Fachwerkhaus

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Schiltach im Schwarzwald, an der Deutschen Fachwerkstraße

Das Fachwerkhaus (in der Schweiz Riegelhaus) ist ein in einer spezifischem Holz-Skelettbauweise (Fachwerk) errichtetes Gebäude (diese Bauweise wird auch Fachwerkbau genannt, die Begriffe Fachwerkbau / Fachwerk werden allerdings abweichend davon auch für ein spezifisches statisches System benutzt, siehe Fachwerk). Ein solches Gebäude hat ein tragendes Gerüst aus Holz, bei dem die Zwischenräume meist mit einem Holz-Lehm-Verbund oder Ziegelwerk gefüllt sind. Jeder Zwischenraum stellt somit ein Fach dar, woraus sich der Begriff Fachwerk ableitet. Die Fachwerkbauweise war von der Antike bis in das 19. Jahrhundert eine der vorherrschenden Bauweisen und in Mitteleuropa nördlich der Alpen bis nach England verbreitet. Ein Vorläufer war das frühgeschichtliche Pfostenhaus.

Inhaltsverzeichnis

Konstruktion [Bearbeiten]

Bauteile [Bearbeiten]

Der Fachwerkbau ist ein Skelettbau. Man unterscheidet zwischen dem mittel- und oberdeutschen Firstsäulenbau sowie dem niederdeutschen Zweiständerbau bzw. dem Vierständerhaus.

Die vertikalen Hölzer werden als Pfosten, Stiel, Stütze, Stab oder Ständer, die leicht schräg stehenden als Strebe oder Schwertung bezeichnet, die horizontalen als Schwelle, Rähm, Riegel oder Pfette. Im Winkel von meist 45° verlaufende Hölzer zur Querstabilisierung nennt man Bänder oder Bug, sie verbinden die senkrecht aufeinanderstehenden Teile. Streben sind oft symmetrisch angeordnet und sollten nach oben außen zeigen, damit seitlich auftretende Windkräfte besser abgefangen werden können.

Die Hölzer haben einen Querschnitt von 10 × 10 bis 18 × 18 cm. Aufeinandertreffende Teile werden meist verzapft und mit Holznägeln gesichert. Dabei werden die Löcher leicht versetzt gebohrt, damit die Zapfen ins Zapfenloch gezogen werden. Die verwendeten Holznägel haben einen Durchmesser von etwa 2 cm und sind mindestens 2 cm länger als die Stärke des Balkens – sie stehen über.

Die Bauteile werden beim Zuschnitt mit Abbundzeichen versehen, um sie am Bauplatz schnell und richtig zusammensetzen zu können. Auch können Fachwerkkonstruktionen abgebaut und wiederaufgebaut werden, sowie einzelne Teile ersetzt werden (Modulbauweise).

Material [Bearbeiten]

Als Holzart wird zumeist Stieleiche oder Traubeneiche, in nadelholzreichen Gebieten Tanne verwendet, da sie witterungsbeständig sind und Fäulnis widerstehen – konstruktiven Holzschutz vorausgesetzt. Welches hohe Alter solche Hölzer erreichen können, darauf wird im Kapitel Geschichte eingegangen.

Die Zwischenräume (das Gefach) werden entweder mit einem Holzgeflecht mit Lehmbewurf ausgefüllt (Klaiben), mit sichtigen Backsteinen oder Bruchstein ausgemauert, oder mit Lehmbausteinen verbaut und verputzt.

Die erstgenannte Technik leitet sich von der Flechtwerkwand ab, die als eine der ältesten Baukonstruktionen gelten kann.

Das Holzgeflecht ist aus festen Hölzern (Lehmstaken), auch zusätzlich aus biegsamen Ruten (Fachgerten) aus einem Holz wie Weide.

Schmuckformen im Fachwerk [Bearbeiten]

Die künstlerische Ausgestaltung von Fachwerkhäusern ist je nach Region und Erbauungszeit sehr unterschiedlich stark ausgeprägt. Als Schmuck kommen insbesondere die Anordnung der tragenden und aussteifenden Balken, das Einfügen von zusätzlichen, statisch nicht wirksamen Hölzern als Schmuckelemente, das Gestalten von Hölzern durch Schnitzwerk und Bemalung sowie die farbliche Fassung der Gefache oder die Anordnung der Klinker zur Anwendung. Die verwendeten Schmuckformen variieren regional und zeitlich sehr stark und tragen teilweise auch unterschiedliche Bezeichnungen.

Heute nimmt man an, dass viele der ehemals verwendeten Schmuckformen in direkter Beziehung zum Erbauer standen. Einige der verwendeten Schmuckelemente durften nur von alten Handwerksmeistern ausgeführt und errichtet werden. Beim Fachwerkbau gibt es unter anderem folgende Schmuckformen:

  • Andreaskreuz
  • Mann, eine Form des Strebenkreuzes in diversen Varianten, auch Wilder Mann genannt
  • Doppelstrebe
  • Stiel mit Fußbändern
  • Sonnenscheiben (aus der steinernen Renaissancearchitektur; Braunschweig 1533 - Bad Salzuflen 1633)
  • Laubstab (ca. 1520–1550)
  • Kreuzfries
  • Schrägkreuzfries
  • Treppenfries (Halberstadt Ratskeller 1461, Kriegsverlust – Braunschweig 1526) Beispiel: Haus Ritter St. Georg in Braunschweig
  • Bügel- oder Trapezfries (ca. 1500–1540)
  • Fächerfries (ca. 1535–1560)
  • Ketten- oder Bandfries (ca. 1550–1670)
  • Diamantband (als Steigerung des Kettenfrieses)
  • Figurenfries
  • Taustab (wie ein Tau gedrehte Zierstab mit rundem Querschnitt - Bad Wildungen: Haus Rebenstock)
  • Inschriften (zum Beispiel „Nisi Dominus Frustra; Psalm 127“)
  • Knaggen (die Konsolen) verziert mit Heiligenfiguren, Roll- und Volutenformen oder Kerben; Beispiele: Huneborstelsches Haus und Haus Ritter St. Georg in Braunschweig.

Geschichte [Bearbeiten]

Holzrahmenkonstruktion minoischen Typs, ca.1700 v. Chr. in Akrotiri auf Santorin

Die Vorläufer des Fachwerks waren die fachartig unterteilten 8500 Jahre alten Hauswände in Çatalhöyük. Sie wurden nicht zwischen Holz-, sondern zwischen Lehmständern und -riegeln errichtet. Ähnliche Bautechniken mit höherem Holzanteil gab es in Alalach, später in Mykene und Tiryns. Bevor die Bauweise mit Holzversteifung im Hausbau einsetzte, wurden Wälle und Mauern (Murus Gallicus) mit Holzrüstungen versehen. Für die Michelsberger Kultur des Jungneolithikums wurden Fundamente von Häusern gefunden, die in Schwellbalken-Holzfachwerktechnik gebaut wurden.[1] Für das 1. Jahrhundert beschrieb Tacitus den Fachwerkbau bei den Germanen mit den Worten:

„Einige Flächen bestreichen sie recht sorgfältig mit einer so blendend weissen Erde, dass es wie Bemalung und farbiges Linienwerk aussieht.“

Tacitus[2]

Auch das sogenannte römische Streifenhaus des 1. Jahrhunderts wurde bereits in Fachwerktechnik errichtet. Bis zum Frühmittelalter war in Europa jedoch die Pfostenhaustechnik vorherrschend. Die geläufige Fachwerktechnik im Hausbau ist in Mitteleuropa erst seit der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts fassbar und seit dem hohen Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert war der auf Schwellbalken errichtete Fachwerkbau die am weitesten verbreitete Bauweise für Hochbauten nördlich der Alpen in Deutschland, Teilen von Frankreich, England und Skandinavien. Fachwerkbauten sind jedoch auch aus den holzreichen Gegenden des ehemaligen osmanischen Reiches von Bulgarien bis Syrien bekannt. Der Lehm als Ausfachungsmaterial ließ sich einfach und kostengünstig vor Ort ausgraben (oft aus der Baugrube). Auch Holz war meist eher verfügbar als geeignete Steine und ließ sich vor allem leichter transportieren (auf dem Wasserwege geflößt).

In Deutschland lassen sich zwei Arten der Verzimmerung unterscheiden: der ältere mittelalterliche Ständerbau (auch Geschossbau oder Säulenbau genannt), bei dem die Wandständer von der Schwelle bis zum Traufrähm durchgehen und der jüngere Rähmbau oder Stockwerksbau, bei dem jedes Stockwerk als in sich geschlossenes Modul hergestellt wurde. Er entstand seit dem 15.Jahrhundert, als es in den Wäldern kaum noch Bäume mit langen Stämmen gab; das älteste bekannte Beispiel ist das Bäckerhaus in Eppingen, Altstadtstraße 36, von 1412. Hier kommt es bis ca. 1620 oft vor, dass das obere Stockwerk etwas über dem unteren Stockwerk hervorragt. Neben senkrechten und waagerechten Hölzern sind auch schräg verlaufende Hölzer notwendig, um das Gefüge zu stabilisieren.

Egerländer Fachwerkhaus in Neualbenreuth 49.97902212.441979

Insbesondere beim Rähmbau bzw. Stockwerkbau des 17. bis 19. Jahrhunderts findet sich eine Vielzahl von Schmuckformen. Besonders in der Anordnung der schrägen Hölzer kam es in jüngerer Zeit (seit dem 15. Jahrhundert) zu schmuckartigen Gestaltungen. Gestaltungsmöglichkeiten boten darüber hinaus geschnitzte Reliefs, Muster oder Inschriften. In Deutschland werden drei Stilgruppen unterschieden.

Die Verbreitungsgrenzen waren aber eher fließend. So findet sich etwa in Paulinzella (Ortsteil von Rottenbach (Thüringen)) der Zinzboden des ehemaligen Klosters, der im 15. Jahrhundert mit alemannischem Fachwerk errichtet wurde.

Seit dem 18. Jahrhundert wurde in vielen Regionen das Bauholz immer knapper. Das führte dazu, dass der Fachwerkbau sich verteuerte. Zunehmend genügten auch die relativ dünnen und reparaturanfälligen Wände den Ansprüchen der Erbauer nicht mehr, so dass Massivbauten aus anderen Materialien an die Stelle von Fachwerkbauten traten. Die letzten traditionellen Fachwerkbauten entstanden um 1900, wenngleich diese Bauweise bis heute gelegentlich angewandt wird.

Bis in die 1970er-Jahre konnte das Alter der Fachwerkbauten nur anhand der konstruktiven und der stilistischen Merkmale geschätzt werden. Mithilfe der Dendrochronologie (naturwissenschaftliche Methode der Holzaltersbestimmung) kann das Alter der Fachwerkbauten sehr exakt bestimmt werden. Eine solche Untersuchung hatte 1984 ergeben, dass das älteste Fachwerkhaus der damaligen Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1276 in der Innenstadt von Göttingen errichtet wurde.[3] Inzwischen ist dieser Rekord durch gleich zwei Häuser in Esslingen am Neckar gebrochen, durch die Heugasse 3 von 1262/63 und die Webergasse 7 von 1267. Diese Rekorde könnten auf Dauer Bestand haben, da in die Mitte des 13.Jhs. der Übergang von Pfosten- zu Ständerbauweise fällt. Die Altstädte von Esslingen, Göttingen und Limburg an der Lahn enthalten besonderts viele extrem alte Fachwerkhäuser aus dem 13. und 14.Jahrhundert, und es sind durchaus noch spektakuläre Neufunde in Rekordnähe möglich. Nach Grossmann (1985) ist aber Fachwerk vor 1200 aus o.g. Grund nicht mehr zu erwarten.

Verbreitung [Bearbeiten]

Deutschland [Bearbeiten]

Das Haus Kickelhain in Mosbach

Trotz der erheblichen Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges etwa in Braunschweig, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Halberstadt, Hildesheim und Kassel sowie der Verluste der Nachkriegszeit haben sich in Deutschland über eine Million Fachwerkbauten erhalten, zu denen auch einige Fachwerkkirchen gehören. Der Fachwerkbau bestimmt noch heute das Bild ganzer Altstädte und Dorfkerne. In Stolberg (Harz) ist der gesamte historische Ortskern aus über 500 Jahren Fachwerkbau erhalten. Auf dem Lande finden sich auch zahlreiche freistehende Kotten. In der Gegenwart sind eigentlich nur die südlichen Teile Bayerns weitgehend fachwerkfrei. Allerdings finden sich hier verwandte Konstruktionsarten, etwa das Bundwerk.

Der deutsche Fachwerkbau überrascht durch die Vielzahl unterschiedlicher Konstruktionsdetails und Schmuckelemente. Die regionalen Unterschiede sind sehr groß, einige Grundmuster haben sich jedoch über weite Teile ausgebreitet. So finden sich etwa typische Vertreter des sogenannten „fränkischen“ Fachwerkbaues bis hinein ins Elsass, das „alemannische“ Fachwerk findet sich in ähnlicher Form in Südwestdeutschland, der Schweiz und Vorarlberg. Der „niedersächsische“ Fachwerkbau fällt besonders durch seine reichen, geschnitzten Schmuckformen auf, die in Mittel- und Süddeutschland wesentlich seltener auftreten. Hier fallen dafür die phantasievollen Fachwerkfigurationen ins Auge (geschweifte Andreaskreuze unter anderem), besonders im „fränkischen“ und im „württembergischen“ Fachwerkgebiet, schöne Beispiele sind das Rathaus in Großbottwar und die Palmsche Apotheke in Schorndorf. Hingegen sind in Altbayern (die Gebiete des Freistaat Bayern südlich der Donau) Fachwerkbauten traditionell nahezu unbekannt.

Insbesondere im 18. und 19. Jahrhundert wurden Fachwerkwände häufig mit Holz oder Schiefer verkleidet, sodass die Konstruktion in der Außenansicht relativ schwer erkennbar ist. In einigen Landstrichen, etwa im Bergischen Land (Nordrhein-Westfalen), kam es zur Ausbildung von regionalen Gestaltungsweisen, bei denen etwa Schiefer eine besondere Rolle spielte.

Eine andere bekannte Sonderform des Holzgerüst- bzw. Fachwerkbaus ist das Umgebindehaus, in dem sich der östliche Blockbau und der westliche Fachwerkbau verbindet. Sehr bekannt sind die Umgebindehäuser der Lausitz.

Auf dem Gelände der Franckesche Stiftungen in Halle (Saale) befindet sich das größte Fachwerkhaus Europas.

Als Würdigung der besonderen architektonischen und künstlerischen Eigenheiten der Fachwerkhausbauweise gibt die Deutsche Post AG eine Serie von Sonderpostwertzeichen heraus, die ausgewählte Beispiele älterer Fachwerkhäuser in Deutschland als Motive verwendet. Dazu gehört das 1582 erbaute Baumannsche Haus in Eppingen und das 1734 errichtete Bauernhaus in Dünsche, Gemeinde Trebel.

Schweiz [Bearbeiten]

Fachwerkaufbau von 1550: Burg Zug in Zug, Schweiz

In der Nordostschweiz, insbesondere im Kanton Thurgau und der Region „Zürcher Weinland“, sind über 90 % der älteren Bauernhäuser Riegelhäuser; in dieser Region (man schätzt über 600.000 reine Fachwerkhäuser und zahlreiche Mischformen) gibt es Dörfer (Unterstammheim und Oberstammheim, Nussbaumen, Üsslingen), die fast ausschließlich aus Riegelhäusern bestehen. Typisch sind die rote Bemalung der Balken und die weiße Ausfachung. Die rechteckige Rasterung wird fast immer durch Diagonalbalken durchzogen. Zur Erhaltung gefährdeter Fachwerkgebäude entstand das Freilichtmuseum Ballenberg.

Österreich [Bearbeiten]

Das Wirtshaus zur Rose, erbaut 1735 von Johannes Lutz im Typus eines stattlichen Thurgauer Fachwerkbaus in Gaißau, Vorarlberg, Österreich

Klassisches Fachwerk kommt praktisch nicht vor (ähnlich wie in Südbayern). Nur einzelne Bauten in Vorarlberg. Häufiger ist das sogenannte Bundwerk, das praktisch ein auf der Innenseite verschaltes Fachwerk ist.

Frankreich [Bearbeiten]

Blangy-le-Chateau, Normandie (2007)

Während das Elsass wegen seiner Geschichte und Kultur überwiegend dem fränkischen und alemannischen, also deutschen Fachwerkgebiet zuzurechnen ist, weisen besonders die Normandie und die Champagne noch eine Vielzahl an typisch französischen Fachwerken auf. Hier haben allerdings die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts große Verluste mit sich gebracht. Geschlossene Stadtbilder finden sich noch in Rouen und Troyes sowie einigen kleineren Orten.

Die Normandie besitzt zahlreiche kleinere Herrenhäuser aus Fachwerk, auch die übrige ländliche Architektur ist stark von Fachwerk geprägt. Die senkrechten Ständer französischer Fachwerke sind oft sehr dünn und stehen zwischen Hauptständern dicht nebeneinander, oft sind die Hölzer wesentlich unregelmäßiger als etwa bei deutschen Bauten; der unregelmäßige Wuchs des Bauholzes war oft ein bewusst integriertes Gestaltungsmittel. Die reichen Schnitzereien mancher Fachwerke, z.B. in der Normandie, dokumentieren die hochstehende Handwerkskunst der französischen Zimmerleute eindrucksvoll. Außerdem ist es, wie in England, nicht möglich, die verschiedenen Stilarten in eine zeitliche Abfolge zu bekommen. Sie laufen jahrhundertelang unverändert durch, wie es drastisch das Haus Rue Volta, 3 in Paris beweist: Ursprünglich als das älteste Haus von Paris bezeichnet, erbaut angeblich 1292 (und nach dem Pariser Maklerverzeichnis sogar 1240), soll es nach neuesten Forschungen erst von 1644 stammen. Nachmittelalterliche Bauten weisen oft einfache Andreaskreuze oder rautenförmige Figurationen auf. Ein besonderes Kennzeichen sind die geschwungenen Giebelblenden, die im 19. Jahrhundert in Deutschland gerne nachgeahmt wurden.

Belgien [Bearbeiten]

Grétrymuseum in Lüttich, Belgien

In Belgien kommen Fachwerkhäuser hauptsächlich in den Provinzen Lüttich, Limburg und Luxemburg vor. In den Freilichtmuseen Fourneau Saint-Michel und Bokrijk sind etliche Fachwerkbauten rekonstruiert worden. In der Stadt Lüttich sind in den letzten Jahren viele Fachwerkhäuser aufwändig restauriert worden. Fachwerkfassaden, die wegen der sich ändernden Mode mit steinähnlichem Zementputz modernisiert waren, werden wieder freigelegt. Im Vergleich zu den deutschen Fachwerkhäusern sind die Fassaden schlicht und wenig dekoriert, abgesehen von einem Stein mit dem Namen des Hauses. Das Holz ist selten bemalt. Typisch ist auch für die reicheren Stadthäuser ein Erdgeschoss in Blaustein oder Sandstein und nur die Obergeschosse in Fachwerk. Ein schönes Beispiel ist das Geburtshaus des Komponisten André-Modeste Grétry, jetzt als Grétrymuseum eingerichtet.[4]

England [Bearbeiten]

Fachwerkhäuser in Warwick, England

Auch die mittelalterliche und frühneuzeitliche Wohnarchitektur Englands war stark vom Fachwerkbau geprägt, der hinsichtlich seiner Fassadengestaltung oft deutliche Ähnlichkeiten mit dem französischen aufweist. Besonders auffallend ist ähnlich wie in Nordfrankreich das sogenannte „closed studding“, ein weitgehend riegelloses Fachwerk, dessen Ständer („studs“) eine extrem dichte Abfolge besitzen. In diesem Stil sind auch die ältesten erhaltenen Fachwerkbauten Europas in Cressing Temple erbaut, zwei Großscheunen von 1205 bzw. 1235. Beim sogenannten „herringbone studding“ begegnen auch enge Abfolgen von diagonalen Streben. Daneben gibt es aber Fachwerk mit annähernd quadratischen Gefachen. Manche Zierformen erinnern an deutsche Beispiele; sogenannte „downward braces“ sind den deutschen Fußstreben recht ähnlich. Allerdings ist sowohl beim englischen wie beim französischen Fachwerk keine Stilentwicklung nach Ort und Zeit festzustellen; die Stile bleiben unverändert über Jahrhunderte gleich.

Zahlreiche englische Städte weisen noch schöne Beispiele auf, ein guterhaltenes Beispiel einer mittelalterlichen Stadt ist das nordenglische York und selbst in Städten wie London hat der Fachwerkbau früher eine wichtige Rolle gespielt; mitten in der City of London, am Strand, ist noch heute ein Fachwerkhaus des 16.Jhs. erhalten. Erhalten sind auch eindrucksvolle Fachwerkbauten etwa in East Anglia, Warwickshire, Worcestershire, Herefordshire, Shropshire and Cheshire, wo Little Moreton Hall eines der prächtigsten erhaltenen englischen Fachwerkhäuser ist. In Kent und Sussex findet sich der Haustyp des sogenannten Wealden house, ein traufseitig erschlossenes Haus mit einer zentralen Halle und offenem Dachwerk im Inneren. Auf der einen Seite ist diese Halle von Nebenräumen, auf der anderen von den Wohnräumen des Besitzers flankiert.

Polen [Bearbeiten]

„Dom Kołodzieja” (Stellmacherhaus) in Zgorzelec, Polen

Im nördlichen Polen (den ehemaligen Landesteilen von Preußen) ist Fachwerk bekannt. Auf Polnisch wird Fachwerk „preußische Mauer“ genannt und gilt als typisch deutsch. Daher wurden insbesondere in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Fachwerkhäuser in den Oder-Neiße-Gebieten verputzt oder verblendet, um das Fachwerk zu verbergen.

Bulgarien [Bearbeiten]

Haus von Dimitraki Hadschitoschew im ethnografischen Komplex „St. Sophronius von Wraza“ in Wraza, Bulgarien

In Bulgarien ist vor allem das ethnografische Museum „Sophronius von Wraza“ in Wraza mit seinem Fachwerkgebäude bekannt.

Tschechien [Bearbeiten]

Číhaná, Tschechien

Auch in Teilen von Tschechien, namentlich in Böhmen, gibt es eine Vielzahl von Fachwerkbauten. Sie lehnen sich in vieler Hinsicht an die regionalen Bauformen der benachbarten Teile von Deutschland an. Bekannt sind die Egerländer Fachwerkhäuser.

Russland [Bearbeiten]

Trotz großer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg blieben im ehemals zu Ostpreußen gehörenden heutigen Oblast Kaliningrad zahlreiche Fachwerkhäuser erhalten, so z.B. in der Stadt Kaliningrad (ehemals Königsberg) und dem Seebad Selenogradsk (ehemals Cranz).

Litauen [Bearbeiten]

Theaterplatz in Klaipėda, Litauen

Im bereits 1920 erstmals von Ostpreußen abgetrennten, ehemaligen Memelgebiet finden sich ebenfalls Fachwerkhäuser, vor allem in der Stadt Klaipeda (ehemals Memel).

Griechenland [Bearbeiten]

Der Mangel an Holz führte unweigerlich zu einer Zuwendung zum Stein- und Ziegelbau. Traditionell gibt es vereinzelte Beispiele in Nord- und Nordwestgriechenland. Eine gewisse modische Beliebtheit hatte das Fachwerkhaus im Historismus des späten 19. Jahrhunderts, z. B. als Garten- und Wärterhäuschen im romantischen Kontext z. B. an Villen des Architekten Ernst Ziller.

Auf der Insel Lefkada entschloss man sich im 18. Jahrhundert aufgrund der Erdbebengefahr zur Einführung des Fachwerkbaus. Erhaltene Gebäude erinnern stark an mitteleuropäische Vorbilder, sind aber farblich mediterran bunt gehalten. Nachdem einige Gebäude restauriert und teilrekonstruiert wurden, entschloss man sich auch komplette Fachwerkhäuser neu zu errichten. Gemessen an den Kosten einer konventionellen erdbebensicheren Konstruktion, schneidet das Fachwerkhaus besser ab, es bietet auch klimatische Vorteile.

Brasilien [Bearbeiten]

Ivoti, Brasilien

Durch die deutsche Einwanderung gibt es einige Fachwerkhäuser in Brasilien. Es gibt Städte im Süden Brasiliens mit einer großen Anzahl von Häusern, z. B. Ivoti, Dois Irmãos, Nova Petrópolis, Teutônia, Blumenau, Joinville, Jaragua do Sul, Pomerode, Campos do jordão und Curitiba.

USA und Australien [Bearbeiten]

Fachwerkbauernhof in Emmet, Dodge County (Wisconsin), Vereinigte Staaten. Etwa 1850 errichtet für den schlesischen Auswanderer Friedrich Kliese

Fachwerkbauten kamen mit den Kolonisten seit dem 17. Jahrhundert nach Nordamerika und dem 19. Jahrhundert nach Australien. Wie auch die Raumstrukturen der Häuser zeigen, waren in den USA britische Einflüsse dominierend, so dass auch britische Fachwerkformen weit überwiegen. Daneben gibt es aber auch andere, etwa niederländische Einflüsse (bekannt sind z. B. die „Dutch barns“, Hallenhäuser mit Ankerbalkenkonstruktion wie sie ähnlich in den Niederlanden und Norddeutschland zu finden sind).

Zahlenmäßig stammen die meisten Fachwerkhäuser in den USA und Australien aus dem 19. Jahrhundert und bestehen meist aus sparsam verriegeltem, an der Außenseite verbrettertem Fachwerk. Gleichwohl gibt es aber – etwa in Australien – auch Bauten deutscher Einwanderer, die bis in die Details hinein alle Merkmale des norddeutsch-preußischen Fachwerks zeigen.

Gegenwart [Bearbeiten]

Modernes Fertighaus in Fachwerkkonstruktion

Die klassische Fachwerkbauweise mit Ausfachungen aus Ziegeln oder Lehm wird im modernen Holzbau nicht mehr verwendet. Dennoch werden tragende Fachwerke aus Holz nach wie vor in vielen Neubauten und Anbauten verwendet. Spezielle Techniken sind dabei Holzständerbauweise, Holztafelbau, Holzrahmenbau.

Restaurierung und Wiederaufbau [Bearbeiten]

In den letzten Jahrzehnten wurden viele Fachwerkhäuser restauriert und verputzte Fachwerke oft wieder freigelegt. Allerdings wurden viele dieser freigelegten Bauten ursprünglich nicht als Sichtfachwerke geplant, das Fachwerk ist hier rein konstruktiv. Oft sollte ein repräsentativer Steinbau vorgetäuscht werden, durch das Abschlagen des Putzes wird der ursprüngliche Charakter des Hauses stark verfälscht. Auch spätere Fenstereinbrüche und sonstige Veränderungen sprechen manchmal gegen eine Freilegung. In vielen alten Städten und Dörfern verbirgt sich noch Fachwerk hinter dicken Putzschichten, das verputzte Ortsbild ist aber seinerseits – als historisch gewachsenes Denkmal – erhaltenswert (Dinkelsbühl).

Wiederaufbau des Umgestülpten Zuckerhuts

Neben der Restaurierung und Freilegung historischer Fachwerkbauten ist seit etwa 20 Jahren auch die vollständige oder teilweise Rekonstruktion kriegszerstörter Einzeldenkmäler oder Fachwerkensembles zu beobachten, die in der Fachwelt jedoch umstritten ist. Auf dem Römerberg in Frankfurt am Main beispielsweise wurde eine Platzseite nachgebaut, in Hildesheim gar der gesamte Marktplatz rekonstruiert. Im Zuge dieses Wiederaufbaues ist dort auch das angeblich „schönste Fachwerkhaus der Welt“, das Knochenhaueramtshaus, wiedererstanden. Ebenfalls in Hildesheim wurde vom Oktober 2009 bis zum Oktober 2010 der Umgestülpte Zuckerhut wiederaufgebaut, ein um 1510 erbautes und wegen der stark überkragenden Geschosse sehr bekanntes Fachwerkhaus. In Braunschweig wurde 1994 der Wiederaufbau der freistehenden Alten Waage abgeschlossen.

Auch in zahlreichen Freilichtmuseen gibt es restaurierte Fachwerkhäuser. Im Hessenpark finden sich viele Häuser, die andernorts abgetragen wurden und teilweise noch auf ihre Wiedererrichtung warten.

Literatur [Bearbeiten]

Überblickswerke [Bearbeiten]

  • Günther Binding, Udo Mainzer, Anita Wiedenau: Kleine Kunstgeschichte des deutschen Fachwerkbaus. Darmstadt 1989, ISBN 3-534-06900-5.
  • Wilhelm Fiedler: Das Fachwerkhaus in Deutschland, Frankreich und England. Originalausgabe: Berlin 1903, Reprint: Leipzig 2006, ISBN 978-3-8262-3003-5.
  • Manfred Gerner: Fachwerk. Instandsetzung, Sanierung, Neubau. DVA, München 2007, ISBN 978-3-421-03575-2.
  • G. Ulrich Großmann: Der Fachwerkbau in Deutschland. Das historische Fachwerkhaus, seine Entstehung, Farbgebung, Nutzung und Restaurierung. 3. erweiterte Auflage, Dumont, Köln 2004, ISBN 978-3-8321-7463-7.
  • G. Ulrich Großmann: Fachwerk in Deutschland – Zierformen seit dem Mittelalter. Petersberg 2006, ISBN 978-3-86568-154-6.
  • Wolfgang Lenze: Fachwerkhäuser, restaurieren – sanieren – modernisieren. 8. durchgesehene Aufl. 2011, ISBN 978-3-8167-8530-9.
  • Heinrich Stiewe: Fachwerkhäuser in Deutschland. Konstruktion, Gestalt und Nutzung vom Mittelalter bis heute. Primus, Darmstadt 2007, ISBN 978-3-89678-589-3.

Einzelne Regionen [Bearbeiten]

  • Buchreihe Das deutsche Bürgerhaus. Verlag Ernst Wasmuth, Tübingen 1959– (siehe auch Bandübersicht im Bayerischen Verbundkatalog)
  • Anton von Behr: Rheinische Fachwerkbauten aus den Regierungsbezirken Coblenz und Trier von Rheim und Mosel, Eifel, Westerwald und Hunsrück. Trier 1905 (Digitalisat)
  • Wilhelm Hansen, Herbert Kreft: Fachwerk im Weserraum. Hameln 1980
  • Fred Kaspar: Fachwerkbauten in Westfalen vor 1600. 1978 (Volltext als PDF)
  • Fred Kaspar: Fachwerkbauten des 14. bis 16. Jahrhunderts in Westfalen. 1986 (Volltext als PDF)
  • Helmut Nachtigall: Zimmermannskunst im Hüttenberg – der Hüttenberger Hof. N.G. Elwert Verlag, Marburg 1973, ISBN 3-7708-0479-1
  • Herbert Nicke: Bergisches Fachwerk. Ein Streifzug durch Architektur und Geschichte des rechtsrheinischen Fachwerkbaus. Martina Galunder-Verlag, Wiehl 1996, ISBN 3-931251-10-1
  • Hermann Dieter Oemler: Fachwerk in Wernigerode. Oemler-Verlag, Wernigerode 1999, ISBN 3-9805751-1-X
  • Ursula Pfistermeister: Fachwerk in Franken. Carl, Nürnberg 1993, ISBN 3-418-00367-2
  • Robert Slawski: Braunschweiger Fachwerk. Braunschweig 1988

Weblinks [Bearbeiten]

 Commons: Holzfachwerk – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Almut Bick: Die Steinzeit. Theiss WissenKompakt, Stuttgart 2006. ISBN 3-8062-1996-6
  2. De origine et situ Germanorum liber, 16, von Manfred Fuhrmann, S. 25, Stuttgart 2007
  3. Neue Presse, Hannover vom 14. März 1984
  4. David Houbrechts, Le logis en pan-de-bois dans les villes du bassin de la Meuse moyenne (1450-1650), Dossier de la Commission Royale des monuments, sites et fouilles, Liège, Commission Royale des monuments, sites et fouilles, 2008, 314 pàgines, ISBN 978-2-8056-0000-5