Fotogramm

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Dieser Artikel beschäftigt sich mit einer Fototechnik. Zum gleichnamigen Begriff aus der Photogrammetrie siehe Messbild
Fotogramm mit Laborutensilien

Als Fotogramm auch Schadografie oder Rayogramm wird die direkte Belichtung von lichtempfindlichen Materialien wie Film oder Fotopapier im Kontaktverfahren bezeichnet. Im Gegensatz zur Fotografie oder Luminografie wird dabei keine Kamera benutzt.

Herstellung[Bearbeiten]

Entstehung eines Fotogramms: Eine räumlich ausgedehnte Lichtquelle (1) beleuchtet Objekte (2 und 3) die direkt vor dem lichtempfindlichen Film platziert wurden. Je nach Entfernung der Objekte vom Film wird ihr Schatten härter (7) oder weicher (5) konturiert. Bereiche die völlig im Schatten liegen (6) werden nicht geschwärzt, Bereiche die voll belichtet werden (4) werden maximal geschwärzt.

Ein Fotogramm erzeugt man, indem man mehr oder weniger transparente Objekte (2 und 3) zwischen einen lichtempfindlichen Film, Fotopapier oder einen elektronischen Sensor und eine Lichtquelle (1) bringt und dann belichtet. Die räumliche Ausdehnung der Lichtquelle und der Abstand der Objekte vom Film bestimmen dabei die Konturierung des Schattens (4 bis 7). Arbeitet man mit mehreren Lichtquellen oder bewegt diese, sind weitere Effekte möglich.

Beispiele[Bearbeiten]

Fotogramm mit Pflanzen und Boden.
Farbfotogramm von Zitronenscheiben und Tomatenpflanzen auf Cellophanpapier, Hintergrund: vergrößertes Papier im Negativhalter des Projektors.

Die Vorläufer des Fotogramms finden sich bereits in der Frühzeit der Fotografie. Die Fotopioniere Thomas Wedgwood und William Henry Fox Talbot hatten bereits seit 1802 bzw. 1834 erste Fotogramme hergestellt,[1] indem sie Schreibpapier mit Kochsalz und Silbernitratlösung tränkten, Gegenstände darauf legten und im Sonnenlicht belichteten. Die so erstandenen Fotogramme nannte Talbot fotogenische Zeichnungen (englisch: Photogenic drawings), was „durch Licht entstandene Zeichnungen“ bedeutet.

Zur gleichen Zeit, ab 1839, entwickelte der Franzose Hippolyte Bayard seine „Dessins photogéniques“, Fotogramme von Pflanzen und gewebten Spitzen, der Amerikaner Mathew Carey Lea ab 1841 seine „Photogenic Drawings of Plants“ und Anna Atkins 1843 ihre Cyanotypien von Pflanzen, Farnen und Federn. Ihr Ziel war die perfekte dokumentarische Abbildung der Natur.

Der deutsche Maler Christian Schad entwickelte ab 1918 in Zürich die von ihm so genannten „Schadographien“. Man Ray veröffentlichte ab 1922 seine „Champs Délicieux“ in Paris. Er bezeichnete die Technik als „Rayographs“ und nutzte sie zur Umsetzung seiner dadaistischen und surrealistischen Vorstellungen.

Wichtigster Vertreter des Fotogramms in den 20er Jahren war der von 1923 bis 1928 lehrende Bauhausmeister Lászlo Moholy-Nagy (1895-1946), der die theoretische und experimentelle Grundlage für die Etablierung dieser damals neuen Kunstgattung schuf. In diesem Zusammenhang muss noch seine Heirat 1921 mit der Fotografin Lucia Moholy, geb. Schulz, erwähnt werden, der in Verbindung mit ihrem Mann eine wichtige Rolle zu Theorie und Praxis des Fotogramms zukommt. Neben Moholy-Nagy, Schad und Man Ray sollten auch El Lissitzky, Jaroslav Rössler, Luigi Veronesi, Kurt Schwitters und Ernst Schwitters, Piet Zwart, Raoul Hausmann, Edmund Kesting und Marta Hoepffner genannt werden, die bereits vor 1945 und teilweise auch danach als Fotogrammkünstler hervortraten.

Nach 1945 wurde das Fotogramm in Deutschland von „subjektiven“ und „experimentellen“ Fotografen wiederentdeckt. Zu nennen sind hier Otto Steinert und Schüler, Kilian Breier, Gunther Keusen, Peter Keetman, Heinz Hajek-Halke, Chargesheimer, Lotte Jacobi, Roger Humbert, René Mächler, Kurt Kranz, Timm Rautert, Gottfried Jäger, Karl Martin Holzhäuser und Floris Michael Neusüss. Ab 1963 erweiterte Floris M. Neusüss sein künstlerische Repertoire des Fotogramms um seine großformatigen Körperfotogramme, seine sogenannten Nudogramme; später bezog er Elemente der Fotomalaktion und des Chemigramms mit ein.[2] Schüler von Prof. Neusüss aus Kassel, wie etwa Thomas Bachler, Natalie Ital und Tim Otto Roth, arbeiten heute innovativ mit dieser Technik weiter.[3]

Ab 1968 entwickelten Gottfried Jäger, Hein Gravenhorst, Kilian Breier, Karl Martin Holzhäuser und Pierre Cordier das Konzept einer „Generativen Fotografie“, zu erwähnen sind hier neben Luminogrammen, Lochblendenstrukturen oder mechanisch optischen Untersuchungen auch Jägers Fotopapierarbeiten ab 1983 – konkrete Fotogrammedie die ureigensten Mittel des Mediums zu ihrem Gegenstand machen, ohne dabei ikonische oder symbolische Ziele zu verfolgen[2], ebenso Holzhäusers Lichtmalereien ab 1986, die er heutzutage wieder aufgreift und weiterentwickelt hat. Schüler von Prof. Jäger oder Prof. Holzhäuser aus Bielefeld, wie Ralf Filges, Hartwig Schwarz, Tom Heikaus oder Uwe Meise arbeiten heute innovativ mit dieser Technik weiter.

In den USA sind es vor allem Georgy Kepes (1906-2001), Nathan Lerner (1913-1997) und Arthur Siegel (1913-1979), alle Schüler des in die USA emigrierten Moholy Nagy am New Bauhaus in Chicago, die die klassische Linie der am Bauhaus entwickelten Sprache in ihren Fotogramm-Kompositionen um 1940 fortsetzten. Der 1961 in Großbritannien geborene Adam Fuss, der in New York lebt, sei als Künstler der Gegenwart erwähnt.

Konkrete Fotogramme[Bearbeiten]

Der Begriff „Konkret“ – in der Fotografie wie beim Fotogramm – wird heute, mehr als 70 Jahre nach dem „Manifest“ Theo van Doesburgs bewusst auf die Fotografie angewendet. Auch sei auf Max Bill verwiesen. Angeregt durch den Sammler Peter C. Ruppert, dessen Sammlung „Konkrete Kunst“ in Europa nach 1945 im Museum im Kulturspeicher Würzburg seit 2002 zu sehen ist, erschien 2005 ein begleitendes Buch mit dem Titel „Konkrete Fotografie“[3]. In der Ausstellung 2005 wurden besonders viele konkrete Fotogramme von Fotokünstlern ab 1916 bis heute gezeigt.

In der Geschichte der Fotografie gibt es um die Fotografie einige Begrifflichkeiten: Neben bekannteren Begriffen wie dokumentarische oder experimentelle Fotografie werden drei große Bereiche unterschieden:

  1. Abbilder (Feststellende Fotografie)
  2. Sinnbilder (Darstellende Fotografie) und
  3. Strukturbilder (Bilderzeugende Fotografie).

Gottfried Jäger definiert diese drei Bereiche wie folgt:

Zu 1: Abbilder, Feststellende Fotografie: gemeint ist die abbildende, berichtende, beweisende, dokumentierende, reproduzierende, gegenständliche, naturgetreue Fotografie, genannt auch direkte, feststellende Fotografie.[2]

Zu 2: Sinnbilder, darstellende Fotografie: bezeichnet man als Realität interpretierende Fotografien, wie subjektive, beeindruckende, überzeugende, kommentierende, kritische, parteiliche, teilnehmende, engagierte, anklagende oder eingreifende Fotografien, etwa für künstlerische, werbliche oder propagandistische Zwecke – mit kommentierendem Charakter, der die Dinge so wendet, wie sie der Autor sieht oder betrachtet wissen will.[2]

Zu 3: Strukturbilder, Bilderzeugende Fotografie: Schaffung neuer Bildstrukturen, Veranschaulichung abstrakter Ideen. Man spricht von schöpferischen, gestaltenden, formgebenden, konstruierenden, inszenierenden, experimentierenden, abstrakten, absoluten oder ungegenständlichen Fotografien. Man nennt diese Fotografie auch bildschaffende oder bilderzeugende Fotografie, deren Ergebnisse nennt man Strukturbilder.[2]

Im Jahr 1989, zum 150. Geburtsjahr der Fotografie, zeigte die Kunsthalle Bielefeld die Ausstellung „Das Foto als autonomes Bild - experimentelle Gestaltung von 1839 bis 1989“. Thematisiert wurden Strukturbilder, die mit dem Oberbegriff „Autonome Bilder“ zusammengefasst wurden. Das autonome Bild findet in künstlerischer Praxis und Kunsttheorie des frühen 20. Jahrhunderts seine Definition: Dabei geht es nicht mehr um die Nachahmung oder nachahmende Idealisierung eines Naturvorbildes, sondern um vom Künstler frei erfundene Gestaltungsinhalte, zumeist abstrakt oder gegenstandsfrei genannt, dessen gegenständliche Darstellung neuen, eigenen bildnerischen Kriterien zugrunde liegt.[4]

autonomes photogramm
«positiv/negativ», ulli p., 1999

Die bilderzeugenden – nicht abstrakten oder darstellenden Fotografien –, die von Anfang der Geschichte der Fotografie zwar existierten, für die es aber keine einheitliche Begrifflichkeit bis 2005 gab, wurden 2005 im neuen Buch Konkrete Fotografie, begleitend zur Ausstellung in Würzburg, mit ebendiesem Begriff neu zusammengefasst. Konkrete Fotografien sind in diesem Sinne nicht semantisches Medium, sondern ästhetisches Objekt, nicht Repräsentat, sondern Präsentat, nicht Reprodukt, sondern Produkt, wollen nichts abbilden, nichts darstellen: sie sind Objekte, die auf sich beruhen, eigenständig, authentisch, autonom, autogen - Fotografien der Fotografie. Konkrete Fotografien sind nicht Abstraktionen von Etwas, es sind reine Fotografien, die gegen elementare Voraussetzungen des Medium verstoßen, Regeln brechen, gegen den Apparat angehen.[3]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Floris M. Neusüss: Das Fotogramm in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Die andere Seite der Bilder – Fotografie ohne Kamera. DuMont, Köln 1990, ISBN 3-7701-1767-0.
  • Thomas Maschke, Thomas Heinemann: Fotografieren ohne Kamera. Fotogramme – der direkte Weg zu außergewöhnlichen Bildern, Augustus-Verlag, Augsburg 1998, ISBN 3-8043-5125-5.
  • Nikolaus Schad, Anna Auer (Hrsg.): Schadographie: die Kraft des Lichts, Klinger, Passau 1999, ISBN 3-932949-05-6.

Referenzen[Bearbeiten]

  1. T. Wedgwood, H. Davy: An account of a method of copying paintings upon glass and making profiles by the agency of light upon nitrate of silver, invented by T. Wedgwood, Esq., with observations by H. Davy. In: Journal of the Royal Institution. Band 1, Nr. 9, London, 22. Juni 1802.
  2. a b c d e Gottfried Jäger: Bildgebende Fotografie. Fotografik – Lichtgrafik – Lichtmalerei. Ursprünge, Konzepte und Spezifika einer Kunstform. DuMont, Köln 1988, ISBN 3-7701-1860-X.
  3. a b c Gottfried Jäger, Rolf H. Krauss, Beate Reese: Concrete Photography. Konkrete Fotografie. Kerber, Bielefeld 2005, ISBN 3-936646-74-0.
  4. Jutta Hülsewig-Johnen, Gottfried Jäger, J. A. Schmoll gen. Eisenwerth: Das Foto als autonomes Bild. Experimentelle Gestaltung 1839–1989. Hatje-Cantz, Stuttgart 1989, ISBN 3-89322161-1.

Weblinks[Bearbeiten]