Franz Hößler

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Franz Hößler im August 1945

Franz Hößler, auch Franz Hössler, (* 4. Februar 1906 in Oberdorf bei Martinszell, heute zur Gemeinde Waltenhofen gehörig, Schwaben; † 13. Dezember 1945 in Hameln) war ein deutscher SS-Führer sowie Schutzhaftlagerführer im KZ Auschwitz, dem KZ Mittelbau und dem KZ Bergen-Belsen. Hößler wurde im Bergen-Belsen-Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Leben[Bearbeiten]

Hößler, Sohn eines Vorarbeiters, brach nach der Schulzeit eine Lehre zum Fotografen ab. Anschließend war er als Lagerarbeiter beschäftigt und Anfang der 1930er Jahre arbeitslos.[1] Er war verheiratet und hatte drei Kinder.[2] Der NSDAP (Mitgliedsnr. 1.374.713) und SS (SS-Nr. 41.940) trat er Anfang November 1932 bei.[3] In der SS stieg Hössler im April 1944 bis zum SS-Obersturmführer beziehungsweise Obersturmführer der Reserve der Waffen-SS auf.[4][5] Nach der Gründung des KZ Dachau war er ab Juli 1933 zunächst Angehöriger der Wachmannschaft und arbeitete dort später als Koch.[6][7]

Im Juni 1940 wurde er in das KZ Auschwitz (Stammlager) versetzt. Danach leitete er die Lagerküche im Stammlager und war auch als Kommandoführer eingesetzt.[6] Hössler wurde 1941 Arbeitsdienstführer.[3] Nach dem Aufbau des KZ Auschwitz-Birkenau leitete er dort diverse Häftlingskommandos. So war er 1942 einige Monate für den Bau eines Urlauberheims für die SS bei Żywiec, der sogenannten „Solahütte“, zuständig.[6] Außerdem warb Hößler Mitte 1943 für das neu eröffnete Lagerbordell im Stammlager sogenannte arische Häftlingsfrauen, mit der Aussicht auf bessere Verpflegung und Versorgung, an.[8] Von August 1943 bis Anfang 1944 war er als Nachfolger von Paul Heinrich Theodor Müller Schutzhaftlagerführer des Frauenlagers im KZ Auschwitz-Birkenau, das er gemeinsam mit Oberaufseherin Maria Mandl leitete. Vom 15. März bis 15. Mai 1944 war Hößler Kommandant des KZ Neckarelz, einem Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof. Im Juni 1944 kehrte er in das Stammlager des KZ Auschwitz zurück, wo er bis zur Evakuierung des Lagers im Januar 1945 Schutzhaftlagerführer unter dem Lagerkommandanten Richard Baer war.[6]

Franz Hößler steht nach seiner Festnahme im KZ Bergen-Belsen am 24. April 1945 vor einem Mikrophon, hinter ihm ein mit Leichen ermordeter Häftlinge beladener Lastwagen-Anhänger.

Mit Häftlingstransporten aus dem evakuierten KZ Auschwitz kam Hößler in das KZ Mittelbau, wo er wiederum unter Lagerkommandant Richard Baer Schutzhaftlagerführer des Hauptlagers Dora wurde. Am 8. April 1945 begleitete Hößler nach der Räumung des KZ Dora-Mittelbau einen Häftlingstransport in das KZ Bergen-Belsen. Hössler wurde in Bergen-Belsen noch stellvertretender Lagerkommandant unter Josef Kramer.[9] Nach der Befreiung des KZ Bergen-Belsen wurde Hößler am 15. April 1945 mit den anderen im Lager verbliebenen SS-Leuten von einer Einheit der britischen Armee verhaftet, obwohl er kurz zuvor noch versucht hatte als Häftling getarnt im Lager unterzutauchen. Mit den anderen festgenommenen SS-Leuten musste er die zu Tausenden auf dem Lagergelände herumliegenden Leichen in Massengräbern bestatten.[10] Vom britischen Militärgericht wurde Hößler im Bergen-Belsen-Prozess am 17. November in Lüneburg wegen seiner Taten im KZ Bergen-Belsen und Auschwitz zum Tod durch den Strang verurteilt. Das Urteil wurde durch Albert Pierrepoint am 13. Dezember 1945 im Zuchthaus Hameln vollzogen.[6]

Verbrechen im KZ Auschwitz[Bearbeiten]

Am 28. Juli 1941 begleitete Hößler einen Transport von 575 selektierten Auschwitzhäftlingen in die Euthanasieanstalt Schloss Sonnenstein, wo diese in der Aktion 14f13 vergast wurden.[11] Nach dem gescheiterten Aufstandsversuch der Strafkompanie in Auschwitz im Juni 1942 nahm er, ebenso wie Otto Moll und Hans Aumeier, an der Ermordung der Überlebenden des Aufstandes teil.[7]

Zum Studium der von SS-Standartenführer Paul Blobel erprobten Methoden zur Beseitigung von Massengräbern fuhr er am 16. September 1942 mit Rudolf Höß und Walter Dejaco in das Vernichtungslager Kulmhof. Seine dort gewonnenen „Erkenntnisse“ setzte er von September bis November 1942 mit dem sogenannten „Sonderkommando Hößler“ in Auschwitz-Birkenau um. Die Häftlinge des Sonderkommandos, die nach Beendigung der Aktion fast ausnahmslos ermordet wurden, exhumierten die in Birkenau verscharrten (geschätzten) 107.000 Leichen, um sie anschließend in den Krematorien zu verbrennen.[12]

Gleichzeitig wirkte er, wie schon zuvor im alten Krematorium des Stammlagers des KZ Auschwitz, auch an den Vergasungen in den Bunkern mit. Johann Paul Kremer, vom 30. August bis zum 17. November 1942 als KZ-Arzt im KZ Auschwitz notierte am 12. Oktober 1942 in sein Tagebuch, als ein Transport mit 1703 holländischen Juden (davon 352 ins Lager eingewiesen und 1351 vergast) in das KZ eingeliefert wurde:

„In der Nacht noch bei einer Sonderaktion aus Holland (1600 Personen) zugegen. Schauerliche Scene vor dem letzten Bunker! (Hößler!) Das war die 10. Sonderaktion.“[13]

Später erklärte Kremer in einem Vernehmungsprotokoll am 18. Juli 1947 im Rahmen des Prozesses gegen die Mitglieder der SS-Mannschaft des KZ Auschwitz-Birkenau:

„Im Zusammenhang mit der von mir in meinem Tagebuch unter dem Datum des 12.10.1942 beschriebenen Vergasung erkläre ich, dass damals ungefähr 1600 Holländer vergast wurden. Dies ist eine annähernde Ziffer, die ich aufgrund dessen angab, was ich von anderen hörte. Die Aktion leitete SS-Offizier Hößler. Ich erinnere mich daran, daß er sich bemühte, die ganze Gruppe in einen einzigen Bunker zu treiben. Dies gelang ihm bis auf einen Mann, den man auf keine Weise mehr in den Bunker pferchen konnte. Diesen Mann erschoß Hößler mit einem Revolver. Das ist der Grund, weswegen ich im Tagebuch von der schauerlichen Szene vor dem letzten Bunker schrieb, wobei ich den Namen Hößler erwähnte.“[13]

Hößler nahm auch in der Funktion als Schutzhaftlagerführer des Frauenlagers im KZ Auschwitz-Birkenau an Selektionen und Vergasungen teil. Trotz dieser Verbrechen schildert der Auschwitzüberlebende Hermann Langbein nach Aussagen ehemaliger Häftlinge Hößler als brutalen Kommandoführer, der sich – in Relation zu anderen Lagerführern – zu einem für die Häftlinge eher erträglichen Schutzhaftlagerführer wandelte.[14]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wacław Długoborski, Franciszek Piper (Hrsg.): Auschwitz 1940-1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz., Verlag Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oswiecim 1999, 5 Bände: I. Aufbau und Struktur des Lagers. II. Die Häftlinge - Existentzbedingungen, Arbeit und Tod. III. Vernichtung. IV. Widerstand. V. Epilog., ISBN 83-85047-76-X.
  • Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau (Hrsg.): Auschwitz in den Augen der SS. Oswiecim 1998, ISBN 83-85047-35-2.
  • Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2007. ISBN 978-3-596-16048-8.
  • Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Frankfurt am Main, Berlin Wien, Ullstein-Verlag, 1980, ISBN 3-54833014-2
  • Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS. dtv, München 2004, ISBN 3-423-34085-1.
  • Karin Orth: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Pendo Verlag, Hamburg 2002, ISBN 3-85-842-450-1
  • Jens-Christian Wagner (Hg.): Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943-1945 Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Wallstein, Göttingen, 2007.[15] ISBN 978-3-8353-0118-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jens-Christian Wagner (Hg.): Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943-1945, Göttingen, 2007., S. 136
  2. Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Frankfurt am Main, 1980, S. 516
  3. a b Aleksander Lasik: Die Organisationsstruktur des KL Auschwitz, in: Aleksander Lasik, Franciszek Piper, Piotr Setkiewicz, Irena Strzelecka: Auschwitz 1940-1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations und Vernichtungslagers Auschwitz., Band I: Aufbau und Struktur des Lagers, Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim 1999, S. 230.
  4. Franz Hößler auf www.dws-xip.pl
  5. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 263.
  6. a b c d e Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau (Hrsg.): Auschwitz in den Augen der SS. Oswiecim 1998, S.232
  7. a b Kurzbiografie auf ARC Mainpage
  8. Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Frankfurt am Main, 1980, S. 455
  9. Jens-Christian Wagner: "Inferno und Befreiung - Auschwitz im Harz, in: Die Zeit, Nr.4, 2005
  10. Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS, München 2004, S. 266f.
  11. Karin Orth: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager., Hamburg 2002, S. 138
  12. Aufzeichnungen Rudolf Höß, in: Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau (Hrsg.): Auschwitz in den Augen der SS. Oswiecim 1998, S.79f.
  13. a b Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau (Hrsg.): Auschwitz in den Augen der SS. Oswiecim 1998, S. 159.
  14. Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Frankfurt am Main, 1980, S. 369ff.
  15. Bernhard M. Hoppe: Rezension der Ausstellung bei hsozkult.geschichte.hu-berlin.de