Frauenhandel

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Warnplakat für Ausreisende.

Mit Frauenhandel bzw. Mädchenhandel wird die illegale Praxis der Behandlung von Frauen wie ein Handelsgut bezeichnet. Oft handelt es sich hierbei um Formen des kriminellen bzw. schweren kriminellen Menschenhandels (§§ 232, 233, 233a, 233b StGB). Dieser umfasst die Tatbestände des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung (§ 232) (Zwangsprostitution), des Menschenhandels zum Zweck der Ausbeutung der Arbeitskraft (§ 233), der Förderung des Menschenhandels (§ 233a) und die sexuelle Ausbeutung unter Ausnutzung von Zwangslagen oder Hilflosigkeit der Opfer. Ebenfalls unter diesen Oberbegriff fällt die Zwangsverheiratung aus finanziellem Interesse.

Begriff[Bearbeiten]

Der Begriff Frauenhandel ist heute im Unterschied zum Begriff des Menschenhandel eher ein politischer denn ein rechtlicher Begriff, entspricht aber der bis vor einigen Jahren gültigen rechtlichen Definition von Menschenhandel in den meisten europäischen Ländern, die erst in den späten 1990er Jahren bzw. Anfang der 2000er Jahre über den Menschenhandel zum Zweck der Prostitution hinaus zu einer allgemeineren, alle Menschen betreffenden Definition erweitert wurde. Laut den auf Frauenrechte spezialisierten Nichtregierungsorganisationen sei dieser Bereich von Menschenrechtsverletzungen, bei denen vor allem Frauen zu den Opfern zählen, von den Menschenrechtsorganisationen, aber auch der internationalen Gemeinschaft und den Regierungen der „Zielländer“ des Frauenhandels lange Zeit vernachlässigt worden.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Frauenhandel, der schon immer in verschiedensten Formen existierte, breitete sich mit der Abschaffung der Sklaverei, den gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen infolge der Urbanisierung und vor allem mit der Entwicklung der Dampfschifffahrt seit etwa 1860 international und interkontinental aus. In England wurde dafür der Begriff White Slavery geprägt, weil oft weiße Frauen in die ehemaligen Kolonialgebiete verschleppt wurden. Vor allem waren es passlose, oft jüdische Frauen aus Osteuropa, Österreich-Ungarn, aber auch aus armen Gegenden in Deutschland, die nach Nord- und Lateinamerika (v. a. Argentinien, Uruguay) und in den vorderen Orient verschleppt oder unter falschen Versprechungen - etwa unter Inaussichtstellung eines Arbeitsplatzes bei einer Revuetruppe oder Musikkapelle - dorthin gelockt wurden. Die Bordellbesitzer entstammten jedoch oft den gleichen Regionen und Kulturkreisen wie ihre Opfer.[1] Die Abgrenzung zur freiwilligen Auswanderung ist allerdings schwierig, eine quantitative Abschätzung unmöglich. Oft wurden wirtschaftliche und gesetzliche Zwangslagen der Opfer ausgenutzt. So war ein Umzug aus den ländlichen Gettos in Städte wie Moskau oder St. Petersburg Jüdinnen in Russland offiziell nur erlaubt, wenn sie sich als Prostituierte registrieren ließen.[2]

In theoretischer Hinsicht wird daher diskutiert, ob das Phänomen des Frauenhandels eher unter Bezugnahme auf Gendertheorien, Theorien der organisierten Kriminalität oder mikroökonomische Theorien der Nutzenmaximierung zu analysieren ist.[3] In einigen Ländern wie Kambodscha und Thailand trägt die traditionelle Sohnpräferenz zur Verbreitung des Handels bei.

Beschleunigt wurde die Ausbreitung des Frauenhandels nach dem Ersten Weltkrieg durch die Verelendung großer Teile der Bevölkerung des ehemaligen Österreich-Ungarns sowie durch eine weitere Globalisierungswelle infolge der Öffnung des Panamakanals. Überdurchschnittlich häufig waren seither auch Angehörige (halb-)kolonisierter Nationen, z. B. Chinesen und Chinesinnen, unter den Tätern und Opfern zu finden.[4]

Seit den 1860er Jahren gab es die ersten bilateralen zwischenstaatlichen Abkommen zur Verhinderung des Frauenhandels (z. B. 1866 zwischen Belgien und den Niederlanden, 1889 zwischen den Niederlanden und dem Deutschen Reich). Die Schutzkonventionen bezogen sich zunächst nur auf minderjährige Frauen (sog. Mädchenhandel). Die Österreichische Liga zur Bekämpfung des Mädchenhandels wurde 1902 gegründet.

In Deutschland spielt Bertha Pappenheim eine zentrale Rolle im Kampf gegen den Frauenhandel. Sie engagierte sich seit etwa 1898 in Frankfurt für dessen Opfer, bei denen es sich vor allem um die diskriminierten und bedrohten Jüdinnen in Galizien, Russland und dem Balkan handelte. Mehrfach reist Pappenheim in die betroffenen Gebiete, um sich dort über den Mädchenhandel zu informieren und veröffentlicht ihre Ergebnisse in mehreren Büchern. Dabei verhehlt sie nie die große Rolle, die jüdische Frauenhändler bei dem Verbrechen spielen. Sie leistete auch praktische Unterstützung vor Ort und organisierte Aktionen an den Bahnhöfen, wo sie die ankommenden gutgläubigen jungen Frauen vor den drohenden Gefahren warnte. Im Jahr 1901 gründete sie den Verein Weibliche Fürsorge, der aus Osteuropa geflüchtete Mädchen unterstützte. Ein Jahr später fand in Frankfurt die erste Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels statt.

Das Internationale Übereinkommen zur Bekämpfung des Mädchenhandels vom 4. Mai 1910 verpflichtet seine Mitgliedsstaaten (Stand 1989: 71 Vertragsstaaten) dazu, die Verführung weiblicher Minderjähriger zur Prostitution sowie die erzwungene Prostitution in ihren Ländern unter Strafe zu stellen. Auf internationaler Ebene wurde am 30. September 1921 in Genf die Internationale Übereinkunft zur Unterdrückung des Frauen- und Kinderhandels geschlossen, das den Frauen- und Kinderhandel eindämmen sollte; das Schutzalter wurde auf 21 Jahre erhöht. Diese Unterscheidung zwischen minderjährigen und volljährigen Frauen wurde 1933 aufgehoben. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die Konvention zur Unterbindung des Menschenhandels und zur Ausnutzung der Prostitution anderer (in Kraft getreten 1951) – ein umstrittenes Abkommen, das auch die freiwillige Prostitution umfasst und von Deutschland nicht ratifiziert wurde. Die bis heute andauernde Vielfalt nationaler Rechtsnormen ist verwirrend und erschwert die Strafverfolgung.[5]

Heutige Dimensionen[Bearbeiten]

In Deutschland spielt heute der Handel mit Frauen und Mädchen aus Osteuropa, dem Baltikum und dem Balkan, Afrika, Thailand sowie Lateinamerika eine Rolle.

Weitere Zielländer sind Tschechien, Italien, Niederlande, Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate (insbesondere das Emirat Dubai), Israel, Spanien und Frankreich, andere Herkunftsländer China, Kambodscha und Myanmar.

Die Dunkelziffern sind enorm hoch, das Gewerbe wächst schnell. Nach Angaben der UNO werden weltweit jährlich 700.000 Opfer des Frauenhandels,[6] nach EU-Angaben werden jährlich 500.000 Frauen in Westeuropa zur Prostitution gezwungen.[7] In Deutschland gab es in 2005 jedoch nur 317 abgeschlossene Verfahren mit 642 nachgewiesenen Opfern von Menschenhandel. Die Gewinnabschöpfung in nur 23 Fällen brachte bereits eine Summe von 1.160.000 Euro ein.[8] Die betroffenen Frauen werden grundsätzlich abgeschoben, es sei denn, es gibt ein Interesse der Behörden an der Verwertbarkeit ihrer Aussagen; aber auch dann werden sie nach Prozessende ausgewiesen.

Frauenhandel in Literatur und Film[Bearbeiten]

Frauenhandel ist ein beliebtes Sujet in Literatur und Spielfilm, aber auch Gegenstand vieler Dokumentarfilme.[9]

  • La tratta delle bianche (Spielfilm, Italien 1952), Regie: Luigi Comencini
  • Human Trafficking (Thriller, USA / Kanada 2005)
  • 96 Hours
  • Eden (Spielfilm, Amerika 2012), Regie: Megan Griffiths

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Petra Follmar-Otto, Heike Rabe: Menschenhandel in Deutschland : die Menschenrechte der Betroffenen stärken, / Deutsches Institut für Menschenrechte; Stiftung EVZ, Berlin 2009, ISBN 978-3-937714-78-3 (englische Ausgabe unter dem Titel: Human Trafficking in Germany).
  • Dietmar Jazbinsek: Der internationale Mädchenhandel: Biographie eines sozialen Problems. Schriftenreihe der Forschungsgruppe Metropolenforschung des Forschungsschwerpunkts Technik - Arbeit - Umwelt am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, No. FS II 02-501, 2002, DNB 964780933.
  • Mary Kreutzer, Corinna Milborn: Ware Frau. Auf den Spuren moderner Sklaverei von Afrika nach Europa. Ecowin, Salzburg 2008, ISBN 978-3-902404-57-2.
  • Jürgen Nautz, Birgit Sauer (Hrsg.): Frauenhandel. Diskurse und Praktiken. V&R unipress, Göttingen 2008, ISBN 978-3-89971-317-6.
  • Kimberly A. McCabe, Sabita Manian (Hrsg.): Sex Trafficking: A Global Perspective. Lexington Books 2010, ISBN 978-0-7391-2934-0.
  • Irene Stratenwerth, Esther Sabelus; Simone Blaschka-Eick, Hermann Simon (Hrsg.): Der Gelbe Schein: Mädchenhandel 1860 bis 1930, Deutsches Auswandererhaus, Bremerhaven 2012, ISBN 978-3-00-038801-9 (zur Ausstellung: Der Gelbe Schein – Mädchenhandel 1860 bis 1930. Centrum Judaicum, Berlin, 9. August bis 30. Dezember; Deutsches Auswandererhaus, Bremerhaven, 26. August bis 28. Februar 2013.)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Pamela Paulic: Frauenhandel im 19. Jahrhundert. auf: dieuniversitaet-online.at, 10. Juni 2010, Zugriff 4. Oktober 2012.
  2. Irene Stratenwerth: Mädchenhandel: Auch ein jüdisches Thema um 1900. auf: jg-berlin.org, 1. Oktober 2012, Zugriff 4. Oktober 2012.
  3. Siehe die Arbeiten des Nobelpreisträgers Gary S. Becker zur Kriminalität oder die Veröffentlichungen von Birgit Sauer: (online auf: homepage.univie.ac.at/birgit.sauer)
  4. Lars Amenda: Fremd-Wahrnehmung und Eigen-Sinn. Das 'Chinesenviertel' und chinesische Migration in Hamburg 1910–1960. In: Angelika Eder (Hrsg. unter Mitarbeit von Kristina Vagt): Wir sind auch da! Das Leben von und mit Migranten in europäischen Großstädten. München/ Hamburg 2003, ISBN 3-935549-50-4, S. 73–94.
  5. Jürgen Nautz: Frauenhandel in Österreich 1918 -1938. (PDF; 1,2 MB) Zugriff 4. Oktober 2012.
  6. Frauenhandel und Zwangsprostitution. auf: amnesty-maf.de, Zugriff 4. Oktober 2012.
  7. Menschenhandel zum Zweck der Ausbeutung der Arbeitskraft. auf der Webseite der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen. Berlin (Weitere Zahlen zum Menschen- und Frauenhandel einschließlich Zwangsarbeit) Zugriff 4. Oktober 2012.
  8. Zahlen und Fakten - Frauenhandel. auf der Webseite von SOLWODI - Solidarity with women in distress - Solidarität mit Frauen in Not. Zugriff 4. Oktober 2012.
  9. Liste von Dokumentarfilmen auf der Webseite Aktionsbündnis gegen Frauenhandel

Weblinks[Bearbeiten]