Fernando Birri

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Fernando Birri 2008
Fernando Birri 2008

Fernando Birri (* 1925 in Santa Fé, Argentinien) ist ein argentinischer Regisseur, Filmtheoretiker, Dichter und Puppenspieler. Er gilt als einer, wenn nicht sogar der „Vater des Neuen Lateinamerikanischen Films“ (Gabriel García Márquez).

Biografie[Bearbeiten]

Birri - Nachkomme italienischer Auswanderer - studierte Film am Centro Sperimentale in Rom. Sein Studium schließt er dort im Jahr 1952 ab. Bereits während seines Studiums dreht er 1951 die Dokumentarfilme Seliunte und Alfabeto Notturno. Zusammen mit Mario Verdone, Professor am Centro Sperimentale, führt er bei Immagini popolari iciliane sacre e profane Regie. Außerdem verfasst er das Drehbuch für den Film One is One.

1953/1954 ist er an den Dreharbeiten der Filme Ai Margini della Metropoli von Carlo Lizzani sowie Il Tetto von Vittorio de Sica beteiligt. Das Drehbuch zu letzterem schrieb - wie häufig bei de Sica - Cesare Zavattini, der Birri schon als Dozent an der Universität tief beeindruckt und gefördert hat. Als Schauspieler ist Birri im Film Gli Sbandati zu sehen. !955 bringt er das Szenario von El indio Fernandez zu Papier.

Nach seiner Rückkehr nach Argentinien gründet er im Jahr 195 das Instituto de Cinematografia de la Universidad del Litoral in seiner Heimatstadt Santa Fé. Es ist die in dieser Form erste Filmschule Lateinamerikas. Zusammen mit Studenten dreht er in den Jahren 1956 bis 1958 den Dokumentarfilm Tire dié (Wirf den Groschen). Birri bringt seine Vorstellungen in einem Begleittext zu diesem Film - er bezeichnet ihn als Manifest - zum Ausdruck: "Ich bin für den nationalen, wirklichkeitsnahen und volkstümlichen Film."

1960 drehte er Buenos dias, Buenos Aires im Auftrag der Instituto Nacional de Cinematografia Argentino. Sein Im selben Jahr verfasstes "Manifest für ein nationales realistisches, kritisches und populäres Kino" machte ihn zu einer der Gründungsfiguren des Neuen Lateinamerikanischen Kinos. Diesen Ruf festigte er durch den Spielfilm Los Inundados‘‘ (1961), der bei den Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt und beim Festival in Karlovy Vary präsentiert und ausgezeichnet wurde.

1962 dreht er den Dokumentarfilm La Pampa grigia und veröffentlicht das Buch "La escuela Dokumentas de Santa Fé", das seine Arbeit als Lehrer und die in seiner Schule entstandenen Projekte dokumentiert. Birri wird mittlerweile als Filmemacher weltweit wahrgenommen und nimmt als Vertreter Argentiniens an zahlreichen internationalen Konferenzen teil.

1965 zwingen politische Veränderungen in seinem Heimatland den Filmemacher dazu, Argentinien zu verlassen. Aus der Ferne muss er miterleben wie seine Filme verboten und die von ihm geleitete Schule geschlossen wird. Nach einer freudlosen Odyssee durch Mittel- und Südamerika entschließt sich Birri zurück nach Italien zu gehen. Dort schreibt er zusammen mit dem Schriftsteller Vasco Pratolini das Drehbuch Mal D'America. Der Film wird niemals gedreht, das Drehbuch erscheint Anfang 2011 in einem italienischen Kleinverlag in Buchform. Für Birris zukünftiges Schaffen werden die Erfahrungen des Exils, des Scheiterns seiner Schule und der zunehmenden Ernüchterung im Hinblick auf seine im Zusammenhang mit Lateinamerika geäußerten Vorstellungen prägen. 1966 dreht er den Kurzfilm Castagnino, diario romano (1966) und schreibt zusammen mit Ansano Gianarelli am Drehbuch zu Sierra Maestra der 1967 in Italien in die Kinos kommt. Birri tritt in diesem Film auch als Schauspieler auf.

Im gleichen Jahr beginnt Birri mit der Arbeit an seinem - wie er selbst sagt - "dunkeln opus magnum" ORG. Über zehn Jahre wird er an diesem Film, der Adaption von Thomas Manns Kurzroman "Die vertauschten Köpfe", welcher wiederum auf einer indischen Legende, arbeiten. ORG gilt als einer der konsequentesten Experimentalfilme aller Zeiten, in einer der Hauptrollen ist Terence Hill zu sehen, der die Fertigstellung des Films auch mitfinanzierte. Seine Premiere feierte ORG 1979 bei den Filmfestspielen in Venedig. Das Publikum - vor allem Kenner von Birris früheren Arbeiten - reagierte, ebenso wie die Filmkritik, gespalten auf den Film, den Birri explizit als Kino-Experience bezeichnet hat.

1983 dreht Birri den Film "Rafael Alberti, un retrato del poeta por Fernando Birri‘‘, ein Portrait des spanischen Künstlers in seinem römischen Exil. Mitte der 80er Jahre wendet sich Birri verstärkt wieder lateinamerikanischen Themen zu. Remitente: Nicaragua - Carta al Mundo, 1984 entstanden, ist Ausdruck der Solidarität mit der nikaraguanischen Revolution. In Mi hijo el Ché erzählt Ernesto Guevara Lynch anhand von Familiendokumenten aus dem Leben seine Sohnes Ché Guevara.

Einen wichtigen Anstoß für das lateinamerikanische Filmschaffen stellte das "1. Internationale Festival des Neuen Lateinamerikanischen Kinos" dar, das 1979 in Havanna stattfindet. Dort wurde Birris frühes Werk und sein Einsatz für die Entwicklung eine eigenständigen lateinamerikanischen Films gewürdigt. Spätestens damit ist Birri als eine der großen Vaterfiguren dieses Kinos etabliert.

1982 gründet er an der Universidad de Los Andes in Mérida (Venezuela) das "Laboratorio ambulante de Poéticas Cinematogáficas - Catedra Glauber Rocha", das dann in Rom, Bilbao, Mexico City, Managua, Bogotá, Medellín, Maputo, Stockholm, Göteborg und Buenos Aires unterschiedlichste Projekte und Lehrveranstaltungen organisiert.

1985 wird er von "Instituto Nacional de Cinematografia Argentino" eingeladen, sich nach 22 Jahren wieder offiziell am kulturellen Leben seines Heimatlandes zu beteiligen; Er kehrt zu seinen Wurzeln als Filmemacher, der Filmemacher ausbildet, zurück und ruft das Seminar "Erinnerung und Zukunft: Die Dokumentarfilmschule von Santa Fé und das Neue Lateinamerikanische Kino" ins Leben, dessen praktisches Resultat eine neue Filmschule ist.

Vorläufiger Höhepunkt in Birris Leben ist die Gründung der "Internationalen Film- und Fernsehschule" in San Antonio de los Baños auf Kuba. Sie hat im Dezember 1986 offiziell ihre Arbeit aufgenommen. Es soll - so Birri - eine Ausbildungsstätte für Filmemacher aus Lateinamerika, der Karibik, aus Afrika und Asien sein. Schnell bürgert sich für diese Schule der Beiname "die Schule der drei Welten" ein. Zahlreiche mittlerweile anerkannte Filmemacher und Filmemacherinnen aus aller Welt genossen dort ihre Ausbildung.

1988 dreht Birri seinen bisher letzten großen Spielfilm "Un senor muy viejo con unas alas enormes" nach einer Erzählung seines langjährigen Freundes Gabriel García Márquez. Der Film feiert bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig seine Premiere und wird mit dem Preis für die beste Filmmusik ausgezeichnet. 1994/94 entstand das dokumentarische Filmessay Sur, sur, sur. Birris bisher letzter Film Elegia friuliana (Friulianische Elegie), eine essayistische Auseinandersetzung mit Birris Vorfahren, die aus dem Friaul stammten, kam 2007 heraus.

Literatur[Bearbeiten]

  • Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm (Hg.), "Fernando Birri - "...ein fahrender Cineast". Gespräche mit Goffredo de Pascale", Berlin 1995 (Henschel Verlag).
  • Groschup, Helmut/Wurm, Renate (Hg.), "Fernando Birri. Kino der Befreiung", Innsbruck 1991 (Südwind Verlag).
  • Groschup, Helmut (Hg.), "Die kubanische Filmkomödie", Innsbruck 2001 (StudienVerlag).

Weblinks[Bearbeiten]