oktober 1268 wie einen Verbrecher auf der Piazza del Mercato in Neapel öffentlich enthaupten und in ungeweihter Erde verscharren.

Schon 1261 wurde Karl I. von Anjou die Krone von Neapel von Papst Urban IV. angeboten, und 1265 wurde ihm die Investitur von Clemens IV. erneuert; die Krönung erfolgte 1266, zirka ein Monat vor der Schlacht von Benevento. Fast alle Städte in Süditalien huldigten ihm, so auch Tarent, wofür die Stadt viele Privilegien erhielt.

Die Herrschaftsjahre Karls I. von Anjou, jüngerer Bruder des französischen Königs Ludwig IX., dienten zur Verstärkung der französischen Macht und zur Verwaltungsorganisation der eroberten Regionen. Die Unterstützung der Geistlichen trug viel dazu bei: der Erzbischof von Tarent erhielt ein Zehntel auf landeseigene Länder und Wälder, sowie andere wirtschaftliche Vorteile. Politisches Zentrum blieb aber die vom normannischen Wilhelm II. gegründete „Magna Kurie“, königlicher Hof, der aus bewährten treuen Männern bestand, die direkt dem Herrscher unterstanden.[3] 1285 folgte ihm während der Sizilianischen Vesper Karl II. auf den Thron.

1294 übergab er seinem Sohn Philipp I., neunter Fürst von Tarent, das Fürstentum Tarent, um die ganze Region unter Kontrolle zu haben.[4] Ihm verdankt man die Entwicklung der Stadt Martina Franca in der Provinz Tarent am Anfang des 14. Jahrhunderts; er erweiterte das Flüchtlingsdorf Sankt Martin, das im 10. Jahrhundert gegründet worden war und gewährte Rechte und Steuererlass für diejenigen, die dorthin zogen.

Während in den folgenden Jahrzehnten auf dem Thron im Königreich Neapel Robert (1309 - 1343), Sohn Karls II. und Johanna I. (1343 - 1382), die Nichte Roberts folgten, ging das Fürstentum Tarent nach dem Tod Philipps I. (1132) an seine Söhne Robert und Philipp II. und zum Schluss an Jakob del Balzo, Sohn von Margherita, (Schwester von Philipp II.) und Francesco del Balzo, Herzog von Andria (1364). Es waren Jahre starker Auseinandersetzungen zwischen königlicher und feudaler Macht der Freiherrn.[4]

Während der Herrschaft von Johanna I. wurde das Königreich Neapel von König Ludwig von Ungarn, Bruder des ermordeten Andreas von Ungarn, 1. Ehemann von Johanna aus dem Haus Anjou, überfallen, um den Tod seines Bruders zu rächen. Johanna floh in die Provence.

Unter Herrschaft der Orsini (1393–1465)[Bearbeiten]

In jener Zeit herrschte in Tarent Fürst Robert, Neffe von Johanna I., der dank des Stadtadels dem Haus Anjou treu blieb, obwohl die Plebejer offen ihre Zuneigung für die Ausländer zeigten. 1364 lehnten sich Francesco del Balzo, Herzog von Andria, und sein Sohn Jakob del Balzo, Fürst von Tarent, gegen die Krone auf. Johanna I. widerrief somit die Lehen von Andria und Tarent und beschlagnahmte ihre Güter. Francesco del Balzo floh nach Griechenland und der Titel Fürst von Tarent ging 1365 an Otto IV. von Braunschweig-Grubenhagen, vierter Ehemann von Johanna I.

1378 nach dem Tode Papst Gregors XI. erlitt Europa Auseinandersetzungen zwischen Urban VI. und dem Gegenpapst Clemens VII.. Otto IV. von Braunschweig-Grubenhagen und Johanna I. waren Parteigänger von Clemens. Wegen ihrer Unterstützung für Clemens wurde Johanna von Urban VI. mit Absetzung und Kreuzzug bedroht. Urban übertrug das Königreich Neapel an Karl von Durazzo und krönte ihn 1380 in Rom. Karl gelang es 1381 Neapel zu besetzen und Johanna einzuschließen. Otto versuchte sie zu befreien, scheiterte aber dabei und geriet ebenfalls in Gefangenschaft. Johanna, die nicht auf ihre Rechte verzichten wollte, wurde 1382 erdrosselt, bevor Ludwig von Anjou, dem sie ihr Erbe übertragen hatte, ihr mit seinem Heer zu Hilfe eilen konnte. Giacomo del Balzo, der die Situation ausnutzte, kehrte nach Tarent zurück und stellte sich auf die Seite der Durazzo.

Um 1380 kam Raimondo Orsini del Balzo, Sohn des Niccolò Orsini und Maria del Balzo, vom Osten zurück und besetzte einige Länder, die seinem Vater gehörten. Raimondo, auch Raimondello genannt, verbündete sich mit Ludwig von Anjou und es gelang ihm, die Güter von Niccolò, die ihm rechtlich zustanden zu erhalten. 1384 heiratete er die Gräfin von Lecce Maria d’Enghien. Durch diese Ehe vereinigte er den größten Teil der Terra d'Otranto und wurde einer der mächtigsten Feudalherren des Mezzogiorno. Ihm verdankt man den Bau der Zitadelle (1404), eines massiven quadratförmigen befestigten Turms, der den Stadteingang am Ponte di Porta Napoli sicherte. In der Zwischenzeit waren die Herrscher des Hauses Anjou endgültig geschlagen worden. Nach dem Tod von Raimondello in Lecce im Jahr 1406 versuchte König Ladislaus von Neapel dieses große Lehen an sich zu ziehen. Er schloss mit Maria einen Vertrag: sie übergab ihm Tarent und sich selbst. So wurde sie Königin von Neapel. Ihr und Raimondellos Sohn Giovanni Antonio Orsini del Balzo war der letzte Fürst von Tarent aus diesem berühmten Hause. Er starb 1463 ohne legitime Erben in Altamura, worauf seine Länder und Schätze vom König von Neapel, Ferdinand von Aragon, seinem nahen Verwandten, eingezogen wurden. 1465 vereinigt König Ferdinand I., nach dem Tod seiner Frau Isabella von Clermont, Nichte von Giovanni Antonio, das Fürstentum Tarent mit dem Königreich Neapel.

Liste der Fürsten von Tarent[Bearbeiten]

  • Dynastie Hauteville:
    • 1088 Bohemund I. (* 1054; † 1111), 1098 auch Fürst von Antiochia;
    • 1111 Bohemund II. (* 1108; † 1131), auch Fürst von Antiochia;
    • 1128 Roger II. (* 1093; † 1154), Herzog von Apulien, König von Sizilien;
    • 1132 Tankred († 1138), 2. Sohn Rogers II., Fürst von Tarent und Fürst von Bari, erhielt das Fürstentum von seinem Vater;
    • 1138 Wilhelm I. (* 1122; † 1166) der Böse genannt, später König von Sizilien, jüngster Sohn Rogers II., wurde Fürst von Tarent beim Tod seines Bruders Tankred;
    • 1144 Simon, Sohn Rogers II., wurde Fürst von Tarent, als sein Bruder Wilhelm Fürst von Capua wurde;
    • 1157 Wilhelm II.
    • 1189 Tankred von Lecce
    • 1194 Wilhelm, Tankreds Sohn
  • anderer Herkunft:
    • 1198 Robert;
  • Dynastie der Staufer:
  • Dynastie Anjou
    • 1266 Karl I. (* 1227; † 1285), unterwarf Manfred und wurde vom Papst zum König von Neapel und Sizilien ernannt;
    • 1285 Karl II. (* 1248; † 1309), Sohn Karls I., König von Neapel;
    • 1294 Philipp I. (* 1278–1332), Sohn Karls II.;
    • 1332 Robert von Tarent (* 1299; † 1364), Sohn Philipps I.;
    • 1346 Ludwig von Tarent (* 1308; † 1362), Sohn Philipps I., 1346 König von Neapel als 2. Ehemann Johannas I.;
    • 1364 Philipp II. (* 1329; † 1374), Sohn Philipps I.;
      • 1356 Philipp III., Sohn Philipps II., starb jung, der Titel fiel an den Vater zurück;

1465 vereinigte König Ferdinand I., genannt Ferrante, nach dem Tod seiner Frau das Fürstentum Tarent mit dem Königreich Neapel. Das Fürstentum wurde aufgelöst, der Titel jedoch weiterhin an Söhne der Könige von Neapel vergeben, zuletzt:

  • Dynastie La Trémoille
    • Louis III. († 1577), Duc de Thouars, Prince de Tarente et de Talmond, Comte de Taillebourg, de Guînes et de Benon, dessen Sohn
    • Claude († 1604), Duc de La Trémoille, 2. Duc de Thouars, Prince de Tarente et de Talmond, Comte de Guînes etc., dessen Sohn
    • Henri († 1674), 2. Duc de La Trémoille, 3. Duc de Thouars, Prince de Tarnente et de Talmond, Comte de Laval, de Montfort, de Guînes, de Benon, de Taillebourg et de Jonvelle
    • Henri Charles († 1672), Prince de Tarente et de Talmond, Comte de Laval etc., dessen Bruder
    • Charles Belgique Hollande († 1709), 3. Herzog von La Trémoille, 4. Herzog von Thouars, Prince de Tarente et de Talmond, dessen Sohn
    • Charles Louis Bretagne († 1719), 4. Herzog von La Trémoille, 5. Herzog von Thouars, Prince de Tarente, dessen Sohn
    • Charles Armand René († 1741), 5. Herzog von La Trémoille, 6. Herzog von Thouars, dessen Sohn
    • Jean Bretagne Charles Godefroi († 1792), 6. Herzog von La Trémoille, 7. Herzog von Thouars, dessen Sohn
    • Charles Bretagne Marie Joseph († 1839), 7. Herzog von La Trémoille, 8. Herzog von Thouars, dessen Sohn
    • Louis Charles († 1911), 8. Herzog von La Trémoille, 9. Herzog von Thouars, Prince de Tarente, dessen Sohn
    • Louis Charles Marie († 1921), 9. Herzog von La Trémoille, 10. Herzog von Thouars, Prince de Tarente, dessen Sohn
    • Louis Jean Marie († 1933), 10. Herzog von La Trémoille, 11. Herzog von Thouars, Prince de Tarente, dessen Sohn – ultimus familiae

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Luigi Madaro: Le origini del Principato di Taranto e sue vicende feudali dai Normanni agli Angioini. Industria grafica O. Ferrari & C., Alessandria 1926, S. 9.
  2. Teresa Melucci, Maria de Pasquale-Viggiani (Hrsg.): La città antica di Taranto. Sue trasformazioni in rapporto alle vicende storiche e suo restauro. Mandese, Tarent 1989, S. 18ff.
  3. Teresa Melucci, Maria de Pasquale-Viggiani (Hrsg.): La città antica di Taranto. Sue trasformazioni in rapporto alle vicende storiche e suo restauro. Mandese, Tarent 1989, S. 19.
  4. a b Teresa Melucci, Maria de Pasquale-Viggiani (Hrsg.): La città antica di Taranto. Sue trasformazioni in rapporto alle vicende storiche e suo restauro. Mandese, Tarent 1989, S. 20.

Weblinks[Bearbeiten]