Floire et Blancheflor

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Floire et Blancheflor in einer Ausgabe von Jan van Doesborch, ca. 1517

Floire et Blancheflor ist ein um 1160 entstandener Versroman, der in rund 3000[1] paarweise gereimten Achtsilbern anonym verfasst wurde[2].

Es handelt sich hierbei um eine der bekanntesten mittelalterlichen Legenden, die in alle literarischen Sprachen der Zeit übertragen wurde und den Gegenstand diverser romans d’aventures oder Schicksalsromane bildete.[3]

Das Werk ist in einer aristokratischen und einer volkstümlichen Version überliefert, wobei sich die populäre Fassung von der höfischen durch die Häufung romanesker Motive unterscheidet.[2]

Die erste Version in Versen, die wir davon besitzen, ist das kleine Gedicht Floire et Blancheflor, das von einem unbekannten französischen Trobadordichter gegen 1160 verfasst wurde. Floire und Blancheflor kommen am selben Tag zur Welt – er als Kind eines sarazenischen Königs, sie das Kind einer christlichen Sklavin.[3] In beiden Versionen „wünscht Floires Vater die Verbindung mit der Christin nicht. Während Blancheflor in der einen Geschichte als Sklavin nach Babylon verkauft wird, soll sie in der anderen des Mordes überführt und verbrannt werden“.[2] Das Paar überwindet jedoch alle Gefahren und Schwierigkeiten, überzeugt Widersacher durch seine Liebe und kann am Ende heiraten. Nach der höfischen Version wird Blancheflor die Großmutter Karls des Großen.[2]

Aus dem 13. Jahrhundert stammt eine weitere französische Version volkssprachlicher Tradition, bei der der Autor den Charakter der Protagonisten sowie einige Episoden veränderte.[3] Ebenfalls im 13. Jahrhundert wurde der Stoff in Aucassin et Nicolette in umgekehrter Form neubearbeitet.[1]

Handlung[4][Bearbeiten]

Altfranzösische Fassung (höfisch)[Bearbeiten]

Floire (bzw. Floris) wird zum König gekrönt, Darstellung aus einer Handschrift aus Heidelberg

Bei einem seiner Unternehmungen in Galicien im Nordwesten Spaniens greift Felix, König von al-Andalus eine Gruppe von Pilgern an, die sich auf dem Weg nach Santiago de Compostela, der berühmten mittelalterlichen Pilgerstätte, befindet. Unter den Pilgern befindet sich ein französischer Ritter und seine erst kürzlich verwitwete Tochter, die den Rest ihres Lebens dem Schrein zu widmen gedenkt. Der Ritter wird getötet und die Tochter als Gefangene nach Neapel verschleppt, wo sie die Gesellschaftsdame der Ehefrau von Felix wird. Beide Frauen werden schwanger und bringen am selben Tag, einem Palmsonntag, ihre Kinder zur Welt: Floire, Sohn der muselmanischen Königin, und Blancheflor, Tochter der Gesellschaftsdame.

Floire (der Rose (oder Blume) zugehörend') und Blancheflor (weiße Blume (evtl. Lilie)) wachsen gemeinsam am Hofe auf und nähern sich an. König Felix befürchtet nun, sein Sohn wolle das „heidnische“ Mädchen heiraten und beschließt, dieses zu töten. Er bringt es jedoch nicht übers Herz, es selbst zu tun, schickt stattdessen den Sohn zur Schule und verkauft Blancheflor an Händler, die sich auf dem Weg nach Kairo, in der Geschichte Babylon genannt[5], befinden. Dort wird sie an den Emir verkauft. Felix lässt ein aufwändiges Grab für Blancheflor erbauen und erzählt Floire, sie sei tot. Floires Reaktion ist derart gravierend, dass der König beschließt, ihm die Wahrheit zu sagen. Verstört, doch ermutigt davon zu wissen, dass Blancheflor lebt, beschließt Floire, sie zu finden.

Er erreicht schließlich die Tore Babylons (Kairos), wo ihm der Brückenwächter Daire von dem Turm der Jungfrauen berichtet. Jedes Jahr sucht der Emir sich dort eine neue Frau und tötet seine letzte. Nun geht das Gerücht um, dass Blancheflor die nächst erwählte Gattin sei.

Um in den Turm zu gelangen, rät der Wächter Floire, mit dem Wachposten Schach zu spielen, ihm sodann alle Gewinne zurückzuzahlen, so dass dieser sich verpflichtet fühlt, auch ihm einen Gefallen zu tun und ihm Zugang zu dem Turm gewährt. Beim Schachspiel schlägt Floire den Wachposten und dringt plangemäß, heimlich versteckt in einem Blumenkorb, in den Turm ein. Durch einen Fehler gerät er jedoch in das Zimmer der Freundin Blancheflors, Claris. Diese fädelt ein Treffen zwischen den beiden ein, doch werden sie zwei Wochen darauf vom Emir entdeckt.

Der Emir beschließt, die beiden nicht sogleich zu töten, sondern erst einen Rat einzuberufen. Beeindruckt durch den jeweiligen Willen der jungen Liebenden, für den anderen zu sterben, überreden die Berater den Emir, das Leben der beiden zu verschonen. Floire wird sodann zum Ritter geschlagen und das Paar vermählt. Claris heiratet den Emir, der ihr das Versprechen gibt, sie fortan als letzte und einzige Frau zu ehelichen. Wenig später erreicht die Nachricht über Felix Tod Babylon. Floire und Blancheflor kehren in ihre Heimat zurück, wo sie das Königreich übernehmen und gemeinsam mit ihren Untertanen zum Christentum konvertieren.

Volkssprachliche Versionen (Auswahl)[Bearbeiten]

Bewertung[Bearbeiten]

„Diese Legende scheint orientalischen Ursprungs zu sein. Sie ist von der Idee der Schicksalhaftigkeit geprägt, wobei die Liebe als unwiderstehliche Anziehung verstanden wird, die die Seelen für einander empfinden und sie alle Hindernisse überwinden lässt. Sicherlich war sie in Frankreich schon weit vor der Entstehungszeit des Gedichts bekannt, das sie uns erhalten hat, da man bereits in früheren Werken Spuren davon findet“[3].

„Der Autor ist offensichtlich ein clerc, der mit bescheidener Kunstfertigkeit versucht, sein Wissen auszubreiten, dem aber wenig daran gelegen ist, in die Psychologie seiner Helden einzudringen. Gleichwohl ist dem Werk ein dauerhafter Erfolg beschieden“[1].

Siehe auch[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. a b c Jöcke, Sabine; Wunderli, Peter. In: Grimm, Jürgen. Französische Literaturgeschichte. Verlag Metzler, 1994, S.32
  2. a b c d Engler, Winfried. Lexikon der französischen Literatur. Kröner Verlag, Stuttgart, 1984, S. 396
  3. a b c d vgl. Laffont-Bompiani. Dictionnaire Encyclopédique de la Littérature Française. Éditions Robert Laffont S.A., Paris, 1999, S. 377
  4. vgl. französischen und englischen Wikiartikel
  5. a b siehe englischen Wikiartikel

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Le Conte de Floire et Blanchefleur – Quellen und Volltexte (französisch)

(in einer Version von Robert d'Orbigny aus dem 12. Jahrhundert)[1]