Franz Lambert von Avignon

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Franz Lambert von Avignon (auch Franziskus Lambertus, * 1487 in Avignon; † 18. April 1530 in Frankenberg (Eder)) war ein evangelischer Theologe und hatte entscheidenden Anteil an der Reformation der Landgrafschaft Hessen.

Leben[Bearbeiten]

Lambert, dessen Vater aus Orgelet (Franche-Comté) stammte und vermutlich als Jurist arbeitete, trat mit 15 Jahren in den Minoritenorden ein. Da er die Ordensregeln zu ernst nahm, fasste er den Plan, in den Kartäuserorden zu wechseln, was er schließlich doch nicht tat. Stattdessen begann er als Wanderprediger durch die Lande zu ziehen. In dieser Tätigkeit war er sehr erfolgreich, so dass ihm 1517 der Titel eines Praedicator apostolicus verliehen wurde. Auf einer dieser Reisen veröffentlichte er in Lyon – vermutlich im Jahr 1520 – den Traktat la corone de nostre Saulveur Jesus Christ, einen ersten Versuch, Jesus – statt Maria – wieder ins Zentrum der christlichen Frömmigkeit zu setzen.

Im Juni 1522 verließ er Avignon, um zu seinem Idol Martin Luther nach Wittenberg zu gehen. Auf dem Weg dorthin traf er auf populäre Reformatoren wie Zwingli oder Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim, bei dem er sogar gewohnt haben soll. Aus unbekannten Gründen verließ er während seiner Reise den Orden. Vermutlich konnte er sich nicht mehr mit den alten Werten identifizieren. Im November traf Lambert in Eisenach ein und suchte den Kontakt zu Luther. Er schickte ihm im Folgemonat ein Manuskript mit 139 Thesen, um Luther mit seinen Gedanken bekannt zu machen. Dieser zeigte wenig Interesse an Lamberts Schaffen, ließ ihn dennoch nach Wittenberg kommen.

Hier fand Lambert an der theologischen Fakultät der Universität Wittenberg eine Aufgabe als Hochschullehrer und hatte die minores prophetae gelehrt.[1] Er war literarisch produktiv: apologetisch, um seinen Übertritt aus dem Ordensleben zur Reformation zu verteidigen, und biblisch-exegetisch. Dabei hatte er unter anderem unter dem Synonym Johannes Seranus gewirkt. Bereits ein Jahr vor Luther, heiratete er am 30. Juli 1523 die in den Diensten von Augustin Schurff stehende Tochter eines Herzberger Bäckers und verließ am 14. Februar 1524 Wittenberg.[2]

Daraufhin ging er zu Nikolaus Gerbel nach Straßburg. Zunächst vom Rat der Stadt durchaus positiv aufgenommen, belegte dieser Lambert später jedoch mit einem Veröffentlichungsverbot. In Straßburg ohne Perspektive nahm er das Angebot des hessischen Landgrafen Philipp an, an einer Disputation zu einer neuen Kirchenordnung mitzuarbeiten. Diese Disputation fand vom 21. bis 23. Oktober 1526 in Homberg/Efze statt und wurde bekannt unter dem Namen Homberger Synode. Lamberts Thesen, die sogenannte Paradoxa, bildeten ihre Grundlage. Sowohl der Wortführer der Katholiken, Nikolaus Ferber, der Franziskanerguardian Marburgs, als auch Luther standen Lamberts Thesen distanziert gegenüber; der eine, weil er überhaupt das Recht dieser Synode zu Reformen bestritt, der andere, weil er in der neuen Kirchenordnung „eyn hauffen gesetze“ sah. Die Ordnung wurde im 16. Jahrhundert nicht veröffentlicht, gleichwohl wurden viele ihrer Bestimmungen in die Praxis umgesetzt, so die Gründung einer evangelischen Universität. Ab 1527 lehrte Lambert an der neu gegründeten Universität Marburg.

Neben Vorlesungen über Werke der Heiligen Schrift hielt er auch eine Disputation über die Thesen des Schotten Patrick Hamilton, der 1528 in St Andrews als Ketzer verbrannt wurde. 1529 erschien zu Ehren Karl V. sein Hauptwerk Somme chretienne. Lambert schien sich auch in Marburg nicht mehr wohl zu fühlen, weshalb er den Reformator Martin Bucer in einem Brief darum bat, ihm eine Stelle in der französischsprachigen Schweiz zu verschaffen. Hierzu kam es nicht mehr, da Lambert in Frankenberg, wohin die Universität wegen einer Pestepidemie verlegt worden war, zusammen mit seiner Familie von der Seuche dahingerafft wurde.

Ziele und Bedeutung[Bearbeiten]

Lambert hatte zeit seines Lebens versucht die Leitmotive der Reformation durchzusetzen. Als Grundlage sah er die Auseinandersetzung mit den Schriften der Bibel und deren Auslegung in Predigten. Neben seiner geistigen Nähe zu Luther zeigen aber besonders seine Werke Paradoxa und Farrago seine ganz eigenen Vorstellungen der Neuordnung der Kirche. Dabei ließen sich stets vier Schwerpunkte erkennen:

  • Die Predigt und die Auseinandersetzung mit selbiger
  • Der Bischof als Prediger und Verwalter der Sakramente
  • Die staatliche Gewalt, die die entsprechende Rechtsform geben soll
  • Die Eigenständigkeit der Gemeinden

Offenbar waren Lamberts Gedanken zu radikal, als dass sie hätten Wirklichkeit werden können, weshalb sich Luthers gemäßigte Variante wenigstens im deutschen Reichsgebiet etablierte. Zwar hatten Lamberts Ideen für den weiteren Verlauf und die Ausbreitung der Reformation keine Relevanz mehr, doch zeigen sie das Ringen der Anfangsjahre um eine organisatorische Form der Reformation, was vor allem für die heutige Forschung von Bedeutung ist.

Literatur[Bearbeiten]

  • Gerhard Müller: Franz Lambert von Avignon und die Reformation in Hessen [= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck. Quellen und Darstellungen zur Geschichte des Landgrafen Philipp des Gutmütigen 24,4]. Marburg 1958 (Enthält den kompletten französischen Text der Somme chrestienne.)
  • Rainer Haas: Franz Lambert und Patrick Hamilton in ihrer Bedeutung für die evangelische Bewegung auf den Britischen Inseln, Dissertation, Universität Marburg 1973.
  • Rainer Haas: La Corone de nostre saulveur. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte 84.Band 1973, S. 287–301.
  • Reinhard Bodenmann: Bibliotheca Lambertiana. In: Pour rétrouver Francois Lambert, Baden-Baden und Buxwiller 1987, S. 9–213.
  • Rainer Haas: Franz Lambert und der Bekenntnisstand Hessens im 16. Jahrhundert in: Jahrbuch der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung Band 57/2006, S. 177–210.
  • Edmund Kurten: Franz Lambert von Avignon und Nikolaus Herborn in ihrer Stellung zum Ordensgedanken und zum Franziskanertum im Besonderen, Aschendorff, 1950 (Reformationsgeschichtliche Studien und Texte; Bd. 72).
  • Gerhard Müller: Die Anfänge der Marburger Theologischen Fakultät. In: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte VI (1956), S. 164–181.
  • Louis Ruffet: François Lambert d’Avignon, le réformateur de la Hesse, Bonheur, Paris 1873.
  • Roy Lutz Winters: Franz Lambert of Avignon 1487–1530. A Study in Reformation Origins, United Lutheran Publication House, Philadelphia PA 1938.
  • Johann Wilhelm Baum: Franz Lambert von Avignon, Straßburg 1840.
  • Gerhard Müller: Lambert, Franz. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 13, Duncker & Humblot, Berlin 1982, ISBN 3-428-00194-X, S. 435–437 (Digitalisat).
  • Felix Stieve: Franz Lambert. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 17, Duncker & Humblot, Leipzig 1883, S. 548–551.
  • Lambertus, Franciscus. In: Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste. Band 16, Leipzig 1737, Spalte 304 f.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gustav Bauch: Die Einführung der Melanchthonischen Declamationen und andere gleichzeitige Reformen an der Universität zu Wittenberg, Commissionsverlag von M. & H. Marcus, Breslau 1900.
  2. Das Gottfried Wentz: Das Franziskanerkloster in Wittenberg. In Germanica Sacra- Die Bistümer der Kirchenprovinz Magdeburg. de Gruyter, Berlin 1941, 2. T., S. 396