Barnum-Effekt

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Der Barnum-Effekt, auch Forer-Effekt oder Täuschung durch persönliche Validierung (engl. personal validation fallacy[1]) genannt, entstammt der Psychologie und bezeichnet die Neigung von Menschen, vage und allgemeingültige Aussagen über die eigene Person als zutreffende Beschreibung zu akzeptieren.

Der Begriff wurde von Paul Meehl eingeführt und ist nach dem Zirkusgründer Phineas Taylor Barnum benannt. Dieser unterhielt ein großes Kuriositätenkabinett (American Museum), das „jedem Geschmack“ etwas bieten sollte („a little something for everybody“). Erste Forschungen zu diesem Phänomen fanden jedoch bereits in den 1920er und 1930er Jahren in Deutschland und Frankreich statt.[2] Unter der Bezeichnung „Verifikationsphänomen“ wurden wesentliche Aspekte des Barnum-Effekts vorweggenommen.[3][4][5]

Forers Testreihe[Bearbeiten]

In seinem klassischen Experiment gab Forer 1948 vor, einen Persönlichkeitstest mit seinen Studenten zu absolvieren. Im Anschluss händigte er ihnen vorgeblich die Auswertungen aus und forderte sie auf, den Wahrheitsgehalt mit den Zahlen 0 (= trifft gar nicht zu) bis 5 (= trifft sehr gut zu) zu bewerten. Das Ergebnis war, dass der durchschnittliche Student der Auswertung 4,26 Punkte gab. Tatsächlich hatten jedoch alle Studenten den exakt gleichen Text zu bewerten, und diesen hatte Forer aus einem am Kiosk erhältlichen Horoskop zusammengestellt. Seither wurde der Test – mit dem gleichen Text – oft wiederholt. Der Durchschnittswert lag dabei jeweils um den Wert 4.

Der von Forer vorgelegte Text lautete im Original

“You have a need for other people to like and admire you, and yet you tend to be critical of yourself. While you have some personality weaknesses you are generally able to compensate for them. You have considerable unused capacity that you have not turned to your advantage. Disciplined and self-controlled on the outside, you tend to be worrisome and insecure on the inside. At times you have serious doubts as to whether you have made the right decision or done the right thing. You prefer a certain amount of change and variety and become dissatisfied when hemmed in by restrictions and limitations. You also pride yourself as an independent thinker; and do not accept others’ statements without satisfactory proof. But you have found it unwise to be too frank in revealing yourself to others. At times you are extroverted, affable, and sociable, while at other times you are introverted, wary, and reserved. Some of your aspirations tend to be rather unrealistic.”

„Sie brauchen die Zuneigung und Bewunderung anderer, dabei neigen Sie zu Selbstkritik. Zwar hat Ihre Persönlichkeit einige Schwächen, doch können Sie diese im allgemeinen ausgleichen. Sie haben beträchtliche Fähigkeiten, die brachliegen, statt dass Sie sie zu Ihrem Vorteil nutzen. Äußerlich diszipliniert und kontrolliert, fühlen Sie sich innerlich ängstlich und unsicher. Mitunter zweifeln Sie ernstlich an der Richtigkeit Ihres Tuns und Ihrer Entscheidungen. Sie bevorzugen ein gewisses Maß an Abwechslung und Veränderung, und Sie sind unzufrieden, wenn Sie von Verboten und Beschränkungen eingeengt werden. Sie sind stolz auf Ihr unabhängiges Denken und nehmen anderer Leute Aussagen nicht unbewiesen hin. Doch erachten Sie es als unklug, sich anderen zu freimütig zu öffnen. Manchmal verhalten Sie sich extrovertiert, leutselig und aufgeschlossen, manchmal auch introvertiert, skeptisch und zurückhaltend. Ihre Wünsche scheinen mitunter eher unrealistisch.“

Barnum-Aussagen[Bearbeiten]

Allen Barnum-Aussagen ist gemeinsam, dass es ihnen immer an Objektivität und Falsifizierbarkeit mangelt. Barnum-Aussagen sind beispielsweise in Zeitungshoroskopen zu finden. Die Testreihen des US-amerikanischen Psychologen Bertram R. Forer beziehen sich daher ebenfalls auf Zeitungshoroskope. Sie finden auch Verwendung beim Cold Reading und beim Wahrsagen. Die Graphologie wird gleichfalls unter dem Aspekt des Barnum-Effekts betrachtet.[6]

Typische Inhalte von Barnum-Aussagen finden sich in den folgenden Sätzen.

  • Jeder Mensch sehnt sich nach einer sicheren Umwelt. Deshalb darf die Erwähnung von Ängsten nicht fehlen.
  • Wünsche wie eine sichere Arbeitsstelle oder ein gutes Beziehungsleben werden auf passende Ereignisse interpretiert.
  • Geeignet sind sowohl-als-auch-Aussagen: „Sie sind meistens entschlossen, doch Sie ringen immer wieder um angepasstes Verhalten“.
  • Unklare Formulierungen wie „Sie neigen zur Faulheit“ (anstelle „Sie sind heute faul“, was entweder stimmt oder nicht stimmt).
  • Suggerierte Dinge: „Heute könnten Sie jemanden verletzen“ suggeriert eine Verletzungsmöglichkeit und der Leser sucht – und findet manchmal – eine entsprechende Handlung. Dem Leser wird aber nicht gesagt, er solle nach Hinweisen suchen, die das Gegenteil demonstrieren würden.

Gauquelins Serienmörder-Experiment[Bearbeiten]

Der französische Psychologe Michel Gauquelin untersuchte die Barnum-Eigenschaften astrologischer Persönlichkeitsprofile. Gauquelin schickte 1968 an 150 Personen, die er über ein Zeitungsinserat angeworben hatte, deren „ganz persönliches Horoskop“. Tatsächlich aber erhielt jede Person den gleichen Text, ein Persönlichkeitsprofil, das der Astrologe André Barbault aufgrund der Geburtsdaten des Serienmörders Marcel Petiot erstellt hatte (wobei Barbault nicht wusste, um wessen Geburtsdaten es sich handelte). Astrologische Persönlichkeitsprofile weisen viele Eigenschaften eines Barnum-Textes auf. Gauquelin bat die Versuchspersonen um die Beantwortung mehrerer Fragen, darunter der, ob sie in diesem Profil sich und ihre persönlichen Probleme wiedererkennen würden. 94 % der 150 Versuchspersonen bejahten diese Frage, 90 % fanden die Beschreibung sehr passend.[7]

Weitere und ähnliche Beispiele finden sich in der Liste der klassischen Experimente in der Psychologie.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. B. R. Forer: The fallacy of personal validation; a classroom demonstration of gullibility. In: Journal of Abnormal Psychology. Band 44, 1949, PMID 18110193, S. 118–123
  2.  Christoph Bördlein: Frühe Forschungen zum „Barnum-Effekt“. In: Skeptiker. 13, Nr. 1, 2000, S. 44–45.
  3.  R. Meili: Hasard et Psycho-Diagnostic. In: Archives de Psychologie. 21, 1928, S. 198–207.
  4.  H. Krüger, K. Zietz: Das Verifikationsproblem. In: Zeitschrift für angewandte Psychologie. 45, 1933, S. 140–171.
  5.  Otto Bobertag: Bemerkungen zum Verifikationsproblem. In: Zeitschrift für angewandte Psychologie. 46, 1934, S. 246–249.
  6. Otto Bobertag: Ist die Graphologie zuverlässig? Kampmann, Heidelberg 1929
  7.  Michel Gauquelin: Dreams and Illusions of Astrology. Glover & Blair, London 1980, ISBN 9780906681046.