Finnsburg-Fragment

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Das Finnsburg-Fragment ist ein nur fragmentarisch erhaltenes, altenglisches Gedicht vermutlich aus dem 7. Jahrhundert, das von einem heroischen Kampf handelt, in dem der Dänenprinz Hnæf und seine sechzig Gefolgsleute versuchen, das Fort des Friesenkönigs Finn vor übermächtigen Angreifern zu verteidigen. Der erhaltene Textabschnitt ist sehr kurz und voller heute kaum verständlicher Andeutungen, aber der Vergleich mit anderen Texten der altenglischen Literatur, insbesondere Beowulf, legt nahe, dass das Gedicht sich mit einem Konflikt zwischen Dänen und Friesen im Friesland der Völkerwanderungszeit befasst und die Angreifer die Friesen um Anführer Finn selbst waren, die die dänischen Gäste attackierten.

Quellenlage[Bearbeiten]

Der heute bekannte Text ist die Abschrift eines losen Manuskriptfolios, das einst in Lambeth Palace, der Londoner Residenz der Erzbischöfe von Canterbury, aufbewahrt wurde. Der britische Gelehrte George Hickes fertigte die Abschrift im späten 17. Jahrhundert an und veröffentlicht den fragmentarischen Text im Jahr 1705 in einer Anthologie des Alt-Angelsächsischen.[1] Diese Anthologie enthielt auch die erste Bezugnahme auf das einzig bekannte Manuskript des Beowulf-Epos. In späterer Zeit ging das Originalmanuskript verloren oder wurde gestohlen.

Inhalt[Bearbeiten]

Das Fragment ist nur etwa 50 Zeilen lang und lässt keine eindeutigen Rückschlüsse auf die Stammeszugehörigkeiten der Beteiligten zu. Tolkien[2] und Klaeber[3] haben die Stämme der beteiligten Parteien aber als die Dänen und die Friesen ausgemacht. Der Text beschreibt einen Kampf, in dem Hnæf (Zeilen 2 und 40), aus anderen Texten als dänischer Prinz bekannt, an einem Ort namens Finnsborough, also „Finns Bollwerk“ oder „Finns Burg“ (Zeile 36), angegriffen wird. Geht man hier vom Beowulf-Epos aus, ist dies offenbar der Sitz von Hnæfs Schwager Finn, dem Herrscher der Friesen, zu dem er gekommen ist, um bei ihm den Winter verbringen. Das Fragment beginnt mit Hnæfs Beobachtung, das Licht, welches er draußen sieht, sei „nicht die Morgenröte im Osten, noch ist es der Flug eines Drachen, noch sind die Giebel, die brennen.“ Was er sieht, sind die Fackeln der nahenden Angreifer. Hnæf und seine sechzig Gefolgsmänner halten die Tore des Gebäudes fünf Tage lang, ohne zu fallen. Dann wendet sich ein verwundeter Krieger vom Kampfgeschehen ab, um seinen Anführer zu sprechen (es ist nicht klar, auf welcher Seite) und das Fragment endet. Weder die Ursache noch das Ergebnis des Kampfes werden beschrieben.

Verbindung zum Beowulf-Epos[Bearbeiten]

Eine zweite Version der Geschichte um Finnsburg erscheint in einer Passage des Beowulf-Epos, und einige der Charaktere, wie Hnæf, werden in anderen Texten erwähnt. Die Episode im Beowulf (Zeilen 1068 bis 1158 ) ist etwa 90 Zeilen lang und wird bei einem Fest zur Feier von Beowulfs letzter Heldentat in Form eines Liedes von König Hrothgars Barden gesungen. In diesem Lied wird Hnæfs letzter Kampf als eine „Fres-Wael“ („Friesische Schlacht“) bezeichnet. Die Episode ist voller Anspielungen und eindeutig für ein Publikum bestimmt, das die Geschichte bereits gut kennt.[4] Es beschreibt die Trauer einer Dame names Hildeburh nach einem Überraschungsangriff der Friesen auf die Dänen. Bei Hildeburh handelt es sich um Hnæfs Schwester, die mit Finn, dem Anführer der Friesen, in dem Bemühen um Frieden zwischen den zwei Stämmen verheiratet wurde. Dieser Versuch blieb erfolglos und wird heute von vielen Wissenschaftlern als Quelle für die Tragödie in dem Stück angesehen.[5] Sie trauert um den Verlust ihres Bruders Hnæf, dessen toter Körper gemeinsam mit dem ihres (und Finns) Sohnes auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Nach der Schlacht schwören sich der siegreiche Finn und eine Figur namens Hengest einen Treue-Pakt. Hengest ist nun der Anführer der überlebenden dänischen Krieger. [6] Die weiteren Umstände sind unklar, aber Hnæfs Männer bleiben für den Rest des Winters in Finnsburg. Den Friesen wird aufgetragen, sie nicht dafür zu verhöhnen, dass sie nun Finn, dem Mörder ihres Herrn, folgen. Am Ende wird Hengest aber von Rachedurst übermannt und metzelt Finn und seine Männer in ihrer eigenen Methalle nieder. Er plündert die Halle und nimmt Hildeburh mit zurück zu ihrem Volk nach Dänemark.[7]

Auf den ersten Blick gibt es viele Unterschiede zwischen der Finn-Episode im Beowulf und dem Finnsburg-Fragment. Einer der entscheidendsten Unterschiede ist die Abwesenheit von Hildeburh im Finnsburg-Fragment. In der Beowulf-Episode ist sie ein integraler Charakter, der von allen Handlungsaspekten des Stückes betroffen ist. Hildeburh hat die Rolle einer tragischen Figur inne.[8] Sie muss sowohl über den Verlust ihres Bruders Hnæf, den ihres Sohnes und vieler Dänen trauern, denen sie aus Verwandtschaftsgründen verbunden war. Gleichermaßen war sie aber auch den Friesen durch ihre Heirat zur Treue verpflichtet.[9] Ihre Ehe wird größtenteils als eine Pflichtehe, keine Verbindung aus Liebe, gewertet, weshalb ihr Bezug zu den Friesen sicher schwächer war als zu ihren dänischen Verwandten.[10] Ihre Bedeutung für die Handlung in der Beowulf-Episode macht ihre Abwesenheit im Finnsburg-Fragment umso deutlicher. Dies gilt auch für Hengest. Auch dieser spielt eine äußerst wichtige Rolle: Er ist ein Anführer und steuert einen Großteil der Handlung. Hengest ist derjenige, der den Friesen einen „festen, soliden Frieden“ versprach und dann Finn „in seinem eigenen Haus“ tötete. [11] Wie bei Hildeburh macht seine Bedeutung für die Handlung in der Beowulf-Episode die Nichtbeachtung im Finnsburg-Fragment umso bemerkenswerter. Er wird nur einmal in dem Fragment erwähnt, und hier nicht in einer wichtigen Rolle: In Zeile 17 heißt es, dass Hengest „danach eintrat“ („und Hengest sylf / hwearf ihm laste“). Diese Lesart kann zwar so interpretiert werden, dass hier durchaus Wert auf Hengest Anwesenheit in der Schlacht gelegt wird, aber er wird nicht eindeutig einer Machtposition zugeordnet.

Wissenschaftliche Einordnung[Bearbeiten]

J.R.R. Tolkien studierte die überlieferten Texte und versuchte zu rekonstruieren, was die ursprüngliche Geschichte hinter der Finnsburg-Fragment und der Finn-Episode im Beowulf gewesen sein könnte. Diese Studie wurde schließlich zu dem Buch Finn und Hengest ausgearbeitet. Tolkien argumentierte, dass die Geschichte sehr wahrscheinlich als historisch anzusehen ist und es sich um keine bloße Legende handelt. Tolkien wies außerdem darauf hin, dass der Begriff „Finnsborough“ wahrscheinlich ein Fehler von entweder Hickes oder seinem Drucker war, da die Wortkonstruktion sonst nirgendwo vorkommt. Das Wort müsste eigentlich „Finnsburg“ heißen.[12] Es ist jedoch nicht klar, ob dies der tatsächliche Name der Stätte war oder nur eine später von den Dichtern erfundene Beschreibung für diese. Wo genau Finns Siedlung sich befand, ist nicht bekannt. Tolkien ging offenbar davon aus dass die Siedlung sich im Raum Angeln befunden haben dürfte.[13] Alte Sagen aus der Gegend verbinden zudem den Namen von Bau einem Ort bei Flensburg mit Beowulf.[14][15]

Einzigartig für die heute noch erhaltene altenglische Literatur ist, dass das Fragment keine christlichen Bezüge enthält. Auch die Verbrennung des gefallenen Hnæf ist eindeutig heidnisch.[16] Es ist zwar ein sehr kurzer Text, der zudem von einer Schlacht handelt, aber die beiden Fragmente des etwa zeitgenössischen Kampf-Gedichtes Waldere schaffen es wiederum, explizit christliche Inhalte auf kaum mehr Platz einzubinden.

Religiöse Aspekte[Bearbeiten]

Obwohl das Finnsburg-Fragment selbst kaum religiöse Elemente enthält, erwähnt der Text im Beowulf einige. Hier mischen sich verwirrenderweise heidnische und christliche Symbolik. In jüngster Zeit haben mehrere Forscher Erklärungen für diesen Konflikt angeboten: Christopher M. Cain wies besonders darauf hin, dass der christliche Autor das Gedicht mit Parallelen zum Alten Testament ausstattete, um die vorchristliche Welt zu symbolisieren, in der die Handlung sich abspielt.[17] Dieser Ansatz würde erklären, dass Charaktere wie Beowulf und Hrothgar in einer Weise handeln, die moralisch keineswegs christlich genannt werden kann und trotzdem positiv als Helden stilisiert werden.

Im Gegensatz dazu verfolgte C. Tidmarsh Major einen anderen Ansatz und untersuchte den Zustand der Religion zu der Zeit, in der das Gedicht wahrscheinlich geschrieben wurde. Im frühen Mittelalter war das Christentum noch nicht einheitlich, ebenso wenig das germanische Heidentum.[18] Der Beowulf sei ein literarisches Beispiel für die Überlagerung und Verschmelzung von heidnischen und christlichen Überzeugungen, wie sie einander damals auch im Alltag begegneten.

Beide Argumente sind überzeugend und bieten mögliche Erklärungen dafür, warum die scheinbar widersprüchlichen Theologien sich in dem Gedicht und der Beschreibung der Helden vermengen.

Literatur[Bearbeiten]

Editionen und Übersetzungen[Bearbeiten]

  • [1983] Hill, J. (Hrsg.): Old English Minor Heroic Poems 1994.
  • Fry, D.K. (Hrsg.): The Finnsburh Fragment and Episode 1974.
  • Dobbie (Hrsg.): Anglo-Saxon Poetic Records, vol 6: Anglo-Saxon Minor Poems 1942, S. 3–4.
  • Frederick Klaeber: Klaeber's Beowulf and the Fight at Finnsburg, 4th, University of Toronto Press, 2008.
  • George Hickes: Linguarum Veterum Septentrionalium Thesaurus grammatico-criticus et archaeologicus, 2 1705.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hickes: Linguarum Veterum Septentrionalium Thesaurus grammatico-criticus et archaeologicus, Bd. 2 (Oxford, 1705).
  2. Tolkien, J.R.R: Finn and Hengest: The Fragment and the Episode. Boston: Houghton Mifflin, 1983.
  3. Klaeber, Frederick: Klaeber's Beowulf. Fourth Edition. Toronto: University of Toronto Press, 2008.
  4. Fulk: "Six Cruces in the Finnsburg Fragment and Episode"
  5. Camargo: „The Finn Episode and the Tragedy of Revenge in Beowulf“
  6. Liuzza: „Beowulf.“
  7. Liuzza: „Beowulf.“
  8. Camargo: "The Finn Episode and the Tragedy of Revenge in Beowulf".
  9. Albano: „The role of women in Anglo-Saxon culture. Hildeburh in Beowulf and a curious counterpart in the Volsunga Saga“, S. 1-10.
  10. Albano: „The role of women in Anglo-Saxon culture: Hildeburh in Beowulf and a curious counterpart in the Volsunga Saga“, S. 1-10.
  11. Liuzza: „Beowulf.“
  12. Tolkien and Bliss: Finn and Hengest - The Fragment and the Episode.
  13. Michael D. C. Drout (Hrsg.): J.R.R. Tolkien Encyclopedia: Scholarship and Critical Assessment, 2007, Chapter Finn an d Hengest, Seite 210
  14. Flensburger Straßennamen. Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte, Flensburg 2005 , ISBN 3-925856-50-1, Artikel: Bauer Landstraße
  15. Karl Müllenhoff: Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg, Kiel 1845, Einleitung sowie die besagte Sage
  16. Tolkien and Bliss: Finn and Hengest - The Fragment and the Episode.
  17. Cain: „Beowulf, the Old Testament, and the Regula Fidei.“
  18. Major: „A Christian Wyrd: Syncretism in Beowulf“

Weblinks[Bearbeiten]