Frauenmorde von Ciudad Juárez

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Als Frauenmorde von Ciudad Juárez wird eine seit mindestens Anfang der 1990er-Jahre andauernde Mordserie in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez bezeichnet. Seit 1993 wird in den internationalen Medien über diese Mordfälle berichtet. Die Opfer werden entführt, gefoltert und zumeist nach einigen Tagen bis einigen Wochen gefesselt auf Brachflächen außerhalb der Stadt abgelegt. Die Leichen weisen in der Regel Spuren von Gewaltanwendungen auf, manche Leichen wurden enthauptet oder verstümmelt. Die meisten Morde wurden bisher nicht aufgeklärt. Es werden unterschiedliche Männergruppen hinter den Taten vermutet.

Motive[Bearbeiten]

Die Motive sind unbekannt. Es wird gemutmaßt, dass Organhändler hinter einigen Taten stehen könnten. Einige Gründe könnten auch darin liegen, dass Tausende aus den USA in die Grenzstadt Ciudad Juárez abgeschobener Krimineller mit verantwortlich sein könnten. Frauenrechtsgruppen vermuteten systematische Tötungen allein aufgrund des Geschlechtes der Frauen. Forschungen aus 2008 seien zu dem Ergebnis gekommen, dass 30 Prozent der getöteten Frauen ihre Mörder vor der Tat gekannt hätten.[1]

Anzahl der Opfer[Bearbeiten]

Die Anzahl der Opfer ist nicht genau bekannt, zumal die ohnehin hohe Anzahl von Gewaltopfern in lateinamerikanischen Ländern – auch im Zusammenhang mit den Banden- und Drogenkriegen – nicht immer ein sicheres Motiv zulässt.

Laut Amnesty International wurden im Hinblick auf die Frauenmorde bis zum Februar 2005 mehr als 370 Leichen gefunden und über 400 Frauen gelten als vermisst. Anderslautenden Angaben zufolge sollen es über 600 sein. Der mexikanische Menschenrechtsbeauftragte José Luis Soberanes sprach im November 2005 von bis dahin 28 ermordeten Frauen im laufenden Jahr, und dass die Stadt „eine Schande für das Land“ sei.[2] Ein UN-Bericht weist auf die Schätzungen der Autorin Julia Estela Monárrez Fragoso hin, die die Anzahl der Opfer mit 740 im Zeitraum 1993 bis 2009 angegeben habe.[3][4]

Einem Bericht der mexikanischen Onlinezeitung la rednoticias.com zufolge seien 76 Opfer allein von Januar bis September 2009 umgebracht worden. Diese Anzahl habe sich im Folgejahreszeitraum von Januar bis September 2010 auf 177 Opfer mehr als verdoppelt.[5] Laut New York Times seien allein 2010 insgesamt 304 Frauen umgebracht worden.[6] Imelda Marrufo Nava vom Netzwerk "Mesa de Mujeres de Ciudad Juárez" spricht von insgesamt 915 ermordeten Frauen. Nach Amnesty International-Informationen seien 320 Frauen allein 2011 getötet worden und es gäbe Quellen, die davon ausgingen, dass seit der "zweiten Welle" ab 2009 – mit ihrem Höhepunkt 2010 – mehr Mädchen und Frauen ermordet worden seien als in den gesamten 15 Jahren zuvor.[7]

Es wird allgemein übereinstimmend berichtet, dass sich die Kriminalitäts- und speziell die Mordrate in Ciudad Juárez aktuell deutlich verringert habe. So seien 2012 im Hinblick auf die Frauenmorde laut Joy Strickland von der Organisation Mothers Against Teen Violence 82 Opfer – und 115 vermisste Frauen und Mädchen – registriert worden.[8]

Die meisten Frauen waren zur Zeit ihrer Tötung oder ihres Verschwindens zwischen 13 und 25 Jahre alt. Viele der Opfer arbeiteten in den Maquilas, Fabriken internationaler Konzerne, die in Grenznähe errichtet wurden. Bei 137 Opfern konnte die Anwendung sexueller Gewalt festgestellt werden. 75 Leichen konnten nicht identifiziert werden, da sie zu stark entstellt waren.[9]

Verhaftungen[Bearbeiten]

Zahlreiche Menschen wurden als Verdächtige im Zusammenhang mit den Morden verhaftet. Der mexikanischen Polizei wird vorgeworfen, dass gegen viele der Verdächtigen keine oder nur unzureichende Beweise vorlagen und deshalb die vermeintlichen Täter wieder aus der Untersuchungshaft entlassen werden mussten. Zusätzlich wird sie beschuldigt, Geständnisse erpresst zu haben, Beweise zu vertuschen und sogar selbst Frauen zu entführen. 2005 wurde der Busfahrer Víctor Javier García Uribe im Revisionsverfahren freigesprochen; zuvor war er wegen eines erzwungenen Geständnisses für den Mord an 8 Frauen zu 50 Jahren Haft verurteilt worden.[10]

Der erste Verdächtige, der verhaftet wurde, war der ägyptischstämmige Chemiker Abdul Latif Sharif. Er war 1994 nach Ciudad Juárez geflohen, um seiner drohenden Abschiebung zu entgehen. Ihm wurden in den USA mehrere Vergewaltigungen vorgeworfen. Nachdem er 1995 für den Mord an einer jungen Arbeiterin verurteilt worden war, nahm die Polizei zwei Gruppen junger Männer fest. Diese behaupteten, Sharif hätte sie aus dem Gefängnis heraus bezahlt, damit die Morde weitergingen und so seine Unschuld bewiesen würde. Trotz der Verhaftung von Sharif und seinen angeblichen Mittätern hörten die Morde nicht auf, was zu Spekulationen führte, dass die wirklichen Täter noch auf freiem Fuß seien oder die ursprünglichen Täter gefasst seien und seitdem Nachahmungstäter die Morde fortsetzen.

2003 wurde Cristina Escobar González ermordet. Der Täter wurde verhaftet, als er versuchte, ihren von Spuren schwerer Misshandlungen übersäten Körper in den Kofferraum seines Wagens zu verstauen. Er sagte aus, sie in Notwehr getötet zu haben und wurde zu drei Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Diese geringe Strafe wird von Menschenrechtsorganisationen als Indiz für Korruption bei den zuständigen Justizbehörden interpretiert.[11]

Im Juni 2013 wurden zwölf Personen – zehn Männer und zwei Frauen – festgenommen, die elf junge Frauen getötet haben sollen, nachdem sie diese gewaltsam zu Prostitution und Drogenverkäufen gezwungen hätten. Die Frauen seien nicht mehr nützlich gewesen, sie seien dann umgebracht und in einem verlassenen Tal in der Nähe der Stadt abgeladen worden.[12]

Kritik an den Ermittlungen[Bearbeiten]

Da die Mordserie bis heute nicht gestoppt werden konnte, sehen sich die mexikanischen Ermittlungsbehörden wachsender Kritik aus dem In- und Ausland ausgesetzt. Den Ermittlungsbehörden wird Korruption, Inkompetenz und die Einschüchterung von Zeugen vorgeworfen. Besonders kritisiert wird, dass die einheimischen Behörden den Spuren des zu Hilfe geholten FBI nicht weiter nachgehen. Die Mordserie dauert trotz zahlreicher Verhaftungen weiter an. Die mexikanischen Behörden bestreiten die Existenz von Serienmorden in Juárez.[13] So sollen laut Bericht der Generalstaatsanwaltschaft über 60 % der offiziell registrierten Morde wegen innerfamiliärer Konflikte begangen worden sein.[14] Über 30 % sollen sich laut der Ombudsfrau Patricia Gonzáles im Drogen- und Prostitutionsmilieu abgespielt haben.[15]

Angehörige der Opfer beklagen, dass sie von den zuständigen Behörden nicht ernst genommen werden und keine oder falsche Antworten zum bisherigen Ermittlungsstand erhalten.

Im Februar 2002 wurde der Anwalt Mario Escobedo Anaya, der den Angeklagten Gustavo González Meza verteidigte, von Polizeibeamten erschossen. Die Beamten behaupteten, in Notwehr gehandelt zu haben. Augenzeugen widersprachen den Aussagen der Beamten, dennoch wurde der Tod des Anwalts nicht weiter untersucht.

Als Hintergrund für die Frauenmorde gilt allgemein der von Ciudad Juárez von den Gangs organisierte internationale Menschenhandel mit jungen Frauen für die Prostitution. Die Frauen werden dabei nach der Entführung zumeist geschlagen, mit Drogen hörig gemacht und ihren Familien entwöhnt. Frauen, die sich auch dann noch nicht auf ein neues Leben als Prostituierte einlassen wollen, werden getötet und entsorgt, insbesondere um die anderen Frauen abzuschrecken.

Andererseits kommen viele Frauen auch als Drogenkuriere um, wenn sie von konkurrierenden Kartellen aufgegriffen werden. Oft werden in Mexiko noch viele Jahre später Massengräber mit den Leichen lange vermisster Personen gefunden. Verbreitet ist bei Drogenkartellen auch die völlige Auflösung der Leichen in Säure, wie z. B. hundertfach durchgeführt durch das verhaftete Tijuana-Kartellmitglied Santiago Meza Lopez.

Aus Sicht der mexikanischen Justiz gibt es keine spezielle Frauenmordserie. Es gibt nur die sehr zahlreichen weiblichen Opfer im mexikanischen Drogenkrieg, die im Hinblick auf die Vermisstenzahlen bis heute nicht nachgelassen haben. Seit die Jugendstrafen für Mord ab 2012 verdreifacht wurden, ist die Zahl der Frauenopfer drastisch zurückgegangen.

Weitere Reaktionen[Bearbeiten]

Am 30. Mai 2005 sagte der mexikanische Präsident gegenüber Journalisten, dass die Mehrzahl der Morde in Juárez aufgeklärt worden seien und die Schuldigen hinter Gittern säßen. Er kritisierte die Medien dafür, dass sie dieselben 300 bis 400 Morde immer wieder aufwärmen würden und sagte, dass die Taten im richtigen Zusammenhang gesehen werden müssten.

Die Mütter, Familien und Freunde der Opfer haben sich in der NHRC (Nuestras Hijas de Regreso a Casa - Unsere Töchter sollen nach Hause zurückkehren) organisiert. Das Ziel der Organisation ist, die Öffentlichkeit auf die Situation in Juárez aufmerksam zu machen, Druck auf die Regierung auszuüben und das öffentliche Schweigen zu brechen, das die Straflosigkeit der Täter erst ermöglicht. Sie verlangen, dass die seit langer Zeit ungeklärten Morde endlich ordentlich untersucht und aufgeklärt werden. In Juárez werden sie wegen ihrer Arbeit bedroht und angefeindet.

Rezeption in den Medien[Bearbeiten]

  • 1999 thematisierte Tori Amos die Morde in dem Song Juárez auf ihrem Album To Venus and Back.
  • 2000 machte die Band At the Drive-In mit ihrem Song Invalid Litter Dept.aus dem Album Relationship of Command und dem dazugehörigen Musikvideo auf das Geschehen in Juárez aufmerksam.
  • 2001 wurde von Lourdes Portillo die erste Dokumentation über die Opfer gedreht und veröffentlicht: „Señorita Extraviada“.
  • 2004 erschien Roberto Bolaños Roman 2666, in dessen Zentrum eine sehr ähnliche Mordserie in der fiktiven Stadt Santa Teresa im Bundesstaat Sonora steht.
  • 2005 erschien Alicia Gaspar de Albas Roman "Desert Blood", welcher die Juarez Morde aus der Perspektive einer homosexuellen Frau thematisiert.
  • 2006 veröffentlichte Zulma Aguiar eine Dokumentation über die Morde; die Mütter von Juárez kämpfen gegen die Frauenmorde. Sie wurde dabei von der NHRC unterstützt.
  • 2006 erschien der Spielfilm The Virgin Of Juarez von Regisseur Kevin James Dobson mit Minnie Driver und Esai Morales
  • 2007 erschien der Film Bordertown (mit Jennifer Lopez und Antonio Banderas), der sich ebenfalls des Themas der Morde in Juarez annimmt.
  • 2009 erschien der Film Das Paradies der Mörder des mehrfach ausgezeichneten mexikanischen Regisseurs Carlos Carrera. Der Film handelt von einer jungen Kommissarin (Ana de la Reguera), die gerade erst ihren Dienst in Juárez angetreten hat und versucht, die Frauenmordserie in der Grenzstadt aufzuklären. Der Film war 2010 der mexikanische Beitrag im Rennen um den besten fremdsprachigen Film im Vorfeld der Oscarverleihung 2010.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ciudad Juárez: The City of Lost Girls. In: Upact – Peace of Minds Academy vom 25. November 2013.
  2. AtencoResiste | Interview zu Ciudad Juárez
  3. Julia Estela Monárrez Fragoso, "Trama de una injusticia. Feminicidio sexual sistémico en Ciudad Juárez", 2009, El Colegio de la Frontera Norte, Mexico
  4. Rashida Manjoo: Report of the Special Rapporteur on violence against woman, its causes and consequences. Vereinte Nationen, 23. Mai 2012, S. 17, abgerufen am 17. Mai 2013 (PDF, 752kB, englisch).
  5. Onlinezeitung la rednoticias.com vom 26. September 2010
  6. Wave of Violence Swallows More Women in Juarez. In: New York Times vom 23. Juni 2012
  7. Die ersten Opfer von Wolf-Dieter Vogel, Amnesty Journal Februar 2013
  8. Violence, Hope and Healing in Ciudad Juárez. In: Aljazeera.com vom 5. März 2013
  9. Startseite | Amnesty International Deutschland
  10. poonal: Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen vom 7. Februar 2006
  11. Femicide in Guatemala & Canada
  12. 12 Arrested in Mexico Border City Over Female Murders. In: The Telegraph vom 13. Juni 2013.
  13. James C. McKinley Jr.:Little Evidence of Serial Killings in Women's Deaths, Mexico Says in der New York Times vom 26. Oktober 2004 (engl.)
  14. poonal: Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen vom 28. Februar 2006
  15. Junge Welt vom 23. März 2006

Literatur[Bearbeiten]

  •  Die Killer kommen meist am Freitag. In: Der Spiegel. Nr. 35, 1998, S. 138 (24. August 1998, online).
  • Daniela Hrzán: "Austauschbare Arbeit – Austauschbares Leben." In: Menschenrechte für die Frau – Zeitschrift für Menschenrechte 1/ 2003. S. 12–15.
  • Teresa Rodriguez, Diana Montané, Lisa Pulitzer: The Daughters of Juarez: A True Story of Serial Murder South of the Border. Atria 2007, ISBN 978-0-7432-9203-0 (engl.)
  • Natalie Panther: Violence against Women and Femicide in Mexico: The Case of Ciudad Juarez. Vdm-Verlag 2008, ISBN 978-3-639-00538-7 (engl.)

Weblinks[Bearbeiten]