Femen
| Femen | |
|---|---|
| Gründung | 2008 |
| Sitz | Friday Harbor, Washington |
| Personen | |
| Aktionsraum | Global |
| Schwerpunkt | Frauenrechte |
| Website | www.femen.info |
Femen (Eigenschreibung FEMEN, ukrainisch Фемен) ist eine am 11. April 2008 in Kiew gegründete feministische Gruppe in der Ukraine, die durch provokante Aktionen internationale Beachtung gewonnen hat. Gründerin und Leiterin ist Anna Hutsol (* 16. Oktober 1984).
Das Markenzeichen von Femen sind Oben-ohne-Aktionen, bei denen die Aktivistinnen ihre nackten Oberkörper mit Parolen bemalt haben und Blumenkränze im Haar tragen. Für diese Aktionsform wird von Femen auch die Bezeichnung sextremism oder Sextremismus verwendet.[1][2] Seit 2011 führt die Gruppe ihre Aktionen nicht nur in der Ukraine, sondern europaweit durch. Die Aktionen von Femen finden oft erhebliche Resonanz in den Medien.
Inhaltsverzeichnis |
Femen [Bearbeiten]
Die Organisation tritt für Frauenrechte ein. Die Aktivistinnen von Femen sind vor allem junge Frauen, oft Studentinnen. Nach der Gründung 2008 war Femen zunächst nur in der Ukraine aktiv und wandte sich mit der Parole „Die Ukraine ist kein Bordell“ (Україна — не бордель!) gegen Sextourismus und Zuhälterei. Gleichzeitig wurde die Bestrafung von Männern gefordert, die Prostitution in Anspruch nehmen. Femen erlangte rasch internationale Beachtung. Seit 2011 führt die Organisation auch in anderen europäischen Ländern Aktionen durch und eröffnete 2012 in Paris ein Ausbildungszentrum.[3] Seit 2012 existieren in Deutschland zwei Gruppen von Femen.[4]
Femen begründet ihre provokanten Methoden damit, diese seien „der einzige Weg, um gehört zu werden. Wenn wir einfach Proteste mit Transparenten durchführen, dann werden unsere Forderungen nicht bemerkt.“[5][6] Bislang wurde der Gruppe vom ukrainischen Justizministerium die Anerkennung als Organisation verweigert, da ihre Ziele als „Aufruf zur Störung der öffentlichen Ordnung“ aufgefasst werden könnten.[7] Nach Aussage von Anna Hutsol will Femen die "größte und einflussreichste feministische Organisation Europas" werden.[8]
Ausgewählte Aktionen [Bearbeiten]
- August 2008: Etwa 50 Aktivistinnen der Gruppe versammelten sich in Kiew auf dem Majdan Nesaleschnosti. Unter der Losung „Die Ukraine ist kein Bordell“ protestieren sie gegen Sextourismus.[9]
- 2009: Ähnliche Aktionen werden in Kiew vor der türkischen Botschaft und auf dem Chreschtschatyk wiederholt.[10]
- März 2010: Nachdem der ukrainische Ministerpräsident Mykola Asarow im März 2010 erklärt hatte, Politik sei keine Frauensache, forderte Femen die Freundinnen und Ehepartnerinnen der Regierungsmitglieder zum Sexboykott auf. Ferner erklärten sie, dass die „Geringschätzung der Frauen und die Einschränkung deren gesellschaftlicher Rolle in der Ukraine bereits eine gefährliche Tendenz angenommen habe.“[11]
- Februar 2011: Aktion vor der italienischen Botschaft in Kiew gegen das von Silvio Berlusconi vermittelte Frauenbild in Italien.[12]
- Mai 2011: Aktion gegen Kinderhandel und Leihmutterschaft.[13]
- Oktober 2011: Aktion gegen die Organisation der Fußball-Europameisterschaft 2012.[14]
- Oktober 2011: Drei Femen-Aktivistinnen posierten als Hausmädchen verkleidet in Paris vor dem Haus von Dominique Strauss-Kahn, um ihn als Sexisten zu brandmarken.[15]
- Dezember 2011: Femen schloss sich in Moskau den Protesten nach den russischen Parlamentswahlen an.[16]
- Dezember 2011: Protest in der weißrussischen Hauptstadt Minsk gegen Präsident Aljaksandr Lukaschenka.
- Drei Femen-Mitglieder wurden nach eigenen Angaben von Geheimdienstleuten entführt, mit Verbrennung bedroht, geschoren und am Ende nackt in einem Wald ausgesetzt.[17]
- Januar 2012: Aktion in Davos gegen das Weltwirtschaftsforum.[18]
- Internationalen Frauentag 2012: Protest in Istanbul gegen häusliche Gewalt in der Türkei.[19]
- Sommer 2012: Protest gegen die Teilnahme frauenunterdrückender islamischer Staaten an den Olympischen Spielen in London.[20]
- 2012: Protestaktionen gegen Prostitution und Menschenhandel in Deutschland unter anderem vor dem Kölner Bordell Pascha und in der Hamburger Herbertstraße.
- Bei der Berlinale 2013 stürmten halbnackte Femen-Aktivistinnen den roten Teppich, um auf das Thema „weibliche Genitalverstümmelungen“ aufmerksam zu machen.
- Februar 2013: Femen beteiligte sich in Berlin an einer Demonstration gegen die rechtsextreme NPD.[21]
- Am 4. April 2013 demonstrierten Femen-Aktivistinnen im Rahmen eines Topless Jihad Day.[22] in mehreren europäischen Städten, unter anderem in Berlin-Wilmersdorf vor der Ahmadiyya-Moschee, gegen die Unterdrückung der Frauenrechte in islamischen Ländern und erklärten sich mit der tunesischen Femen-Aktivistin Amina Tyler solidarisch, die im März 2013 aus Protest gegen islamistische Moralvorstellungen Fotografien von sich auf Facebook veröffentlicht hatte, auf denen sie mit nackter Brust und mit auf den Oberkörper geschriebenen Parolen abgebildet war.[23][24]
- Am 8. April 2013 bestürmten zwei Aktivistinnen auf der Hannover Messe in Anwesenheit von Kanzlerin Angela Merkel den russischen Präsidenten Wladimir Putin und trugen dabei Schriftzüge wie „Fuck Putin“ auf den nackten Oberkörpern.[25][26]
Rezeption [Bearbeiten]
In der Gründungsphase von Femen war die Rezeption der Organisation in den Medien fast einhellig positiv, so wurde z.B. herausgestellt, die Organisation kämpfe "gegen den Verfall ihres Landes und für die Rechte der Frauen".[27]
Seitdem die Organisation auch regelmäßig außerhalb der Ukraine spektakuläre Aktionen durchführt, wurden zunehmend kritische Stimmen laut. Femen wurde unter anderem wiederholt vorgehalten, dass ihre Aktionen vor allem auf Medienwirksamkeit ausgerichtet seien, eine vertiefte inhaltliche Arbeit leiste die Gruppe nicht. Auch sei die Struktur und die Finanzierung der Organisation nicht transparent.[28][29]
Im August 2012 sorgten die Aktivistinnen von Femen auch in der Ukraine für viel Kritik, als sie demonstrativ ein christliches Kreuz in der Nähe des Majdan mit einer Kettensäge zerstörten. Das Kruzifix war als Andenken an die Opfer der stalinistischen Repressionen errichtet worden. Femen wollte damit eigenen Angaben nach Solidarität mit Pussy Riot ausdrücken.[30]
In Deutschland wurde eine Femen-Aktion in der Hamburger Herbertstraße kritisiert, bei der die Aktivistinnen ein Transparent mit der Parole „Arbeit macht frei“ am Eingang anbrachten und Slogans wie „Sex-Sklaverei ist Faschismus“ und „Prostitution ist Genozid“ verbreiteten. Die antisexistische Gruppe e*vibes aus Dresden bezeichnete in einem offenen Brief an Femen die Gleichsetzung von Prostitution mit dem Holocaust als „in keiner Weise tragbar“.[31][32]
Die von Femen Anfang April 2013 durchgeführten Aktionen gegen die "Unterdrückung der Frauenrechte in islamischen Ländern" führten zu kritischen Reaktionen von Muslimas. Unter anderem wurde Femen vorgehalten, zu pauschal von einer Unterdrückung der Frauen im Islam zu sprechen und Muslimas als hilflose Gruppe darzustellen, die es von außen zu emanzipieren gelte.[33] Zugleich wurde von Joseph Daher die ironische Frage gestellt, wo die Organisation während des arabischen Frühlings war.[34]
Als Reaktion auf den von Femen initiierten Topless Jihad Day, wurde die Online-Kampagne Muslimah Pride Day gestartet.[35][2]
Literatur [Bearbeiten]
Galia Ackermann, Anna Hutsol, Inna Chevtchenko, Oksana Chatchko, Sacha Chevtchenko: Femen. Calmann-Levy, 2013, ISBN 978-2702144589
Weblinks [Bearbeiten]
- femen.info
- femen.livejournal.com
- FEMEN.tv
- „Alle fürchten sich vor unseren Brüsten“, Interview mit der Femen-Aktivistin Inna Schewtschenko von Stefan Draschan im Standard, 28. März 2011
- Der nackte Protest von Femen, Kultur.montag tv ORF 11. Juni 2012, Video der Sendung auf Youtube
- „Mühen der Ebene“ contra „Glamour-Feminismus“, Die gegenwärtige Debatte um Frauenbilder und Geschlechtergerechtigkeit. In: Ukraine-Analysen Nr. 77, Juni 2010, S. 2-5 (PDF; 1,2 MB)
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Inna Shevchenko: Sextremism: The New Way for Feminism to Be! In: The Huffington Post, 2. Juli 2013 (englisch).
- ↑ a b Cigdem Akyol: „Du brauchst mich nicht zu befreien“ In: die tageszeitung, 28. April 2013.
- ↑ Axel Veiel: Sextremismus in Paris. In: Berliner Zeitung, 15. März 2013.
- ↑ Fabian Reinbold: Die Oben-ohne-Brigade In: Spiegel Online, 23. April 2013.
- ↑ “Ukraine is not a bordello” In: Russia Today, 14. Dezember 2009 (englisch).
- ↑ Katja Bauer: „Angezogen interessieren wir nicht“ In: Stuttgarter Zeitung, 19. April 2013.
- ↑ Ukraine erkennt feministische Gruppe nicht an. In: Focus, 16. Januar 2012.
- ↑ Dirk Schneider: Was würdest du gerne schreien? In: Zündfunk, 14. März 2013.
- ↑ Die Ukraine darf kein Bordell werden. Die Presse, 12. August 2008, abgerufen am 27. Apr 2013.
- ↑ André Eichhofer: Mit Krawall gegen Sextourismus. In: Spiegel Online. 30. Juli 2009, abgerufen am 27. Apr 2013.
- ↑ Ukraine: Feministinnen rufen zu Sexboykott gegen neue Regierung auf. RIA Novosti, 22. März 2010, abgerufen am 25. Apr 2013.
- ↑ Emmanuel Haddad: Ukraine grüßt Italien: Femen-Mädels barbusig an der Front. cafebabel.com, 15. Februar 2011, abgerufen am 25. Apr 2013 (Interview mit Inna Schewtschenko).
- ↑ Baby for sale. Medwedew Magazin, 31. Mai 2011, abgerufen am 25. Apr 2013.
- ↑ FEMEN topless auf der Eröffnungszeremonie in Kiew. Medwedew Magazin, 9. Oktober 2011, abgerufen am 25. Apr 2013.
- ↑ Maxi Leinkauf: Gewagte Argumente. Der Freitag, 1. November 2011, abgerufen am 25. Apr 2013.
- ↑ Nackte Haut gegen Putin. Stern, 9. Dezember 2011, abgerufen am 25. Apr 2013.
- ↑ Geheimdienst hat offenbar Demonstrantinnen entführt. Spiegel Online, 20. Dezember 2011, abgerufen am 25. Apr 2013.
- ↑ Nackt-Protest am WEF. Tagesschau (SF), 28. Januar 2012, abgerufen am 25. Apr 2013.
- ↑ Nackte Frauenrechtlerinnen in Istanbul festgenommen. AFP, 8. März 2012, abgerufen am 25. Apr 2013.
- ↑ Jutta Schwengsbier: Sexy FEMENismus. In: Deutschlandfunk. 12. August 2012, abgerufen am 25. Apr 2013.
- ↑ Olga Kapustina: Femen Deutschland - Protest mit nackter Haut. In: Funkhaus Europa. 18. Februar 2013, abgerufen am 25. Apr 2013.
- ↑ Leben retten mit nackter Brust. In: Stern. 4. April 2013, abgerufen am 25. Apr 2013.
- ↑ Halbnackter Frauen-Protest vor Berliner Moschee. Berliner Morgenpost, 4. April 2013, abgerufen am 7. April 2013.
- ↑ Mit blanken Brüsten gegen Islamisten: Femen-Protest in Berlin. dtoday.de, 4. April 2013, abgerufen am 7. April 2013.
- ↑ Femen-Aktivistinnen bestürmen Putin. In: Handelsblatt. 8. April 2013, abgerufen am 25. April 2013.
- ↑ Kate Connolly: Femen activist tells how protest against Putin and Merkel was planned. In: The Guardian. 12. April 2013, abgerufen am 15. April 2013 (englisch).
- ↑ Matthias Kolb: Schlammschlacht für ein besseres Land. In: Jetzt, 9. November 2008.
- ↑ Martine Brocard: Was die Femen verhüllen. In: SonntagsZeitung, vom 10. März 2013.
- ↑ Nadja Schlüter: Die Covergirls des Protestes. In: Jetzt, 19. Februar 2012.
- ↑ Jutta Schwengsbier, Ivan Gayvanovych: Neuer Fall von Blasphemie? In: Deutschlandradio, 20. August 2012.
- ↑ Offener Brief an Femen Germany. In: e*vibes, 29. Januar 2013.
- ↑ Simon Brecht: Peta für Frauen. In: Jungle World, 21. Februar 2013.
- ↑ Nadia Pantel: Nacktes Missverständnis. In: Süddeutsche Zeitung, 8. April 2013.
- ↑ Paola Salwan Daher, Joseph Daher: Femen: You're doing it wrong. In: al-akhbar.com, 28. April 2013 (englisch).
- ↑ Facebook-Seite von Muslim Women Against Femen, abgerufen am 25. April 2013