Flügelkiemer

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Flügelkiemer
Systematik
ohne Rang: Vielzellige Tiere (Metazoa)
Abteilung: Gewebetiere (Eumetazoa)
Unterabteilung: Bilateria
Überstamm: Neumünder (Deuterostomia)
Stamm: Kiemenlochtiere (Hemichordata)
Klasse: Flügelkiemer
Wissenschaftlicher Name
Pterobranchia
Lankester, 1877

Die Flügelkiemer (Pterobranchia) sind marine Hemichordaten. Die millimetergroßen wurmförmigen Tiere leben meist kolonial am Meeresboden, wo sie Nahrungspartikel mit ihrem charakteristischen Tentakelapparat aus dem Wasser filtrieren. Sie waren ursprünglich nur von Dredgeproben aus der Tiefsee bekannt, wurden inzwischen aber auch im Flachwasser warmer Meere nachgewiesen.

Merkmale und Verwandtschaftshypothesen[Bearbeiten]

Der Körper der Flügelkiemer lässt sich in die dem Nahrungsfang dienende Tentakelregion, den gehäusebauenden Rostralschild und den sackförmigen, Eingeweide und Keimdrüsen enthaltenden Rumpf untergliedern. Coelomräume gibt es nur im Rostralschild und in der Tentakelregion. Der Rumpf ist bei den meisten Arten dunkel gefärbt, die Tentakel rötlich. Auf der Vorderseite des Rostralschilds befindet sich unten ein rotes Band.

Aufgrund des Tentakelapparates sah man in den Flügelkiemern auch mögliche nahe Verwandte der Lophophorata (syn.: Tentaculata), also einer Großgruppe aus Hufeisenwürmern (Phoronida), Armfüßern (Brachiopoda) und Moostierchen (Bryozoa). Diese Verwandtschaftshypothese war von großer Bedeutung für das System der zweiseitig-symmetrischen Tiere (Bilateria), weil es die Flügelkiemer als vermeintlich urtümliche Deuterostomier mit den Lophophorata als vermeintlich urtümlichen Protostomiern zusammenführte. Sie wurden in einigen dieser Deutungen sogar als Repräsentanten der urtümlichsten Bilaterier angesehen.

Molekularbiologische Untersuchungen haben einen solchen urtümlichen Status der Flügelkiemer aber nicht bestätigen können, so dass mittlerweile davon ausgegangen wird, dass ihr Filtrierapparat nicht homolog zum Filtrierapparat der Lophophorata ist, und auch sonst keine nähere Verwandtschaft zu Protostomiern besteht[1].

Diesen Untersuchungen zur Folge sind die Flügelkiemer eher eine sehr spezialisierte Deuterostomiergruppe, die am wahrscheinlichsten aus eichelwurmartigen Vorläufern entstand (früher nahm man für die Hemichordata eher den umgekehrten Evolutionsverlauf an, also Entstehung der Eichelwürmer aus flügelkiemerartigen Vorläufern).

Anhand von Tiefseephotos aus den 1970er Jahren beschriebene Zwischenformen zwischen Flügelkiemern und Eichelwürmern, sogenannte "Lophenteropneusten", wurden 2005 nach ersten Fängen dieser Tiere als spezialisierte Eichelwürmer identifiziert, die nur sehr hypothetisch mit den Flügelkiemern in Verbindung gebracht werden können [2].

Innere Systematik[Bearbeiten]

Es gibt zwei Ordnungen und zwei rezente Familien. Die Familien werden anhand des Tentakelapparats, des Gebäusebaus und weiterer anatomischer Merkmale unterschieden.

  • Ordnung Cephalodiscoidea
    • Familie Cephalodiscidae, vier bis neun Tentakelpaare mit bis zu 50 Fiedern je Tentakel.
    • Familie Eocephalodiscidae Kozlowski, 1949 †
  • Ordnung Rhabdopleuroidea
    • Gattung Diplohydra Kozlowski, 1949 †
    • Gattung Graptovermis Kozlowski, 1949 †
    • Familie Rhabdopleuridae
      • Gattung Eorhabdopleura Kozlowski, 1970 †
      • Gattung Fasciculitubus Obut & Sobolevskaya, 1967 †
      • Gattung Kystodendron Kozlowski, 1959 †
      • Gattung Rhabdopleura, nur ein Tentakelpaar mit bis zu 15 bis 30 Fiedern je Tentakel.
      • Gattung Rhabdotubus Bengtson & Urbanek, 1986 †
    • Familie Rhabdopleuritidae Mierzejewski, 1986 †
    • Familie Rhabdopleuroididae Mierzejewski, 1986 †
    • Familie Stolonodendridae Bulman, 1955 †

Nahe Verwandte der Flügelkiemer sind die ausgestorbenen Graptolithen, die vom mittleren Kambrium bis zum unteren Karbon weltweit verbreitet waren und wichtige Leitfossilien für das Ordovizium und das Silur sind. Neben sessilen Formen sind von ihnen auch viele Gattungen bekannt, die mit Hilfe von Schwimmkörpern pelagisch lebten. Die fossilierbaren Teile des Flügelkiemers Cephalodiscus graptolithoides sind den Fossilien der Graptolithen so ähnlich, das einige Wissenschaftler der Ansicht sind, das die Graptolithen bei den Pterobranchen eingeordnet werden müssen [3].

Literatur[Bearbeiten]

  • Wilfried Westheide & Reinhard Rieger: Spezielle Zoologie Teil 1: Einzeller und Wirbellose Tiere, 2. Auflage, Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg • Berlin, 2007, ISBN 3-8274-1575-6

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. K. M. Halanych: Convergence in the feeding apparatuses of lophophorates and pterobranch hemichordates revealed by 18S rDNA: an interpretation. In: Biological Bulletin 1996, Nr. 190, S. 1-5
  2. N. D. Holland et al.: Lophenteropneust hypothesis refuted by collection and photos of new deep-sea hemichordates.. In: Nature 2005, Nr. 434, S. 374-376
  3. Hynek Burda, Gero Hilken, Jan Zrzavý: Systematische Zoologie. UTB, Stuttgart; : 1. Aufl. 2008, Seite 225, ISBN 3-8252-3119-4

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Pterobranchia – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • van der Land, J. (2010). Pterobranchia: World Register of Marine Species Pterobranchia