Femizid

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Femizid, auch Feminizid (‚Frauentötung‘; aus englisch femicide, analog zu englisch homicide ‚Tötung eines Menschen‘ in Anlehnung an lateinisch femina ‚Frau‘ und lateinisch caedere ‚töten‘[1]), ist die Tötung von Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht (Geschlechtermord).[2]

Das Wort „Femizid“ wird auch in einer allgemeineren Bedeutung für jegliche Gewalt an Mädchen und Frauen mit Todesfolge unabhängig von der Motivation verwendet.[2]

Wortherkunft[Bearbeiten]

Der englischsprachige Begriff femicide wird seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts verwendet. Er wurde als Alternative zu dem geschlechtsneutralen Wort homicide vorgeschlagen, um geschlechtsspezifische Unterdrückung und systematische Gewalt gegen Frauen zum Ausdruck zu bringen.[3]

Vorkommen[Bearbeiten]

Geschlechtsbezogene Morde werden weltweit begangen. Die Aufmerksamkeit dafür ist in der Regel gering. Insgesamt werden erheblich weniger Morde an Frauen begangen als an Männern.[3] Berichte über Frauentötungen liegen aus folgenden Staaten vor:

  • Afghanistan: Frauen, die erlittene Vergewaltigungen thematisieren, riskieren Opfer von Ehrenmorden zu werden.[4] Eine hohe Zahl Frauen, hauptsächlich politische Aktivistinnen wurden ermordet und die Täter nicht angeklagt.[5][3]
  • Chile: Das chilenische Netzwerk gegen häusliche and sexuelle Gewalt macht Femizide öffentlich. Sie betreffen eine signifikante Anzahl an Frauen.[6]
  • China: Als Hauptgrund für selektive Abtreibungen wird die Ein-Kind-Politik und die traditionelle Rolle von männlichen Nachkommen angesehen.[7] Töchter haben als Nachwuchs keinen Wert. Die Folge ist, dass es zu wenige Mädchen gibt. Die Differenz mit 163 Millionen fehlenden Frauen in Asien entspricht bereits der Gesamtanzahl der weiblichen Bevölkerung der USA.[8]
  • El Salvador: Das Land hat mit jährlich 12,0 Morden auf 100.000 Einwohnerinnen die höchste Frauenmordrate der Welt.[9] Insgesamt gibt es 69,2 Morde auf 100.000 Einwohner.[10]
  • Guatemala: Es geschehen noch immer brutale Frauenmorde aus Überzeugung in dem von 36 Jahren Bürgerkrieg geprägten Land.[11] Die Frauenmordrate beträgt 9,7 Morde je 100.000 Einwohnerinnen.[9] Insgesamt gibt es 38,5 Morde auf 100.000 Einwohner.[10]
  • Honduras: Frauenmorde nehmen in einigen Regionen zu. Seit dem Militärputsch 2009 findet keine Strafverfolgung statt.[12] Die Frauenmordrate beträgt 7 Morde je 100.000 Einwohnerinnen.[9] Mit 91,6 Morde auf 100.000 Einwohner hat das Land die höchste Mordrate der Welt.[10]
  • Indien: Femizide werden in allen Lebensphasen vollzogen: Abtreibungen, Kindstötungen und früher Witwenverbrennungen.[7] Zwischen 2007 und 2009 gab es über 8000 gemeldete Mitgiftmorde an Ehefrauen.[13][3] Studien zeigen, dass es nicht die Armen sind, die männliche Nachkommen selektieren und weibliche Föten gezielt abtreiben, sondern die gebildeten Schichten, obwohl es in Indien längst verboten ist.[14]
  • Jamaika: Die Rate der Frauenmorde ist mit 10,9 Morden auf 100.000 Einwohnerinnen die zweithöchste der Welt.[9] Insgesamt gibt es 52,2 Morde auf 100.000 Einwohner.[10]
  • Kolumbien: Politikerinnen und Frauenrechtlerinnen sind im 45 Jahre währenden Bürgerkrieg am stärksten von Femizid betroffen. Diese Verbrechen werden sowohl von der staatlichen Armee als auch den Rebellengruppen begangen.[3] Die Frauenmordrate beträgt 6,4 Morde je 100.000 Einwohnerinnen.[9] Insgesamt gibt es 33,4 Morde auf 100.000 Einwohner.[10]
  • Mexiko: Wegen der geringen Aufklärungsquote wird vermutet, dass Polizisten und Beamte höherer Verwaltungsebenen sowie eigens für die Aufklärung der Morde eingesetzte Personen in die seit zwanzig Jahren andauernde Mordserie an Frauen in Juarez im Grenzgebiet zu den USA direkt verwickelt sind.[15] Zwischen 1993 und 2009 wurden in Ciudad Juárez 740 Femizide begangen.[16][3]
  • Sambia: Eine Studie untersuchte im Jahre 1995 die Strafverfahren in Fällen der Tötung angeblicher Hexen im südlichen Afrika. Sie zeigt, dass Männer in solchen Fällen zu kürzeren Haftstrafen verurteilt und wegen geringer schweren Verbrechen angeklagt werden.[17][3] Die Mordrate beträgt 38 Morde auf 100.000 Einwohner.[10]
  • Südafrika: 2004 hat eine Studie festgestellt, das durchschnittlich alle 6 Stunden ein Frau von ihrem intimen Partner getötet wird. Farbige Frauen waren mit 18,3 Delikten je 100.000 Frauen wesentlich stärker betroffen als weiße mit 2.8.[18][3] Die Frauenmordrate beträgt 9,6 Morde je 100.000 Einwohnerinnen.[9] Insgesamt gibt es 31,8 Morde auf 100.000 Einwohner.[10]

Die durchschnittlichen jährlichen Frauenmordraten wurden für die Jahre 2004 bis 2009 festgestellt.[9] Die Mordraten wurden in den Jahre 2004 bis 2011 festgestellt. Es ist jeweils das jüngste verfügbare Jahr angegeben.[10]

Statistische Erhebungen[Bearbeiten]

Die Tötung durch gegenwärtige oder ehemalige Partner wird als Intimer Femizid bezeichnet. Voruntersuchungen zu einer aktuellen Studie des WHO zeigen, dass 35 % der weltweiten Tötungen an Frauen von intimen Partnern begangen werden. Die Studie zeigt im Vergleich, dass nur 5 % aller Morde an Männern von ihren intimen Partnerinnen begangen werden. Alle Tötungen an Menschen, die durch intime Partner begangen werden, betragen etwa 15 % aller Morde. Diese Zahlen sind konservative Angaben, da die gesammelten Daten noch unvollständig sind.[2]

Nichtregierungsorganisationen beklagen das Fehlen von aussagekräftigen Statistiken zu intimen Femiziden in Deutschland. Bis heute existiert noch keine bundesweite Statistik, die den Beziehungshintergrund zwischen Opfer und Täter aussagekräftig erfasst. In der polizeilichen Kriminalstatistik sind erst im Jahr 2011 entsprechende Voraussetzungen in der Datenerhebung geschaffen worden.[19]

In einer Studie zum Femizid in Australien zwischen 1989 und 1998 wurden nachfolgende Merkmale gefunden: Frauen hatten insgesamt ein etwa halb so hohes Risiko wie Männer, durch Gewalteinwirkung getötet zu werden (in Australien etwa 126 Fälle pro Jahr). Bei 63% der Fälle, in denen das Geschlecht des Täters ermittelt werden konnte, war es männlich. Die höchsten Opferzahlen fanden sich in der Altersklasse zwischen 21 und 23 Jahren, gefolgt von Säuglingen (unter einem Jahr). 57,6 % der Taten waren intime Femizide, 14,6 % wurden durch Fremde begangen, 16 % durch Bekannte und 11,8 % durch sonstige Familienmitglieder. Ursachen oder Auslöser waren in der Regel häusliche Konflikte. Die Tötungen fanden in Australien zum Großteil in privaten Wohnungen statt. Im Vergleich von Tätern und Opfern fand sich, dass mit zunehmendem Alter der Täter, die Beziehung zum Opfer eine engere war und dass in der Regel Täter und Opfer den gleichen ethnischen Hintergrund hatten.[20]

Konkrete Ausprägungen des Femizids[Bearbeiten]

Physische Misshandlung bis zum Mord[Bearbeiten]

Motive und Ursachen[Bearbeiten]

Gemäß Literatur zu dem Thema sind die Ursachen für physische und psychische Misshandlung von Frauen bis hin zu ihrer Ermordung vielschichtig. Kerry legt dem Femizid ein binäres Modell[21] zugrunde, nach dem Femizid zwei Ausgangspunkte aufweist: Ausgangspunkt eins sieht das Opfer als unterdrückte Frau, die es aufgegeben hat, sich zu emanzipieren. Ausgangspunkt zwei nimmt im Gegenteil an, dass es sich beim Täter um einen sozial unbeholfenen und abhängigen Mann handelt, welcher erst seine emanzipierte Partnerin tötet und dann sich selbst suizidiert. Gemäß Jan Kilzilhan sind Beziehungstat und Familiendrama im Gegensatz zum Ehrenmord auf den inneren Konflikt des Mannes, ausgelöst durch Eifersucht oder Verlust zurückzuführen. Bei Ehrenmördern spielt auch der soziale Konflikt, also die Gruppe, eine Rolle.[22]

In kriegerischen Auseinandersetzungen werden Frauen häufig aus strategischen Gründen misshandelt. Während des Bürgerkriegs in Guatemala wurden ganze Gemeinden als Basis der Guerilla stigmatisiert und in Massakern ausgelöscht, um die Kontinuität des Lebens in den indigenen Gemeinden zu zerstören. Während der Politik der verbrannten Erde von 1982 bis 1983 war laut der Kommission für Historische Aufklärung (CEH) die Vergewaltigung als Folter oder vor dem Mord übliche Praxis. Die Mehrzahl der Opfer waren Maya.[23] Eine Aufklärung oder gar Aufarbeitung dieser Verbrechen hat kaum stattgefunden. Nach dem Bürgerkrieg, zwischen 2001 und 2011, wurden etwa 5700 Frauen in Guatemala getötet, meist verbunden mit außergewöhnlicher Brutalität in Form von Verstümmelung, Vergewaltigung und Zerstückelung. Die Art wie die Behörden darauf reagieren, ist meist diskriminierend.[11]

Die Länder Lateinamerikas verweisen oftmals auf die durch Bürgerkriege gekennzeichnete Vergangenheit sowie die aktuell bestehenden Drogenkonflikte, um die generell hohe Gewaltbereitschaft zu erklären, die letztlich auch in der Gewalt gegen Frauen mündet. Gewaltverbrechen an Frauen werden heruntergespielt und als normal betrachtet. Genau in dieser gesellschaftlichen Toleranz und Gleichgültigkeit gegenüber Gewalt an Frauen liegt Journalistinnen zufolge der Unterschied zwischen generell hoher Gewaltbereitschaft und den Ursachen für Femizid:[24]

„Entscheidende Ursache des Femizids ist das noch immer von Macho-Denken und patriarchalen Strukturen geprägte Rollenverständnis in den Gesellschaften der Region. Das Bild der Frau ist geprägt von Unterordnung und Minderwertigkeit. Wird die patriarchalische Geschlechterrolle des Mannes und die daraus resultierende Machtverteilung zwischen den Geschlechtern infrage gestellt – sei es durch emanzipatorisches Verhalten oder eine Betätigung der Frauen, die ihnen wirtschaftliche Autonomie ermöglicht – ist die Gefahr groß, dass es zu Konflikten (innerhalb der Familien) und Gewaltanwendung kommt“

Anna Schulte, Olga Burkert: [24]

„Wir glauben, dass Frauenmorde und Gewalt an Frauen Resultat der historisch ungleichen Machtverhältnisse von Männern und Frauen sind. Sie sind Teil einer patriarchalen Kultur, in der die Frauen besessen und benutzt werden“

León Satizo: Guatemaltekische Anwältin[25]

Gegenmaßnahmen[Bearbeiten]

Im Januar 2007 verabschiedete die Generalversammlung der UN eine Resolution (A/RES/61/143) bzgl. der verschiedenen Manifestationen von Gewalt gegen Frauen (Violence against Women, VAW), auch um die Bemühungen im Kampf gegen den Femizid zu intensivieren.[26] Die Reports für die verschiedenen Länder dokumentieren Fortschritte in der Legislative; diese garantieren jedoch keine praktisch funktionierende Strafverfolgung und keinen (präventiven) Schutz der Frauen. So werden in den betroffenen Ländern Lateinamerikas Opfer von Gewalt häufig stigmatisiert und ausgegrenzt. Behörden dokumentieren Frauenmorde nicht oder lückenhaft, Beweise „gehen verloren“, Anzeigen werden unzureichend aufgenommen und Zeugenaussagen in Frage gestellt. Demzufolge wird ein Großteil der Täter nicht bestraft und oft nicht einmal strafrechtlich verfolgt.[24]

Im März 2013 tagten Delegierte von 193 Staaten und 6000 NGOs knapp zwei Wochen lang bei der UN-Weltfrauenkonferenz und handelten ein Vertragswerk aus. Unter anderem wurde beschlossen, zukünftig von einem Femizid zu sprechen, wenn Frauen allein wegen ihres Geschlechts ermordet werden. Das Papier verpflichtet die Staaten dazu, die Rechte von Frauen und Mädchen genauso zu schützen wie die von Männern und Jungen. Die sexuelle Selbstbestimmung aller Menschen wurde ebenso festgehalten wie das Recht auf gynäkologische Versorgung.[27]

Feministinnen und Frauenrechtsorganisationen machen seit Jahren auf die steigenden Frauenmordraten aufmerksam. Z. B. arbeiten in Zentralamerika und Mexiko viele Frauen daran, den Opfern von Gewalt eine Stimme zu geben. Sie führen Frauenmorde in unabhängigen Registern auf, begleiten die Angehörigen im Kampf mit den Behörden und versuchen, durch Proteste und Kampagnen die Gesellschaft zu sensibilisieren. Aktivistinnen und Anwältinnen sind bei ihrer Arbeit massiven Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen ausgesetzt. 2010 wurden drei Menschenrechtlerinnen aus Ciudad Juárez ermordet.[28]

Selektive Abtreibung[Bearbeiten]

In zahlreichen Ländern Nordafrikas und Zentral- und Ostasiens werden Jungen gegenüber Mädchen bei Geburten bevorzugt. Seit es möglich ist, das Geschlecht durch Ultraschalluntersuchungen vor der Geburt zu bestimmen, wird in China und indischen Bundesstaaten (Punjab, Delhi, Gujarat) und in Südkorea (in schwächerer Form in zahlreichen weiteren Ländern) ein sehr starker Überhang an registrierten Geburten von Jungen gegenüber Mädchen festgestellt, der nur durch (meist illegale) gezielte Abtreibung weiblicher Föten erklärbar ist.[29] Dies zeigt sich in abgeschwächter Form sogar an asiatischen Einwanderern in den USA und England gegenüber den anderen Bevölkerungsgruppen.[30][31] Der Demographieforscher Christophe Guilmoto vom Institut für Entwicklung an der Universität Paris-Decartes schätzt, dass durch selektive Abtreibungen und Kindstötungen allein in Asien 117 Millionen Frauen fehlen. Ein UN-Bericht aus dem Jahr 2010 verzeichnet 85 Millionen verhinderte Frauenleben allein in China und Indien.[7]

„Die Motive für den Mord an der ungeborenen Tochter entstammen einer sehr zeitgemäßen Einstellung – man will große Hochzeiten, große Geschenke und einen stolzen Sohn, aber keine wirtschaftlich unnütze Tochter. Über unsere Mädchen fegt ein tödlicher Tsunami, wir erleben einen ethischen Zusammenbruch unserer Gesellschaft, aber niemand regt sich auf.“

Shanta Sinha: Vorsitzende der nationalen Kommission für Kinderrechte in Indien[7]

Für Ärzte in Indien und China sind Abtreibungen ein einträgliches Geschäft, das durch moderne Technik erleichtert wird. General Electric und Siemens haben in den vergangenen Jahren neue Ultraschallgeräte entwickeln lassen, die nur einen Bruchteil des Preises der im Westen hergestellten Geräte kosten. Neue Modelle können mobil mit Solarenergie betrieben werden, also auch noch im entferntesten Dorf.[7]

Auf dem europäischen Kontinent ist die Abtreibung weiblicher Föten ebenfalls verbreitet. In einer Resolution des Europarats vom November 2011[32] heißt es, die „pränatale Geschlechtsselektion hat besorgniserregende Ausmaße angenommen”[33] Normalerweise kommen auf 105 Jungen 100 neugeborene Mädchen. In Albanien z. B. sind es 112 Jungen.[34] Beim UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) werden die Zahlen als „erschütternd“ bezeichnet. Neben Albanien gibt es Berichte über geschlechtsspezifische Tötungen ungeborener Mädchen auch aus Bosnien, Montenegro und Kroatien.

Motive und Ursachen[Bearbeiten]

Christophe Guilmoto nennt als Ursache für die Abtreibung weiblicher Föten eine fast schon „archaische Einstellung“: Jungen tragen den Familiennamen weiter, Mädchen geben ihn bei der Heirat auf. In Indien hat der Mord an Töchtern auch wirtschaftliche Gründe. Schon früher war eine Tochter wegen der hohen Aussteuer eine Last; heute fallen außerdem noch Schul- und Erziehungskosten an. Aus ökonomischen Gesichtspunkten entscheiden sich immer mehr indische Ehepaare für eine Kleinfamilie. In China ist die Kleinfamilie durch die „Ein-Kind-Politik“ vorgeschrieben. Viele chinesische Paare wollen in diesem Fall zumindest einen Sohn. Untersuchungen zufolge ist das Geschlechterverhältnis bei der ersten Geburt nahezu ausgeglichen (Jungen:Mädchen 1,065:1). War das erste Kind ein Mädchen, ist ein massiver Überschuss von Jungen bei der zweiten Geburt (1,494:1) festzustellen[35]. Gemäß der patriarchalen Tradition gehören in China Frauen der Familie des Ehemanns; einem alten chinesischen Sprichwort zufolge sind Frauen „wie Wasser, das man wegschüttet“. Während Abtreibungen aufgrund des Geschlechts früher jedoch noch selten waren, haben drei Dinge die Lage der schwangeren Frau vor allem in den Schwellenländern grundsätzlich verändert: das Ultraschallgerät, das Kalkül der Kleinfamilie und die Abtreibungspille. Auch wenn es in vielen Ländern illegal ist, das Geschlecht eines Ungeborenen per Ultraschall zu bestimmen, ist es trotzdem weit verbreitet.

Gegenmaßnahmen[Bearbeiten]

Regierungen in Ländern wie Indien und China haben im vergangenen Jahrzehnt Aufklärungsprogramme beschlossen; sie haben Gesetze geschaffen, die den Geschlechtermord verbieten und Ärzten für die Geschlechterbestimmung hohe Strafen androhen. Der Nutzen ist bisher jedoch gering. Gemäß der Meinung von Georg Blume fehlt es an politischem Willen. In China ist die Nationale Planungskommission für Familie und Bevölkerung verantwortlich. Ihr Vorsitzender, Li Bin, versprach 2012, im nächsten Fünfjahresplan für ein größeres Geschlechtergleichgewicht zu sorgen. Effektive Maßnahmen wurden bislang nicht getroffen.[7] In Indien erzielte der ehemalige Gesundheitsamtsleiter des Bundesstaates Haryana, Deepak Dahiya temporäre Erfolge. Haryana ist einer der besonders patriarchalisch geprägten Bundesstaaten Nordindiens, in denen der Frauenanteil schon immer gering war. Als die indische Regierung 1996 ein neues Gesetz erließ, das die Geschlechtsbestimmung von Föten unter hohe Gefängnisstrafe stellte, griff Dahiya als Leiter des Gesundheitsamtes hart durch und brachte 30 Ärzte, die illegal Ultraschalluntersuchungen durchgeführt hatten, in den Jahren von 2001 bis 2005 vor Gericht. Die Mädchengeburten in Haryana zogen aufgrund des harten Durchgreifens an. Seit der Pensionierung von Dahiya im Jahr 2005 nahm der Femizid jedoch wieder zu.[7]

Weil Abtreibung dem Gesundheitsbereich zugeordnet wird, und nicht der Menschenrechtspolitik, gibt es derzeit in der Europäischen Union keine rechtliche Handhabe, gegen die Abtreibungspraxis bei EU-Kandidaten auf dem Balkan vorzugehen.

Die Schweizer Abgeordnete Doris Stump engagierte sich 2011 im Europarat gegen die vorgeburtliche Geschlechterselektion. In der Entschließung des Europarats aus dem Jahr 2011 rügt dieser insbesondere die vorgeburtliche Selektion nach Geschlecht in Albanien, Aserbaidschan, Armenien und Georgien[36]. Auch in Deutschland wurden Maßnahmen gegen die selektive Abtreibung von weiblichen Nachkommen getroffen. Das Gendiagnostikgesetz verbietet die Mitteilung des Geschlechtes des Embryo oder Fötus vor Ablauf der zwölften Schwangerschaftswoche.[37]

Mögliche langfristige Folgen[Bearbeiten]

Als Folge selektiver Abtreibungen droht nach Ansicht einiger Experten noch in diesem Jahrhundert das größte Geschlechterungleichgewicht der Menschheitsgeschichte. Demographieforscher Christopher Guilmoto nennt diese Entwicklung eine „alarmisierende Maskulinisierung“ der Welt.[7]

Ökonomische Folgen[Bearbeiten]

Die Ökonomin Jayati Ghosh von der Jawaharlal-Nehru-Universität in Delhi sieht in dem langfristigen Mangel an Frauenarbeitskraft eine akute Bedrohung für das Wachstum in den dynamischsten Volkswirtschaften der Welt in Asien.[7]

Soziologische Folgen[Bearbeiten]

Soziologen zufolge könnte der Frauenmangel eine zukünftige Ursache für soziale Gewalt und Krieg sein. Männerplus und Kapitalakkumulation können eine verstärkte Militarisierung zur Folge haben. Die Schweizer Abgeordnete im Europarat Doris Stump warnt außerdem vor einer Zunahme von Frauenhandel, Prostitution und Gewalt in Familien. Politiker in China müssen in Zukunft Wege finden, wie sich ein Sozialsystem stabilisieren lässt, in dem eine große Anzahl junger Männer ohne Aussicht auf verlässliche soziale Bindung bleiben wird. 2010 kamen auf 100 neugeborene Mädchen 118 Jungen. Aus diesem Grund werden im Jahr 2020 voraussichtlich 15-20 Prozent der Männer im heiratsfähigen Alter keine Partnerin finden. Folge dieser Entwicklung ist schon heute der Frauenraub. Auf Jobmessen kommt es immer wieder zu Entführungen von jungen Wanderarbeiterinnen, die später an Junggesellen verkauft werden.[7]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • J. C. Campbell u. a.: Risk Factors for Femicide in Abusive Relationships: Results From a Multisite Case Control Study. In: American Journal of Public Health. Bd. 93, Nr. 7, 2003.
  • Monika Gerstendörfer: Femizid: Tödliche Gewalt gegen Frauen. Wissenschaft & Frieden 1998-4 Dossier Nr. 30 (50 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) online
  • J. M. McFarlane u. a.: Stalking and Intimate Partner Femicide. In: Homicide Studies. Bd. 3, Nr. 4, 1999.
  • G. P. Kerry: Intimate Femicide: An Analysis Of Men Who Kill Their Partners. In: Education Wife Assault Newsletter. Bd. 9, Nr. 1, 1998.
  • J. Mouzos: Femicide: An Overview of Major Findings. In: Trends and Issues in Crime and Criminal Justice. Bd. 124, 1999.
  • I. Rummel: Frauenmorde in Guatemala. 2005. (online auf: guatemala.de), 20. Januar 2007.
  • P. Sharps u. a.: Paternity: Risk For Intimate Partner Femicide. 2002. (online auf: stti.confex.com), 23. Januar 2007.
  • Mara Hvistendahl: Das Verschwinden der Frauen. Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen, dtv, München 2013, ISBN 978-3-423-28009-9

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Oxford English Dictionary, 2. Aufl. 1989, S. 285
  2. a b c Pan American Health Organization: [http://www.who.int/reproductivehealth/publications/violence/rhr12_38/en/ Femicide Understanding and addressing violence against women.] WHO, 2012, abgerufen am 6. Mai 2013 (englisch).
  3. a b c d e f g h Rashida Manjoo: Report of the Special Rapporteur on violence against woman, its causes and consequences. Vereinte Nationen, 23. Mai 2012, S. 28, abgerufen am 12. Mai 2013 (PDF,752kB, englisch).
  4. “We Have the Promises of the World” IV. Sexual Violence. Human Rights Watch, 6. Dezember 2009, abgerufen am 9. Mai 2013 (englisch).
  5. Report "Harmful Traditional Practices and Implementation of the Law on Elimination of Violence against Women in Afghanistan" United Nations Assistance Mission in Afghanistan, Kabul, und Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights, Genf 9. Dezember 2010
  6. Country Assessment on VAW CHILE. Vereinte Nationen, 2009, S. 78, abgerufen am 8. Mai 2013 (PDF 901 kB, englisch).
  7. a b c d e f g h i j Georg Blume: Der mörderische Makel Frau. Die Zeit, 15. März 2012, S. 4, abgerufen am 7. Mai 2013.
  8. Mara Hvistendahl: Das Verschwinden der Frauen Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen, dtv, München 2013, ISBN 978-3-423-28009-9, S. 28 f.
  9. a b c d e f g Femicide: A Global Problem. Small Arms Survey, 2012, S. 4, abgerufen am 12. Mai 2013 (PDF,659kB, englisch).
  10. a b c d e f g h S.206-209: Bericht über die menschliche Entwicklung 2013. Vereinte Nationen Entwicklungsprogramme, 2013, S. 252, abgerufen am 21. Mai 2013 (PDF, 6084kB).
  11. a b Guatemala Submission to the Human Rights Committee. Amnesty International, 2012, S. 17, abgerufen am 8. Mai 2013 (PDF, 231kB, englisch).
  12. Johannes Schwäbl: Mit Autonomie gegen aufgezwungene Projekte. Lateinamerika Nachrichten, 2012, abgerufen am 11. Mai 2013.
  13. Flavia Agnes, "Gender Based Killings - A South Asian Perspective", Paper prepared for Expert Group Meeting, New York 12. Oktober 2011 S.11
  14. Eva Berendsen: Egal, was es wird, Hauptsache, ein Junge, Rezension von Mara Hvistendahl: Das Verschwinden der Frauen, FAZ 26. März 2013
  15. Georgina Fakunmoju: Das Organisierte Verbrechen ist Teil des Staates. Lateinamerika Nachrichten, 2011, abgerufen am 11. Mai 2013.
  16. J. Monárrez "Trama de una injusticia. Feimicidio sexual sistémico en Juárez", 2009, El Colegio de la Frontera Norte, Mexico
  17. Rude, D. and M. Kazunga.(1995) "Report on the femicide research" Report by country. Zambia. Woman in Law and Development in Africa
  18. Shanaaz Mathews, Naeemah Abrahams, Lorna J Martin, Lisa Vetten, Lize van der Merwe, Rachel Jewkes: Every six hours a woman is killed by her intimate partner: a national study of female homicide in South Africa. Gender and Health Research Group, Medical Research Council, 2004, S. 4, abgerufen am 14. Mai 2013 (PDF).
  19. Eingabe an die UN Sonderberichterstatterin gegen Gewalt gegen Frauen Rashida Manjoo. Der Paritätische Landesverband Rheinland-Pfalz/Saarland e. V., 2012, S. 4, abgerufen am 10. Mai 2013 (PDF; 166 kB).
  20. Jenny Mouzos: Femicide: The Killing of Women in Australia 1989-1998. Australian Institute of Criminology Research and Public Policy, 1999, S. 55, abgerufen am 8. Mai 2013 (PDF 194kB).
  21. G. P. Kerry: Intimate Femicide: An Analysis Of Men Who Kill Their Partners. In: Education Wife Assault Newsletter. Bd. 9, Nr. 1, 1998.
  22. Psychologie-Professor Jan Ilhan Kizilhan über "Ehrenmorde" und den Fall Arzu Özmen. Neue Westfälische, 27. Januar 2012, abgerufen am 7. Mai 2013.
  23. Conclusions II. Human rights violations, acts of violence and assignment of responsibility. Guatemalan Commission for Historical Clarification CEH, abgerufen am 8. Mai 2013 (englisch).
  24. a b c Anna Schulte, Olga Burkert: Ermordet weil sie Frauen sind. Lateinamerika Nachrichten, 2011, abgerufen am 7. Mai 2013.
  25. Laura Zierke, Voces Nuestras: Eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft. Lateinamerika Nachrichten, 2011, abgerufen am 7. Mai 2013.
  26. 61/143. Intensification of efforts to eliminate all forms of violence against women. Vereinte Nationen, 30. Januar 2007, S. 7, abgerufen am 8. Mai 2013 (PDF 3kB, englisch).
  27. Einigung in letzter Minute bei UNO-Frauenkonferenz. Kronen Zeitung, 16. März 2013, abgerufen am 8. Mai 2013.
  28. Georgina Fakunmoju: Das Organisierte Verbrechen ist Teil des Staates. Lateinamerika Nachrichten, 2011, abgerufen am 8. Mai 2013.
  29. Übersicht in Therese Hesketh & Zhu Wei Xing (2006): Abnormal sex ratios in human populations: Causes and consequences. Proceedings of the National Academy of Sciences USA vol. 103 no. 36: 13271-13275. doi:10.1073/pnas.0602203103 (open access)
  30. James F. X. Egan, Winston A. Campbell, Audrey Chapman, Alireza A. Shamshirsaz, Padmalatha Gurram, Peter A. Benn (2011): Distortions of sex ratios at birth in the United States; evidence for prenatal gender selection. Prenatal Diagnostics 31: 560–565. doi:10.1002/pd.2747
  31. Sylvie Dubuc & David Coleman (2007): An Increase in the Sex Ratio of Births to India-born Mothers in England and Wales: Evidence for Sex-Selective Abortion. Population and Development Review 33(2): 383–400
  32. Resolution 1829 (2011) Prenatal sex selection. Europarat, 3. Oktober 2011, abgerufen am 13. Mai 2013 (englisch).
  33. Originaltext: „In recent years, a departure from the natural sex ratio at birth has been observed in a number of Council of Europe member states and has reached worrying proportions in Albania, Armenia and Azerbaijan, where the sex ratio at birth is 112 boys for 100 girls and in Georgia where it is 111 boys for 100 girls.”
  34. Claudia Hennen: Selektion nach dem Geschlecht. Deutsche Welle, 6. Januar 2013, abgerufen am 9. Mai 2013.
  35. Monica Das Gupta (2005): Explaining Asia’s “Missing Women”: A New Look at the Data. Population and Development Review 31(3): 529–535.
  36. ref.ch: Europarat: Vorgeburtliche Geschlechterselektion verbieten. kipa, 4. Oktober 2011, abgerufen am 7. Mai 2013.
  37. Holger Dambeck: Abtreibungen: Ärzte sollen Geschlecht von Föten geheim halten. Spiegel Online, 13. September 2011, abgerufen am 8. Mai 2013.
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