Fränkel (Unternehmen)

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Die Textilfabrik S. Fränkel, heute Frotex, war - und ist heute wieder - ein international bedeutendes Unternehmen der Textilindustrie in Neustadt in Oberschlesien (heute polnisch: Prudnik). Die Unternehmensgeschichte ist eng verbunden mit den untereinander verwandten Familien der Fränkel und Pinkus, aus denen die Direktoren stammten.

Geschichte[Bearbeiten]

1845 gründete Samuel Fränkel eine Leinen-Weberei direkt am Ufer des Flusses Prudnik in Neustadt. Das Unternehmen wuchs durch Aufkauf von Konkurrenten und insolventen Unternehmen rasch zum Monopolisten in Schlesien, eröffnete weitere Niederlassungen (unter anderem in Berlin und Augsburg) und wurde zu einem der größten Leinen-Produzenten der Welt. 1903 begann die Produktion von Frotteestoffen und Tuchwaren, insbesondere Damast, die in ganz Deutschland, England, Frankreich und bis nach Amerika vertrieben wurden. „S. Fränkel“ führte auch Entwürfe renommierter Designer wie Peter Behrens für Tafelzeug (Tischtücher, Servietten, etc.) aus. Der Erste Weltkrieg stoppte das dynamische Wachstum der Fabrik. Zwischen 1915 und 1923 gab die Textilfabrik, die inzwischen als „Offene Handelsgesellschaft S. Fränkel“ firmierte, mehrfach auch ein eigenes Notgeld heraus, zunächst noch Pfennigwerte, in der Inflation der 1920er Jahre auch Millionen- und Milliardenwerte. Nach den Nürnberger Gesetzen des Nationalsozialismus wurde das Unternehmen 1938 von den Erben Samuel Fränkels übernommen, während sie gezwungen wurden, auszuwandern. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gesellschaft ab 1949 wiederaufgebaut, 1965 in „Frotex“ umbenannt. Nach dem politischen Umbruch in Osteuropa wurde sie 1992 in staatliche Treuhandverwaltung überführt, und 2002 an die private „Frotex Management“-Holding veräußert, die heute 72 % der Anteile hält. Unter dem Namen „ZPB (Zakłady Przemysłu Bawełnianego) Frotex S.A.“ stellte das Unternehmen Haushaltswäsche und Garne her und war bis c. 2010 mit 700 Beschäftigten nicht nur der größte Arbeitgeber der Stadt, sondern der größte Handtuch- und Badtextilienproduzent Polens, zugleich eines der größten europäischen Unternehmen in diesem Geschäftsfeld. Die Produktion wurde dann eingestellt, die imposanten Werkgebäude sind leer und dem Vandalismus ausgesetzt.

Die Unternehmerfamilien[Bearbeiten]

Familie Fränkel[Bearbeiten]

Die Familie Fränkel (Schreibweisen auch Fraenkel, Fränckel oder Fraenckel) war eine schlesische Familie mit mehreren bedeutenden Mitgliedern. Auch Vorfahren des ehemaligen US-Präsidentschaftskandidaten John Kerry kommen aus dieser Familie: Mathilde Fränkel (1845-1935), seine Urgroßmutter, wurde in Oberglogau geboren.

Ursprünglich jüdischen Glaubens, konvertierte die Familie später zum Katholizismus. Die Inhaber der Textilfabrik Fränkel entstammten einer angesehenen Kaufmannsdynastie. Sie waren nicht nur Industrielle, sondern zugleich bedeutende Kulturmäzene.

Samuel Fränkel (1801-1881), Gründer und Namensgeber der Textilfabrik „S. Fränkel“. Samuel Fränkel war auch Mäzen, veranstaltete Dichterlesungen und holte für Kammerkonzerte damals weltberühmten Pianisten (unter anderem Wilhelm Backhaus und Walter Gieseking) in die Region. Er war befreundet mit Gerhart Hauptmann und unterstützte diesen maßgeblich. Das ehemalige Gästehaus von Samuel Fränkel, eine 1883 erbaute Villa in der Kościuszki-Straße 1, heute „Haus der Textilarbeiter“, zählt zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt Prudnik.

Familie Pinkus[Bearbeiten]

Der gläubige Jude Joseph Pinkus (* 1829) wurde durch Heirat mit Auguste Fränkel (1838-1919 in Neustadt) Teilhaber des Unternehmens „S. Fränkel“. Seine Tochter Hedwig (1864-1948 in den USA), die eine hervorragende Bildung auf den Gebieten Literatur und Neusprachen besaß, heiratete im Alter von 19 Jahren am 14. August 1883 in der Synagoge von Neustadt den damals 28-jährigen, später berühmt gewordenen Immunologen und Nobelpreisträger Paul Ehrlich, den sie auf einem Besuch in Strehlen kurz zuvor kennengelernt hatte. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor. Der Schwiegervater unterstützte Ehrlich großzügig finanziell durch Einrichtung eines Privatlabors und ermöglichte ihm, sich eine Zeit lang ausschließlich seinen Forschungen zusammen mit Emil von Behring an der Charité zu widmen. Ebenfalls mit Unterstützung seines Schwiegervaters konnte Ehrlich nach seiner Kündigung an der Charité zusammen mit seiner Frau fast zwei Jahre in Ägypten leben, um seine Tuberkuloseerkrankung auszukurieren. Joseph Pinkus starb jedoch unerwartet früh 1909 in Neisse.

Sein Bruder Benjamin (Benno) Pinkus (1831-1879 in Neisse), leitete die Repräsentanz der Textilfabrik in Berlin.

Der Sohn von Joseph Pinkus, Max Pinkus (* 3. Dezember 1857 in Neustadt; † 19. Juni 1934 ebenda), ein Kaufmann, war bis 1926 sein Nachfolger als Direktor der Fabrik. Zu seiner Zeit beschäftigte die Fabrik 4000 Arbeitnehmer. Er verfasste darüber hinaus selbst Schriften über Schlesien, war ein Büchersammler und Mäzen der Stadt und der Kultur. So unterstützte er insbesondere Gerhart Hauptmann und den Schriftsteller Hermann Stehr (beispielsweise durch den Kauf des Hauses in Schreiberhau, das dieser 1926 mit seiner Familie bezog). Stehr widmete Pinkus dafür sein 1926 erschienenes Werk „Der Geigenmacher“ mit den Worten: „Max Pinkus, dem großen Menschenfreund und Sammler schlesischen Geistesgutes“. Von Max Pinkus wurde (gemeinsam mit Victor Ludwig) die erste Bibliografie über Hauptmann herausgegeben (Gerhart Hauptmann. Werke von ihm und über ihn. Privatdruck, Neustadt in Schlesien 1922). Bei der Beerdigung von Max Pinkus sprach Gerhart Hauptmann an seinem Grab auf dem jüdischen Friedhof; die Stadt Neustadt weigerte sich, ihres Ehrenbürgers nach der nationalsozialistischen Machtergreifung noch zu gedenken und verbot ihren Bürgern eine Teilnahme an der Beisetzung. Hauptmanns Werke „Vor Sonnenuntergang“ (uraufgeführt 1932) und „Die Finsternisse“ (1937 verfasst, erst nach dem Krieg veröffentlicht) haben Max Pinkus als Vorbild. Max Pinkus einzigartige Sammlung schlesischer Bücher wurde seinem zweiten Sohn Klaus Valentin Pinkus als „Auswanderungsgebühr“ abgenommen und der Universität Breslau zur Verwahrung übergeben. Sie ist seitdem verschollen.

Der älteste Sohn von Max Pinkus, Hans Hubert Pinkus (1891-1977) war Direktor des Unternehmens bis zur Arisierung. Er emigrierte 1939 mit seiner Familie nach England. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte Hans Pinkus ohne Erfolg, das Unternehmen in Bayern wieder aufzubauen.

Sammlung Pinkus[Bearbeiten]

Max Pinkus Sammelinteresse galt der Literatur, der Geschichte und des Kunsthandwerks. So hatte er eine große und wertvolle Kollektion an Judaica, vornehmlich aus Silber, die er 1929 dem Verein Jüdisches Museum zur Verfügung stellte. Zudem Textilien, Glas, Goldschmiedekunst und Mobiliar des 16. bis 18.Jahrhunderts.[1]

Literatur[Bearbeiten]

  • Walter Albert Reichart und Carl Friedrich Wilhelm Behl (Hrsg.): Max Pinkus: 3. Dezember 1857 bis 19. Juni 1934. Bergstadtverlag Korn, München 1957
  • Kurt Schwerin: Max Pinkus, seine Schlesienbücherei und seine Freundschaft mit Gerhart Hauptmann. in: Jahrbuch der Schlesischen Friedrich Wilhelms-Universität Breslau 8, 1963, S. 210-235
  • Walter Requardt: Der königliche preußische Kommerzienrat aus Neustadt O. S.: Erinnerungen an Max Pinkus. (Schlesien: Arts, Science, Folklore; 27), Sigmaringen 1982, S. 26-46, ISSN 0036-6153.
  • Albrecht Zappel: Max Pinkus: der schlesische Unternehmer, seine Schlesierbibliothek, seine Freundschaft mit Gerhart Hauptmann. Die grüne Reihe; 8. Selbstverlag, Leverkusen 1992
  • Krzysztof A. Kuczyński: Max Pinkus (1857-1934). In: Klaus Hildebrandt und Krzysztof A. Kuczyński (Hrsg.): Weggefährten Gerhart Hauptmanns. Förderer - Biographen - Interpreten. Bergstadtverlag Korn, Würzburg 2002, S. 47-56, ISBN 3-87057-245-0
  • Baron, Arkadiusz: Max Pinkus (1857-1934) : Śląski przemysłowiec i mecenas kultury. Wydaw. MS, Opole 2008, ISBN 978-83-88945-82-3

Archive[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

  • Tischtuch [1] bzw. Serviette [2] von Peter Behrens, um 1904. Jeweils Leinendamast mit Strahlenornament als gewebte Stilisierung eines Kristalls, ausgeführt bei S. Fränkel (Zuschreibung).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Marius Winzeler: Jüdische Sammler und Mäzene in Breslau – von der Donation zur „Verwertung“ ihres Kunstbesitzes, In: Sammeln. Stiften. Fördern. Jüdische Mäzene in der deutschen Gesellschaft, red. Andrea Baresel-Brand, Peter Müller, Magdeburg 2006, S. 131–150, S.142f.