Frauenliebe und -leben

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Frauenliebe und -leben op. 42 ist ein 1840 komponierter Liederzyklus von Robert Schumann für mittlere Stimme und Klavier auf Texte aus dem 1830 erschienenen gleichnamigen Gedichtzyklus von Adelbert von Chamisso, in dem der Lebensweg einer Frau von der ersten Liebe bis zum Tod des Ehemanns nachvollzogen wird.

Das dargestellte Frauenleben entspricht den moralischen Normen des 19. Jahrhunderts der treuen und hingebungsvollen Ehefrau. Chamisso schrieb neun Gedichte, Schumann vertonte davon alle außer dem letzten.

Das Werk widmete Schumann seinem unverheirateten Freund Oswald Lorenz.

Titel[Bearbeiten]

  • I. Seit ich ihn gesehen („Larghetto“; Originaltonart: B-Dur)
  • II. Er, der Herrlichste von allen („Innig lebhaft“; Es-Dur)
  • III. Ich kann’s nicht fassen, nicht glauben („Mit Leidenschaft“; c-Moll)
  • IV. Du Ring an meinem Finger („Innig“; Es-Dur)
  • V. Helft mir, ihr Schwestern („Ziemlich schnell“; B-Dur)
  • VI. Süßer Freund, du blickest („Langsam, mit innigem Ausdruck“; G-Dur)
  • VII. An meinem Herzen, an meiner Brust („Fröhlich, innig“; D-Dur)
  • VIII. Nun hast du mir den ersten Schmerz getan („Adagio“; d-Moll)
  • [IX. Traum der eignen Tage] (von Robert Schumann nicht vertont)

Dramaturgie[Bearbeiten]

Für die Interpretin stellt sich im Zyklus die Aufgabe, ein ganzes Leben vom ersten Liebesempfinden bis zum Tod des Gatten in weniger als einer halben Stunde darzustellen. Die Gedichte sind als Reflexionen für sich selbst gedacht und richten sich nicht direkt an das Publikum, obwohl sie in Ausnahmefällen auch ihren Ehemann direkt anspricht. In dem Kosmos dieses Liedzyklus gibt es nur das Ich und das Du, alles Leben außerhalb hat keine weitere Bedeutung.

Kritik am Text[Bearbeiten]

Der Liedzyklus bietet vor allem textlich viele Ansatzpunkte für eine feministische Interpretation. Die Konzentration der Frauenfigur, die nicht weiter namentlich benannt ist, liegt vollkommen auf dem Glück als Liebende, Ehefrau und Mutter. Das Leben des namentlich nicht benannten lyrischen Ichs beginnt nicht mit ihrer Geburt oder ihrem Leben als Mädchen, sondern findet einzig als Reaktion auf ihren Geliebten und späteren Ehemann statt. Die erste Empfindung der Liebe reißt sie aus ihren Mädchenspielen heraus, die plötzlich keine Bedeutung mehr für sie haben („Seit ich ihn geseh’n, glaub ich blind zu sein“). Sie fühlt sich der Liebe des Mannes, den sie anbetet und verklärt, vollkommen unwert, und wünscht sogar einer möglichen Rivalin noch Glück („Er, der Herrlichste von allen“). Die Erkenntnis, dass sie seine Erwählte sein könnte und ihr Empfinden auf Gegenseitigkeit beruht, stößt ihr gesamtes Weltbild um („Ich kann’s nicht fassen, nicht glauben“). Sie nimmt Abschied von ihren Freundinnen, um künftig nur noch Ehefrau zu sein („Helft mir, ihr Schwestern“). Die Heirat mit ihrem Geliebten stellt für sie den Höhepunkt ihres Lebens dar („Du Ring an meinem Finger“), die Schwangerschaft ihre Erfüllung („Süßer Freund“, „An meinem Herzen, an meiner Brust“). Der plötzliche Verlust des Gatten bedeutet für sie ein Leben in Einsamkeit und Erinnerungen („Nun hast du mir den ersten Schmerz getan“).

Individuelle Züge einer Persönlichkeit, die sich außerhalb des weiblich-fügsamen Stereotyps bewegt, kommen nicht zur Geltung. Sie zweifelt in keinem Augenblick ihres Lebens an ihrer Liebe zu ihm oder an seiner Liebe zu ihr. Die Hingabe zu ihrem Ehemann fällt ihr leicht, auch das Leben mit einem Kind scheint keine Herausforderung für sie darzustellen. Versuche, sich aus ihrem gesellschaftlich bestimmten Leben und der vollkommenen Abhängigkeit von ihrem Ehemann zu lösen, kommen an keiner Stelle des Textes vor. Da eine berufliche Tätigkeit mit eigenem Einkommen für eine Frau im 19. Jahrhundert noch eine aufsehenerregende Ausnahme war, fehlen Gedanken um berufliche Selbstverwirklichung völlig. Ihre Freundinnen werden mit dem Eintritt in das Eheleben von weiterem Kontakt textlich aus ihrem Leben ausgeschlossen und nicht mehr erwähnt. Auch andere mögliche Bezugspersonen wie Vater und Mutter oder andere Männer kommen in ihrem Lebensbericht nicht vor. Das Leben nach dem Tod ihres Mannes scheint den Verfasser nicht zu interessieren, ihr Leben ist zu ende, sobald die Gegenwart eines Mannes nicht mehr gegeben ist.

Musik[Bearbeiten]

Der Gedichtzyklus von Chamisso hat durch die Vertonung von Schumann eine weite Verbreitung erfahren. Er unterstützt die Aussage der Lyrik mit einfacher, textnaher Melodik und differenzierter, empfindsam-lyrischer Klavierbegleitung. Die Melodieführung ist für die Stimme eines lyrischen Mezzosoprans gut geeignet.

Im Jahr 2005 ist eine Fassung für Orchester von Conrad Artmüller bei Universal Edition erschienen, sowohl in den Originaltonarten als auch in der transponierten Fassung für Alt.[1]

Rezeption[Bearbeiten]

Adriana Hölszky verwendete später in ihrer Oper Bremer Freiheit nach Rainer Werner Fassbinder den Untertitel „Singwerk auf ein Frauenleben“ und schilderte mit der drastischen Handlung um eine Mörderin ein krasses Gegenbild zum Ideal der liebenden, duldenden Gattin.

Während Liedzyklen wie Die schöne Müllerin und die Winterreise von Franz Schubert oder die Dichterliebe von Schumann zu den großen, mindestens halbstündigen Werken der bekanntesten deutschen Liedkomponisten der Romantik gehören, beschränkt sich Frauenliebe und -leben auf weniger als die Hälfte der Zeit. Engagierte Sängerinnen wie Christa Ludwig und Jessye Norman haben sich bereits an die Interpretation der Winterreise gewagt, während bisher keine gültige Interpretation eines männlichen Interpreten für Frauenliebe und -leben auf einem Tonträger erschienen ist, obwohl sich mittlerweile auch männliche Altisten und Sopranisten heute die technischen Voraussetzungen haben, um diesen Zyklus zu bewältigen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Dietrich Fischer-Dieskau: Robert Schumann. Das Vokalwerk. dtv, München 1985, ISBN 3-421-06068-1, S. 136–139.
  • Herbert Hopfgartner: Adelbert Chamisso: Revolutionär oder Biedermann? Der Liederkreis 'Frauenliebe und -leben' im soziokulturellen Diskurs. Universität Warschau, Studien zur Deutschkunde (XXXVII. Band, hrsg. v. Lech Kolago) Warschau 2008, ISSN 0208-4597

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Conrad Artmüller: Frauenliebe und Leben op. 42 für Alt und Orchester, transponierte Fassung, Werkinformation bei Universal Edition