Flockenstieliger Hexen-Röhrling

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Flockenstieliger Hexen-Röhrling
2012-07-12 Boletus erythropus crop.jpg

Flockenstieliger Hexen-Röhrling (Neoboletus luridiformis)

Systematik
Ordnung: Dickröhrlingsartige (Boletales)
Unterordnung: Boletineae
Familie: Dickröhrlingsverwandte (Boletaceae)
Pulveroboletus-Gruppe
Gattung: Neoboletus
Art: Flockenstieliger Hexen-Röhrling
Wissenschaftlicher Name
Neoboletus luridiformis
(Rostk.) Gelardi, Vizzini & Simonini

Der Flockenstielige Hexen-Röhrling (Neoboletus luridiformis[1], Syn. Boletus erythropus, B. luridiformis) ist eine Pilzart aus der Familie der Dickröhrlingsverwandten (Boletaceae). Er ist ein häufiger und wird im Volksmund je nach Landstrich auch Tannen-, Schuster-, Donnerpilz oder Zigeuner (z. B. im Bayerischen Wald) genannt. Die Bezeichnung „Schusterpilz“ entstand wegen der wildlederartigen Oberfläche des Huts.[2] Er ist roh unverträglich, gilt gekocht aber als hervorragender Speisepilz.

Merkmale[Bearbeiten]

Makroskopische Merkmale[Bearbeiten]

Die Hutunterseite des Flockenstieligen Hexen-Röhrlings zeigt leuchtend orangerote Poren bzw. Röhrenmündungen.
Das gelbe Fleisch des Flockenstieligen Hexen-Röhrlings läuft bei Luftkontakt in kürzester Zeit blaugrün an.

Der Hut ist halbkugelig bis polsterförmig, verflacht aber im Alter etwas. Er erreicht einen Durchmesser zwischen 6 und 20, manchmal auch 25 Zentimetern. Die Oberseite ist meist dunkelbraun gefärbt; selten ist sie heller braun oder mit oliven Anteilen getönt. Die Huthaut ist fein samtig-filzig, verkahlt jedoch im Alter. Bei feuchter Witterung ist sie für kurze Zeit etwas schleimig. Die Röhren sind gelb und besitzen einen Olivton. Druckstellen verfärben sich stark blau. Die Poren sind orange bis rot gefärbt. Meist ist die Tönung über den gesamten Durchmesser recht gleichmäßig. Auf Druck laufen die Poren ebenfalls blau an.

Der Stiel wird zwischen 5 und 15 Zentimetern lang und 2 bis 5 Zentimeter dick. Er ist walzig bis keulig geformt, allerdings kaum bauchig verdickt. Die Oberfläche ist gelb bis bräunlichgelb gefärbt und mit feinen Flocken überzogen. Am oberen Teil des Stiels können diese mehr gelblich sein. An der Basis befindet sich olivlicher Filz; das angewachsene Myzel ist blass gelblich getönt.

Das Fleisch ist dottergelb, in der Basis manchmal leicht rötlich. Bei Verletzung verfärbt es sich sofort kräftig blau. Nach einigen Stunden entfärbt es sich wieder trübgelb. Das Hutfleisch unter der Röhrenschicht (Röhrenboden) ist gelb. Es besitzt keinen bestimmten Geruch und schmeckt mild. Mit Amylon zeigt das Fleisch keine Reaktion.

Mikroskopische Merkmale[Bearbeiten]

Die Basidien sind 25–40 × 9–13 (15) Mikrometer groß. Die Sporen besitzen eine spindelige Form und messen 12–18 × 4,5–6,5 Mikrometer. Die Zystiden sind flaschenförmig bis bauchig-spindelig. Sie sind an den Poren zerstreuter und größer vorhanden; sie werden bis zu 50 Mikrometer lang. Die Hutdeckschicht besitzt zunächst mehr oder weniger aufgerichtete, aber bald anliegende Hyphenenden, die 3 bis 6 Mikrometer dick sind. Sie sind vor allem bei älteren Exemplaren etwas gelatinös. Die Endzellen sind zylindrisch bis schwach keulig geformt.

Artabgrenzung[Bearbeiten]

Der Netzstielige Hexen-Röhrling (Suillellus luridus) weist am Stiel eine netzartige Zeichnung auf. Im Schnitt zeigt sich eine dunklere Linie an der Kontaktstelle von Röhren und Hutfleisch und sein Röhrenboden ist orange-rot bis orange-gelb getönt. Noch ähnlicher sieht der Kurznetzige Hexen-Röhrling (Suillelus mendax) aus, dessen genetzte und zugleich punktierte Stieloberfläche an eine Mischung aus Flockenstieligem und Netzstieligem Hexen-Röhrling erinnert. Außerdem überwiegen auf dem Hut und Stiel rötliche Farbtöne. Anders als N. luridiformis zeigt S. mendax eine deutlich positive Amyloidreaktion im basalen Stielfleisch.[3] Von unkundigen Sammlern kann er mit dem giftigen Satans-Röhrling (Rubroboletus satanas) verwechselt werden, der aber – vor allem im Jugendstadium – eine wesentlich hellere, graue Hutfarbe besitzt.

Ökologie und Phänologie[Bearbeiten]

Der Flockenstielige Hexen-Röhrling ist in erster Linie in Rotbuchenwäldern zu finden und dort vor allem in Hainsimsen-Buchenwäldern. Ebenfalls sehr häufig ist er in bodensauren Nadelwäldern, insbesondere in Preiselbeer-Fichten-Tannenwäldern anzutreffen. Der Pilz wächst gern im Randbereich von Mooren, jedoch kaum in deren Zentrum. Obwohl die Art auf zahlreichen Bodenarten vorkommen kann, bevorzugt sie sauren und frischen Untergrund. Auch bei einer oberflächlichen Versauerung ist sie anzutreffen. Auf besonders trockenen oder sehr feuchten Böden ist der Pilz kaum zu finden. Der Stickstoff-Gehalt beeinflusst das Wachstum kaum, lediglich auf stark stickstoffhaltigem Substrat ist er selten.

Der Flockenstielige Hexen-Röhrling ist ein Mykorrhiza-Pilz, der vor allem mit Nadelbäumen, in erster Linie Fichten, in Symbiose lebt. Seltener, meist im Flachland,[4] steht er mit Laubbäumen wie Rotbuchen oder Eichen in Verbindung. Die Fruchtkörper erscheinen relativ früh, so dass bereits im Mai Funde gemacht werden können. Das Wachstum erstreckt sich bis in den Oktober, manchmal auch später.

Verbreitung[Bearbeiten]

Der Flockenstielige Hexen-Röhrling ist vor allem in Europa verbreitet. Außerdem wurde er in Nordamerika nachgewiesen und eine Form der Art ist in Nordafrika anzutreffen. In Europa ist er weit verbreitet; das Gebiet reicht bis Vorderasien. Ebenso ist der Pilz in Deutschland häufig anzutreffen.

Systematik[Bearbeiten]

Gelber Hexen-Röhrling
Boletus erythropus var. junquilleus

Von gewisser Bedeutung ist vor allem die Varietät junquilleus, bei der alle Teile des Fruchtkörpers gelb gefärbt sind. Sie ist vermutlich eine Variante ohne Farbpigmente. Sonstige Unterschiede zur Typusform lassen sich nicht feststellen. Weiterhin gibt es eine Varietät discolor, die mit Amylon positiv reagiert und in wärmebegünstigten Eichenwäldern anzutreffen ist.

Bedeutung[Bearbeiten]

Inhaltsstoffe[Bearbeiten]

Die bei Druck oder Verletzung des Fruchtkörpers auftretende Blaufärbung hängt mit der enthaltenen Variegatsäure zusammen, die an Verletzungen der Fruchtkörper mit Hilfe von Oxidasen mit dem Luftsauerstoff zu Hydroxychinonmethid oxidiert wird, dessen Anion blau ist. Die rote Farbe ist Variegatorubin.[5]

Speisewert[Bearbeiten]

Er wird in manchen Gegenden mehr geschätzt als der Steinpilz. Er ist im rohen Zustand giftig, gegart jedoch ein schmackhafter Speisepilz. Er ist angeblich noch bekömmlicher, wenn er vor der Zubereitung oder Konservierung blanchiert wird. Die blauen Verfärbungen haben aber keinen Einfluss auf die Genießbarkeit; sie verlieren sich beim Blanchieren.

Quellen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Alfredo Vizzini: Index Fungorum no. 192. 17. Oktober 2014, abgerufen am 21. Januar 2015.
  2.  Rita Lüder: Grundkurs Pilzbestimmung. Eine Praxisanleitung für Anfänger und Fortgeschrittene. 1. Auflage. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2007, ISBN 978-3-494-01341-1, S. 165 (470 Seiten).
  3.  Alfredo Vizzini, Giampaolo Simonini, Enrico Ercole, Samuele Voyron: Boletus mendax, a new species of Boletus sect. Luridi from Italy and insights on the B. luridus complex. In: Mycological Progress. 13, Nr. 1, Februar 2014, S. 95–109, doi:10.1007/s11557-013-0896-4.
  4.  Bruno Hennig, Hanns Kreisel, Edmund Michael: Die wichtigsten und häufigsten Pilze mit besonderer Berücksichtigung der Giftpilze. In: Handbuch für Pilzfreunde. 5. Auflage. Band 1, VEB Gustav Fischer, Jena 1983, S. 334.
  5.  Wolfgang Steglich: Pilzfarbstoffe. In: Chemie in unserer Zeit. Band 9, Nr. 4, August 1975, S. 117–123, doi:10.1002/ciuz.19750090404.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Neoboletus luridiformis – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
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