Farbmaus

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Als Farbmäuse werden im Tierhandel und von Tierliebhabern die Zuchtformen der Hausmaus (Mus musculus) bezeichnet.

Herkunft[Bearbeiten]

Wildfarbene Hausmaus

Direkte Vorfahren von Farbmäusen sind die gewöhnlich grau-braunen Hausmäuse. Von Züchtern wurden aus ihnen diverse Erscheinungsformen mit verschiedenen Fellfarben, Fellvarianten und Größen abgeleitet. Werden Freilandmäuse über mehrere Generationen erfolgreich in Käfigen gehalten und immer wieder untereinander verpaart, ist bereits nach ca. zehn Generationen damit zu rechnen, dass einzelne Junge mit rein weißer oder rein schwarzer Fellfärbung geboren werden. Farbmäuse sind im Freiland wegen ihrer fehlenden Tarnfarbe zumeist nicht überlebensfähig.

Albino-Mäuse

Weiße Mäuse sind in der Regel Albino-Formen, das heißt, bei ihnen ist infolge einer Mutation die Produktion der Hautfarbstoffe (Melanine) vollständig ausgefallen, weswegen diese Tiere auch unpigmentierte und − infolge der Blutversorgung des Auges – rot leuchtende Augen haben. Weiße Mäuse sind bereits aus dem antiken Kreta bekannt. Sie galten als heilig und als Glücksbringer. Teilweise wurden Dutzende in speziellen Tempeln gehalten und auf Staatskosten versorgt.

Aufgrund von einigen Abbildungen auf Schalen und Tongefäßen des Alten Ägypten ist bekannt, dass dort vor 4000 Jahren Mäuse gehalten wurden. Die Ägypter schrieben ihnen übersinnliche Kräfte zu.

In China kennt man so genannte Tanzmäuse seit etwa der Spätbronzezeit. In Japan werden seit etwa dem 18. Jahrhundert Tanzmäuse, weiße Mäuse und Farbmäuse gezüchtet. Von dort aus gelangten die ersten solchen Mäuse nach Amerika und schließlich nach Europa. Heute werden Tanzmäuse in Deutschland als Qualzucht betrachtet.

Der Gott Apoll wurde auf Sizilien, in Griechenland und Kleinasien viele jahrhundertelang als Mäusegott namens Smintheus verehrt, und man setzte echte Mäuse zur Befragung der Götter ein. Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich die Briten vor allem mit der Zuchtwahl nach Farben und Zeichnungen von Mäusen. Es wird vermutet, dass die ersten britischen Mäuse mit portugiesischen Seefahrern aus Japan und nicht aus Griechenland kamen.

Ende des 19. Jahrhunderts entstand in England der erste Verein (National Mouse Club – NMC), der sich mit Zucht, Ausstellung und Auszeichnung von Farbmäusen beschäftigte. Seit 2004 gibt es auch in Deutschland einen Verein, der sich der Rassezucht und Ausstellung von Farbmäusen widmet, den Deutschen Mäuse-Rassezuchtverein Muroidea e.V. (DMRM).

Verhalten[Bearbeiten]

Albino-Maus mit neugeborenen, pigmentierten Jungen
9 Tage alt
einen Monat alt

Wie viele Nagetiere zeigen auch Farbmäuse mehrmals täglich einen Wechsel von Aktivitäts- und Ruhephase (polyphasisch). Sie können sehr gut klettern, hoch springen und passen durch die Löcher, durch die ihr Kopf passt; der restliche Körper ist äußerst verformbar. Der Schwanz wird als "Ruder" benutzt, um das Gleichgewicht zu halten. Er kann auch als Fangleine eingesetzt werden.

Die Stammart lebt in Gruppen. Man kann daher problemlos mehrere Weibchen zusammen halten. Bei reinen Weibchengruppen gibt es kaum Rangordnungskämpfe.

Die Haltung von Männchen ist schwieriger. Bei Männchengruppen kann es auch unter verwandten Tieren mit Einsetzen der Geschlechtsreife zu ernsthaften Kämpfen kommen, die unabhängig von der Größe der Haltungsfläche mit Bisswunden oder tödlich enden können. Kastrierte Männchen sind in der Regel friedlicher als unkastrierte und haben einen weniger intensiven Eigengeruch.

Fortpflanzung und Lebenserwartung[Bearbeiten]

Farbmäuse bekommen oft und viele Nachkommen, unabhängig vom Platzangebot. Reine Weibchengruppen - oder Gruppen kastrierter Männchen eignen sich daher besser für die Haltung. Weibchen kann man eindeutig an den Zitzenfeldern am Unterbauch erkennen. Bei Weibchen ist zudem der Abstand zwischen Anus und Geschlechtsöffnung deutlich geringer als beim Männchen – dies zu erkennen setzt aber eine genaue Kenntnis der Mäuse-Anatomie voraus.

Weibchen werden mit etwa vier Wochen geschlechtsreif und können bereits im Alter von 60 bis 70 Tagen selber Junge werfen. Die Wurfgröße vitaler Weibchen liegt zwischen sechs und zwölf Jungtieren, teilweise auch darüber. Kleinere Würfe können auf ein zu hohes Alter der Mutter oder beginnende Inzuchtdepressionen der Eltern hindeuten, kommen aber gelegentlich auch bei völlig vitalen Weibchen vor.

19 bis 21 Tage nach der Paarung kommen die noch nackten, tauben und blinden Jungen zur Welt. Man muss die Mutter nicht von anderen weiblichen Tieren trennen; diese kümmern sich unter Umständen ebenfalls um die Jungtiere. Wenige Stunden nach der Geburt ist das Weibchen allerdings schon wieder empfängnisbereit: Das Tier nach jedem Werfen sofort erneut schwanger werden zu lassen, kann aber seine Lebenserwartung deutlich mindern, da der stetige Wechsel von Jungenaufzucht und Schwangerschaft eine extrem hohe körperliche Belastung darstellt.

Nach drei Tagen beginnt das Wachstum des Fells, und man kann nach und nach die ersten Abzeichen und Fellfarben erkennen. Nach etwa zehn Tagen ist das Fell völlig entwickelt, nach knapp zwei Wochen öffnen sich die Augen. Jungtiere aus größeren Würfen sollte man nicht früher als im Alter von knapp vier Wochen von der Mutter trennen, um sicher zu sein, dass sie sich auch später gut weiterentwickeln; bei Würfen von nur drei oder vier Jungen kann die Trennung bereits nach drei Wochen erfolgen. Da die Männchen schon mit 30 bis 35 Tagen geschlechtsreif werden können, ist es zwingend notwendig, die jungen Männchen spätestens nach vier Wochen von ihren Schwestern, ihrer Mutter und den anderen Weibchen zu trennen, um weiteren Nachwuchs zu vermeiden.

Die Lebenserwartung von Farbmäusen beträgt in der Regel etwa 1,5 bis 2 Jahre, einzelne Tiere können aber auch erheblich älter werden. Eine häufige Todesursache sind Tumoren.

Einsatz in der Forschung[Bearbeiten]

Labormaus vom Stamm C57BL/6 (Black 6), weiblich, 22 Monate alt

Die domestizierte Form der Hausmaus stellt einen der wichtigsten Modellorganismen dar. Für Forschungszwecke wurden solche Farbmäuse („Labormäuse“) als Inzuchtstämme mit jeweils unterschiedlichen genotypischen Eigenschaften gezüchtet: So eignet sich der Stamm „NMRI“ besonders für verhaltensbiologische Tests (die Abkürzung steht für dessen Herkunft aus dem Naval Medical Research Institute), andere Stämme neigen zu besonders früher Tumor-Bildung und werden daher in der Krebsforschung eingesetzt, und an wieder anderen Stämmen können Medikamente zum Beispiel gegen epileptische Anfälle erprobt werden. Bekannte Stämme sind beispielsweise „C57BL/6“, „NOD“ und nude mouse (die Nacktmaus). Seit den frühen achtziger Jahren wurde es möglich, gezielt Mäuse genetisch so zu verändern, dass neue Gene eingebracht werden (sogenannte transgene Mäuse) oder Gene in der ganzen Maus oder in einzelnen Geweben ausgeschaltet sind („Knockout-Maus“ oder konditional-gendefiziente Maus). Derartige gentechnisch veränderte Mausstämme werden zur Erforschung der Funktion und Bedeutung von Genen intensiv genutzt. Man schätzt, dass derzeit Knock-out-Mäusestämme für etwa ein Drittel aller bekannten Gene generiert wurden. Für die Generierung der ersten Knockout-Maus und ihren darauffolgenden Arbeiten wurde Martin Evans, Mario Capecchi und Oliver Smithies 2007 der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin vergeben.[1] Mäuse sind allerdings nicht für alle Forschungsthemen gleichermaßen geeignet: Die Aktivierung von Genen nach einer Entzündung folgt bei den Mäusen beispielsweise einem anderen Muster als bei den Menschen.[2]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

  • DMRM e.V. Deutscher Mäuse-Rassezuchtverein Muroidea e. V.
  • Mausebande.com Tierschutzorientiertes Forum mit umfangreichem Wiki über Gesundheit, Ernährung und Haltung von Farbmäusen
  • Das Mäuseasyl e.V. Überregionaler Tierschutzverein zur Vermittlung von Farbmäusen in artgerechte Haltung
  • Farbmaus Info Informationsportal zur Vermeidung von Haltungsfehlern in der Farbmaushaltung

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Informationen der Nobelstiftung zur Preisverleihung 2007 an Martin Evans, Mario Capecchi und Oliver Smithies (englisch)
  2. Junhee Seok et al.: Genomic responses in mouse models poorly mimic human inflammatory diseases. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Online-Vorabveröffentlichung vom 11. Februar 2013, doi:10.1073/pnas.1222878110