Forensische Odontologie

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Forensische Odontologie

Die Forensische Odontologie (Synonyma: Forensische Stomatologie, Forensische Zahnheilkunde, von lat.: forum Marktplatz (früher: Gerichtsplatz), griechisch ὀδόντος odontos, (Genitiv)‚ Zahn, und -logie)) ist ein Teilbereich der Rechtsmedizin und dient insbesondere der individuellen Identifizierung von Leichen durch die Zähne bzw. zahnärztliche Befunde. Angewendet wird sie bei Opfern von Natur- und Verkehrskatastrophen sowie bei Verbrechen.

Identifikationsverfahren[Bearbeiten]

Jadeverzierte Zähne

Innerhalb der Identifikationsverfahren ist der Anteil der forensischen Odontologie sehr hoch. Bei der Tsunami-Katastrophe 2004 in Südostasien wurden etwa 80 % aller Opfer über einen odontologischen Vergleich ihres Zahnstatus identifiziert.[1] Die individuellen Charakteristika der Zähne und zahnärztlicher Therapiemaßnahmen erlauben eine sehr enge Eingrenzung der Person, die in der Identifizierungssicherheit mit dem Fingerabdruck oder sogar dem genetischen Fingerabdruck vergleichbar, wodurch die Methode auch als „Dental Fingerprinting“ (engl.: Dentaler Fingerabdruck) bezeichnet wird.[2] Dabei werden die noch erhaltenen Zähne der Opfer mit dem Zahnstatus und Röntgenbildern von vermissten Personen verglichen.

Regelmäßig veröffentlicht die Kriminalpolizei den Zahnstatuts unbekannter Opfer in zahnärztlichen Fachzeitschriften, wodurch Zahnärzte den Zahnstatus mit ihren Unterlagen vergleichen und zur Identifizierung beitragen können.[3] Dies ist auch bei Opfern möglich, die bis zur Unkenntlichkeit verbrannt sind: Zähne, einschließlich der Zahnfüllungen und Implantate können Temperaturen bis 1.200° Celsius widerstehen.[4][5] Ebenso können Bissspuren zur Identifikation eines Täters beitragen.[6]

Es besteht die Möglichkeit Zahnersatz bei der Anfertigung durch den Zahntechniker mit Kennzeichen zu versehen, die gegebenenfalls eine Identifizierung erleichtern können. So kann der Name oder die Initialen eines Zahnprothesenträgers unsichtbar auf der Innenseite der Prothese eingraviert werden, ebenso an versteckten Stellen von Zahnkronen oder -brücken. Ebenso lässt sich ein Mikrochip mit den Daten des Patienten in der Zahnersatz einbauen.

Altersdiagnostik[Bearbeiten]

Ein weiteres Betätigungsfeld ist die forensische Altersdiagnostik, auch von lebenden Personen, deren Geburtsdatum nicht anderweitig nachweisbar ist.[7]

Pink teeth[Bearbeiten]

„Pink teeth“ engl.: rosa Zähne) können während des Lebens oder etwa ein bis zwei Wochen post mortem auftreten. Durch eine Hyperämie, Blutstaus und Austritt von Erythrozyten bei der Autolyse und feuchtem Milieu kann es zum Einsickern von Hämoglobin in die Dentinkanälchen kommen. Das Phänomen ist bei Tod durch Ertrinken zu beobachten, insbesondere wenn sich der Kopf in einer Tieflage befunden hat. Jedoch sind rosa Zähne nicht pathognomonische für eine bestimmte Todesursache und bleiben ein unspezifisches Phänomen.[8]

Gesellschaften[Bearbeiten]

In Deutschland beschäftigt sich seit 1976 der Arbeitskreis für Forensische Odonto-Stomatologie (AKFOS) der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin mit der forensischen Odontologie.[9] Die AKFOS ist Mitglied in der International Organization For Forensic Odonto-Stomatology (IOFOS). In Frankreich besteht die Association Française d'Identification Odontologique (AFIO), in den USA die American Society of Forensic Odontology (ASFO) und in Spanien die Asociación Española de Odontología Legal y Forense (AEOLF). In Österreich und in der Schweiz gibt es Arbeitsgruppen in der jeweiligen Gesellschaft für Rechtsmedizin.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Peter Kirsch, Klaus Rötzscher, Claus Grundmann, Rüdiger Lessig, The Tsunami Disaster in the Kingdom of Thailand 2004, Int Poster J Dent Oral Med 2007, Vol 9 No 03, Poster 370. Abgerufen am 16. Dezember 2014.
  2. K.W. Alt: ‚Dental Fingerprinting‘ - Identifikation durch die Forensische Odontologie. Vortragsabstract zum 2. Kongreß der Gesellschaft für Anthropologie in Berlin, 3.-6. Oktober 1996.
  3. Identifizierung, Zahnärztliche Mitteilungen 100, Nr. 9 A, 1. Mai 2010, (1118), S. 118. Abgerufen am 16. Dezember 2014.
  4. Claus Grundmann, Klaus Rötzscher, The effects of high temperatures on human teeth and dentures, Int Poster J Dent Oral Med 2004, Vol 6 No 01, Poster 213. Abgerufen am 16. Dezember 2014.
  5. Claus Grundmann, Klaus Rötzscher, The Odontological Identification of the Unknown Bodies, Int Poster J Dent Oral Med 2005, Vol 7 No 03, Poster 280. Abgerufen am 16. Dezember 2014.
  6. Forensische Zahnmedizin, Medienmitteilung Forensik, SSO. Abgerufen am 16. Dezember 2014.
  7. Claus Grundmann, Recommendations on age diagnostics of living persons in criminal proceedings, Int Poster J Dent Oral Med 2003, Vol 5 No 02, Poster 170. Abgerufen am 16. Dezember 2014.
  8. H. Borrman, A. Du Chesne, B. Brinkmann: Medico-legal aspects of postmortem pink teeth. In: International journal of legal medicine. Band 106, Nummer 5, 1994, S. 225–231, ISSN 0937-9827. PMID 8068567. (Review).
  9. Website der AKFOS