Francesco Patrizi da Cherso

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Francesco Patrizi da Cherso oder Frane Petrić

Francesco Patrizi da Cherso, eigentlich Frane Petrić (* 25. April 1529 in Cres, Republik Venedig; † 6. Februar 1597 in Rom), war ein venezianischer Philosoph kroatischer Abkunft.

Namensformen[Bearbeiten]

Bis weit in die Neuzeit wurden Eigennamen übersetzt, die Orthographie locker gehandhabt. Das lässt sich an Namen der vielsprachigen adriatischen Nordostküste besonders deutlich ablesen. Frane Petrić hieß auf italienisch Francesco Patrizi oder Patrizio, auf deutsch Petritz, und latinisierte seinen Namen später, wie es viele Humanisten taten, zu Franciscus Patricius.

Nebenformen sind Patritius, Patrizzi, Patricijus, Franciscus de Petris, Francesco Patritio, Patrici, Franjo Petriš, und die Verballhornungen Petričević oder Petrišević. Da er auf lateinisch und italienisch publizierte und die Werke bei italienischen Verlegern erschienen, hat sich in der Literatur der Name Francesco Patrizi durchgesetzt. Der Zusatz "da Cherso" (aus Cres) wurde verwendet, um ihn von dem Philosophen Francesco Patrizi da Siena (aus Siena) (auch Franciscus Patricius Senensis; 1413–1494) zu unterscheiden.

Leben[Bearbeiten]

Patrizi wurde im gotischen Palazzo Arsan in Cres, der heutigen Hauptstadt der gleichnamigen Insel (italienisch Cherso), als Sohn des Stadtrichters Francesco (Frane) Petrić und der Marija Lupetina geboren. Die Vorfahren flüchteten nach einer Familienlegende vor der türkischen Besetzung nach der Schlacht von Mohács aus Bosnien.[1] Die Behauptung von Frane Petrić, dem Sohn, er sei königlicher Abstammung[2], konnte nicht belegt werden. Sein Onkel Ivan Jurje (italienisch Giovanni Giorgio), Kapitän eines Kriegsschiffs in venezianischen Diensten, nahm den erst neunjährigen Knaben auf das Schiff mit. Patrizi verbrachte vier Jahre auf See. 1542 veranlasste ihn der Onkel zum Besuch einer Kaufmannsschule in Venedig. Danach ging er zum Studium nach Ingolstadt, das damals der Sitz der bayerischen Universität war. Dort lernte er Griechisch. Während des Aufenthalts in Bayern lebte Patrizi bei seinem neun Jahre älteren Cousin, dem protestantischen Theologen Matija Vlačić Ilirik (Matthias Flacius Illyricus), der aus Labin (damals Albona) stammte. 1546 musste er wegen der Wirren des Schmalkaldischen Krieges Ingolstadt verlassen. Von 1547 bis 1554 studierte er in Padua Medizin und Philosophie. Der Medizin widmete er sich nur sehr widerwillig. Auch der Philosophieunterricht war für ihn eine Enttäuschung, denn Padua war damals eine Hochburg des Aristotelismus, den er ablehnte und später heftig bekämpfte. Unter dem Einfluss von Werken des Humanisten Marsilio Ficino wandte er sich dem Platonismus zu. 1551 schrieb er sein Jugendwerk Città felice ("Glückliche Stadt"), das 1553 veröffentlicht wurde. 1554 musste er wegen eines Erbstreits mit seinem Onkel nach Cres zurückkehren, wo er zwei Jahre lang blieb. 1556 begab er sich nach Ferrara, wo er erfolglos eine Anstellung am Hof des Hauses Este suchte. Enttäuscht kehrte er nach Venedig zurück.

Er bereiste Italien, Spanien und blieb sieben Jahre in Zypern, wo er als Ingenieur die Melioration der Güter venezianischer Patrizier (Contarini-Zaffo und Mocenigo) betrieb, bis Zypern 1571 von den Türken erobert wurde. Im Jahr 1578 kam er wieder nach Ferrara, diesmal gerufen von Herzog Alfonso II. d'Este, und lehrte Philosophie an der Universität. 1592 reiste er auf Einladung von Kardinal Ippolito Aldobrandini, der im selben Jahr als Clemens VIII. zum Papst gewählt wurde, nach Rom und hatte an der Universität La Sapienza bis zu seinem Tod den Lehrstuhl für Platonische Philosophie inne. In Rom starb er auch und wurde im Grab von Torquato Tasso in der Kirche Sant'Onofrio al Gianicolo beigesetzt.

Lehre und Nachwirkung[Bearbeiten]

Patrizi war als Polyhistor, Naturwissenschaftler, Mathematiker, Philosoph und Ingenieur von bemerkenswerter Vielseitigkeit. Als Philosoph vertrat er eine panpsychistische Weltanschauung und war der erste, der hierfür den Ausdruck Panpsychismus geprägt hat. Er wandte sich, wie der ältere Bernardino Telesio di Cosenza, polemisch gegen den zeitgenössischen Aristotelismus und betrachtete sich als Platoniker. Seine Verdienste liegen vor allem in einer strengen Methode des Quellenstudiums (sowohl mittelalterlicher als auch vorplatonischer Autoren) und darin, dass er der Mathematik in der Naturwissenschaft ein entscheidendes Gewicht beimaß. Dabei räumte er der Geometrie vor der Arithmetik einen Primat ein (De Spacio). Mit seinem naturwissenschaftlichen Denken kann er, insbesondere in seiner Nuova geometria, als Vorläufer von Galileo Galilei, René Descartes und Leibniz angesehen werden. Mit seinem philosophischen Werk gilt er als bedeutender Wegbereiter der Aufklärung.

Würdigung[Bearbeiten]

In Cres wurde in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf dem Trg Arsan (Arsan-Platz) vor dem gleichnamigen gotischen Palast, dem Geburtshaus von Frane Petrić, heute Stadtmuseum, eine Bronzeplastik der bedeutenden kroatischen Bildhauerin Marija Ujević-Galetović (*1933) aufgestellt.

Am 7. Februar 2008 wurde in Anwesenheit von Milan Moguš als Vertreter der Kroatischen Akademie der Wissenschaften und Künste, des vatikanischen Gouverneurs Kardinal Giovanni Lajolo und des kroatischen Botschafters im Vatikan in der Kirche Sant'Onofrio al Gianicolo eine Gedenktafel enthüllt.

Textausgaben[Bearbeiten]

Moderne Ausgaben

  • Danilo Aguzzi Barbagli (Hrsg.): Francesco Patrizi da Cherso: Lettere ed opuscoli inediti. Istituto Nazionale di Studi sul Rinascimento, Firenze 1975
  • Danilo Aguzzi Barbagli (Hrsg.): Francesco Patrizi da Cherso: Della poetica. 3 Bände, Istituto Nazionale di Studi sul Rinascimento, Firenze 1969-1971 (kritische Ausgabe)
  • Tullio Gregory (Hrsg.): Francisci Patricii Apologia ad censuram. In: Tullio Gregory: L'„Apologia ad censuram“ e le „Declarationes“ di Francesco Patrizi. In: Medioevo e Rinascimento. Studi in onore di Bruno Nardi, Sansoni, Firenze 1955, Bd. 1, S. 402-414
  • John Charles Nelson (Hrsg.): L'amorosa filosofia. Felice Le Monnier, Firenze 1963

Alte Drucke

  • L'Eridano. In nuovo verso heroico ... Con i sostentamenti del detto verso, Francesco de Rossi da Valenza, Ferrara 1557
  • Le rime di messer Luca Contile ... con discussioni e argomenti di M. Francesco Patritio, Francesco Sansovino, Venezia 1560
  • Della historia dieci dialoghi. Andrea Arrivabene, Venezia 1560
  • Della retorica dieci dialoghi, hrsg. Anna Laura Puliafito Bleul. Conte Editore, Lecce 1994, ISBN 88-85979-04-1 (Nachdruck des Drucks Venedig 1562)
  • Le imprese illustri con espositioni, et discorsi del sor. Ieromimo Ruscelli. Con la giunta di altre imprese: tutto riordinato et corretto da Franco. Patritio, Comin da Trino di Monferrato, Venezia 1572
  • Artis historiae penus. Octodecim scriptorum tam veterum quam recentiorum monumentis, Petrus Paterna, Basel 1579
  • De historia dialogi X. Con Artis historicae penus, Basel 1579.
  • Discussionum Peripateticarum tomi IV, quibus Aristotelicae philosophiae universa historia atque dogmata cum veterum placitis collata, eleganter et erudite declarantur, Basel 1581
  • Parere del s. Francesco Patrici, in difesa di Lodovico Ariosto. All'Illustr. Sig. Giovanni Bardi di Vernio, Ferrara 1583
  • La militia Romana di Polibio, di Tito Livio, e di Dionigi Alicarnasseo, Ferrara 1583
  • Della nuova geometria di Francesco Patrici libri XV. Ne' quali con mirabile ordine, e con dimostrazioni à marauiglia più facili, e più forti delle usate si vede che la matematiche per uia regia, e più piana che da gli antichi fatto non si è, si possono trattare ... , Vittorio Baldini, Ferrara 1587
  • Difesa di Francesco Patrizi; dalle cento accuse dategli dal signor Iacopo Mazzoni. In: Discorso intorno alla Risposta del sig. F. Patrizio, Ferrara 1587
  • Risposta di Francesco Patrizi a due opposizioni fattegli dal sign. Giacopo Mazzoni. In Della difesa della Comedia di Dante, Vittorio Baldini, Ferrara 1587
  • De rerum natura libri II priores. Aliter de spacio physico, aliter de spacio mathematico, Vittorio Baldini, Ferrara 1587
  • Zoroaster et eius CCCXX oracula Chaldaica, eius opera e tenebris eruta et Latine reddita. Benedictus Mammarelli, Ferrara 1591
  • Nova de universis philosophia, Ferrara 1591, Venezia 1593
  • Magia philosophica, hoc est F. Patricii Zoroaster et eius 320 oracula Chaldaica, Asclepii dialogus, et philosophia magna Hermetis Trismegisti, Hamburg 1593
  • Paralleli millitari, Roma 1594

Literatur[Bearbeiten]

  • Patrizia Castelli (Hrsg.): Francesco Patrizi, filosofo platonico nel crepusculo del Rinascimento. Olschki, Firenze 2002, ISBN 88-222-5156-3
  • Kurt Flasch: Kampfplätze der Philosophie. Große Kontroversen von Augustin bis Voltaire. Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-465-04055-2, S. 275–291
  • Thomas Sören Hoffmann: Philosophie in Italien. Eine Einführung in 20 Porträts. Marixverlag, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-86539-127-8
  • Paul Oskar Kristeller: Acht Philosophen der italienischen Renaissance. Petrarca, Valla, Ficino, Pico, Pomponazzi, Telesio, Patrizi, Bruno. VCH, Weinheim 1986, ISBN 3-527-17505-9, S. 95–108
  • Franz Lamprecht: Zur Theorie der humanistischen Geschichtschreibung. Mensch und Geschichte bei Francesco Patrizi. Artemis, Zürich 1950
  • Cesare Vasoli: Francesco Patrizi da Cherso. Bulzoni Editore, Rom 1989

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Über die verschiedenen Theorien zu Abkunft, Geburtsort und Namensformen siehe die bio-bibliographische Studie von Vladimir Premeč: Franciskus Patricijus. Institut Drustvenih Nauka, Beograd 1968.
  2. Angelo Solerti: Autobiografia dell Patrizi, in: Archivio storico per Trieste, l'Istria e il Trentino, vol. III, fasc. 3-4, 1886.