Fischerstechen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung. Näheres ist auf der Diskussionsseite angegeben. Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung.
Fischerstechen Ulm, 1986: Bauer und Bäuerin

Mit Fischerstechen wird ein alter Fischerbrauch bezeichnet. Der gleiche Brauch ist auch als Schifferstechen bekannt, der seinen Ursprung meist in der Fluss-Transportschifffahrt hat, z.B. der Salzschifffahrt. Es stellt einen Wettkampf zwischen zwei Mannschaften dar, die auf (Ruder-) Booten gegeneinander antreten. Ziel ist es in der Regel, die Mitglieder der anderen Mannschaften mit Hilfe eines Speers von ihren Booten ins Wasser zu stoßen. Ein bekanntes und sehr altes Fischerstechen findet in Ulm statt. Der Brauch findet sich heute jedoch auch in anderen deutschen Städten und Regionen. Ähnliche Wettkämpfe werden im (europäischen) Ausland und hier insbesondere in Frankreich veranstaltet.

Fischerstechen in Ulm[Bearbeiten]

Das Fischerstechen in Ulm am 26. Juni 1865
Das Ulmer Fischerstechen beginnt mit einem Festzug
Fischertanz auf dem Ulmer Kornhausplatz
Das Fischerstechen in Ulm am 19. Juli 2009

Das Ulmer Fischerstechen dürfte ins 14./15. Jahrhundert zurückreichen. Es lässt sich aber erst 1545 in den Ratsprotokollen belegen. Seit 1662 wurde das zunächst im Frühjahr stattfindende Fischerstechen regelmäßig am Dienstag nach dem Schwörmontag veranstaltet. Einer Lokalsage zufolge beobachteten zwei Ulmer Fischer ein Ritterturnier, das die in Ulm ansässigen Mönche des Klosters Reichenau veranstalteten. Die beiden meinten, dass sie das auch könnten, wobei sie dann mangels Pferden mit ihren Zillen gegeneinander starteten.

Heute findet es alle vier Jahre, bei besonderen Ulmer Anlässen auch in drei- bzw. fünfjährigem Abstand an den beiden Sonntagen vor dem Schwörmontag, dem zweitletzten Montag im Juli, statt. Am Vormittag ziehen traditionell die Mitglieder des Ulmer Schiffervereins durch die Ulmer Innenstadt, wobei an ausgewählten zentralen Plätzen zu schlichter Trommelmusik jeweils die historischen Tänze der Fischerzunft aufgeführt werden. Bei dem Umzug wird auch die Ulmer „Stadthymne“, der „Fischermarsch“, gespielt. An diesem Umzug nehmen unter anderem teil: Weißfischer, Zillenfahrer, Kirchweihjungfern, Fahnen- und Speerträger, die Fischerfrauen, Ulmer Stadtsoldaten sowie die Ulmischen Freireiter, alle gekleidet nach der Art der mittelalterlichen Fischer- und Schifferzunft (sowohl Alltags- als auch festliche Kleidung). Im Festzug mit dabei sind als wichtigste Gruppe die 16 Stecherpaare, die am Nachmittag beim eigentlichen Fischerstechen gegeneinander antreten werden.

Das eigentliche Stechen findet vor Tausenden von Zuschauern am Nachmittag auf der Donau als Turnier nach strengen und komplizierten Regeln statt. Dabei fährt bei jeder Paarung je eine Zille vom Ulmer und vom Neu-Ulmer Ufer ab. Diese Holzboote sind rund zehn Meter lang und einen Meter breit. Die Stecher stehen am hinteren Ende der Zille auf dem Standplatz, drei Fahrer bewegen eine Zille, der vordere und der hintere steuern, während der mittlere für die nötige Geschwindigkeit sorgt. Die gegeneinander fahrenden, ihrer Rolle entsprechend kostümierten Stecher stellen Figuren dar, in denen sich die Geschichte des Ulmer Fischerstechens und der Zeitgeist verschiedener Epochen widerspiegelt. Vor allem aber leben die Ulmer Geschichte und die unzähligen Sagen um Ulm und um Ulm herum in ihnen weiter. Dabei gibt es 15 feste Paare mit 30 Figuren sowie ein von Sonntag zu Sonntag wechselndes Überraschungspaar: zwei Gegenspieler aus dem aktuellen Zeitgeschehen. Diese 16 Paare treffen zunächst in der Hauptrunde aufeinander.

Es gilt, „trocken“ zu bleiben und nicht „nass“ zu werden: Ein Stecher gilt als „nass“ und somit nicht mehr als „trocken“, wenn er ins Wasser fällt, vom Standpodest in die Zille tritt, seinen Speer verliert, nach dem Speer des Gegners greift, durch unfaires Handeln seinen eigenen Sturz verhindert oder den des Gegners provoziert. Der Zunftmeister und das Schiedsgericht entscheiden in Zweifelsfällen, ob ein Stecher trocken geblieben ist. Der Speer ist ca. 2,80 Meter lang, an der Spitze durch eine ledergepolsterte Scheibe entschärft und am anderen Ende mit einem flachen Querholz versehen. Dieses wird an die Schulter gepresst und dient so zur Stabilisierung des Speers. Es gibt Hauptrunden, Zwischenrunden und das Finale. Da das Ulmer Fischerstechen an zwei aufeinanderfolgenden Sonntagen stattfindet, stechen nach dem Tagesfinale am zweiten Sonntag die beiden Tagessieger um den Gesamtsieg.

Ausrichter des Ulmer Fischerstechens ist der Ulmer Schifferverein e.V. als Nachfolgeorganisation der Ulmer Schiffer- und Fischerzunft. Die Teilnehmer sind hauptsächlich Nachfahren von Angehörigen dieser Zünfte. Der Personenkreis, welcher am Stechen teilnehmen darf, wird streng nach überlieferten Regeln ausgewählt. Veranstalter ist die Stadt Ulm. Das letzte Fischerstechen, die Umzüge und die damit verbundenen Fischertänze fanden am 14. und 21. Juli 2013 statt.

Die Verwilligung: Die "Verwilligung" ist die offizielle Bitte um Genehmigung zur Durchführung des Turniers an den amtierenden Oberbürgermeister der Stadt Ulm. Eine "Verwilligung" war in der Reichstadtzeit ein ganz normales Genehmigungsverfahren, mit dem sich die Veranstalter derartiger Volksbelustigungen (z. Bsp. auch der Ulmer Bindertanz) zu unterziehen hatten. Diese zum Fischerstechen gehörende Tradition wird immer am Donnerstag vor dem geplanten Stechen, dem Oberbürgermeister durch ein hübsch hergerichtete Fischerfrau, auf einem silbernen Tablett eine Barbe, vielleicht ein Bachsaibling, ein Hecht oder ein Zander überreicht. Dies soll den Oberbürgermeister "gnädig" stimmen und dazu bringen die Verwilligung zu erteilen.

Die Stecherpaare:
* - Weißfischer: Die Uniform 2 rote Schärpen kreuzen ihre Brust und der Randlose Filzzylinder ist grün. Dies war die Handwerkstracht früherer Jahrhunderte.
* - Narren: Sie gehören zu den ältesten Stecherfiguren und sie sind vermutlich seit den Anfängen des Fischerstechens nach der Fastnachtszeit dabei. Sie eröffnen das Stechen auf der Donau mit dem "Narrenmarsch" von Tambours gespielt.
* - Bauer und Bäuerin: Das Stecherpaar der ersten Stunde, bei anderen Fischerstechen werden sie "Hänsel und Gretel" genannt, sie sollen das "Landvolk" darstellen.

  • - Ulmer Spatz und Schneider von Ulm: Diese Figuren sind seit 1877 beim Stechen dabei und stellen alte Ulmer "Figuren" dar.

* - Kuhhirt und Ratsherr: Diese Figuren sind seit 1890 mit beim Stechen dabei und durch eine lokale Sage entstanden. Der Kuhhirt belauschte eine Ratssstizung durch ein Ofenrohr und hat dadurch erfahren, dass er gekündigt werden sollte. Dieser Kündigung kam er zuvor in dem er durch das Ofenrohr selber kündigte.
* - Krätten-Weber und Bollezei: Sie sind seit 1950 beim Stechen mit dabei. Jakob Weber war Gemüse- und Antiquitätenhändler und transportierte seine Wertgegenstände im Krätten (Korb) unter dem Gemüse. Das hauptsächliche Opfer seiner Schimpfattacken war die "Bollezei" (Ordnungshüter). Durch diese "Attacken" hatte er eine besondere Stellung in der Bevölkerung.
* - Schwanenwirtin und Max Emanuel: sie sind seit 1970 mit dabei. Die Wirtin hielt den bayrischen Offizieren im Wirtshaus zum Schwanen stand, als sie sie zwangen ebenfalls auf den bayrischen Kurfürsten Max Emanuel anzustoßen. Sie hob ihr Glas und trank auf den deutschen Kaiser Leopold I. und warf ihr Glas auf den Weinhof, wo es nicht zerbrach.
* - Karl V. und Moritz von Sachsen: Sind seit 1950 beim Stechen mit dabei. Sie hatten sich im Markgrafenkrieg von 1522 feindlich gegenüber gestanden, als Ulm auf der Seite Karl V. stand.
* - Wallenstein und Bernhard von Weimar / Gustav Adolf: Seit 1954 als Wallenstein und Weimar, ab 1970 als Wallenstein und Gustav Adolf dabei. Beide beeinflussten zu ihrer Zeit stark das Schicksal Ulms.
* - Türkenlouis und Großwesir: Sie sind seit 1958 mit dabei. "Türkenlouis" war der Spitzname des badischen Markgrafen Ludwig Wilhelm I. Türkenlouis und Großwesir erinnern an die Türkenkriege des späten 17. Jahrhunderts. Von Ulm aus wurden Militärkontingente zu den Schlachtfeldern transportiert.
* - Ober- und Unterländler: Seit 1870 mit dabei. Sie verkörpern die Bewohner unterschiedlicher Landschaften im württembergischen Schwaben und vertreten die Charaktere der dortigen Bewohner.
* - Tell und Geßler: Seit 1832 Tell und seit 1855 Geßler mit dabei. Keine typischen Ulmer Figuren, aber Träger der romantischen Freiheitsbegeisterung, welche auch im Fischerstechen wielerlei Gestalt fand.
* - Faust und Mephisto: Seit 1877 beim Stechen mit dabei. Klassische Gestalten die aufgrund der 500 Jahrfeier der Grundsteinlegung des Ulmer Münsters mit aufgenommen wurden.
* - Spatzameez und Griesbadmichel: Der Griesbadmichel war ein verlässlicher und geschätzter Dienstknecht und Mädchen für alles im Gasthaus zum Griesbad. Der Ausscheller Kaspar Rau hatte einen Sprachfehler und die besondere Vorliebe für "Spatzag'schmeez" (mehrfach benutztes Garwasser der Spätzle - mit Gemüse auch als Suppe verwertbar). Leider konnte Kaspar Rau sein Leibgericht nicht richtig aussprechen und so war er schließlich überall als "Spatzameez" bekannt.
* - Graf Eberhard v. Württemberg und Heinrich Besserer: Graf Eberhard v. Württemberg war gegen den Verbund der Reichsstädte 1379. Heinrich Besserer zog als Führer der Reichsstädte gegen den Grafen an und wurde vernichtend geschlagen.
* - König v. Württemberg und König v. Bayern: Da Ulm immer wieder Bayrisch und Württembergisch wurde, treten die beiden Könige Friedrich I von Württemberg (1806 - 1815) und Maximilian I Joseph, König von Bayern (1806 - 1825) gegeneinander an.
* - Überraschungspaar: Wechselnde Paarungen, die aktuelle Themen verkörpern.

Weitere Fischerstechen[Bearbeiten]

Fischerstechen in Agde, Frankreich
Fischerstechen in Frankfurt a.M., Mainfest
  • Das Cannstatter Fischerstechen findet alle zwei Jahre Ende Juni auf dem Neckar statt
  • Das Ketscher Fischerstechen
  • Das Hallenser Fischerstechen im Rahmen des Laternenfestes
  • Das traditionelle Fischerstechen in Worms im Rahmen des Backfischfestes
  • Das Fischerstechen in Bamberg im Rahmen der Sandkerwa am letzten vollen Wochenende im August
  • Das Fischerstechen in Bischberg im Rahmen der jährlichen Kirchweih am ersten Wochenende im September
  • Das traditionelle Fischerstechen in Bad Kreuznach
  • Das seit 1980 ausgetragene Fischerstechen auf dem Natursee in Inneringen (Stadtteil von Hettingen)
  • Das seit 1982 alle 4 Jahre stattfindende Fischerstechen in Türkenfeld wird von der ansässigen Freiwilligen Feuerwehr ausgerichtet
  • Das Fischerstechen (französisch: les joutes) in Agde
  • Das Fischerstechen in Sète
  • Das Fischerstechen in Seligenstadt findet alle 5 Jahre auf dem Main statt.
  • Das traditionelle Fischerstechen in Seehausen am Staffelsee, jedes Jahr am 15. August.
  • Das traditionelle Fischerstechen in Langenargen am Bodensee, das jedes Jahr seit 1932 durch den Turnverein (Abt. Handball) und die Berufsfischer durchgeführt wird.
  • In Nürnberg im Rahmen des Altstadtfestes
  • Das traditionelle Fischerstechen in Seeshaupt am Starnberger See findet jährlich unterhalb der St. Michaels Kirche statt
  • Das traditionelle Fischerstechen in Friedrichshafen, jedes Jahr am Seehasenfest ausgetragen seit 1952
  • Das traditionelle Fischerstechen in Eddersheim (Hattersheim am Main) im Rahmen des jährlich stattfindenden Fischerfest
  • Das traditionelle Fischerstechen in Gernsheim findet jährlich beim Rheinischen Fischerfest statt
  • Das historische Fischerstechen in Frankfurt am Main im Rahmen des traditionellen Mainfestes wird vom DLRG veranstaltet
  • Das Fischerstechen in Besigheim beim Winzerfest seit 1999 alle 2 Jahre
  • Das Fischerstechen in Iznang findet alle 3 Jahre im Untersee (Bodensee) statt
  • Das Fischerstechen in Neuhaus am Inn findet seit 2009 jährlich zum traditionellen Grenzlandfest statt. Es treten Vereine aus Deutschland und Österreich gegeneinander an.
  • In Laufen (Salzach) findet alljährlich ein Schifferstechen statt, das an die Salzschifffahrt auf der Salzach erinnert.
  • Das "Prinzregent Luitpold Fischerstechen" findet seit 1907 alle 5 Jahre (mit einigen Ausnahmen während der Kriegsjahre) auf dem Starnberger See an der Seepromenade in Starnberg statt. Es werden 2 Stechen ausgetragen: das der Sportfischer (Privatpersonen) und das der Berufsfischer rund um den See, bei dem der Gewinner zum Fischerkönig ernannt wird.
  • Das traditionelle Fischerstechen auf der Donau im Ingolstädter Klenzepark im Rahmen des Schanzer Donaufests


Literatur[Bearbeiten]

  • Nachricht vom Fischerstechen in Ulm, in: Schwäbisches Archiv, 1. Band, 4. Stück, 1790, S. 527-535 (Digitalisat)

Weitere Ulmer Traditionen am Schwörwochenende[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Fischerstechen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien