Flammarions Holzstich
Flammarions Holzstich, auch Wanderer am Weltenrand oder französisch au pèlerin (auf Pilgerschaft) genannt, ist ein Holzstich eines unbekannten Künstlers und erschien erstmals 1888 in der populärwissenschaftlichen Schrift L’atmosphère. Météorologie populaire des französischen Astronomen Camille Flammarion als Illustration im Kapitel La forme du ciel.
Die Darstellung zeigt einen Menschen, der am Horizont als dem Rande seiner Welt mit den Schultern in der Himmelssphäre steckt und dahinter Befindliches erblickt. Das Bild wurde im 20. Jahrhundert häufig für die authentische Darstellung eines mittelalterlichen Weltbildes gehalten und oft reproduziert.
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[Bearbeiten] Illustration und Kontext
Der Holzstich wurde zuerst 1888 in der dritten Ausgabe von Camille Flammarions Werk L’Atmosphère. Météorologie populaire veröffentlicht[1] und ist eine von über 300 Abbildungen in diesem Band, der sechs Bücher zusammenfasst. Dem Titelblatt des gesamten Bandes vorangestellt ist ein kolorierter Stich Les perspectives aériennes, der unter nahezu wolkenlosem Himmel eine hügelige Landschaft zeigt, gesehen von einem erhöhten Standpunkt in der Biegung eines abfallenden unbefestigten Hohlwegs und auf den ersten Blick menschenleer.[2] Das Blatt des Einleitungskapitels zu L'atmosphère zeigt über diesem Titel das Bild einer Ballonfahrt über den Wolken.[3] Der Text steht unter dem Motto « in ea vivimus, movemur et sumus » (lat.; Übersetzung: „In dieser leben wir, werden bewegt und sind“).[4] Im Unterkapitel La forme du ciel von Kapitel I La jour des Zweiten Buches La lumière et les phénomènes optiques de l'air des über 800 Seiten umfassenden Bandes ist der Holzstich auf Seite 163 illustrierend eingesetzt.
Die Illustration, im Stil des strengen Historismus oder des 16. Jahrhunderts,[5] zeigt eine hügelige und bergige Landschaft mit mehreren Städten an einem See, überspannt von einem als gekappter Viertelbogen aufgeschnitten gezeigtem hemisphärischen Himmel mit strahlender Sonne, sichelförmigem Mond und zahlreichen Sternen, sowie im Vordergrund auf einer Anhöhe links vor einem Baum einen knienden Beobachter, fast im Vierfüßlerstand, der nach links die Sphäre durchdringt und mit den Schultern in dieser steckt, etwa an der Stelle, wo die Sphäre des Himmels dem Rand der Oberfläche der Erde anliegt. Von einer anscheinend flachen Erdscheibe blickt diese Person, die mit Kopfbedeckung, langem Mantel und kurzem Schulterumhang bekleidet ist und sandalenähnliches Schuhwerk an den bloßen Füßen trägt, auf mehrere kreisähnliche voneinander abgesetzte und aufeinanderfolgende Streifen oder Schichten, die flammenförmig und wolkenförmig ausgestaltet sind, und in oder auf denen zwei Scheiben und ein Paar ineinandergefügter Räder zu liegen scheinen. Den Stock linker Hand hält dieser Wanderer nicht mehr fest, mit der ausgestreckten rechten macht er eine tastende oder grüßende Geste; der Gesichtsausdruck ist dem Bildbetrachter in dieser Perspektive entzogen.
Das Bild wird durch einen auffallenden Rahmen gefasst, in den verschiedene Ornamente und Figuren eingelassen sind sowie zu beiden Seiten je eine Säule mit einem Aufsatz, ähnlich dem eine Kreuzblume tragenden Turm gotischer Kathedralen; im unteren Rahmenbereich ist eine buchähnlich aufgeschlagene Schriftrolle zu sehen, die allerdings keine Zeichen trägt. Der Abbildung fehlt damit im Rahmen eine Legende, wie dem Kunstwerk als solchem eine Signatur.
In Flammarions Buch ist diese Illustration in den Text des Kapitels La forme du ciel eingefügt und korrespondiert über die Lage ihrer Einfügung und über den angegebenen Untertitel mit einer Passage im Text (die auf die Beschreibung antiker und mittelalterlicher Vorstellungen des Himmels folgt) auf der links nebenstehenden Seite (S. 162).
Der Untertext zum Bild lautet im Original:
« Un missionnaire du moyen âge raconte qu'il avait trouvé le point où le ciel et la Terre se touchent … »
„Ein Missionar des Mittelalters erzählt, dass er den Punkt gefunden hat, wo der Himmel und die Erde sich berühren …“
– Camille Flammarion: L’Atmosphère, Paris 1888, Seite 163
Das Bild illustriert eine Textpassage der gegenüberliegenden Seite:
« … Un naïf missionnaire du moyen âge raconte même que, dans un de ses voyages à la recherche du Paradis terrestre, il atteignit l'horizon où le ciel et la Terre se touchent, et qu'il trouva un certain point où ils n'étaient pas soudés, où il passa en pliant les épaules sous le couvercle des cieux. … »
„… Ein naiver Missionar des Mittelalters erzählt sogar, dass er auf einer seiner Reisen auf der Suche nach dem irdischen Paradiese den Horizont erreichte, wo der Himmel und die Erde sich berühren, und dass er einen gewissen Punkt fand, wo sie nicht verschweißt waren, wo er hindurch konnte, indem er die Schultern unter das Himmelsgewölbe beugte. …“
– Camille Flammarion: L’Atmosphère, Paris 1888, Seite 162[6]
In dieser Passage des Textes stellt Flammarion mit nur einem einzigen, zwischen Auslassungszeichen abgesetzten, Satz dem Leser eine Geschichte vor, in welcher eine hier als « missionaire » bezeichnete Person etwas Unglaubliches berichtet, das sie angeblich erlebt oder vollbracht hat. Diese Darstellung geht jedoch nicht auf eine Anekdote aus dem Mittelalter zurück. Flammarion erzählte die Geschichte bereits – noch ohne die Illustration – in der 1872 erschienenen Ausgabe von L'Atmosphère[7] wie auch sehr ähnlich in einigen anderen seiner Werke, so 1865 in Les mondes imaginaires et les mondes réels,[8] in der 1872 gedruckten Histoire du ciel[9] und 1884 in Les terres du ciel.[10] In diesen Geschichten, die jeweils immer nur aus einem einzigen Satz bestehen, ist die Person 1865 und 1872 ein Anachoret, ebenfalls 1872 ein interessanter Missionar, 1888 ein naiver Missionar; 1884 sind es einige Mönche.
Als Quelle für die vorgetragene Erzählung dieser unerhörten Begebenheit verweist Flammerion auf eine Passage in den Lettres des französischen Skeptikers La Mothe Le Vayer, dessen 300. Geburtstag 1888 gefeiert wurde. Dieser spricht in den „Geographischen Bemerkungen“ einleitend von seinem Ärger über die Weitergabe und schriftliche Wiedergabe angeblicher Erlebnisse oder offensichtlicher Lügenmärchen durch Reiseerzähler beziehungsweise Historiografen, die als Geografen auftreten. „Dieser gute Anachoret“ nennt er einen von diesen – wobei offen bleibt, ob er sich damit auf Pytheas, Vincent Le Blanc oder doch Fernao Mendes Pinto bezieht, der 1554 als Laienbruder des Jesuitenordens dessen Missionstätigkeit in Japan kräftig unterstützte, bevor er zur dort unter dem Vorwand einer religiösen Mission praktizierten kolonialistischen Ausbeutung ein kritisches Verhältnis gewann und den Orden verließ; die postum 1614 als Peregrinação (port., 'Pilgerreise') veröffentlichten Memoiren und Reiseberichte, von der Societas Jesu überarbeitet, brachten Mendes Pinto in den Ruf eines Aufschneiders (im Portugiesischen als „Fernão, Mentes? Minto! (Fernão, lügst Du? Ich lüge!)“ anspielend auf das Kreter-Paradoxon). La Mothe Le Vayer erzählt dann eine kurze Anekdote, die sich am Rande der Welt zugetragen haben soll.[11]
Es ging Flammarion in dem zu der Abbildung gehörigen Textabschnitt auch darum, eine Vorstellung des Himmelsgewölbes zu karikieren, nach der man durch Ersteigen von Bergen an den Rand der Atmosphäre gelangen könne. Dem stellt er seine eigenen Ballonfahrten gegenüber, höher hinauf als der Olymp, bei denen er nicht an das Himmelszelt gestoßen sei.[12] Es wird angenommen, dass Flammarion die unsignierte Darstellung als Holzstich von einem unbekannten Graphiker anfertigen ließ.
[Bearbeiten] Symbolik und Deutung
Gemäß dem mittelalterlichen Weltbild lag hinter den Himmelssphären, außerhalb des Fixsternhimmels, noch ein Kristallhimmel und darüber der Feuerhimmel (das empyreum).[13] Flammarions Holzstich zeigt hier Dinge, zu deren Deutung und Benennung der Bildtext und die zugehörige Geschichte keine Erklärungen bieten. In der Bildenden Kunst findet sich keine unmittelbar vergleichbare Himmelsdarstellung. Der Stich zeigt unbekannte Sphären, zwei runde Gestirne – C. G. Jung sah darin 1958 „ein Urbild der Ufovision ..., die projizierten «rotunda» der inneren, bzw. vierdimensionalen Welt“,[14] – sowie zwei in sich selbst laufende Räder, die C. G. Jung als die Merkaba Ezechiels[15] deutete.[16] Moderne Betrachter erwarten kein Gottesbild im Himmel und sehen hier „das Universum“, „Geräte“, einen „himmlischen Mechanismus“ und dergleichen[17] oder den „unbewegten Beweger“ oder „primum movens“, was als Vorstellung auf Aristoteles zurückgeht.[18]
[Bearbeiten] Wirkungsgeschichte
Die Abbildung wurde erstmals 1903 auch in einem deutschsprachigen Werk verwendet und hier als „Mittelalterliche ... Darstellung des Weltsystems“ bezeichnet.[19] Sie wurde in der Folge in vielerlei Kontexten zur Illustration verwendet und dabei häufig als authentischer spätmittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Holzschnitt betitelt. Fast stets wurde sie ohne Flammarions Schmuckrahmen gezeigt, teilweise zusätzlich im oberen Teil um Räder, Mond und Gestirne beschnitten.[20] Schließlich setzte eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Stich ein, die dessen Urheberschaft, Authentizität und Datierung zum Thema hatte. Seit 1979 wurden von Künstlern auch kolorierte Fassungen gezeigt.[21]
Die Vorstellung von einer mittelalterlichen Flacherdelehre ist historisch nicht fundiert. Sie entstand vielmehr erst nach dem Mittelalter aus dem Bedürfnis der Neuzeit, sich polemisch von der vorhergehenden Zeit abzugrenzen. So entwickelte sich zumal im 19. Jahrhundert die Vorstellung von einem „dunklen Mittelalter“, in dem unter den Verwüstungen der Völkerwanderung sowie der dogmatischen Zensur der Kirche die Bildung der Antike verloren gegangen sei und auch die antiken Erkenntnisse über die Kugelgestalt der Erde dem Bild einer flachen Erde als Scheibe gewichen sein sollen.
[Bearbeiten] Literatur
- Carl Gustav Jung: Ein moderner Mythus: von Dingen, die am Himmel gesehen werden, Zürich und Stuttgart 1958.
- Bruno Weber: Ubi caelum terrae se coniungit. Ein altertümlicher Aufriß des Weltgebäudes. In: Gutenberg-Jahrbuch 1973, S. 381–408. Auszüge online (französisch)
- Hans Gerhard Senger: „Wanderer am Weltenrand“ – ein Raumforscher um 1530? Überlegungen zu einer peregrinatio inventiva. In: Jan A. Aertsen, Andreas Speer (Hrsg.): Raum und Raumvorstellungen im Mittelalter. De Gruyter, Berlin u. a. 1998, ISBN 3-11-015716-0, S. 793–827.
- Hans Gerhard Senger: „Wanderer am Weltenrand“ – ein Raumforscher um 1530? Überlegungen zu einer peregrinatio inventiva. In: Ludus Sapientiae. Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters, Band 78. Brill, Leiden u.a. 2002, ISBN 90-04-12081-5, S. 311–350. Auszüge online
- Hans Gerhard Senger: „Wanderer am Weltenrand“ – ein alter oder altertümelnder Weltaufriss? In: Christoph Markschies, Ingeborg Reichle, Jochen Brüning, Peter Deuflhard (Hrsg.): Atlas der Weltbilder. Akademie Verlag, Berlin 2011, S. 343-352.
[Bearbeiten] Weblinks
- Georg Peez: Ein vermeintlich mittelalterlicher Holzschnitt - zur Darstellung pädagogischer und kunstpädagogischer Grenz- und Erfahrungsphänomene Zuletzt geändert am 20. April 2002 - Zugriff 8. Februar 2009
- Kerry Magruder: Is this a medieval flat-earth woodcut? Or not! Letzte Änderung: 28. Juli 2003; Zugriff 26. Juli 2011. Private Webpräsenz zur Rezeptionsgeschichte des Holzstichs; zahlreiche Unterseiten (englisch)
- Oncle Dom: Une légende savante: Camille Flammarion faussaire Letzte Änderung: 25. März 2010; Zugriff 12. Januar 2012. Private Webpräsenz zur Rezeptionsgeschichte des Holzstichs; zahlreiche Unterseiten (französisch)
[Bearbeiten] Anmerkungen
- ↑ Camille Flammarion: L’atmosphère. Météorologie populaire. Paris 1888, S.163
- ↑ Camille Flammarion: Les perspectives aériennes, in L’atmosphère. Météorologie populaire NP. Paris 1888, unpaginiert
- ↑ Camille Flammarion: L’atmosphère. Météorologie populaire Chapitre Préliminaire. Paris 1888, S. 1.
- ↑ Camille Flammarion: L’atmosphère. Météorologie populaire Chapitre Préliminaire. Paris 1888, S. 1.
- ↑ Bruno Weber: Ubi caelum terrae se coniungit. Ein altertümlicher Aufriß des Weltgebäudes. In: Gutenberg-Jahrbuch 1973, S. 383–384, führt verschiedene Datierungsvorschläge auf kunsthistorischer Grundlage an, die vom 15. bis zum 17. Jahrhundert reichen.
- ↑ Camille Flammarion: L’atmosphère. Météorologie populaire. Paris 1888, S. 162, auch rezipiert bei Senger 2002, S. 330
- ↑ Camille Flammarion: L’atmosphère. Description des grands phénomènes de la nature, Paris 1872, S. 138.
- ↑ Camille Flammarion: Les mondes imaginaires et les mondes réels, Paris 1865, S. 328.
- ↑ Camille Flammarion: Histoire du ciel, Paris 1872, S. 299.
- ↑ Camille Flammarion: Les terres du ciel, Paris 1884, S. 395
- ↑ François de La Mothe le Vayer: Oeuvres de François de La Mothe Le Vayer, Bd. 2/3, 3. Auflage, Paris 1662, S. 777
- ↑ Senger 2002, S. 330
- ↑ Camille Flammarion: L’atmosphère. Météorologie populaire, Paris 1888, S. 162.
- ↑ Jung 1958, S. 96, auch rezipiert bei Senger 2002, S. 331, Anm. 86.
- ↑ Ezechiel 1,16 EU
- ↑ Jung 1958, S. 96, auch rezipiert bei Senger 2002, S. 331, Anm. 90.
- ↑ Senger 2002, S. 331, Anm. 90 nennt Beispiele
- ↑ Rudolf Simek, Erde und Kosmos im Mittelalter, Augsburg 2000.
- ↑ Senger 2002, S. 314
- ↑ Private Sammlung zur Bildverwendung
- ↑ Private Sammlung mit 21 verschieden kolorierten Fassungen