Fassbrause

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Ein Glas Fassbrause

Fassbrause ist ursprünglich eine aus natürlichen Frucht- und Kräuterzusätzen sowie Malzextrakt hergestellte Limonade. Seit einigen Jahren werden auch andere alkoholfreie Brauprodukte oder alkoholhaltige Biermischgetränke in verschiedenen Geschmackssorten als „Fassbrause” bezeichnet. Der Name leitet sich von der ursprünglichen Abfüllung aus Fässern der Brauereien ab, später wurde Fassbrause auch in Flaschen abgefüllt.

Geschichte und Verbreitung in Berlin und Brandenburg[Bearbeiten]

Der Chemiker Ludwig Scholvien erfand 1908 in Berlin Fassbrause für seinen Sohn, um ihm ein in Farbe und Geschmack dem Bier ähnliches alkoholfreies Getränk anzubieten. Zu diesem Zweck enthält das von Scholvien entwickelte Originalrezept neben den überwiegend in Brauereien verwendeten Zutaten Wasser und Malz ein natürliches Konzentrat aus Äpfeln und Süßholzwurzeln.[1] In den 1960er-Jahren wurde in den USA ein Getränk namens Apple Beer eingeführt, welches auf dem Fassbrause-Rezept der Dr. Scholvien GmbH & Co. Essenzenfabrik basierte. Nach Übernahme der Essenzenfabrik im Jahr 1985 stellte die Wild GmbH & Co. KG am Produktionsstandort in Berlin-Spandau das Konzentrat her, bevor sie es an die zum Oetker-Konzern gehörende Radeberger Gruppe verkaufte. Heute ist diese Fassbrause vor allem im Berliner Raum auch weiterhin tatsächlich „vom Fass” erhältlich und wird dort als Spezialität angesehen. Deshalb wird das alkoholfreie Getränk im Berliner Dialekt ironisch Sportmolle (von berlinerisch Molle = Bier) genannt. Fassbrause kann ebenfalls mit Bier gemischt getrunken werden und wird in Berlin und Brandenburg als „Gespritztes“ bezeichnet.

Im Süden Brandenburgs ist Fassbrause rot, weil sie auf Himbeerbasis gegoren wird. Sie steht in Tradition zu der in der DDR beliebten „roten Fassbrause“.

Den größten Anteil am Fassbrause-Markt haben die mit Wasser von Mineralquell Bad Liebenwerda hergestellte Marke Rixdorfer[2], die in der 0,33-l-Flasche für die Berliner Kindl Brauerei vertrieben wird,[3] sowie die Berliner Fassbrause von Spreequell. Seit August 2012 gibt es in Berlin die koffeinhaltige Fassbrause Kreuzbär.[4]

Entwicklung als „Fassbrause” bezeichneter Produkte[Bearbeiten]

Marktplatzierung und Vermarktung seit 2009[Bearbeiten]

Bis zum Jahr 2009 war die Marktbedeutung der klassischen Fassbrause gering und die markenrechtlich nicht schutzfähige Gattungsbezeichnung über die Region Berlin-Brandenburg hinaus wenig bekannt. Der Begriff „Fass“ wird vor allem in der Gastronomie in Verbindung mit Brauerei und dem Produkt Bier gebracht. „Brause“ wird in diesem Zusammenhang allgemein als ein Synonym für ein mit Kohlensäure versetztes Getränk verstanden.[5] Dieses Schattendasein der ursprünglichen Fassbrause, die freie Verfügbarkeit des Namens und zudem der Domain[6] sowie die Möglichkeit, die Rezeptur frei wählen zu können, erkannte der Marketing-Berater Andreas Huse und empfahl der Kölner Privatbrauerei Gaffel Becker & Co die Herstellung und Vermarktung eines alkoholfreien Erfrischungsgetränkes namens „Gaffels Fassbrause“. Diese rheinische Variante sollte eine Kombination aus einem alkoholfreien, kalorienreduzierten Radler und einer, mit natürlichen Ingredienzien angereicherten, Bio-Limonade sein. Ziel war es, der renommierten Fassbiermarke „Gaffel Kölsch“ ein neuartiges alkoholfreies Erfrischungsgetränk zur Seite zu stellen, um zeitgemäßen Verbraucherwünschen zu entsprechen und den abflauenden Bierabsatz zu kompensieren. Die Brauerei entwickelte das Produkt und führte die Marke im April 2010 ein. Innerhalb eines halben Jahres erreichte die Brause 15 % am Gesamtabsatz der Brauerei. Nicht zuletzt die sogenannten Fernsehmarken „Holsten“, „Krombacher“ und „Veltins“ sorgten für hohe Bekanntheit und schufen bundesweit ein neues Segment im Getränkemarkt: Da der Name „Fassbrause” nicht geschützt ist,[1] bieten mittlerweile viele Brauereien „Fassbrausen” als Ergänzung ihres alkoholfreien Produktsortiments an, die sich in Farbe, Zutaten und Geschmack von der ursprünglichen Fassbrause deutlich unterscheiden.[7] Diese neuartigen „Fassbrausen“ nutzen folglich nur den Namen, weil die originale Fassbrause kein Biermischgetränk, sondern eine Limonade ist.

"Zille´s Rote Fassbrause"

Anbieter und Verbreitung[Bearbeiten]

Diese „Fassbrausen“ können eine Mischung aus Limonade und Malzextrakt oder alkoholfreiem Bier sein. Mehr als ein Dutzend Varianten dürften mittlerweile auf dem Markt sein.[8] Die Hersteller dieser „Fassbrausen” verweisen auf die gegenüber reiner Limonade oder Cola vergleichsweise geringe Kalorienanzahl.[9] Im Mittelpunkt steht folglich die Vermarktung eines als „Fassbrause” deklarierten Getränks als Trend, der eine „traditionelle Sorte mit aktueller Geschmacksinterpretation” verbindet.[10][7] Neben der „Gaffels Fassbrause“[11], die sogar nach Unternehmensangaben nur „der rheinische Namensvetter der Berliner Fassbrause, aber weder mit ihr verwandt noch verschwägert“[12] ist, gibt es aus diesem Grund seitdem vornehmlich in Nordrhein-Westfalen Brauereianbieter, die „Fassbrause” auf Basis eines alkoholfreien Brauproduktes herstellen und in mehreren Geschmacksrichtungen anbieten: Sowohl kleine regionale und Privatbrauereien[13][9][14] als auch Branchegrößen[9][15] haben „Fassbrausen“ im Sortiment.[8] Allein im Jahr 2012 stellte ein halbes Dutzend Brauereien ihre neuen Produkte vor.[16] Neben der Roten Himbeerbrause gibt es Varianten in Geschmacksrichtungen wie Waldmeister (grün), Zitrone (klar), Grapefruit, Holunder und Cassis (rot), Orange (gelb-orange) und Blaubeere (violett). Diese Produkte werden ausschließlich in Mehrwegflaschen abgefüllt und verkauft.

Drei verschiedene Fassbrausen

Kritik[Bearbeiten]

Obwohl in der lebensmittelrechtlichen Literatur die Bezeichnung von Erfrischungsgetränken als „Fassbrause“ als rechtlich unbedenklich eingestuft wird,[17] haben Lebensmittelkontrolleure die irreführende Deklaration dieser Mischgetränke mit alkoholfreiem Bier – welches einen Alkoholgehalt von bis zu 0,5 % aufweisen kann – als „Fassbrause” kritisiert, weil es sich nach ihrer Auffassung dabei nicht um eine Brause im lebensmittelrechtlichen Sinn handelt.[18] Für „trockene Alkoholiker“ ist ein solches Getränk ungeeignet und Eltern werden bewusst im Unklaren gelassen, dass mit solchen Getränken an ihre Kinder Alkohol ausgeschenkt wird.[19] Suchtselbsthilfegruppen haben diese Produkte mit Alkopops verglichen, weil konsumierende Jugendliche „sehr früh, gemessen am Lebensalter, an den Geschmack von Bier herangeführt“ werden.[20] Ähnlich kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Ernährung die Vermarktung derartiger „Fassbrausen“ als „alkoholfreie Mischgetränke“: „Das ist auch die Krux für den Verbraucher und gerade, wenn man es Kindern zu trinken geben möchte. Wenn es nur eine Limonade ist, mit Kräuterauszügen, Fruchtauszügen, dann kann man das […] ab und zu den Kindern gerne mal geben. Wenn da aber jetzt alkoholfreies Bier mit drin ist, dann wird es problematisch. Ein weiterer Punkt, […] wenn es eben nach Bier schmeckt, dann gewöhnen sich die Kinder natürlich auch an den Geschmack von Bier und das sollte nicht sein.“[19] Beispielsweise bietet die Krombacher Brauerei ihre „Fassbrausen” in den Geschmackssorten „Holunder” und „Zitrone” an, betont jedoch gleichzeitig, diese Getränkesorten nach eigenen Angaben nur „mit eben jener Rezeptur, wie sie 'traditionell' im Osten üblich war – aus Malzextrakt und Limo” herzustellen.[21] Aus diesem Grund haben sich Anbieter solcher „Fassbrausen“ dem Vorwurf des Etikettenschwindels ausgesetzt gesehen.[22][23][21] Die Behörden haben im Nachgang allerdings keine weiteren Maßnahmen ergriffen, weil weder für die Herstellung noch für die Kennzeichnung von „Fassbrausen“ eine Norm existiert.[24]

Fassbrause abgefüllt in einer Flasche

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Sportmolle auf der Überholspur, Artikel in der Zitty vom 2. Mai 2012.
  2. Rixdorfer Fassbrause von Mineralquell Bad Liebenwerda
  3. Rixdorfer Fassbrause der Berliner Kindl Brauerei
  4. Fassbrause aus Kreuzberg, Tip, 29. August 2012, abgerufen am 10. April 2013.
  5. Zeitschrift für das gesamte Lebensmittelrecht, 4/2012, 39. Jg., S. 483.
  6. Fassbrause.de
  7. a b Immer mehr Produkte im Regal: Fassbrause erlebt Sorten-Revival als natürliche und alkoholfreie Limo, Meldung von Presseportal vom 29. Mai 2012.
  8. a b Carsten Dierig: Die Renaissance eines längst vergessenen Getränks, Die Welt, 7. September 2012, abgerufen am 10. April 2013.
  9. a b c Brauerei Veltins attackiert mit Fassbrause Marktführer Bionade, Artikel auf Der Westen vom 1. März 2012.
  10. Gero Brandenburg: Limonade beschert Krombacher neuen Rekord, Artikel im „Handelsblatt” vom 24. Januar 2012.
  11. Fassbrause aus der Brauerei, Artikel in der Welt am Sonntag vom 28. März 2010.
  12. Gaffels Fassbrause Privatbrauerei Gaffel Becker & Co
  13. Barre kommt mit Fassbrause und Welde mit Weizenbierkeller, Infodienst, 17. März 2011, abgerufen am 10. April 2013.
  14. Neue Fassbrause kommt 2011, Kölner Stadt-Anzeiger, 7. Dezember 2010, abgerufen am 10. April 2013.
  15. Holsten bringt Fassbrause auf den Markt, markenartikel, 9. Januar 2012, abgerufen am 10. April 2013.
  16. Immer mehr Produkte im Regal: Fassbrause erlebt Sorten-Revival als natürliche und alkoholfreie Limo (BILD), Restaurant-Catalog.com, abgerufen am 10. April 2013.
  17. Peter Hahn und Mario Genth: „Fassbrause“ – Nichts weiter als eine Verbrauchertäuschung?, in: ZLR 2012, S. 476–485.
  18. Nur fast eine Fassbrause, Artikel im Focus vom 26. März 2012.
  19. a b Fassbrause ist nichts für Kinder. Ein Sommergetränk mit Nostalgieeffekt, Beitrag „Umwelt und Verbraucher“, Deutschlandfunk vom 8. August 2012.
  20. Stellungnahme zur Fassbrause (PDF; 281 kB), Return Suchtselbsthilfe e.V. Dortmund (2012).
  21. a b Ist der Name „Fassbrause” ein Fall von Etikettenschwindel?, Artikel auf „Der Westen” vom 26. April 2012.
  22. Brauereien im Verdacht des Etikettenschwindels, Artikel in der Welt vom 26. März 2012.
  23. Kontrolleure kritisieren Etikettenschwindel bei Fassbrause, Artikel auf Der Westen vom 27. März 2012.
  24. Zeitschrift für das gesamte Lebensmittelrecht, 4/2012, 39. Jg., S. 479.