Petroglyphe

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Südliches Utah
Karawane von Dickhornschafen, Moab
Der Newspaper Rock in Utah
In einen Felsblock geritzte Vulva, La Ferrassie
Mesquite Springs (Death Valley)
Steingravuren bei Twyfelfontein

Petroglyphen (von griech. petro, Stein und griech. glyphein, schnitzen) sind in Stein gearbeitete Felsbilder aus prähistorischer Zeit. Anders als Felsmalereien werden Petroglyphen graviert, geschabt oder gepickt und damit in den Fels eingetieft.

Verbreitung[Bearbeiten]

Petroglyphen sind weltweit verbreitet. In Europa gibt es sie seit dem Aurignacien. Damit gehören sie zugleich zu den frühesten Kulturäußerungen des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens).

Techniken[Bearbeiten]

Es gibt drei Grundtechniken zur Herstellung von Petroglyphen, die häufig auch am gleichen Motiv angewandt sein können:

  • Gravieren (oder Ritzen) bezeichnet das Eintiefen von dünnen Linien in das Gestein mit Hilfe eines harten Gegenstandes;
  • Schaben (oder Schleifen) bezeichnet das Eintiefen von Flächen durch reibende Bewegungen;
  • Picken (oder Punzen) bezeichnet das Eintiefen von Flächen durch schlagende oder klopfende Bewegungen, wobei ein sehr unebenes Relief entsteht.

Anfänge[Bearbeiten]

Paläolithische Ritzungen[Bearbeiten]

Die ältesten als Kulturäußerung anerkannten Ritzungen befinden sich auf zwei Hämatit-Stücken, die in der Blombos-Höhle (Südafrika) gefunden wurden und durch ihren Schichtzusammenhang auf 77.000 Jahre datiert werden.[1] Es handelt sich hier jedoch nicht um Petroglyphen, da die Hämatitstücke nicht Bestandteil der Höhlenwand waren, sondern Objekte der mobilen jungpaläolithischen Kleinkunst. In Europa wurden die ältesten Petroglyphen in Höhlen der Dordogne und der Charente entdeckt. Ritzungen im Stein gab es hier seit dem Aurignacien, wie in La Ferrassie oder der Höhle von Pair-non-Pair. Es handelt sich um Wandreliefs, die die natürlichen Formen der Höhlenwände („Höhlentopographie“) in das Bild einbeziehen.

Die umfangreichste Fundstellenlandschaft mit Petroglyphen in Europa liegt im nordportugiesischen Côa-Tal, das als archäologischer Park erschlossen wurde (Parque Arqueológico do Vale do Côa). Die Abbildungen im Côa-Tal werden aus stilistischen Erwägungen überwiegend in das Solutréen datiert.

Bislang sind keine gesichert paläolithischen Petroglyphen aus Deutschland bekannt. In den 1930er Jahren entdeckte der Kelheimer Präparator Oskar Rieger in der Kastlhänghöhle bei Pillhausen (Unteres Altmühltal) Linien in der Felswand, die er für die Gravur eines Steinbockes hielt.[2] Wie der Paläontologe Karl Dietrich Adam ausführt, handelt es sich dabei stattdessen um natürliche Klüfte im Fels, die eine scheinbare Gravur vorspiegeln.[2] Dahingegen ist die ebenfalls von Oskar Rieger im Jahre 1937 entdeckte Figur eines Cerviden (Rothirsch) an der Wand des Kleinen Schulerlochs (Abri unterhalb des Großen Schulerlochs) als authentisch anzusehen.[3] Die nebenstehenden Runen des älteren Futharks stehen damit offenbar im Zusammenhang und lassen für die gesamten Gravuren auf eine Datierung ins Frühmittelalter (6. bis 7. Jahrhundert) schließen.[4]

Aus Gönnersdorf, einem Ortsteil von Neuwied, sind vor etwa 15.000 Jahren entstandene Schieferplattenritzungen aus der Zeit des Magdalénien bekannt. Die Darstellungen haben folgende Inhalte: Tiere, Tänzer oder Tänzerinnen sowie symbolhafte Ritzungen, die sich der Auslegung entziehen.

Neolithische Ritzungen auf Megalithen und in Höhlen[Bearbeiten]

Sehr alte Gravuren auf bearbeiteten Monolithen sind vom Göbekli Tepe in der Türkei bekannt. Viele Felsritzungen in Europa sind auf Megalithen (Grabkammern, Stelen, Menhire) überliefert. Als abstrakte Zeichen sind Petroglyphen in bretonischen (z.B. Gavrinis, des Pierres Plates), irischen (Dowth, Knowth, Fourknocks, Newgrange) und walisischen (Barclodiad y Gawres) bekannt. Konzentrische Kreise und Spiralen sind neben Zickzacklinien (Wellen) sehr verbreitet. Eine besonders feine Form der Ritzung stellen die maltesischen Altarritzungen der Tarxienphase dar. In den jüngeren Felskammern den Domus de Janas Sardiniens gibt es sie anthropomorph, zumeist aber als Stiergehörne ausgebildet.

Ritzungen auf Felsaufschlüssen[Bearbeiten]

In Schottland gibt es (z. B. im Kilmartin-Valley) eine neolithische oder bronzezeitliche Form von Felsritzungen, die als Cup-and-Ring-Markierung bezeichnet wird. Napfförmige Vertiefungen als Schälchen oder Schalen finden sich auf sogenannten Schalensteinen und auf Megalithanlagen (Großsteingrab von Bunsoh, Steinkiste (Hellekisten) in Horne). Die bronzezeitlichen Felsritzungen wurden meist auf durch Gletscherschliff geglätteten Felsen angebracht. Man findet Ritzungen in Schweden (Tanum, Brandskog, Kivik, Litsleby, Nämforsen und Sagaholm), in Dänemark (z. B. Madsebakke (Allinge-Sandvig) auf Bornholm), in Spanien (Andalusien, Extremadura, Galizien), in Portugal (Parque Arqueológico do Vale do Côa), in Italien (im Val Camonica), in Frankreich (am Mont Bégo), in Norwegen (Alta) und in der Schweiz (Carschenna).

Die Themen der Darstellungen entsprechen der gesellschaftlichen Praxis ihrer Schöpfer. So sind z.B. in Norwegen (Trøndelag, Tykamvatn) und Nordschweden jägerische Darstellungen zu finden (Tierstil). Während der Spätbronzezeit und älteren Eisenzeit werden in Skandinavien Schiffsdarstellungen häufig. Aber auch Kultwagen kommen vor. Wegen der großen Ähnlichkeit mit Abbildungen auf Rasiermessern wurden diese Petroglyphen schon von J.J.A. Worsaae als zeitgleich angesehen und korrekt der jüngeren Bronzezeit zugewiesen.

Petroglyphen in Deutschland[Bearbeiten]

Petroglyphen treten in Deutschland in Niedersachsen (Steinkiste von Anderlingen), Hessen (Steinkammergrab von Züschen), Nordrhein-Westfalen (Steinkammer von Warburg), Bayern (an verschiedenen Orten im Alpenraum) und in Sachsen-Anhalt (Steinkammer von Göhlitzsch) auf. In Sachsen-Anhalt existieren mittelneolithische Steinkammergräber, die als Innenverzierung verschiedene Ornamente und Symbole aufweisen. In jüngeren Gräbern gibt es eingebaute verzierte Steinplatten und Statuenmenhire. Letzte sind unverziert auch in Bayern (Bamberger Götzen) gefunden worden. Ferner gibt es den freistehenden verzierten Menhir von Seehausen (im Bördekreis). Neben dekorativ wirkenden Elementen, die aber auch Symbolcharakter besitzen können, erkennt man gegenständliche (z.B. Bogen, Köcher und Pfeile in Göhlitzsch) und anthropomorphe Ritzungen, die im Zusammenhang mit Vorstellungen des Fruchtbarkeitskultes stehen.

Bedeutung[Bearbeiten]

Petroglyphen sind von unzähligen Völkern und von allen Kontinenten, ausgenommen der Antarktis, bekannt. Oft haben die Darstellungen für die Gemeinschaften, von denen sie stammen, eine hohe kulturelle und religiöse Bedeutung. Dabei sind aber keine generellen Rückschlüsse zulässig. Das Erkennen der Bedeutung von Petroglyphen ist, wenn überhaupt, nur durch sehr gute Kenntnisse der Kultur, die sie hergestellt hat, möglich. Die Erforschung der Bedeutung von Petroglyphen ist Gegenstand der Archäologie und der Ethnologie.

Fundstellen (Auswahl)[Bearbeiten]

Europa

Nord-Amerika

Lateinamerika

Asien

Australien

  • Halbinsel Murujuga (Burrup-Peninsula) vor dem Dampier-Archipel, hunderttausende von Bildern, die „Bibel der Aborigines“, werden von einer großräumigen industriellen Erschließung bedroht[13][14]
  • am Lake Taupo auf der Nordinsel Neuseelands. Die Felszeichnungen der Māori sind nur vom Boot aus erreichbar. Sie sind dienen hier nur als Beispiel traditioneller Māori-Kunst, denn sie sind nicht aus prähistorischer Vergangenheit, sondern in den letzten 50 Jahren angefertigt worden.
  • im Kakadu-Nationalpark, Northern Territory, besonders am Ubirr und am Nourlangie Rock, sind viele, bis zu 20.000 Jahre alten Felszeichnungen zu besichtigen.
  • auch am Uluru (Ayers Rock) finden sich viele Felszeichnungen.

Afrika

Steinritzungen in Europa[Bearbeiten]

Namensherkunft[Bearbeiten]

Namensbestandteile sind pétros und glýphein: altgriechisch πέτρος pétros „Stein“, „Fels“ und γλύφειν glýphein „aushöhlen“, „herausschnitzen“; wörtlich „Steinritzungen“; übertragen „Felsenzeichnungen“[15][16].

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Karl Dietrich Adam, Renate Kurz: Eiszeitkunst im süddeutschen Raum. Theiss, Stuttgart 1980, ISBN 3-8062-0241-9.
  • Herbert Kühn: Die Felsbilder Europas. Kohlhammer, Stuttgart 1952.
  • Detlef W. Müller: Petroglyphen aus mittelneolithischen Gräbern von Sachsen-Anhalt. In: Karl W. Beinhauer u. a. (Hrsg.): Studien zur Megalithik. Forschungsstand und ethnoarchäologische Perspektiven. = The megalithic phenomenon. Recent research and ethnoarchaeological approaches (= Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas. Bd. 21). Beier & Beran, Mannheim u. a. 1999, ISBN 3-930036-36-3, S. 199–214.

Medien[Bearbeiten]

  • Schätze der Welt – Erbe der Menschheit. Die Felsgravuren von Twyfelfontein, Namibia – Verschlüsselte steinerne Botschaft. Fernsehreportage, Deutschland, 2008, 14:31 Min., Buch und Regie: Christian Romanowski, Produktion: SWR, Erstsendung: 23. Dezember 2008, [1] mit online-Video

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Christopher S. Henshilwood u. a.: Emergence of Modern Human Behavior: Middle Stone Age Engravings from South Africa. In: Science. Bd. 295, 2002, S. 1278–1280, doi:10.1126/science.1067575. Siehe dazu auch die Abbildung unter spiegel.de vom 11. Januar 2002: Steinzeitkünstler ritzte rätselhafte Zeichen. bzw. in The Japan Times, vom 13. Januar 2002
  2. a b Adam, Kurz: Eiszeitkunst im süddeutschen Raum. 1980, S. 71–72, 107–108.
  3. Adam, Kurz: Eiszeitkunst im süddeutschen Raum. 1980, S. 57.
  4. Adam, Kurz: Eiszeitkunst im süddeutschen Raum. 1980, S. 71–72.
  5. Jost Gudelius: Die Jachenau. Unter Einbeziehung der Chronik von Johannes Nar von 1933 einschließlich des familiengeschichtlichen Beitrags von Josef Demleitner von 1933 und des geologischen Beitrags von Kurt Kment von 2004. Gemeinde Jachenau, Jachenau 2008, ISBN 978-3-939751-97-7, S. 20.
  6. Garmischer Tagblatt: Ursprung vor Christi Geburt?, 24. Juni 2009, S. 10.
  7. El arte rupestre de la cueva de Tito Bustillo (spanisch)
  8. Three Rivers Petroglyphs (englisch)
  9. „Gobustan Rock Art Cultural Landscape“, UNESCO World Heritage Centre
  10. „Gobustan National Historical-Artistic Preserve“
  11. „Petroglyphs within the Archaeological Landscape of Tamgaly“, UNESCO World Heritage Centre
  12. Dirk Hecht, Rock Art in the Aqaba-Area. In: Orient-Archäologie Band 23 (2009), 113-126
  13. WDR: „Der Schatz von Murujuga. Erdgasgigant bedroht ältestes Kulturerbe der Aborigines“ (PDF; 86 kB), WDR, 4. Mai 2008
  14. Archaeology and rock art in the Dampier Archipelago
  15. Max Ebert: Reallexikon der Vorgeschichte. Berlin 1926.
  16. Der Große Brockhaus in 12 Bänden. Wiesbaden, 1956

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Petroglyphs – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Petroglyphe – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen