Fleute

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Segelschiffstyp. Für den Wuppertaler Ortsteil siehe Fleute (Wuppertal).
Holländische Fleuten um 1647, Radierung von Wenzel Hollar
Holländische Fleuten um 1647, Radierung von Wenzel Hollar

Die Fleute, altertümlich auch Fluite, Fluit, Fluyt, Fliete, Vliete genannt, war ein ursprünglich aus den Niederlanden stammendes dreimastiges Handelsschiff mit großer Ladefähigkeit und geringem Tiefgang. Es war nach der Kogge der zweite nordische Schiffstyp, der auch den Nationen des Mittelmeerraumes als Vorbild diente. Wahrscheinlich war es auch der erste Schiffstyp, auf dem die Ruderpinne durch ein Steuerrad ersetzt wurde. Allgemein bekannt ist der Schiffstyp der Fleute vor allem durch die Darstellung holländischer Handelsschiffe auf den Bildern alter Meister.

Es war im Goldenen Zeitalter der Niederlande im 17. Jahrhundert dort das für die Europäische Fahrt bevorzugte und am meisten verbreitete Handelsschiff, mit dem insbesondere Massengüter transportiert wurden.

Verbreitung und Einsatz[Bearbeiten]

Aufgrund ihres hohen ökonomischen Gebrauchswertes verbreitete sich die Fleute über die Niederlande hinaus schnell auch in anderen Ländern, bis in den Mittelmeerraum. Im 17. Jahrhundert war die Fleute das beste und meistverbreitete Handelsschiff im europäischen Raum. Es ließ sich nicht nur leichter segeln als eine Galeone, sondern benötigte auch deutlich weniger Besatzungsmitglieder als vergleichbare Schiffstypen. Zudem bot die Fleute auch steuerliche Vorteile. Zur Zeit der Entstehung des Schiffstyps der Fleute berechneten die Dänen den Zoll, für die wichtige Durchfahrt der Handelsroute in die Ostsee, nach der Größe der Decksfläche. Um diese Gebühren pro Kubikmeter anteilig zu senken, hatte die Fleute einen ausladenden Rumpf, aber gleichzeitig sich nach oben stark verengende Bordwände, die bei hoher Frachtkapazität für ein kleines Deck sorgten.

Entwicklung und Merkmale[Bearbeiten]

Modell einer Fleute im Deutschen Museum München. Gut zu sehen ist das Rundgatt am Heck.

Als Handelsschiff war die Fleute rein nach ökonomischen Gesichtspunkten konstruiert und diente nicht zu Repräsentationszwecken. Im Gegensatz zu den zu dieser Zeit üblichen Karacken und Galeonen hatte sie nur gering verzierte Aufbauten an Bug und Heck. Das auffälligste sichtbare Merkmal der Fleute war die eigenwillige Bauweise aus bauchigem Laderaum mit Rundgatt und einem, durch die stark nach innen gerundeten Spanten, schmalem Deck: eine Form, die ausschließlich durch die Optimierung des Handelsschiffes an die dänischen Zollbestimmungen zustande kam. Technisch gesehen hat sich die Fleute jedoch eigenständig aus kleineren Küstenschiffen entwickelt, die stetig vergrößert wurden, primär aus dem niederländischen Bojer. Die Fleute war damit ein völlig neuer, im Ursprung niederländischer Schiffstyp, bei dem es sich im Gegensatz zu den meisten Schiffstypen seiner Zeit nicht um eine Weiterentwicklung der Galeone handelte. Die Fleute hatte einen vergleichsweise geringen, an die flachen niederländischen Häfen angepassten Tiefgang. Betrachtet man den Querschnitt des Schiffsrumpfes, so ist dieser bis zum Ansatz der konkaven Seitenwände der Aufbauten nahezu rund. Dennoch besaß dieser Schiffstyp im Verhältnis zur Gesamtgröße ungewöhnlich hohe Masten. Die Rahen waren im Vergleich zu einer Galeone kürzer und die Segel damit erkennbar schmaler und höher. An den beiden Vormasten trug die Fleute zwei Rahsegel, auf dem Achtermast ein Rah- und ein Lateinersegel und auf dem Bugspriet eine Blinde. Später bekam die Fleute ein drittes Rahsegel und der Bugspriet eine Oberblinde.

In Richtung Heck stieg das Deck an, wie in der damalige Zeit bei vielen Schiffstypen üblich. Abgeschlossen wurde die Fleute mit einem Heckaufbau, der nur über der Wasserlinie mit einer schmalen Spiegelwand versehen war. Konstruktiv waren die Aufbauten jedoch deutlich stärker in die Rumpfkonstruktion integriert als die blockhaft aufgesetzten Kastelle der Karavellen oder Galeonen. Das Verhältnis von Länge über alles : Breite betrug bei der Fleute in etwa 4,6:1, während es sich bei einer Galeone etwa 4,0:1 belief, bei einer Karacke sogar nur auf 3,0:1. Faktisch war es damit ein für seine Zeit sehr schlankes Schiff. Dieser Eindruck dürfte durch die hohen Masten und die schmalen Segel noch verstärkt worden sein. Mit der Zeit[1] wurden die Berechnungsgrundlagen für die Zollgebühren geändert und die Decks der Fleuten in Folge breiter.

Der erste bekannte Stapellauf einer Fleute erfolgte 1595 in der Stadt Hoorn[2] in den Niederlanden. Die Fleute wurde im 18. Jahrhundert zunehmend durch den Schiffstyp der Galiot abgelöst.

Die Länge der Fleute betrug in der Regel zwischen 28 und 36 m und die Tonnage 150 bis 400 Tonnen. Sie hatte eine Besatzung von 8 bis 22 Mann.[3] Es hatte meist eine leichte Bewaffnung und wurde neben Handelsrouten in Europa auch auf den Routen nach Asien und Amerika (wo allerdings das größere Retourschiff gebräuchlicher war) und als Transportschiff der niederländischen Admiralität eingesetzt.

Auswirkungen[Bearbeiten]

Das Erscheinen der Fleute löste eine Revolution in der Schifffahrt, im Schiffsbau aus und hatte nachhaltige ökonomische Folgen in Europa.

Konstruktive Einflüsse auf zukünftige Schiffstypen[Bearbeiten]

Die langgestreckte Konstruktion des Schiffstyps kommt dabei der Verringerung des Tiefgangs und einer Verringerung der Breite bei gleichzeitig hoher Ladekapazität zugute. Die Fleute war nicht nur ein schneller wendiger Segler, sondern durch die schmalen Rahen auch durch eine verhältnismäßig kleine Besatzung zu führen. Die Fleute war damit in der Lage, für einen Rahsegler nah an den Wind zu gehen. Diese Eigenschaften führten in Folge zu Parallelentwicklungen wie dem Pinaßschiff, aus dem sich später die Weiterentwicklungen wie das Retourschiffe und die Fregatte ableiteten.

Die ökonomische Revolution[Bearbeiten]

Die Fleute war der erste Schiffstyp, der zumindest in den Niederlanden, stark standardisiert und arbeitsteilig, mit Seriencharakter hergestellt wurde. Dies ermöglichte eine enorme Beschleunigung und Kostenreduzierung in der Produktion, bei gleichzeitiger Qualitätssteigerung im Schiffsbau. In den Niederlanden entstand in Folge eine gewaltige Schiffsbauindustrie. In rund hundert Werften fertigten diese im 17. Jahrhundert Schiffe für ganz Europa. Im Schwerpunkt nutzen die Niederländer diesen Vorteil jedoch, um die eigene Stellung als Handelsnation auszubauen. Die Dominanz der Fleuten führte im Seeverkehr zu einem wirtschaftlichen Siegeszug ohne geschichtliches Beispiel. Innerhalb weniger Jahre errichteten die Generalstaaten auf der Basis dieser Innovationen fast ein Monopol für den Seehandel zwischen Nord und Südeuropa und wickelten in etwa 75 Prozent des Ostseehandels ab. In der Blütezeit verfügten sie mit rund 15.000 Schiffen über etwa die Hälfte der gesamten Welthandelstonnage.

Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen[Bearbeiten]

Katastrophenartig brach die Handelsschifffahrt vieler Nationen im Mittelmeerraum zusammen. Die Fleuten der Niederländer transportierten günstiger, schneller, sicherer. Durch die Halbierung der Fahrzeiten und die geringe Besatzung der Fleuten entstanden für die damalige Zeit gigantische Überkapazitäten an Schiffen und Seeleuten. In Lübeck, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts bedeutendsten Reedereistadt, forderten die Schiffer bereits 1612 Ausnahmegesetze gegen die Holländer, da die eigenen Kaufleute ihre Waren auf holländischen Schiffen transportierten während die lübischen Schiffe ohne Ladung blieben. Die Löhne für Seeleute verfielen zunehmend und immer mehr Seeleute und arbeitslose Kauffahrer wandten sich als letztem Ausweg auch der Piraterie zu.

1616 schreiben dazu die Niederländischen Admirale Opdam und Haultain in einem Gutachten: „...das durch die schändliche Gierigkeit einiger weniger Personen von Tag zu Tage mehr praktiziert wird, wie man die Kauffahrteischiffe nach Art von Fleuten oder Gaingen mit den geringsten Kosten und dem wenigsten Volk in See bringen kann. Viele sorgsame Schiffer werden dadurch um ihre Nahrung gebracht und dem Dienst des Kaufmanns entzogen. Das Volk läuft ohne Beschäftigung herum und kann keine ausreichende Heuer bekommen, um ehrlich sein Brot zu gewinnen, und begibt sich, um Weib und Kind zu unterhalten, auf ungehörige Fahrten, in fremde Dienste und gar in den Sold der Feinde des niederländischen Wohlstandes. Der Zudrang zum Seemannsberuf nimmt ab, da man dort so kümmerlich ein Fortkommen findet. Ebenso werden viele ehrliche Kaufleute, die ihren Handel mit etwas größerer Sicherheit zu treiben suchen, nicht wenig in ihrem Geschäft entmutigt, in Anbetracht, dass die Güter, die mit so geringer Beschwernis in Fleuten und Gaingen über See gebracht werden, den gemeinen Markt verderben und aller Gewinn ihnen allein zufällt. ..."[4][5]

Ähnliche Bauformen[Bearbeiten]

Pinaßschiff[Bearbeiten]

Mit dem verstärkt aufkommenden Überseehandel im Goldenen Zeitalter der Niederlande im 17. Jahrhundert wuchs die Notwendigkeit für ökonomische, aber gleichzeitig wehrhafte und für die warmen äquartorialen Gewässer geeignete Handelsschiffe. Die Europäische Fahrt dominierte der Schiffstyp der Fleute als effektivstes und am meisten verbreitete Handelsschiff. Allerdings war dieser Schiffstyp durch den stark gewölbten Rumpf und das Rundgatt weniger gut für den Einsatz in den warmen äquatorialen Zonen geeignet. Mit dem Pinaßschiff wurden die technischen Vorteile der Fleute an diese Notwendigkeit angepasst. Siehe auch Pinaßschiff

Heckboot[Bearbeiten]

Eine Sonderform der Fleute war das Heckboot (auch Hekboot). Ein Heckboot bot der Schiffsführung deutlich mehr Raum und Bequemlichkeit als eine normale Fleute. Der wesentliche Unterschied zwischen einer Fleute und einem Heckboot lag in einem breiten Balken, der horizontal oberhalb des Hennegat angebracht war und fast die gesamte Breite des Schiffes ausmachte. Bei einer normalen Fleute ist der Heckspiegel sehr schmal und ändert sich über die gesamte Höhe kaum in seiner Breite. Durch den breiten Balken erhielt das Heckboot einen untypisch breiten Heckspiegel.


Bei den frühen Heckbooten begann der Spiegel unten sehr breit und lief dann weiter oben so schmal wie bei einer normalen Fleute zusammen. Bei späteren Heckboote wurde auf hohe Achterschiffe verzichtet. In Folge blieb das Heck breiter und der Unterschied zum Ursprungstyp wurde noch deutlicher. Gleichzeitig wurde dieser Schiffstyp durch das niedrigere Heck weniger topplastig.

Walfänger[Bearbeiten]

Walfänger-Fleuten hatten aufgrund der besonderen Anforderungen an die Jagd ein gerades Deck ohne Aufbauten. Diese speziellen Schiffe waren an beiden Seiten mit Fangbooten ausgerüstet.

Namensherkunft[Bearbeiten]

Von hinten betrachtet ähnelte die Fleute mit ihren schmalen hohen Aufbauten und dem halbrunden Loch, durch das die Ruderpinne geführt wurde, dem Kopfstück einer Blockflöte mit dem Labium. Daher wird behauptet, dem Namen Fleute liege das Wort Flöte zugrunde. Nach einer anderen These ist der Name auf das Wort "fließen" zurückzuführen.

Bekannte Schiffe dieses Typs[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Robert Vorstmann Kauffahrer, Kriegsschiffe und Seeschlachten im Werk von Ludolf Backhuysen, in: Henri Nannen (Herausgeber), Ludolf Backhuysen, Emden 1985
  • Robert Bohn, Geschichte der Seefahrt, Verlag C.H.Beck
  • Hagedorn Bernhard, Die Entwicklung der wichtigsten Schiffstypen bis ins 19. Jahrhundert, Veröffentlichungen des Vereins für Hamburgische Geschichte. Band, Berlin: Curtius, 1914,

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ab 1669 wurden die Zollgebühren in Dänemark nach Rauminhalt und nicht mehr nach Decksfläche erhoben. Robert Vorstmann in: Henri Nannen, Ludolf Backhuysen, Emden 1985 (Backhuysen Ausstellung), S. 108
  2. Hagedorn, Bernhard, Die Entwicklung der wichtigsten Schiffstypen bis ins 19. Jahrhundert, Veröffentlichungen des Vereins für Hamburgische Geschichte. Band, Berlin: Curtius, 1914, Seite 102
  3. Vorstmann in: Nannen, Ludolf Backhuysen, 1985, S. 108
  4. Hagedorn, Bernhard, Die Entwicklung der wichtigsten Schiffstypen bis ins 19. Jahrhundert, Veröffentlichungen des Vereins für Hamburgische Geschichte. Band, Berlin: Curtius, 1914, Seite 110-114
  5. Robert Bohn, Geschichte der Seefahrt, Verlag C.H.Beck, Seite 76-78