Freie Gewerkschaften (Österreich)

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Die freien Gewerkschaften in Österreich war die sozialdemokratisch orientierte Gewerkschaftsrichtung im Reichsteil Cisleithanien von Österreich-Ungarn und nach 1918 in der Republik Österreich. Gegründet wurde eine zentrale Gewerkschaftsorganisation ab 1892. Die Dachorganisation nannte sich später Reichsgewerkschaftskommission. Seit 1928 nannte sich der Dachverband Bund freier Gewerkschaften. Er wurde 1934 verboten. Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte die Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter im Österreichischen Gewerkschaftsbund an die Tradition der freien Gewerkschaften an.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Die Staatsgrundgesetze von 1867 und das Koalitionsgesetz von 1870 ließen die Bildung von Gewerkschaften zu. Vor diesem Hintergrund bildeten sich gewerkschaftliche Organisationen. Der Schwerpunkt war Wien, wo 70 % der Mitglieder lebten.

Viele davon waren sozialdemokratisch orientiert. Diese strebten sogar 1874 die Gründung einer sozialdemokratischen Partei an, zu der es wegen Meinungsverschiedenheiten über den einzuschlagenden Kurs nicht gekommen ist. Auch zu einer umfassenden Gewerkschaftsorganisation ist es nicht gekommen. In den 1880er Jahren kam es zu vergleichbaren Repressionen wie in Deutschland während des Sozialistengesetzes. So wurde verschiedentlich in industriellen Zentren wie Wien, Wiener Neustadt und anderen Orten der Ausnahmezustand verhängt. Die Arbeiterbewegung war in eine eher Gemäßigte und eine eher Radikale Richtung gespalten. Es kam zu zahlreichen wilden und meist erfolglosen Streiks, so dass eine Reglementierung der Arbeitskämpfe nötig erschien.

Zur Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs kam es 1888/1889 auf dem Parteitag von Hainfeld. Damit verstärkten sich auch wieder die Bestrebungen zur Gründung einer Gewerkschaftsorganisation. Auf dem Parteitag wurde die Gründung von Gewerkschaften empfohlen.

Gründung[Bearbeiten]

Zu Beginn der 1890er Jahre gab es in Österreich neben kleineren Organisationen zehn gewerkschaftliche Zentralvereine. Im Jahr 1892 gründeten 194 sozialdemokratisch orientierte Fachvereine die Provisorische Kommission der Gewerkschaften Österreichs. Unmittelbarer Anlass war die Einberufung eines internationalen Gewerkschaftskongresses durch die englischen Trade Unions nach London. Ziel war es, die gewerkschaftliche von der politischen Arbeiterbewegung zu trennen. Dies stieß auf heftige Kritik in Österreich. Diese provisorische Kommission sollte unter anderem die Vertretung Österreichs bei den internationalen Gewerkschaftskongressen koordinieren.

Ein erster österreichischer Gewerkschaftskongress fand 1893 statt. Dort waren 194 Organisationen vertreten, die zusammen ungefähr 50.000 Mitglieder repräsentierten. Einige waren noch örtliche Fachvereine, andere waren Bezirksvereine und andere umfassten bereits Mitglieder eines Kronlandes. Auf diesem Kongress wurde als Dachorganisation (später Reichsgewerkschaftskommission in Cisleithanien genannt) gegründet. Als Abgesandter der deutschen Gewerkschaften war Carl Legien anwesend. Als Ziel der Organisation wurde das Industriegruppenprinzip beschlossen, ohne dass es in der Folge gelang, die Berufsverbände vollständig darin zu integrieren. Die Generalkommission war zuständig für die Organisation der regelmäßigen Gewerkschaftskongresse, für die Gewerkschaftsstatistik und war für die Integration der Gewerkschaften in Industriegruppen verantwortlich. Die einzelnen Gewerkschaften finanzierten durch Abgaben pro Mitglied die Zentralorganisation.

Gliederung und Organisation[Bearbeiten]

In allen zu Cisleithanien gehörenden Ländern wurden gewerkschaftliche Kronlandzentralen eingerichtet. Diese entstanden in Mähren, Österreichisch-Schlesien, Ober- und Niederösterreich, Salzburg, Tirol, Vorarlberg, Böhmen, Steiermark, Kärnten, in der Bukowina und in Galizien.

In der Generalkommission organisiert waren die Berufsgruppen der Bauarbeiter, die Beschäftigten der Bekleidungsindustrie, die Bergarbeiter, die Chemische Industrie, die Eisen- und Metallindustrie, die Gas- und Wasserarbeiter, die graphischen Berufe und die Papierindustrie, Handel und Angestellte, Holzarbeiter, Horn-, Bein- und Schilkrötindustrie, Landwirtschaftliche Gruppe, Lebensmittelbranche, Lederindustrie, Textilindustrie, Verkehrs- und Transportwesen, Weibliche Hand- und Maschinenindustrie.

Als Organ gab die Generalkommission die Zeitschrift "Die Gewerkschaft" heraus. Daneben gab es weitere Fachblätter in deutscher, tschechischer und slowenischer Sprache.

Die zahlreichen lokalen Streiks führten für die Gewerkschaften zu großen finanziellen Problemen. Im Jahr 1894 wurde daher ein zentrales Streikregelement beschlossen. Streiks mussten bei der jeweiligen Kronlandzentrale angemeldet werden, die dann die Generalkommission informierte. Streiks ohne Anmeldung hatten meist keinen Anspruch auf Unterstützungsgelder. Die Streikunterstützung selbst speiste sich aus Sammlungen, die von der Gewerkschaftskommission bei den Mitgliedsorganisationen unternommen wurden. Die nach einem Streikende nicht verwendeten Gelder flossen in einen allgemeinen Streikreservefonds. Später wurde das Reglement weiter verfeinert.

Entwicklung bis 1918[Bearbeiten]

Im Jahr 1895 wurde Anton Hueber Sekretär der Generalkommission. Insbesondere unter seiner Leitung nahm die Organisation einen beträchtlichen Aufschwung. Im Jahr 1906 hatten die freien Gewerkschaften in Österreich etwa eine halbe Million Mitglieder. Anna Boschek wurde in den 1890er Jahren Mitglied der Generalkommission und ihr gelang es, einen Anstieg der Frauenorganisation zu erreichen.

In den 1890er Jahren begannen sich auch christliche Gewerkschaften zu bilden. Die deutschnationalen Gewerkschaften entstanden seit 1900.

Im Jahr 1900 kam es zu mehreren großen Streiks der freien Gewerkschaften. Dabei ging es um die Durchsetzung von Arbeitszeitverkürzung. Es kam auch zum Abschluss mehrerer Tarifverträge.

Schon recht bald nach der Gründung wurden die nationalen Spannungen, die das Reich durchzogen, auch in den Gewerkschaften sichtbar. Insbesondere die tschechischen Arbeiter standen einer Leitung durch die Wiener Zentrale häufig ablehnend gegenüber. Dieser Konflikt hatte eine Parallele in der politischen Arbeiterbewegung. Bereits auf dem zweiten Gewerkschaftskongress von 1896 wurde von tschechischer Seite eine Trennung beantragt, aber dies wurde von der Mehrheit abgelehnt. Es folgte der Beginn zum Aufbau einer eigenen tschechischen Organisation. Eine solche wurde als Odborové sdružení českoslovanské 1897 mit Schwerpunkt in Böhmen gegründet.

Der Erste Weltkrieg hat die Entwicklung der Gewerkschaften behindert. Durch Einberufungen und ähnliches verloren die freien Gewerkschaften 60 % ihrer Mitglieder. Allerdings nahm in dieser Zeit die Zahl der organisierten Frauen zu. Die Machtlosigkeit der Gewerkschaften während des Krieges führte zu Kritik der Arbeiter an den Organisationen. Seit 1917 erholten sich die Organisationen wieder. Es kam zu verschiedenen Streiks mit einem Höhepunkt im Januar 1918.

Zeit der Republik[Bearbeiten]

Ähnlich wie in Deutschland erlebten die freien Gewerkschaften in Österreich (Gewerkschaftskommission Deutschösterreichs) unmittelbar nach dem Krieg einen starken Anstieg der Mitgliederzahlen. Der Höchststand war 1921 mit 1079777 Mitgliedern erreicht. Seit 1923 erschien als neues Organ die halbmonatlich erscheinende Zeitschrift Arbeit und Wirtschaft. Zu Beginn der Republik spielten die Gewerkschaften eine wichtige sozialpolitische Rolle.

Im Jahr 1928 kam es zu einer Neuorganisation zu der Anton Hueber noch maßgeblich beigetragen hatte. Es wurde der Bund freier Gewerkschaften in Österreich gegründet. Vorsitzender wurde Hueber. Der Verband beruhte auf Organisationen nach dem Industriegruppenprinzip. Insgesamt gab es 38 Gewerkschaften und 7 lokale Gewerkschaften. Diese organisierten etwa 655.000 Mitglieder.

Im selben Jahr wurden gelbe Gewerkschaften gegründet. Diese wurden von großen Unternehmen gefördert, standen den Heimwehren nahe und lehnten Arbeitskämpfe ab. Daneben existierten auch weiterhin die christlichen Gewerkschaften. Ihre Mitgliederzahl verdoppelte sich von 1921 bis 1932 auf etwa 130.000. Die deutschnationalen Gewerkschaften waren etwa 50.000 Mitglieder stark. Daneben gab es die kommunistische Rote Gewerkschaftsorganisation und Ansätze der nationalsozialistischen NSBO.

Die Gewerkschaften im Bund freier Gewerkschaften wurden zur Zeit des Austrofaschismus des Engelbert Dollfuß im Zuge der Februarkämpfe 1934 aufgelöst. Stattdessen wurde der öffentlich-rechtliche staatsnahe Gewerkschaftsbund der österreichischen Arbeiter und Angestellten geschaffen.

Mitglieder der freien Gewerkschaften gründeten schon am 18. Februar 1934 eine illegale Führung (Siebenerkomitee). Eine weitere Widerstandsorganisation nannte sich Wiederaufbaukommission. Eine ausländische Organisation entstand in Bratislava.

Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland wurde auch der Gewerkschaftsbund aufgelöst und die Mitglieder in die Deutsche Arbeitsfront überführt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand als Einheitsgewerkschaft der Österreichische Gewerkschaftsbund. In ihr setzte die Fraktion der Sozialistischen Gewerkschafter die Tradition der freien Gewerkschaften fort. Die Fraktion erhielt auch das Vermögen der freien Gewerkschaften zurück.

Literatur[Bearbeiten]

  • Willy Krula: Die Geschichte der österreichischen Gewerkschaftsbewegung von den Anfängen bis 1945. Stand 2002 Onlineversion (PDF; 839 kB)
  • Fritz Rager: Gewerkschaftskommission Deutschösterreichs. In: Ludwig Heyde (Hrsg.): Internationales Handwörterbuch des Gewerkschaftswesens. Bd. 1 Berlin, 1931 S.679ff. Onlineversion

Weblinks[Bearbeiten]