Flugzeugabsturz auf dem Gauligletscher

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Flugzeugabsturz auf den Gauligletscher ereignete sich am 19. November 1946. Eine amerikanische Dakota C-53, kommend aus Tulln bei Wien auf dem Weg nach Pisa, kollidierte mit dem Gauligletscher im Berner Oberland. Unter den acht Passagieren befanden sich hochrangige Militärs der amerikanischen Besatzungstruppen in Österreich und deren Angehörige sowie vier Besatzungsmitglieder. Bei dem Unfall gab es Verletzte, aber keine Toten. Die Umstände der erst sechs Tage späteren Rettung, unter anderem war es die erste alpine Luftrettung der Welt, erregten weltweit Aufsehen.

Der Flug[Bearbeiten]

Am 18. November 1946 startete die amerikanische Dakota C-53 (Z68846, Kurzform für 42-68846) in Tulln bei Wien. Die geplante Route ging witterungsbedingt über München, Straßburg, Dijon und Marseille-Istres. Am 20. November 1946 sollte der Flug in Pisa enden. Über Innsbruck verloren die Piloten die Orientierung. Um 14.25 Uhr des 19. November 1946 setzte die Maschine unfreiwillig auf einer Höhe von 3.350 Metern über Meer mit einer Geschwindigkeit von 280 Kilometern pro Stunde auf dem Südosthang des Gauligrats (Gauligletscher) auf und rutschte über Schnee und Eis aufwärts (durch Drehbewegung nach Aufsetzen einer Tragfläche auf einem Gletschertisch umschiffte das Flugzeug eine Gletscherspalte), nachdem sie durch eine Fallwindboe in den Fels gedrückt wurde. Zuvor habe der Pilot nach Instrument Meteorological Conditions (IMC) mehrere Gipfel in den Alpen 25 Minuten lang erfolgreich umflogen.[1]

Die Suche[Bearbeiten]

Die Piloten konnten nach einer Stunde einen Notruf absetzen, der in Paris-Orly und Marseille-Istres empfangen wurde. Die Besatzung wähnte sich in den französischen Alpen, aber eine Funkpeilung ergab eine andere Region. Die Amerikaner begannen in den französischen Alpen eine grossangelegte Suchaktion mit 80 beteiligten Flugzeugen.

Nach etwa zwei Tagen fiel dem Chef des Militärflugplatzes Meiringen in der Schweiz die gute Verständlichkeit der weiteren Notrufe auf. Am Abend des 21. November konnte noch einmal gepeilt werden, das Wrack wurde im Dreieck Airolo-Sion-Jungfrau geortet. Nun wurde auch die Schweiz als möglicher Absturzort in Betracht gezogen, obwohl amerikanische Flugzeuge damals nicht hätten über der Schweiz verkehren dürfen. Eher zufällig wurde das Wrack aus einer amerikanischen B-29 während eines Überflugs nach München aus 5000 Metern Höhe und – von einer Schweizer C-35 auf tieferer Höhe – zwischen dem Rosenhorn und dem Wetterhorn gesichtet.

Der Vater des Unglückspiloten, General Ralph Tate, war in der B-29 an der Suche beteiligt; bereits enttäuscht auf dem Rückweg, sichtete er als erster die abgestürzte Maschine.

Rettung[Bearbeiten]

Nachdem der Unfallort bekannt war, wurde die bis dahin grösste Rettungsaktion in den Alpen ausgelöst. Diese nahm zeitweise bizarre Formen an. So kamen die Amerikaner mit zwei komplett ausgerüsteten Rettungszügen in die Schweiz, die aber wegen der Schmalspurstrecke in Interlaken hängenblieben, und die US-Soldaten benahmen sich anfänglich wie in Feindesland. Die Amerikaner hatten unter anderem die Vorstellung, man könne mit Jeeps und Raupenfahrzeugen oder Lastenseglern das Wrack erreichen. Vor Ort mussten sie einsehen, dass sie auf eine Gebirgsrettung bei Schnee, Eis und schlechtem Wetter nicht vorbereitet waren.

Amerikanische und schweizerische Flugzeuge warfen beim Wrack Hilfspakete ab. Die meisten landeten jedoch in Gletscherspalten oder an anderen unerreichbaren Orten. Als ein abgeworfener Sack Kohle eine Tragfläche des Wracks traf, erbat der Pilot der Dakota mittels einer Schrift im Schnee die Einstellung der Hilfslieferungen, da er Angst hatte, die Kabine des Wracks, die als Unterschlupf diente, könnte beschädigt werden.

Fieseler Storch mit Kufen. Mit solch einem Flugzeug erfolgte die Rettung.

Bei einem weiteren Erkundungsflug wurde bemerkt, dass sich die Unglücksmaschine nicht nordwestlich sondern südlich des Rosenhorns auf dem oberen Teil des Gauligletschers befand. Das bedeutete für die Schweizer Rettungskolonne, die bereits von Rosenlaui aus aufgebrochen war, eine mehrstündige Verlängerung des Anmarschs. Erst am 23. November erreichten nach über 13 Stunden Aufstieg um 14.20 Uhr die ersten Rettungstrupps, unter ihnen der später bekannte Bergsteiger Ernst Reiss, die Abgestürzten. Für einen Rückmarsch mit den Unfallopfern am selben Tag war es zu spät. Des Weiteren waren die Helfer zu stark geschwächt für den sofortigen Aufbruch. Sie mussten daher bei -15 °C beim Flugzeug den nächsten Tag abwarten. Am 24. November begann der Abstieg Richtung Gaulihütte. Eine Funkverbindung mit dem Tal gelang immer noch nicht. Um 10.20 Uhr gelang es zwei Piloten der Schweizer Luftwaffe mit zwei Maschinen vom Typ Fieseler Storch, welche in Eigeninitiative mit Kufen ausgerüstet wurden, neben den Rettungsmannschaften auf dem Gletscher zu landen. Mit neun Flügen konnten die Verunglückten ins Tal geflogen werden. Diese Tat gilt als Geburtsstunde der alpinen Luftrettung.[2] Die amerikanische Flugzeugbesatzung versuchte noch, das Flugzeugwrack beim Verlassen zu zerstören, was durch die Schweizer Soldaten mit Gewalt verhindert wurde. Während der Rettungsaktion wurden auch Filmaufnahmen und Fotos gemacht.

Folgen[Bearbeiten]

Unmittelbar nach dem Weltkrieg waren die diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und der USA gestört. Diese Rettungsaktion hatte einen Sturm der Begeisterung in den USA ausgelöst und die politische Meinung gewendet. Die internationalen Medien verfolgten die Schweizer Rettungsaktion mit unzähligen Vertretern vor Ort. Die angelsächsischen Medien zeigten sich erstaunt über den uneigennützigen Einsatz der Schweizer zur Rettung von zwölf Amerikanern.

Diese Schweizer Rettungsaktion hatte noch eine weitere Fortsetzung. Als 1956 zwei Verkehrsflugzeuge über dem Grand Canyon kollidierten und abstürzten, lagen die beiden Flugzeugwracks in einer 1200 Meter tiefen Felsschlucht. Zur Rettung und Bergung wurde anschliessend die Schweiz um Hilfe gebeten.

Die Rettungsaktion am Gauligletscher war eine aus der Not geborene Pionierleistung und markiert den Beginn der Luftrettung. Die Entwicklung führte 1952 zur Gründung der Schweizerischen Rettungsflugwacht.

Kurz nach der Rettungsaktion wurde das Wrack der Dakota komplett eingeschneit und verschwand in der Folge im Eis des Gauligletschers, wo es noch heute liegt. Aus dem Gletschereis auftauchende Wrackteile der Maschine wurden in den letzten Jahren öfters in der Presse gemeldet.

Gegen den Piloten Ralph Tate wurde eine Untersuchung eingeleitet. Ihm wurde ein Navigationsfehler vorgeworfen, jedoch konnte er seinen Rang und seinen Pilotenschein behalten. Tate junior wurde allerdings wegen Verletzung der Flugdienstvorschriften von einem US-Militärgericht zu einer Strafe verurteilt. Er machte sich schuldig, die vorgeschriebene und eingereichte Flugroute nicht eingehalten und seine Höhenkarte falsch verstanden zu haben. Mit der gewählten Flughöhe von 3300 Metern lag er völlig falsch, 5000 wären mindestens notwendig gewesen. General wie sein Vater wurde er nicht mehr, aber es reichte noch zum Major der Military Air Transport Staff.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorschau auf Bildschirmseite 3 von 41, Seite 116 folgende
  2. Terra X Reportage "Notlandung in den Alpen."

46.62235818.1449872Koordinaten: 46° 37′ 20″ N, 8° 8′ 42″ O; CH1903: 654100 / 163699