Ferenc Gyurcsány

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Ferenc Gyurcsány (2007)

Ferenc Gyurcsány [ˈfɛrɛnʦ ˈɟurʧaːɲ], anhören?/i (* 4. Juni 1961 in Pápa) ist ein ungarischer Geschäftsmann und Politiker. Er war von September 2004 bis April 2009 Ministerpräsident von Ungarn und von 2007 bis April 2009 Vorsitzender der MSZP.

Leben[Bearbeiten]

Jugend und Ausbildung[Bearbeiten]

Gyurcsány studierte an der Universität Pécs (Fünfkirchen) Pädagogik und Wirtschaftswissenschaften. Er war von 1983 bis 1988 der Sekretär der Jugendorganisation der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (Kommunistischer Jugendbund, Kommunista Ifjúsági Szövetség – KISZ) von Pécs. 1988–89 war er Präsident des Universitäts- bzw. Hochschulrates des KISZ. 1989 war er kurze Zeit lang der Sekretär des Zentralrates des KISZ.

Privatwirtschaft[Bearbeiten]

Nach der Wende wechselte er in die Privatwirtschaft und arbeitete zunächst angestellt in diversen Finanzfirmen. 1992 gründete er selbst ein Unternehmen, die Altus AG, die sich zu einem der größten Ungarns entwickelte. Die Investmentfirma hat einen Marktwert von 3,5 Mrd. Forint (ca. 14,5 Mio. €). Er führte sein Unternehmen bis 2002 selbst. Danach wurde er Chef des Aufsichtsrates (bis 2003). Er betreibt auch ein Bauxitaufbereitungswerk und ist Eigentümer mehrerer Liegenschaften, darunter des Budapester Klubs der Parlamentsabgeordneten und der ehemaligen Ferienanlage der ungarischen Regierung in Balatonőszöd am Plattensee. Der Erwerb dieser ursprünglich in staatlichem Eigentum stehenden Immobilien ist wegen der verhältnismäßig niedrigen, teilweise in langfristigen Raten gezahlten Kaufpreise stark umstritten.

Politischer Aufstieg[Bearbeiten]

Ferenc Gyurcsány (2006)
Ferenc Gyurcsány (2005)

Gyurcsány war Mitglied der Sozialistischen Partei Ungarns (Magyar Szocialista Párt – MSZP). 2003 wurde er in den Ausschuss der Partei gewählt. 2004 wählte man ihn zum Präsidenten der Parteiorganisation im Komitat Győr-Moson-Sopron.

Er galt als einer der engsten Mitarbeiter des ehemaligen Regierungschefs Péter Medgyessy. 2002 wurde er strategischer Hauptratgeber Medgyessys. Nach der ersten Regierungsumbildung Medgyessys im Jahr 2003 wurde er Minister für Kinder, Jugend und Sport. Im September 2004 entzog ihm Medgyessy sein Vertrauen. Daraufhin gab er seinen Rücktritt als Minister bekannt. Ende August 2004 zerfiel die Medgyessy-Regierung – möglicherweise auch auf Druck des Kabinetts. Die Partei durfte zwischen zwei Nachfolgekandidaten wählen: Gyurcsány und Péter Kiss, dem Stellvertreter Medgyessys. Die Partei wählte mit großer Mehrheit Gyurcsány, was zu begründeten Gerüchten führte, Gyurcsány selbst habe ursprünglich im Hintergrund gestanden und Medgyessy zum Sturz verholfen, um selber an die Macht zu kommen.

Er wurde am 28. September vereidigt. Die Mitglieder der ersten Regierung Gyurcsány legten am 4. Oktober ihren Amtseid ab. Gyurcsány gab in der Folge das Amt als Parteichef von Győr-Moson-Sopron ab.

Nach den Wahlen vom April 2006 wurde die Regierung Gyurcsány als erste ungarische Regierung nach der Wende im Amt bestätigt. Zusammen mit ihrem Koalitionspartner SZDSZ kam sie auf einen Anteil von knapp 53 % der abgegebenen Stimmen.

Am 17. September 2006 ist die Rede von 26. Mai 2006 in Balatonőszöd von einer geschlossener Sitzung der MSZP-Fraktion veröffentlicht worden. Gyurcsány hat in dieser Rede die Regierungsarbeit mit groben Ausdrücken scharf verurteilt. Nach der Veröffentlichung der Rede gab es monatelang Demonstrationen gegen die Regierung. Die Oppositionsparteien haben die Demission von Gyurcsány verlangt. Die Fraktion von Fidesz und KDNP behandelte Gyurcsány als „illegitim”, bei seinen Auftritten vor dem Parlament verließen deren Abgeordnete die Sitzung.

Er wurde im Kongress der MSZP am 24. Februar 2007 mit 89 % der Stimmen zum Parteivorsitzenden gewählt.

Gyurcsány wurde am 21. März 2009 mit 85 % der Stimmen erneut zum Parteivorsitzenden gewählt. Seinen Verzicht auf dieses Amt hat er eine Woche später erklärt. Am 23. März 2009 kündigte Gyurcsány seinen Rücktritt vom Amt des Ministerpräsidenten an.[1]

Rücktritt und Korruptionsvorwürfe[Bearbeiten]

Am 14. April 2009 schied er durch ein von ihm selbst und seiner eigenen Partei initiiertes konstruktives Misstrauensvotum aus dem Amt des ungarischen Ministerpräsidenten.[2] Bei der Parlamentswahl in Ungarn 2010 erzielte das bis dahin oppositionelle christlich-konservativen Wahlbündnis von Fidesz und Christlich-Demokratischer Volkspartei (KDNP) einen erdrutschartigen Sieg. Gyurcsány zog daraufhin am 4. Listenplatz der MSZP als normaler Abgeordneter ins neugewählte ungarische Parlament ein.

Am 12. September 2011 entzog ihm das ungarische Parlament die Immunität. Hintergrund waren die Vorgänge rund um die Affäre Sukoro. Gyurcsány soll dabei Einfluss auf einen Grundstückstausch zwischen einer amerikanisch-deutsch-israelischen Investorengruppe um Joav Blum und dem ungarischen Staat genommen haben, bei dem, aufgrund falscher Schätzungen, Ungarn einen Verlust von 1,3 Milliarden Forint erlitt.[3]

Trennung von der MSZP[Bearbeiten]

Am 22. Oktober 2010 gründete Gyurcsány eine parteiinterne Plattform mit dem Namen "Demokratikus Koalíció Platform" (Plattform Demokratische Koalition). Als Ziel der Gruppierung gab er eine interne Erneuerung der Partei an und geriet damit bald in Clinch mit der Parteiführung unter Attila Mesterházy. Die sich über Monate hinziehenden Konflikte führten schließlich zum Bruch: Am 22. Oktober 2011 gaben Gyurcsány und neun weitere Mandatare ihren Austritt aus der Partei sowie aus der Fraktion der Sozialisten bekannt[4]. Eine bereits Monate zuvor unter den Namen "Demokratische Partei" eingetragene Formation wurde nun in Demokratikus Koalíció (DK) umbenannt und ist nun Gyurcsánys neue politische Heimat.

Privates[Bearbeiten]

Gyurcsány ist in dritter Ehe mit Klára Dobrev verheiratet, der Enkelin des Sekretärs des Zentralkomitees der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei der Kádár-Ära, Antal Apró, der nach 1956 als Vertrauter von Kádár in Ungarn für "Ordnung" sorgte. Er hat vier Kinder aus zweiter und dritter Ehe.

Gyurcsány erhielt als Jugendlicher von seinem Russischlehrer den Scherznamen "Fleto Fletonowitsch Jemeljan" - von hier stammt sein in Ungarn sehr bekannter Spitzname "Fletó".

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Technokrat soll Weg aus Krise weisen Wiener Zeitung vom 24. März 2009 abgerufen am 31. März 2009
  2. PETER STEINK: "Ungarn braucht einen Herkules"-FR vom 14. April 2009
  3. Parlament hebt Immunität von Ex-Premier auf. In: ORF. 13. September 2011, abgerufen am 13. September 2011 (deutsch).
  4. Sozialisten gespalten. DerStandard.at, 22. Oktober 2011. Aufgerufen am: 25. Oktober 2011

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ferenc Gyurcsány – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien