Franz Hessel

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Franz Hessel (vor 1910)

Franz Hessel (* 21. November 1880 in Stettin; † 6. Januar 1941 in Sanary-sur-Mer) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Lektor.

Franz Hessel veröffentlichte zahlreiche Gedichte, Prosabände und Romane, die gewöhnlich erkennbar eigene Erlebnisse verarbeiteten und in denen meist ein geduldig leidender Ich-Erzähler im Mittelpunkt steht. Neben seinen eigenen Arbeiten leistete er hervorragende Übersetzungen von französischen Klassikern, wie zum Beispiel Marcel Proust. Hessels Werk ist durch die Verfemung als jüdischer Autor durch die Nationalsozialisten weitgehend in Vergessenheit geraten. Erst seit den 1980er Jahren wurde er wieder vermehrt beachtet, mitbedingt durch die Dreiecksbeziehung mit Helen Grund, seiner späteren Ehefrau, und Henri-Pierre Roché, welche die Vorlage für den – durch den Film von François Truffaut berühmt gewordenen – Roman Jules et Jim (1953) von Henri-Pierre Roché war.

Leben[Bearbeiten]

Fanny Gräfin zu Reventlow, Fotografie um 1900
Gedenktafel am Haus, Lindauer Straße 8, in Berlin-Schöneberg
Gedenktafel in Sanary-sur-Mer für die deutschen und österreichischen Flüchtlinge

Hessel zog nach dem Tod seines wohlhabenden Vaters, der Bankier gewesen war, als Achtjähriger mit Mutter und Bruder von Stettin nach Berlin in die Genthiner Straße 43. Sein Bruder war der spätere Historiker Alfred Hessel. Hessel kam 1899 zum Jura-Studium nach München. Er wechselte später zur Orientalistik, machte aber nie einen Universitätsabschluss. Das ererbte Vermögen ermöglichte es ihm, seinen literarischen Ambitionen nachzugehen. Über Karl Wolfskehl erhielt er Anschluss an den Kreis um Stefan George und lernte Fanny Gräfin zu Reventlow kennen. Mit der „Königin von Schwabing“ und ihrem Gefährten, Baron Bohdan von Suchocki, lebte er von 1903 bis 1906 in der legendären Wohngemeinschaft im „Eckhaus“, Kaulbachstraße Nummer 63. Diese Zeit ist Grundlage der Romane Kramladen des Glücks von Franz Hessel und Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem seltsamen Stadtteil von Fanny zu Reventlow. Gemeinsam mit ihr schrieb er an mehreren Ausgaben des Schwabinger Beobachter, der vor allem den Kreis um Stefan George parodierte.

Von 1906 bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg lebte Hessel in Paris, wo er in den Künstlerkreisen von Montparnasse verkehrte, vor allem in dem berühmten Café du Dôme, in dem sich die ausländischen Künstler trafen. Aus dieser Zeit stammt seine Bekanntschaft mit dem französischen Kunsthändler und Schriftsteller Henri-Pierre Roché und der jungen Malerin Helen Grund, die er 1913 heiratete. Der Ehe entstammte der französische Diplomat und Widerstandskämpfer Stéphane Hessel. Nach dem Krieg ließ sich die Familie in der „Villa Heimat“ am Ortsrand von Schäftlarn südlich von München nieder. 1920, als seine Ehe bereits zerrüttet war, veröffentlichte er den Roman Pariser Romanze, in dem er seine Zeit in Paris und die Bekanntschaft mit seiner Frau literarisch verarbeitete.

In den zwanziger Jahren wohnte Hessel in der Berliner Friedrich-Wilhelm-Straße und arbeitete als Lektor im Rowohlt Verlag. Er übersetzte Werke von Giacomo Casanova, Stendhal und Honoré de Balzac sowie gemeinsam mit Walter Benjamin zwei Bände des Romans Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust. Zusammen mit dem Lektor Paul Mayer und Verlagsinhaber Ernst Rowohlt präsidierte Hessel alle Vierteljahre dessen berühmten Autorenabende, an denen die bedeutendsten Schriftsteller der Zeit teilnahmen. Bekannt wurde er vor allem als Lyriker, Romancier und Prosaiker. Hessel blieb trotz Berufsverbots bis 1938 im nationalsozialistischen Deutschland weiterhin als Lektor im Rowohlt Verlag tätig. Das Schreiben musste er einstellen, jedoch übersetzte er Jules Romains. Schließlich folgte er dem Rat seiner Frau und seiner Freunde und emigrierte widerstrebend kurz vor dem Novemberpogrom 1938 nach Paris. Den Vormarsch der deutschen Besatzer fürchtend, übersiedelten Hessel und seine Familie in das südfranzösische Exilzentrum Sanary-sur-Mer. Schon bald darauf wurde er auf Veranlassung des französischen Innenministers Georges Mandel gemeinsam mit seinem älteren Sohn Ulrich und vielen anderen bekannten Emigranten wie beispielsweise Lion Feuchtwanger in dem berüchtigten Lager Les Milles bei Aix-en-Provence interniert. Der 60-jährige Hessel erlitt während des zweimonatigen Aufenthalts im Lager einen Schlaganfall und starb 1941 kurz nach seiner Entlassung an den Folgen der Lagerhaft in Sanary-sur-Mer.

Hessels Romane Der Kramladen des Glücks (1913), Pariser Romanze (1920), Heimliches Berlin (1927) sowie das postum von Bernd Witte herausgegebene Fragment Alter Mann (1987) zeigen einen melancholischen Erzähler in der Tradition Marcel Prousts, der, der verlorenen Vergangenheit nachtrauernd, die Erscheinungen der Moderne zu genießen bereit ist. Tucholsky schrieb in einer Kritik 1929:

„Zunächst einmal: er ist ein Dichter. So etwas ist eben graden Wegs im Azur gepflückt: […] Es ist eine Art Mannesschwäche in diesem Mann, etwas fast Weibliches (nicht: Weibisches) – schon in dem reizenden Bändchen Teigwaren leicht gefärbt sind Stellen, die fast von einer Frau geschrieben sein könnten – es ist etwas Lebensuntüchtiges, oh, wie soll ich dies Wort hinmalen, damit es nicht nach Bart und Hornbrille schmeckt? Und das weiß Hessel. Und weil er klug ist, macht er aus der Not eine Tugend und spielt, ein wenig kokett, den Lebensuntüchtigen: Ich bin nämlich ein stiller, bescheidener Dichter … Das ist nicht unangenehm, nur ein wenig monoton – trotz des großen Könnens, des wundervoll sauberen Stils, der bezaubernden eingestreuten Geschichten und Geschichtchen“. [1]

Als Mitarbeiter der Zeitschriften Literarische Welt und Das Tagebuch war er der Autor zahlreicher Prosastücke, die ihn in der Nähe Walter Benjamins und auch seines Freundes Alfred Polgar zeigen; gesammelt erschien solche kleine Prosa in den Bänden Teigwaren leicht gefärbt (1926), Nachfeier (1929) und Ermunterungen zum Genuß (1933). Das vielleicht schönste Buch Hessels aber ist Spazieren in Berlin (1929), das Benjamin in einer Kritik – die er „Die Wiederkehr des Flaneurs“ überschrieb – als „ganz und gar episches Buch, für das Erinnerung nicht die Quelle, sondern die Muse war“, gerühmt hat. Benjamin sah in Hessel, in Analogie zu Louis Aragons Paysan de Paris, einen „Bauern von Berlin“. Er verstand es, in Berlin und Paris, den Metropolen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die Mythologie als das wiederkehrende Immergleiche auszumachen.

Nachleben[Bearbeiten]

Im Jahr 2010 wurde ein deutsch-französischer Literaturpreis gegründet, der seinen Namen trägt: Franz-Hessel-Preis. Damit sollen zeitgenössische Autoren aus beiden Ländern geehrt werden, die mit ihrer Literatur den deutsch-französischen Brückenschlag fördern. Der Preis wurde im Dezember 2010 erstmals vergeben, an Maylis de Kerangal und Kathrin Röggla.[2]

Werke[Bearbeiten]

  • Franz Hessel: Ein Flaneur in Berlin, Neuausgabe von Spazieren in Berlin; Hrsg. und mit einem Nachwort von Peter Moses-Krause. Mit Fotografien von Friedrich Seidenstücker, Verlag Das Arsenal, Berlin 2011, ISBN 978-3-931109-95-0
  • Franz Hessel: Ermunterungen zum Genuß sowie Teigwaren leicht gefärbt und Nachfeier. Die Kleine Prosa 1926-1933. Mit einem Avant-propos von Walter Benjamin. Hrsg. und mit einem Nachwort von Peter Moses-Krause. Verlag Das Arsenal, Berlin 1987, ISBN 978-3-931109-15-8.
  • Franz Hessel: Spazieren in Berlin – Mit einem Geleitwort von Stéphane Hessel. Neu herausgegeben von Moritz Reininghaus. Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg 2011, ISBN 978-3-942476-11-9
  • Franz Hessel: Sämtliche Werke in fünf Bänden; hrsg. von Hartmut Vollmer, Bernd Witte; Igel, Oldenburg 1999.
  • Manfred Flügge (Hrsg.): Letzte Heimkehr nach Paris. Franz Hessel und die Seinen im Exil Texte von Franz, Helen, Stéphane und Ulrich Hessel, Alfred Polgar, Wilhelm Speyer. Mit Abb. Enthält Hessels letztes autobiografisches Erzählfragment, das 1940 in Les Milles entstand; Arsenal, Berlin 1989; ISBN 3921810434.

Forschungsliteratur zu Franz Hessel[Bearbeiten]

Monographien und Sammelbände

  • Eckhardt Köhn: Straßenrausch. Flanerie und kleine Form. Versuch zur Literaturgeschichte des Flaneurs 1830 – 1933; mit Abb.; Arsenal, Berlin 2001; ISBN 3921810957. (Zentrales Kapitel über Franz Hessel)
  • Jörg Plath: Liebhaber der Großstadt. Ästhetische Konzeptionen im Werk Franz Hessels Igel Wissenschaft, Paderborn 1994
  • Michael Opitz, Jörg Plath Hgg.: „Genieße froh, was du nicht hast“. Der Flaneur Franz Hessel; Königshausen & Neumann, Würzburg 1997
    • darin: Eva Banchelli, Zwischen Erinnerung und Entdeckung. Strategien der Großstadterfahrung bei Franz Hessel. S. 105–116
  • Gregor Ackermann, Hartmut Vollmer Hgg.: Über Franz Hessel. Erinnerungen – Porträts – Rezensionen; Igel Wissenschaft, Oldenburg 2001
  • Magali Laure Nieradka: Der Meister der leisen Töne. Biografie des Dichters Franz Hessel. Igel, Oldenburg 2003. ISBN 3-89621-169-2
  • Christiane Zauner-Schneider: Berlin – Paris. Victor Auburtins und Franz Hessels deutsch-französische Wahrnehmungen. Carl Winter, Heidelberg 2006
  • Nathalie Mälzer: „Proust oder ähnlich“. Proust-Übersetzen in Deutschland. Eine Studie zur Geschichte des „deutschen Proust“; Arsenal, Berlin 2000; ISBN 3921810221 (Zur Rolle Hessels bei der literarischen Einbürgerung des Franzosen, zusammen mit Walter Benjamin)

Aufsätze

  • Arndt Potdevin: Franz Hessel und die Neue Sachlichkeit. in: Peter Sprengel: Berlin-Flaneure. Stadt-Lektüren in Roman und Feuilleton 1910 – 1930. Weidler, Berlin 1998, ISBN 3896931237 S. 101 – 135.
    • Markus Svoboda: Die Straße als Wohnung. Walter Benjamins Rezension von Franz Hessels „Spazieren in Berlin“. In: ebd.
  • Angelika Corbineau-Hoffmann: Bilder und Stimmen der Stadt. Franz Hessel und Léon-Paul Fargue als „Flaneurs“ in Paris. In: Gerhard R. Kaiser, Erika Tunner Hgg.: Paris? Paris! Bilder der französischen Metropole in der nicht-fiktionalen deutschsprachigen Prosa zwischen Hermann Bahr und Joseph Roth. Carl Winter, Heidelberg 2002, S. 441–468.
  • Sacha Zilberfarb: Flanerie in einigen Pariser Texten von Franz Hessel. In: Hélène Roussel, Lutz Winckler (Hrsg.): Rechts und links der Seine. Pariser Tageblatt und Pariser Tageszeitung 1933 – 1940. Niemeyer, Tübingen 2002; S. 183 – 203.
  • Hendrik Weber: Der fremde Ort Paris. Erzwungene Reisen, konstruierte Distanzen. Franz Hessels reisende Flaneur-Figur in Paris vor und nach 1933. In: Walter Fähnders, Wolfgang Klein, Nils Plath Hgg.: Europa, Stadt, Reisende. Blicke auf Reisetexte 1918 – 1945. Aisthesis, Bielefeld 2006, S. 107–120.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Franz Hessel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Franz Hessel – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tucholsky: Gesammelte Werke, Bd. 7, Reinbek 1981, S. 216 f.
  2. Pressemitteilung der Bundesregierung und Der Standard