Friedrich Achleitner

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Friedrich Achleitner (2010)

Friedrich Achleitner (* 23. Mai 1930 in Schalchen, Oberösterreich; der Name wird auf der zweiten Silbe betont [1]) ist ein österreichischer Architekt, Architekturkritiker und Schriftsteller. Als Literat ist er ein Hauptvertreter des modernen Dialektgedichts und der Konkreten Poesie, als Essayist ein bedeutender Kritiker und Chronist der modernen Architektur. Er ist Mitglied des Vereins Landluft - Verein zur Förderung der Baukultur in ländlichen Räumen

Leben und Werk[Bearbeiten]

Jugend, Studium, Architekt[Bearbeiten]

Innenraum der Pfarrkirche Hetzendorf oder Rosenkranzkirche

Friedrich Achleitner ist der Sohn eines Landwirts und Müllers, der sich zum Mühlenbautechniker weiterbildete. Die Familie erlebte die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs am eigenen Leib: Kurz vor Ende der Kampfhandlungen wurde das elterliche Wohnhaus stark beschädigt und unbewohnbar.

Nach der Matura ging Achleitner nach Wien und studierte dort von 1950 bis 1953 Architektur an der Akademie der bildenden Künste. 1953 machte er bei Clemens Holzmeister sein Diplom und arbeitete anschließend als freischaffender Architekt in einer Arbeitsgemeinschaft mit Johann Georg Gsteu, die 1956-58 für die damals umstrittene Umgestaltung des Innenraums der Pfarrkirche Hetzendorf („purifizierende Neuinterpretation“ der neoromanischen Architektur) verantwortlich war. Nebenberuflich studierte Achleitner in der Meisterschule von Emil Pirchan Bühnenbild.

Schriftsteller und Kritiker[Bearbeiten]

1958 hörte Achleitner mit der praktischen Architektur auf und wurde freier Schriftsteller. Er wird zur Wiener Gruppe gezählt, die vor allem moderne Dialektgedichte verfasste. Innerhalb dieser Gruppe lenkte Achleitner sein Interesse vor allem auf phonetische Schreibweisen. 1959 erschien als Gemeinschaftsarbeit Achleitners mit H. C. Artmann und Gerhard Rühm das Buch hosn rosn baa, acht Jahre später der Sammelband die wiener gruppe.

Ab 1961 wandte sich Friedrich Achleitner neuerlich der Architektur zu, als Kritiker für die Abendzeitung (Kolumne Bausünden) und von 1962 bis 1972 für Die Presse. In seinen Beiträgen kritisierte er vehement die Zerstörung alter Bausubstanz und innerstädtische Bebauungsverdichtung durch Hochhäuser (etwa das Gartenbauhochhaus oder das Hotel Intercontinental Wien). Von 1963 bis 1983 lehrte Achleitner an der Akademie der bildenden Künste Geschichte der Baukonstruktion.

Neben Dialektgedichten arbeitete Achleitner, angeregt von Eugen Gomringer, an Konkreter Poesie und Montagetexten. Mit dem quadratroman (1973) systematisierte Achleitner seine bis dahin unternommenen typographischen Studien, indem er den Held seines Romans, das titelgebende Quadrat, insgesamt 174-mal (inklusive Einband und Impressum) mit Über-, Unter-, Ein-, Aus- und Beschreibungen versah.

1983 wurde Achleitner Vorstand der Lehrkanzel für Geschichte und Theorie der Architektur an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Seit seiner Emeritierung 1998 hat Achleitner wieder belletristische Werke veröffentlicht.

Architekturchronist[Bearbeiten]

1965–2010 arbeitete Friedrich Achleitner an seinem Hauptwerk, Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, einem Führer in vier Bänden, von denen drei (Band III in drei Teilen) bis 2010 erschienen sind. (Band IV, Niederösterreich, müsse nun von Jüngeren erstellt werden, sagte Achleitner.[2])

Für diese weltweit einzigartige Arbeit hat Achleitner jahrzehntelang Material gesammelt und ausgewertet, hat jedes im Führer erwähnte Bauwerk besichtigt und hat Österreich somit architektonisch durchmessen. Die Kritik sprach von einem

Ergebnis konsequenter Primärforschung, beruhend auf der Auswertung sämtlicher vorhandener archivalischer Quellen, der persönlichen authentischen Besichtigung aller Bauten und deren sprachlich architekturkritischer Bewertung. [3]

1981 promovierte Achleitner mit dem seit 1980 veröffentlichten Werk an der Technischen Universität Graz zum Dr. techn. (Doktor der Technik).[4]

Das dem Werk zugrunde liegende Archiv wurde 2000 anlässlich Achleitners 70. Geburtstag von der Stadt Wien angekauft und dem Architekturzentrum Wien zur Gründung einer Datenbank zur österreichischen Architektur übergeben. Der Bestand des Archivs umfasst 25.030 Karteikarten, 66.500 Fotonegative, 37.800 Diapositive, 13.800 Fotoabzüge, 570 Plandarstellungen, 250 Begehungspläne und 1030 Bücher, Broschüren, Kataloge und Zeitschriften.[5]

Zitat[Bearbeiten]

Gustav Mahler hat so schön gesagt: Nicht die Asche, sondern das Feuer soll weitergetragen werden. Regionale Architektur gibt es immer, sie soll nur nicht regionalistisch werden. Also keine formalen Einkleidungen, Trachten, sondern eine Architektur, die sich aus den kulturellen, personellen und ökonomischen Ressourcen eines Landes entwickelt. Maßstab sind natürlich die großen internationalen Strömungen. Das war immer so, von der Gotik über die Renaissance bis zum Historismus und zur Moderne. [6]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Sachliteratur[Bearbeiten]

  • Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Führer in drei [ab Band III/1: vier] Bänden, Hrsg. Museum moderner Kunst Wien bzw. Architekturzentrum Wien (Band III/3), Residenz Verlag Salzburg

Belletristik[Bearbeiten]

  • hosn rosn baa. Mit einer Schallplatte von H.C. Artmann und Gerhard Rühm. Frick, Wien, 1959
  • schwer schwarz. Gomringer, Frauenfeld, 1960
  • prosa, konstellationen, montagen, dialektgedichte, studien. Gesammelte Texte. Rowohlt, Reinbek, 1970
  • quadrat-roman : u. andere quadrat-sachen; 1 neuer bildungsroman, 1 neuer entwicklungsroman etc. etc. etc. Luchterhand, Darmstadt und Neuwied, 1973
  • Super-Rekord 50 + 50. Mit Gerhard Rühm. Edition Neue Texte, Linz, 1990
  • kaaas. Dialektgedichte. Residenz, Salzburg und Wien, 1991
  • einschlafgeschichten. Zsolnay, Wien, 2003
  • wiener linien. Zsolnay, Wien, 2004
  • und oder oder und. Zsolnay, Wien, 2006
  • der springende punkt. Zsolnay, Wien 2009, ISBN 978-3-552-05471-4.
  • iwahaubbd. dialektgedichte. paul zsolnay verlag, wien 2011, ISBN 978-3-552-05546-9.

Essayistik[Bearbeiten]

  • Lois Welzenbacher 1889-1955. Zusammen mit Ottokar Uhl. Residenz, Salzburg, 1968
  • Die Ware Landschaft. Eine kritische Analyse des Landschaftsbegriffs. Herausgegeben von Achleitner. Residenz, Salzburg, 2. Auflage 1978
  • Glückliches Österreich. Literarische Besichtigung eines Vaterlands. Zusammen mit Jochen Jung. Residenz, Salzburg und Wien, 1979
  • Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Führer in vier Bänden. Residenz, Salzburg und Wien, 1980-1990
  • Nieder mit Fischer von Erlach. Gesammelte Kritiken. 1986
  • Aufforderung zum Vertrauen. Aufsätze zur Architektur. Residenz, Salzburg und Wien, 1987
  • Die rückwärtsgewandte Utopie. Motor des Fortschritts in der Wiener Architektur. Picus, Wien, 1994
  • Wiener Architektur. Zwischen typologischem Fatalismus und semantischem Schlamassel. Böhlau, Wien, Köln und Weimar, 1996
  • Die Plotteggs kommen. Ein Bericht. Sonderzahl, Wien, 1996
  • Region, ein Konstrukt? Regionalismus, eine Pleite? Birkhäuser, Basel, Boston und Berlin, 1997

Literatur[Bearbeiten]

  • Martin A. Hainz: »do schraib i fai nix nai«. Architektur, Sprache und Möglichkeit bei Friedrich Achleitner. In: Roman Kopriva und Jaroslav Kovác (Hrsg.): Kunst und Musik in der Literatur. Ästhetische Wechselbeziehungen in der österreichischen Literatur der Gegenwart. Praesens, Wien, 2005, S. 73-99.

Filmographie[Bearbeiten]

  • Heinz Karbus - ein Leben für die Architektur. eine Dokumentation von David Pasek mit Friedrich Achleitner, 200 ISBN 2-240-00193633-7

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Friedrich Achleitner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. im Wiener Deutsch, einem bairischen Dialekt
  2. http://oe1.orf.at/artikel/260515
  3. http://www.luise-berlin.de/Lesezei/Blz00_11/text03.htm
  4. Katalogzettel Österreichische Nationalbibliothek
  5. http://www.azw.at/page.php?node_id=48
  6. Henrieta Moravčíková: Von gemeinsamen und anderen Traditionen im Gespräch mit Architekturtheoretiker Friedrich Achleitner, 2005.