Flora Tristan

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Flora Tristan

Flora Tristan (* 7. April 1803 in Paris; † 14. November 1844 in Bordeaux) war eine französische Schriftstellerin, Sozialistin und Frauenrechtlerin.

Leben[Bearbeiten]

Die Familie Tristan - Chazal - Gauguin[Bearbeiten]

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
José Joaquín
de Tristán del Pozo
 
 
 
Mercedes
de Moscoso
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Léonard Chazal
 
Jeanne-Geneviève Buterne
 
 
 
Mariano de Tristán y Moscoso
 
Anne-Pierre Laisnay
 
Pío de Tristán y Moscoso
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Antoine Chazal
 
André Chazal
 
 
 
 
 
Flora Tristan
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Alexandre Chazal
 
Ernest Chazal
 
Clovis Gauguin
 
Aline Chazal
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Paul Gauguin
 
Mette-Sophie Gad
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Émile Gauguin
 
Aline Gauguin
 
Clovis Gauguin
 
Jean-René Gauguin
 
Paul-Rollon Gauguin


Die ersten drei Jahrzehnte[Bearbeiten]

Mariano Tristán y Moscoso, Flora Tristans Vater, ein reicher peruanischer Adeliger, verstarb 1807 und ließ seine Frau Anne-Pierre Laisnay, eine Französin, und seine vierjährige Tochter völlig mittellos zurück. Um der Armut zu entkommen, ging Flora, die sich mit 15 Jahren in einer Graveurwerkstatt verdingt hatte, 1821 als 18-jährige eine Vernunftehe mit ihrem Arbeitgeber ein, dem Lithographen und Maler André Chazal. Chazal demütigte und misshandelte seine junge Frau. Sie verließ ihn vier Jahre später. Nach dem damals gültigen Code civil galt dies als Ehebruch - eine Scheidung war nicht möglich. Fünf Jahre lang, von 1825 bis 1830, war sie auf der Flucht vor ihrem Mann und der Justiz. Zwei ihrer drei Kinder starben, nur ihre Tochter Aline überlebte. Um sich, ihre Mutter und ihre Tochter über Wasser zu halten, arbeitete sie zeitweilig als Reisebegleiterin für wohlhabende Familien.

Die Peru-Reise[Bearbeiten]

In der Hoffnung, die Unterstützung der väterlichen Familie und dessen Erbe zu gewinnen, reiste Flora Tristan im April 1833, an ihrem 30. Geburtstag, nach Peru. Acht Monate verbrachte sie auf den Besitzungen der wohlhabenden und mächtigen Verwandtschaft ihres Vaters in Arequipa. Doch ließ sie die Welt der lokalen Elite immer wieder hinter sich, besuchte die Sklaven auf den Plantagen[1] und empörte sich über die Klassen- und Rassengegensätze der peruanischen Gesellschaft und über „den Egoismus, den Zynismus und die Frivolität“ der „Höheren Stände“.[2] Ihrer Familie war ihre Parteinahme unverständlich und peinlich. An die Rückgewinnung ihres Erbes war nicht mehr zu denken. Im Juli 1834 schiffte sie sich nach Frankreich ein.

Nach Paris heimgekehrt, veröffentlichte Flora Tristan ihre Reiseeindrücke und -notizen 1837 unter dem Titel „Pérégrinations d’une paria“. Ihr Buch ist „die erste in Westeuropa erschienene kritische Studie der politischen, sozialen und kulturellen Realitäten der außereuropäischen Welt aus der Sicht einer Frau“.[3] Sie „oszilliert zwischen dem Ethnozentrismus der arroganten Pariserin und dem Impetus der Sozialreformerin“.[4] Das Aufsehen, das ihr Reisebericht erregte, verdankt sich nicht zuletzt ihrer anschaulichen Darstellung: „Emotionale Äußerungen wechseln sich mit geschichtsphilosophischen Betrachtungen und mit Situationsbeschreibungen ab, wobei Tragik und Komik oft eng beieinander liegen. Zugleich war es der erste in französischer Sprache verfasste Reisebericht, in dem die Verhältnisse im unabhängigen Peru geschildert wurden, so dass die Pérégrinations in dieser Beziehung eine Pionierarbeit darstellten.“[5]

Das Attentat[Bearbeiten]

Sobald Chazal von Flora Tristans Rückkehr erfuhr, nahm er ihre Verfolgung wieder auf und entführte mehrmals die gemeinsame Tochter. Das Gericht sprach das Sorgerecht für Aline dem Vater zu. Als sie in einem herausgeschmuggelten Brief von Aline lesen musste, dass Chazal die Tochter „in unaussprechlicher Weise“ berührt hatte, klagte Flora Tristan ihn wegen Inzest an und erlangte das Sorgerecht.[6] Daraufhin versuchte Chazal am 4. September 1838, Flora Tristan zu ermorden. Sie überlebte nur knapp die Schussverletzungen und litt an deren Folgen bis an ihr Lebensende. Der Prozess und die Verurteilung Chazals zu Deportation und 20 Jahren Zwangsarbeit ermöglichten ihr endlich die Scheidung.

Frühsozialistin[Bearbeiten]

Ihre Erfahrungen als alleinstehende, erwerbstätige Frau verarbeitete sie in ihren Schriften. Auf ihren Reisen besuchte sie Fabriken, Ghettos, Gefängnisse und Bordelle und schrieb darüber Reiseberichte und Reportagen.[7] 1839 besuchte sie englische Industriestädte.

Ende 1843 und das Jahr 1844 hindurch reiste Flora Tristan rastlos per Postkutsche und Schiff kreuz und quer durch Frankreich und hielt Vorträge, um die Arbeiter zu überzeugen, sich zu organisieren. Sie war ständigen Repressionen und Bespitzelungen durch die Polizei ausgesetzt; die konservative Presse verspottete sie. In Bordeaux brach sie vor Erschöpfung zusammen und starb kurz darauf im Alter von 41 Jahren am 14. November 1844 an Typhus.

Flora Tristan war eine Zeitgenossin von und in ihren Überzeugungen verbunden mit George Sand, Victor Hugo, Henri de Saint-Simon und Charles Fourier.

Flora Tristan war die Großmutter des Malers Paul Gauguin. Ihre Tochter Aline hatte den Journalisten Clovis Gauguin geheiratet. Aus dieser Ehe ging Paul Gauguin hervor. Von 1849 bis 1855 lebte Aline mit ihrem Mann und ihrem Sohn Paul in Peru.

Religionsgründerin[Bearbeiten]

Mit dem Saint-Simonisten Barthelmy Prosper Enfantin trat sie für die Freie Liebe ein. Gemeinsam begründeten sie die Mapa-Religion, wobei sich Enfantin als Gott Ma verstand und Tristan die Göttin Pa verkörperte.[8]

Werke[Bearbeiten]

  • Meine Reise nach Peru. Fahrten einer Paria, übersetzt von Friedrich Wolfzettel, Insel-Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-458-34737-2.
    • In Pérégrinations d’une paria (1837 in zwei Bänden erschienen, in Teilen bereits als Vorabdruck in der Revue de Paris) schildert sie ihre Erlebnisse und Eindrücke in Peru, als alleinreisenden Frau und alleinerziehenden Mutter unterwegs.
  • Méphis (1838), zweite Auflage unter dem Titel Maréquita l’Espagnole. Méphis (1844)
    • ein romantisch-empfindsamer, feministisch-utopischer Roman über die Liebe zwischen der Andalusierin Maréquita und ihrem Geliebten, dem proletarischen Künstler Méphis, und ihre wechselseitige, befreiende Herzensbildung
  • Im Dickicht von London oder Die Aristokratie und die Proletarier Englands, ISP-Verl., Köln, 1993, ISBN 3-929008-20-3.
    • In ihren Promenades dans Londres, ou l'aristocratie et les prolétaires anglais (1840) berichtet sie in einer Art politischer Reportage über die Situation der Arbeiterinnen und Arbeiter in den englischen Industriestädten. Darauf aufbauend entstand später L'Union Ouvrière.
  • Arbeiterunion. Sozialismus und Feminismus im 19. Jahrhundert, ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-88332-128-1.
    • In ihrem Hauptwerk, L'Union Ouvrière (1843), analysierte sie ihre Erfahrungen in London und anderen Industriestädten. Sie rief alle Arbeiterinnen und Arbeiter auf, sich zusammenzuschließen und gemeinsam für ihre Rechte zu kämpfen. Besonderes Augenmerk legte sie dabei auf das Recht auf Ausbildung - auch und ganz besonders für Frauen.
  • Le tour de France. État actuel de la classe ouvrière sous l'aspect moral, intellectuel, matériel. Éditions Tête de Feuilles, Paris 1973.
    • Tagebuch ihrer (letzten) Reise durch Frankreich 1843/1844 und ihres Bemühens, örtliche Arbeitervereine ins Leben zu rufen

Literatur[Bearbeiten]

  • Evelyne Bloch-Dano: Flora Tristan, la femme messie. Grasset, Paris 2001, ISBN 2-246-57561-3.
  • Dagmar Calmer: Der Roman Méphis von Flora Tristan. Literarische Spiegelung der Identitätssuche einer Frau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Magisterarbeit, Universität Osnabrück 1991.
  • Máire Cross: The feminism of Flora Tristan. Berg, Oxford 1992, ISBN 0-85496-731-1.
  • Ute Gerhard (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Bd. 1: 1789 - 1919. Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2008. ISBN 978-3-89741-242-2. Darin S. 50-62: Flora Tristan (1803-1844). Französische Schriftstellerin, Feministin und Sozialistin.
  • Florence Hervé (Hg.): Flora Tristan oder: Der Traum vom feministischen Sozialismus. Dietz, Berlin 2013, ISBN 978-3-320-02293-8.
  • Susanne Knecht: Flora Tristan und Maria Graham, Lady Callcott. Die zweite Entdeckung Lateinamerikas. EVA, Hamburg 2004, ISBN 3-434-50573-3.
  • Gerhard Leo: Aufruhr einer Paria. Das abenteuerliche Leben der Flora Tristan. Dietz, Berlin 1990, ISBN 3-320-01568-0.
  • María de las Nieves Pinillos Iglesias: Flora Tristán. Fundación Emmanuel Mounier, Madrid 2002. ISBN 84-95334-22-4.
  • Jules-Louis Puech: La Vie et l'Œuvre de Flora Tristan. Rivière, Paris 1925 (Digitalisat, PDF).
  • Berta Rahm: Flora Tristan. Ala Verlag, Zürich 1971, ISBN 3-85509-002-5.
  • Luis Alberto Sánchez: Flora Tristán. Una mujer sola contra el mundo. Biblioteca Ayacucho, Caracas 1992.
  • Mario Vargas Llosa: Das Paradies ist anderswo. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-518-41600-6.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Magnus Mörner: Europäische Reiseberichte als Quellen zur Geschichte Lateinamerikas von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis 1870. In: Antoni Mą̜czak, Jürgen Teuteberg (Hg.): Reiseberichte als Quellen europäischer Kulturgeschichte. Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel 1982. ISBN 3-88373-031-9. S. 281-314, hier S. 301.
  2. Pierre-Luc Abramson: Las utopías sociales en América Latina en el siglo XIX. Fondo de Cultura Económica, Mexiko-Stadt 1999. ISBN 968-16-5396-3. S. 46.
  3. Krystyna Tausch: Frauen in Peru. Ihre literarische und kulturelle Präsenz. Eberhard Verlag, München 1993. ISBN 3-926777-31-1. Zitat S. 127.
  4. Katharina Städtler: Literatura de viaje y género - Flora Tristán, Étienne de Sartiges y Johann Jakob von Tschudi en el Perú (1830-40). In: Sonja Steckbauer, Günther Maihold (Hg.): Literatura - Historia - Política. Articulando las relaciones entre Europa y América Latina. Vervuert, Frankfurt am Main 2004. ISBN 3-86527-182-0. S. 127-136. Zitat S. 129.
  5. Inge Buisson: Frauen in Hispanoamerika in Reiseberichten von Europäerinnen, 1830-1853. In: Jahrbuch für Geschichte von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Lateinamerikas, Bd. 27 (1990), S. 227-257, Zitat S. 230.
  6. Susanne Knecht: Flora Tristan und Lady Callcott. Die zweite Entdeckung Lateinamerikas. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2004. ISBN 3-434-50573-3. S. 157.
  7. Catherine Nesci: Flora Tristan’s Urban Odyssey. In: Journal of Urban History 27 (2001), S. 709-722.
  8. Wolfgang Bauer und Clemens Zerling: Das Lexikon des Dunklen. Arun-Verlag 2006. S. 185.

Weblinks[Bearbeiten]