François Jullien

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François Jullien, 2013

François Jullien (* 2. Juni 1951 in Embrun, Hautes-Alpes) ist ein französischer Philosoph und Sinologe.

Leben[Bearbeiten]

François Jullien studierte als Absolvent der École Normale Supérieure de la rue d'Ulm von 1972 bis 1977 Chinesisch an den Universitäten von Beijing und Shanghai. Von 1975 bis 1977 leitete er die Antenne Française de sinologie in Hongkong. Von 1978 bis 1981 war Jullien ein Stipendiat im Japanisch-Französischen Haus in Tokio. 1978 wurde er im Fach Ostasiatische Studien und 1983 im Fach Literaturwissenschaften promoviert.

Von 1988 bis 1990 war Jullien Präsident der Association Française des Études Chinoises (Französische Gesellschaft für Chinastudien) und von 1995 bis 1998 Präsident des Collège international de philosophie. Seit 2004 lehrt er als Professor an der Universität Paris VII klassische chinesische Philosophie und Ästhetik.

In weiteren Funktionen ist François Jullien Direktor des Centre Marcel Granet sowie des Institut des la Pensée Contemporaine (Zentrums für zeitgenössisches Denken), Herausgeber der Sammlungen "Orientales" und "Libelles" ("Schmähschriften") beim Verlag Presses Universitaires de France (PUF) in Paris.

Position[Bearbeiten]

Seinen Ort in der Philosophie bestimmt Jullien so: Welchen Vorteil gewinnen wir durch die (erhoffte) Entwurzelung des Denkens, einen Vorteil, der über die Sondierung unseres Geistes, die Archäologie seiner Verzweigungen, die neue Zusammensetzung des Felds des Denkbaren hinausgeht? ... Ein "globalisiertes"... und langweiliges Denken sollten wir nicht erwarten. ... Wir zögern heute, einfach von "dem Menschen" zu sprechen und die Definition seines Wesens zu fordern. Das chinesische Denken hingegen, wenn es sich vergleichend in das europäische einschreibt, kann gerade dadurch zu einer Selbstreflexion des Menschlichen beitragen. In dieser Begegnung kann sich das Menschliche durch sich selbst und durch seine Wandlungen reflektieren. Es setzt sich nicht mehr vorab und naiv voraus, sondern im Gegenteil, als Wirkung dieses Zusammenfügens können seine verschiedenen Vorverständnisse geduldig erkundet und neue Möglichkeiten erwogen werden. Auf diese Weise möchte Jullien die Philosophie neu in Schwung bringen.

  • Schattenseiten. Vom Bösen oder Negativen (2005)

In seinem ziemlich politischen Buch Schattenseiten. Vom Bösen oder Negativen (2005) untersucht Jullien die Transformation des Begriffs des ›Negativen‹ wie des ›Bösen‹ und konfrontiert, wie in allen seinen Werken, ihre westliche Entwicklung mit dem chinesischen Denken. In neuer Weise ermöglicht dieser Ansatz einen Blick auf die ›produktiven‹ Kräfte des Negativen in Zeiten weltweiter Homogenisierung.

»Es scheint, dass das, was heute allgemein unter dem Namen der ›Globalisierung‹ gehandelt wird, radikal die Möglichkeitsbedingungen des Negativen verändert hat. Zuvor war das Negative der andere Block oder aber die andere Klasse. Durch die Globalisierung hat sich diese Äußerlichkeit, durch die Negatives (mit dem auch die Geschichte gearbeitet hat) sich entladen konnte, aufgelöst.

Sobald es außen nicht mehr das andere Lager gibt, wo das Negative angesiedelt werden kann, führt dies logischerweise zu seiner Verinnerlichung, denn das Negative verschwindet ja nicht, es wird vielmehr ›verdrängt‹ und agiert dann nicht mehr offen, sondern im Geheimen.

Es kommt nun folglich darauf an, sich die Frage nach der tätigen ›Logik‹ zu stellen. Denn ist der 11. September (2001) wirklich ein Ereignis, wie man behauptet hat, oder sogar das (urplötzliche) Ereignis schlechthin? Besitzt dieses Datum durch seinen Überraschungseffekt und durch das, was es ausgelöst hat, tatsächlich die Funktion eines Einbruchs? Ich möchte darin eher das plötzliche, aber zusammenfassende Offenbaren eines ›stillen Wandels‹ sehen und entnehme diesen Begriff dem chinesischen Denken.« (Zitat aus: Schattenseiten).

Für die deutsche Rezeption ist das Buch Dialog über die Moral, ein Vergleich des chinesischen Philosophen Menzius mit der Philosophie der Aufklärung wichtig.

Kritik[Bearbeiten]

Die Arbeit von François Jullien ist von verschiedenen Seiten kritisiert worden, insbesondere von einigen Sinologen, darunter in erster Linie Jean François Billeter. Dieser hat vor allem zwei Texte gegen François Jullien und seine Methode publiziert:

  • « Comment lire Wang Fuzhi ? » ; dieser Artikel wendet sich gegen das Buch Procès ou création (1989) ;
  • Contre François Jullien (2006) ; dieses Buch kritisiert das gesamte Werk von Jullien.

François Jullien hat auf den ersten dieser beiden Texte geantwortet in « Lecture ou projection : Comment lire (autrement) Wang Fuzhi ? ».

Contre François Jullien wirft Jullien vor, das China gesehen zu haben, das er habe sehen wollen, und die chinesische Andersartigkeit zu übertreiben. Dieses Thema sei eine ideologische Konstruktion der kaiserlichen chinesischen Macht, die die Mandarine, die gelehrten Vertreter der Zentralmacht, den jesuitischen Missionaren vermittelt hätten. Von da an habe dieser 'Mythos' die Sinologie und das allgemeine Bild, das sich der Westen von China macht, über Leibniz, Voltaire, Marcel Granet, Victor Segalen etc. kontaminiert. Jullien perpetuiere, indem er diesen Mythos fortschreibe, diese Tradition, welche die wahren politischen Quellen des 'chinesischen Denkens' verdunkle.

Mitgliedschaft[Bearbeiten]

  • Seit 2001: Institut Universitaire de France

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Über die Wirksamkeit. Berlin: Merve, 1999, ISBN 978-3-88396-156-9
  • Über das Fade - eine Eloge. Zu Denken und Ästhetik in China. Berlin: Merve, 1999, ISBN 978-3-88396-151-4
  • Umweg und Zugang. Strategien des Sinns in China und Griechenland. Wien: Passagen, 2000 (Originaltitel: Le détour et l'accès. Stratégies du sens en Chine, en Grèce. Grasset, Paris 1995. Übersetzt von Markus Sedlaczek), ISBN 978-3-85165-407-3.
  • Der Weise hängt an keiner Idee. München: Fink, 2001.
  • Der Umweg über China. Berlin: Merve, 2001, ISBN 978-3-88396-177-4.
  • Vom Wesen des Nackten. Zürich/Berlin: Diaphanes, 2003.
  • Dialog über die Moral. Berlin: Merve, 2003, ISBN 978-3-88396-184-2.
  • Über die »Zeit«. Zürich/Berlin: Diaphanes, 2004.
  • Die Kunst, Listen zu erstellen. (zus. mit Karine Chemla und Jacqueline Pigeot), Berlin: Merve, 2004, ISBN 978-3-88396-201-6.
  • Schattenseiten. Über das Böse und das Negative. Zürich/Berlin: Diaphanes, 2005.
  • Eine Dekonstruktion von außen. Von Griechenland nach China oder wie man die festgefügten Vorstellungen der europäischen Vernunft ergründet (zweisprachig dt-frz), 51 S., in der Reihe: Dt-frz. Wechselwirkungen, Übers. Felix Heidenreich, Hg. DVA-Stiftung, Stuttgart 2005 (darin: Verzeichnis der Hauptwerke in frz. bis 2004, S. 54f.)
  • Sein Leben nähren. Abseits vom Glück. Berlin: Merve, 2006, ISBN 978-3-88396-219-1.
  • Vortrag vor Managern über Wirksamkeit und Effizienz in China und im Westen. Berlin: Merve, 2006, ISBN 978-3-88396-223-8.
  • Das Universelle, das Einförmige, das Gemeinsame und der Dialog zwischen den Kulturen. Berlin: Merve, 2009, ISBN 978-3-88396-262-7.
  • Die stillen Wandlungen. Berlin: Merve, 2010, ISBN 978-3-88396-284-9.
  • Die Affenbrücke. Passagen, Wien 2011, ISBN 978-3-85165-972-6.
  • Die fremdartige Idee des Schönen. Passagen, Wien 2012, ISBN 978-3-7092-0050-6.
  • China und die Psychoanalyse. Fünf Konzepte. Turia + Kant, Wien/Berlin 2013, ISBN 978-3-85132-703-8.
  • Philosophie des Lebens. Passagen, Wien 2013, ISBN 978-3-7092-0018-6.
  • Der Weg zum Anderen. Alterität im Zeitalter der Globalisierung. Passagen, Wien 2014, ISBN 978-3-7092-0117-6.

Weblinks[Bearbeiten]