Flugzeugkatastrophe von Königs Wusterhausen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Flugzeugkatastrophe von Königs Wusterhausen
Flugzeugabsturz Wildau.JPG

Gedenktafel in Wildau für die 60 Opfer des Absturzes, die hier beigesetzt wurden

Unfall-Zusammenfassung
Unfallart Brand am Heck wegen Konstruktionsmängeln
Ort 52° 18′ 23″ N, 13° 41′ 19″ O52.30648613.68861366Koordinaten: 52° 18′ 23″ N, 13° 41′ 19″ O
nahe Königs Wusterhausen
Datum 14. August 1972
Todesopfer 156
Verletzte 0
Überlebende 0
Luftfahrzeug
Luftfahrzeugtyp Iljuschin Il-62
Betreiber Interflug
Kennzeichen DM-SEA
Abflughafen Flughafen Berlin-Schönefeld
Zielflughafen Flughafen Burgas
Passagiere 148
Besatzung 8
Liste von Katastrophen der Luftfahrt

Bei der Flugzeugkatastrophe von Königs Wusterhausen stürzte am 14. August 1972 ein Verkehrsflugzeug vom Typ Iljuschin Il-62 in der Nähe der Stadt Königs Wusterhausen bei Berlin ab. An Bord der Maschine der Interflug, der staatlichen Fluggesellschaft der DDR, befanden sich 148 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder, von denen niemand den Absturz überlebte. Ursache war ein Brand, durch den das Heckteil abbrach, was zum vollständigen Verlust der Stabilität und der Steuerbarkeit des Flugzeuges führte. Der Absturz war das erste Unglück der Interflug mit Todesfolge, das schwerste in ihrer Geschichte und die bis heute folgenschwerste Flugzeugkatastrophe auf deutschem Staatsgebiet.[1] Darüber hinaus handelte es sich zum damaligen Zeitpunkt um das zweitschwerste Unglück in der Geschichte der zivilen Luftfahrt und um den weltweit ersten Unfall mit Todesfolge einer Il-62 im regulären Passagierbetrieb.

Ablauf[Bearbeiten]

Die Maschine mit dem Luftfahrzeugkennzeichen DM-SEA (Werksnummer 00702), die als erste Il-62 der Interflug im April 1970 in Dienst gestellt worden war und bis zum Absturz rund 3520 Flugstunden absolvierte hatte, startete am 14. August 1972 um 16:29 Uhr vom Flughafen Berlin-Schönefeld. Ziel des Fluges war der Flughafen Burgas in Bulgarien. Der 51-jährige Pilot Heinz Pfaff flog die Il-62 seit ihrer Einführung bei der Interflug und hatte insgesamt 8100 Flugstunden mit über vier Millionen Flugkilometern Flugerfahrung, unter anderem auch als Pilot der Il-14 und Il-18. Weitere Besatzungsmitglieder waren der Copilot Lothar Walther mit 6041 Flugstunden, Navigator Achim Filenius (8570), Flugingenieur Ingolf Stein (2258) und vier Flugbegleiterinnen.[2]

Etwa 100 Kilometer von Berlin entfernt in der Nähe von Cottbus in etwa 8900 Metern Höhe bemerkte die Besatzung Probleme mit der Trimmung des Höhenleitwerks. Um 16:44 Uhr wurde nach Absprache mit der Flugsicherung die Rückkehr nach Berlin-Schönefeld eingeleitet. Sieben Minuten später ließ die Besatzung Treibstoff zur Vermeidung einer Überlastlandung ab. Im Sinkflug löste sich das Heck mit Höhen- und Seitenleitwerk vom Flugzeug. Dies führte zum Verlust der Stabilität und Steuerbarkeit des Flugzeuges. Die Maschine kippte kopfüber ab und wurde dadurch starken aerodynamischen Belastungen ausgesetzt, in deren Folge sich auch ein Teil des vorderen Rumpfes noch in der Luft löste. Die Trümmerteile schlugen gegen 17:00 Uhr in der Nähe von Königs Wusterhausen auf. Noch eine Minute zuvor hatte der Pilot im Funkverkehr über zunehmende Probleme mit der Höhensteuerung in einem Notruf informiert.

Ursache[Bearbeiten]

Ursache des Absturzes war den Ermittlungen zufolge ein durch undichte Heißluftleitungen der Klimaanlage hervorgerufener Schaden an der Isolierung von elektrischen Kabeln, durch den es zu einem Kurzschluss mit Lichtbogenbildung mit Temperaturen von bis zu 2000 °C kam.[3] Die dadurch entstandenen Funken führten im Frachtbereich des Hecks zu einem Brand. Durch die Kabelbeschädigungen gab es bereits kurz nach dem Start Störungen beim Trimmen des Höhenruders. Im betroffenen Heckladeraum lagerte leicht entzündliches Enteisungsmittel, das sich entzündete und große Hitze entwickelte. Der Brand wurde von der Besatzung nicht bemerkt, da es damals im Heckteil der Il-62 keine Brandmelder gab. Da auch keine Sichtverbindung von der Kabine in das hintere Heckteil bestand, war sich die Besatzung nicht des Ausmaßes der technischen Probleme bewusst. Durch den Brand verlor das Heckteil seine strukturelle Stabilität und löste sich zusammen mit dem gesamten Leitwerk vom Rumpf. Danach erfolgte der Absturz aus einer Höhe von mehreren hundert Metern.

Folgen[Bearbeiten]

Während der Ermittlung der Unglücksursache galt ein Flugverbot für die anderen Maschinen vom Typ Il-62 der Interflug. Die Untersuchungskommission kam zu dem Ergebnis, dass die im nicht druckbelüfteten Heckteil befindlichen undichten Heißluftkanäle den Absturz ausgelöst hatten. Das Unglück war also auf einen Konstruktionsfehler zurückzuführen, was jedoch vom OKB Iljuschin nie bestätigt wurde.[4][5] Infolge dieser Erkenntnisse wurden am Flugzeugtyp Il-62 vom Hersteller einige technische Veränderungen vorgenommen, zu denen der Einbau von zusätzlichen Brandmeldern und eines Sichtfensters in die Trennwand zum Heckraum zählten. Darüber hinaus wurden zusätzliche periodisch durchgeführte Kontrollen – sogenannte „Klimasonderkontrollen“ – angeordnet. Im nachfolgend wieder aufgenommenen Flugbetrieb der Il-62 traten keine Probleme dieser Art mehr auf.

Eine Gedenkstätte für die Opfer befindet sich auf dem Friedhof der Stadt Wildau (Ortsteil Hoherlehme), sie ist zugleich Sammelgrab für die 60 auf dem Stein namentlich genannten Opfer, die nicht mehr identifiziert werden konnten.[6] An der Absturzstelle bei Königs Wusterhausen erinnert ein Gedenkstein an das Unglück.

Filme/Reportagen[Bearbeiten]

  • Der Todesflug der IL 62. Eine Dokumentation des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) von Jens Stubenrauch und Titus Richter, 45 Minuten; Erstausstrahlung 1998

Literatur[Bearbeiten]

  •  Edgar A. Haine: Disaster in the Air. Associated University Presses, New York 2000, ISBN 0-8453-4777-2, S. 123.
  •  Jan-Arwed Richter, Christian Wolf: Feuer an Bord! Flugunfälle: Hintergründe, Ursachen und Konsequenzen. GeraMond, München 2004, ISBN 3-7654-7213-1, S. 37 ff.
  •  Stotterndes Geheul. In: Der Spiegel. Nr. 35, 197235, S. 58 f. (online).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vor 40 Jahren: Absturz bei Königs Wusterhausen. Airliners.de, 14. August 2012, abgerufen am 14. August 2012.
  2. Flieger Revue, 10/1972, S. 409
  3. Karl-Dieter Seifert: Weg und Absturz der Interflug. Die Geschichte des Unternehmens. VDM, Zweibrücken 2008, ISBN 978-3-86619-030-6, S. 297
  4. Detlef Billig, Manfred Meyer: Flugzeuge der DDR. Band 2. TOM Modellbau, Friedland 2002, ISBN 3-613-02241-9, S. 110–111
  5. Manfred Meyer: Flugzeuge in der DDR: Il-62 – Der „weiße Riese“. In: Flieger Revue. 1/2000, S. 58
  6. Quelle: MDR-Reportage und Inschrift auf dem Stein „Ihre letzte Ruhestätte fanden hier“