Fürstentum Wladimir-Susdal

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Uspenski-Kathedrale, 12. Jahrhundert

Das Fürstentum Wladimir-Susdal (russisch Владимиро-Суздальское княжество) oder Wladimirer Rus (russisch Владимирская Русь) war ein großes Fürstentum unter den Folgestaaten der Kiewer Rus und der mächtigste ostslawische Staat zwischen der zweiten Hälfte des 12. und dem 14. Jahrhundert.[1] Traditionell wird Wladimir-Susdal als die Wiege der großrussischen Sprache und Kultur betrachtet. Mit der Zeit ging Wladimir-Susdal politisch in das Großfürstentum Moskau über.

Ursprünge[Bearbeiten]

Das Stammfürstentum, das im 11. Jahrhundert noch Rostow-Susdal hieß, galt anfangs als ein ferner und wenig erschlossener Außenbezirk der Kiewer Rus. Von den südlichen Steppen wurde es durch einen breiten Waldstreifen geteilt. Im 11. Jahrhundert war sein Zentrum Rostow und zu den weiteren bedeutenden Städten gehörten Susdal, Jaroslawl und Beloosero. Die nördlichen Länder um Rostow formierten sich zu diesem Zeitpunkt langsam zu einem festeren Territorium. Um dieses Territorium zu regieren wurde Jaroslaw der Weise von seinem Vater von Kiew nach Rostow gesandt, das seit 1054 Hauptstadt dieses Landes war. Das Teilfürstentum erstreckte sich in etwa zwischen den Flüssen Wolga, Oka und Nördliche Dwina.

Der Kiewer Großfürst Wladimir Monomach verlegte 1093 die Hauptstadt aus Rostow nach Susdal. Fünfzehn Jahre später gründete er die Stadt Wladimir am Fluss Kljasma, 31 km südlich von Susdal. Sein Sohn, Juri Dolgoruki, der auch als Gründer von Moskau bekannt ist, machte Wladimir zur neuen Hauptstadt der nordöstlichen Rus im Jahr 1157. Das Fürstentum hieß jetzt Wladimir-Susdal. Allerdings wollten die Bojaren von Rostow und Susdal ihre Macht nicht abgeben und es folgte ein kurzer Bürgerkrieg.

Unter Juri Dolgoruki folgte ein wirtschaftlicher und kultureller Aufschwung des Fürstentums. Er verwandelte die geerbte dünnbesiedelte, mit Wald bewachsene Gegend zu einem blühenden Territorium mit vielen Städten. Möglich machte dies auch eine Migrationsbewegung von den südlichen Teilen der Rus. So begann in der Mitte des 12. Jahrhunderts die Bevölkerung die südlichen Rus-Gebiete um Kiew, die systematisch von türkischen Nomaden angegriffen wurde, zunehmend nach Nordosten zu migrieren.[2] In früher dünn besiedelten Waldgebieten, bekannt als Salessje (russisch Залесье, Hinterwaldland) wuchsen zahlreiche Städte, darunter Pereslawl-Salesski, Kostroma, Dmitrow, Moskau, Jurjew-Polski, Uglitsch und Twer. Ihre Gründungen werden Juri Dolgoruki (Juri Langhand) zugerechnet, dessen Spitzname sich auf seine Fähigkeiten bezog, die Politik im entfernten Kiew nachhaltig zu beeinflussen.

Großfürstentum Wladimir-Susdal (rosa) vor dem Mongolensturm 1237

Blütezeit[Bearbeiten]

Am Ende des Lebens gelang es Juri Dolgoruki, der Großfürst von Kiew zu werden, aber sein ältester Sohn Andrei Bogoljubski wollte nicht mit dem Vater in der Hauptstadt Kiew leben und verließ es in Richtung Wladimir. Unter Andrei Bogoljubski erreichte Wladimir-Susdal den Zenit seiner Macht. Andrei war ein außerordentlich fähiger Herrscher, der für alte Machtzentren wie Kiew nicht viel übrig hatte. Nachdem er Kiew 1169 einnahm und niederbrannte, weigerte er sich als Inhaber der Großfürstenwürde dorthin überzusiedeln. Er löste den Großfürstentitel erstmals vom Standort Kiew und installierte dort auf dem Thron seinen jüngeren Bruder. Damit löste Wladimir Kiew endgültig als führendes Zentrum der Rus ab. In Wladimir ließ Andrei Bogoljubski zahlreiche monumentale Bauwerke aus weißem Stein errichten, darunter Kathedralen, Klöster und Befestigungsanlagen. Allerdings fiel er eine Verschwörung von Bojaren zum Opfer, die ihn in seiner Vorstadtresidenz Bogoljubowo ermordeten.

Nach einem kurzen Interregnum sicherte sich Andreis Bruder Wsewolod III., genannt Großes Nest, den Thron. Er setzte die Politik seines Bruders weitgehend fort und unterwarf Kiew ein weiteres Mal Wladimir-Susdal im Jahr 1203.[3] Wsewolods größter Konkurrent wurde allerdings das südlicher gelegene Fürstentum Rjasan, sowie das Wolgabulgarien, das an Wladimir-Susdal im Osten angrenzte. Nach mehreren Feldzügen wurde Rjasan niedergebrannt und die Wolgabulgaren zu Tributzahlungen gezwungen.[4]

Das Goldene Tor von Wladimir

Wsewolods Tod im Jahr 1212 zog einen schwerwiegenden dynastischen Konflikt nach sich. Kurz vor seinem Tod 1211 hatte Wsewolod in seinem Testament verfügt, das Wladimir-Susdal in Lehensfürstentümer zu teilen waren. Er gab die Hauptstadt Wladimir an den ältesten Sohn Kostantin, Rostow an den zweiten Sohn Juri, Pereslawl an seinen dritten Sohn Jaroslaw. Sein ältester Sohn Konstantin, der sich die Unterstützung der Bojaren von Rostow sicherte, sowie Mstislaw von Kiew, vertrieben seinen als rechtmäßiger Thronfolger geltenden Bruder Juri, der erst nach Konstantins Tod sechs Jahre später in die Hauptstadt zurückkehrte. Er erwies sich als starker Herrscher, der Wolga-Bulgarien entscheidend besiegte.[5] Auch gewann er Einfluss in der Republik Nowgorod, als er dort seinen Bruder Jaroslaw II. Wsewolodowitsch, den Vater von Alexander Newski auf den Thron brachte. Allerdings endete seine Herrschaft in einer Katastrophe, als die Mongolen unter Batu Khan Wladimir im Jahr 1238 eroberten und verwüsteten. Das gleiche Schicksal ereilte die meisten anderen großen Städte im Fürstentum Wladimir-Susdal.

Mongolische Herrschaft[Bearbeiten]

Die Gottesmutter von Wladimir ist ein berühmtes Beispiel der Wladimirer Ikonenmalerei-Schule

Weder Wladimir, noch eine der anderen älteren Städte konnten sich in der Folgezeit von den mongolischen Zerstörungen erholen. Das Fürstentum fiel schnell in kleine Splitterstaaten auseinander: Moskau, Twer, Pereslawl, Rostow, Jaroslawl, Uglitsch, Beloosero, Kostoma, Nischni Nowgorod, Starodub und Jurjew-Polski.[6] Zwar akzeptierten sie alle nominell die Lehnsherrschaft des Großfürsten von Wladimir, dieser wurde jedoch vom Großkhan persönlich ernannt. Selbst der beliebte Alexander Newski von Pereslawl musste in die weit entfernte Hauptstadt des Khans, Karakorum, reisen, um auf den Großfürstenthron von Wladimir zu kommen.

Am Ende des 13. Jahrhunderts kristallisierten sich drei Fürstentümer heraus, die um die Nachfolge von Wladimir-Susdal wetteiferten und den Status des Großfürstentums für sich beanspruchten: Moskau, Twer und Nischni Nowgorod. Ihre Herrscher bemühten sich nicht einmal, nach Wladimir überzusiedeln, wenn sie den Titel erhielten. Im Jahr 1321 gelang es dem Moskauer Fürst Iwan Kalita, den Metropoliten der Orthodoxen Kirche zu überzeugen, dessen Sitz aus Wladimir nach Moskau zu verlegen. Mit diesem Ereignis schaffte es das Großfürstentum Moskau, sich politisch und psychologisch als das neue Zentrum der Rus zu etablieren. Moskau übernahm zugleich viele kulturelle Traditionen von Wladimir-Susdal, beispielsweise in der Architektur und in der Ikonenmalerei.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gerhard Podskalsky: Christentum und theologische Literatur in der Kiever Rus'. (988–1237). Beck, München 1982, ISBN 3-406-08296-3.
  • Günther Stökl: Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart (= Kröners Taschenausgabe. Bd. 244). 6. erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 1997, ISBN 3-520-24406-3.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Andreas Kappeler: Russische Geschichte (= Beck'sche Reihe. C.-H.-Beck-Wissen 2076). 5., aktualisierte Auflage. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-47076-9, S. 17.
  2. Carsten Goehrke, Manfred Hellmann, Richard Lorenz, Peter Scheibert: Russland (= Fischer-Weltgeschichte. Bd. 31). 82. – 83. Tausend. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-596-60031-6, S. 80.
  3. Podskalsky: Christentum und theologische Literatur. 1982, S. 320.
  4. Podskalsky: Christentum und theologische Literatur. 1982, S. 307.
  5. Podskalsky: Christentum und theologische Literatur. 1982, S. 311.
  6. Andrea Hapke, Evelyn Scheer: Moskau und der Goldene Ring. Altrussische Städte an Moskva, Oka und Volga. 3. Auflage. Trescher, Berlin 2005, ISBN 3-89794-085-X, S. 19.