Friedrich Kambartel

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Friedrich Kambartel (* 17. Februar 1935 in Münster (Westfalen)) ist ein deutscher Philosoph.[1]

Leben[Bearbeiten]

Kambartel studierte Mathematik, Physik, Chemie und Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. 1959 wurde er dort mit der mathematischen Arbeit Orthonormale Systeme und Randintegralformeln in der Funktionentheorie mehrerer Veränderlichen zum Dr. rer. nat. promoviert. 1966 habilitierte er sich für Philosophie in Münster mit der Schrift Erfahrung und Struktur. Bausteine zu einer Kritik des Empirismus und Formalismus

1966 wurde er als Professor für Philosophie an die Universität Konstanz berufen und war dort maßgeblich am Aufbau der Reformuniversität („Klein-Harvard am Bodensee“) beteiligt. Kambartel steht der Erlanger Schule der konstruktivistischen Wissenschaftstheorie nahe. Von 1993 bis zu seiner Emeritierung 2000 lehrte er in Frankfurt am Main.

Wirken[Bearbeiten]

Kambartels Schwerpunkte sind die Sprachphilosophie, die Theorie der exakten Wissenschaften und die Philosophie des Geistes. Er hat aber auch zu Logik, Handlungstheorie, Moralphilosophie und Philosophie der Ökonomie gearbeitet. Er ist Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur.

Seine Hauptwerke sind die im Suhrkamp Verlag 1968 erschienene Habilitationsschrift „Erfahrung und Struktur“ sowie die beiden ebenfalls bei Suhrkamp herausgegebenen Aufsatzsammlungen „Theorie und Begründung“ (1976) und „Philosophie der humanen Welt“ (1989).

Zwei große Themen durchziehen das Kambartelsche Werk, zum einen der Primat der praktischen Vernunft, zum anderen das Verständnis von Vernunft als Kultur.

Das erste Thema prägt vor allem die wissenschafts-, geist- und handlungstheoretischen Arbeiten. Wenn der praktischen Vernunft ein Primat vor der theoretischen Vernunft zukommt, letztere also erst auf dem Boden ersterer möglich wird, dann können Ergebnisse der Neurowissenschaften etwa niemals zeigen, dass der Mensch doch determiniert ist und nicht frei handeln kann.

Das zweite Thema tritt erst im Spätwerk deutlich hervor und markiert dann auch eine Distanz zu den begrifflichen Aufbau- und Definitionsversuchen der Erlanger Schule. Vernunft sei nicht exakt, z.B. definitorisch als Prinzip oder Kriterium, zu fassen. Vernunft sei vielmehr eine Kultur, in die man hineinwächst, eine soziale Praxis, in der man seine Urteilskraft bildet. Begriffliche Urteile wie Immanuel Kants Selbstzweckformel kommentierten Ausschnitte aus der „Grammatik“ dieser Kultur. Die Moral sei, anders als Kant dachte, nicht das Ganze oder das Höchste der Vernunft. Sie sei nur ein Rationalitätsstandard neben anderen. Die Vernunft integriere diesen Rationalitätsstandard und wäge ihn gegenüber anderen Rationalitätsstandards ab.

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten]

Selbständige Veröffentlichungen und (Mitwirkung an) Editionen[Bearbeiten]

  • Bernard Bolzanos Grundlegung der Logik. Ausgewählte Paragraphen aus der Wissenschaftslehre, Bd. 1 u. 2, mit ergänzenden Textzusammenfassungen, einer Einleitung und Registern, hrsg. von F. Kambartel, Hamburg, 1963, 1978².
  • Erfahrung und Struktur. Bausteine zu einer Kritik des Empirismus und Formalismus, Frankfurt a.M., 1968, 1976²; span.: Buenos Aires, 1972.
  • Gottlob Frege: Nachgelassene Schriften, unter Mitwirkung von G. Gabriel u. W. Rödding bearbeitet, eingeleitet u. mit Anmerkungen versehen von H. Hermes, F. Kambartel, F. Kaulbach, Hamburg, 1969; engl.: Oxford, 1979.
  • Historisches Wörterbuch der Philosophie, mithrsg. von F. Kambartel, Stuttgart / Basel, 1971ff.
  • Zum normativen Fundament der Wissenschaft, hrsg. von F. Kambartel, J. Mittelstraß, Frankfurt a.M., 1973.
  • Wissenschaftstheorie als Wissenschaftskritik (zusammen mit P. Janich, J. Mittelstraß), Frankfurt a.M., 1974.
  • Praktische Philosophie und konstruktive Wissenschaftstheorie, hrsg. von F. Kambartel, Frankfurt a.M., 1974.
  • Theorie und Begründung. Studien zum Philosophie- und Wissenschaftsverständnis, Frankfurt a.M., 1976.
  • Philosophie der humanen Welt. Abhandlungen, Frankfurt a.M., 1989.
  • Vernunftkritik nach Hegel. Analytisch-kritische Interpretation zur Dialektik, hrsg. von Chr. Demmerling, F. Kambartel, Frankfurt a.M., 1992.
  • Philosophie und Politische Ökonomie, Göttingen, 1998.
  • Sprachphilosophie. Probleme und Methoden (zusammen mit P. Stekeler-Weithofer), Stuttgart, 2005.

Aufsätze in Zeitschriften und Sammelbänden[Bearbeiten]

(Nicht eigens aufgeführt sind hier die Aufsätze aus den Sammelbänden "Philosophie der humanen Welt", "Philosophie und politische Ökonomie" sowie "Theorie und Begründung".)

  • Symbolic Acts. Remarks on the Foundation of a Pragmatic Theory of Language, in: (hrsg. von G. Ryle) Contemporary Aspects of Philosophy, Stockfield, 1976, 70 – 85; dt.: Symbolische Handlungen. Überlegungen zu den Grundlagen einer pragmatischen Theorie der Sprache, in: (hrsg. von J. Mittelstraß, M. Riedel) Vernünftiges Denken. Studien zur praktischen Philosophie und Wissenschaftstheorie, Berlin, 1978, 3 – 22.
  • Bemerkungen zur Frage „Was ist und soll Philosophie?“, in: Hermann Lübbe (Hrsg.): Wozu Philosophie? Stellungnahmen eines Arbeitskreises, de Gruyter, Berlin/New York 1978, 17-34
  • Versuch über das Verstehen, in: (hrsg. von B. McGuiness, J. Habermas, K.-O. Apel, R. Rorty, Ch. Taylor, F. Kambartel, A. Wellmer) Der Löwe spricht … und wir können ihn nicht verstehen, Frankfurt a.M., 1991, 121-137; auch in: (hrsg. von P. Stekeler-Weithofer) Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung, Bd. 9: Gegenwart, Stuttgart, 2004, 288 – 309.
  • Über die praktische Form unseres Lebens, in: (hrsg. von H. Schnädelbach, G. Keil) Philosophie der Gegenwart – Gegenwart der Philosophie, Hamburg, 1993, 281 – 289.
  • Normative Bemerkungen zum Problem einer naturwissenschaftlichen Definition des Lebens, in: (hrsg. von A. Barkhaus u.a.) Identität, Leiblichkeit, Normativität, Frankfurt a.M., 1996, 109 – 114; auch in: (hrsg. von A. Krebs) Naturethik, Frankfurt a.M., 1997, 331 – 336.
  • Wahrheit und Vernunft. Zur Entwicklung ihrer praktischen Grundlagen, in: (hrsg. von Ch. Hubig) Cognitio Humana. Dynamik des Wissens und der Werte, Berlin, 1997, 175 – 187; gekürzte Fassung in: Information Philosophie, 1997, Heft 4, 5 – 17.
  • Die Aktualität des philosophischen Konstruktivismus, in: (hrsg. von Chr. Thiel) Akademische Gedenkfeier für Paul Lorenzen, Akademische Reden und Kolloquien der Friedrich Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Bd. 13, Erlangen / Nürnberg, 1998, 25 – 36.
  • Wahrheit und Begründung, in: Dialektik. Enzyklopädische Zeitschrift für Philosophie und Wissenschaften, 1999, 37 – 52.
  • Strenge und Exaktheit, in: (hrsg. von G.-L. Lueken) Formen der Argumentation = Leipziger Schriften zur Philosophie, 11, Leipzig, 2000, 75 – 85.
  • Semantischer Inhalt und Begründung, in: (hrsg. von A. Fuhrmann, E.J. Olsson) Pragmatisch denken, Frankfurt / Lancaster, 2004, 135 – 145.
  • Geist und Natur. Bemerkungen zu ihren normativen Grundlagen, in: (hrsg. von G. Wolters, M. Carrier) Homo Sapiens und Homo Faber. Epistemische und technische Rationalität in Antike und Gegenwart, Berlin / New York, 2005, 253 – 265.
  • Meaning, Justification, and Truth, in: Pragmatics & Cognition, 13, 2005, 109 – 119.

Handbuchartikel[Bearbeiten]

  • In: (hrsg. von J. Ritter) Historisches Wörterbuch der Philosophie, Basel / Stuttgart, 1971-1989, die Beiträge: Abfolge; Anschauungssatz / Begriffssatz; Bedingung; Erfahrung; Größe; Methode (zusammen mit R. Welter); Naturgeschichte; Analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie (zusammen mit G. Gabriel, Th. Rentsch).
  • In: (hrsg. von J. Mittelstraß) Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 1 u. 2, Mannheim / Zürich / Wien, 1980-1984, Bd. 3 u. 4, Stuttgart / Weimar, 1995-1996, die Beiträge: Abfolge; allgemein (ethisch); Analogien der Erfahrung; Analytik; Anschauung; analytisch; Antizipationen der Wahrnehmung; Apprädikator; a priori; Arbeit; Ästhetik, transzendentale; Bacon, F.; Bedingung; Begründung; Besonnenheit; Bolzano, B.; Brückenprinzip; Empirismus; Erlanger Schule; finit/Finitismus; Folge (logisch); Frankfurter Schule; Frieden; Gebrauchswert; Gelassenheit; Grenznutzen; Größe; Größenlehre; Grund; Grundlagenforschung; Grundsatz; ceteris-paribus-Klausel (zusammen mit R. Wimmer); Idee (systematisch); Keynes, J.M.; Konsens; Leben, gutes; Leben, vernünftiges; Lebensqualität; Malthus, T.R.; Mehrwert; Metaethik; Mittel; Moral; Moralismus; Moralität; Norm (handlungstheoretisch, moralphilosophisch); normativ; Normierung; Nutzen; Ökonomie, politische; Pascal, B.; Person (zusammen mit A. Krebs, Th. Jantschek); Philosophie, praktisch; Pluralismus; Positivismus (systematisch); Pragmatik; pragmatisch; Prinzip; Rechtfertigung; Regel (zusammen mit Th. Jantschek); Ritter, J.; Satz an sich; Schema; Schematismus; Scholz, H.; Selbstzweck; Sinnkriterium, empiristisches (zusammen mit M. Carrier); Sokrates; Struktur; Stufe; Symbol (zusammen mit B. Gräfrath); Tauschwert; theoretisch; Theorie, kritische; Theorie und Praxis; transsubjektiv / Transsubjektivität; Universalisierung; Universalität (ethisch); Utopismus; Verifikationsprinzip (zusammen mit M. Carrier); Verstandesbegriffe, reine; Voraussetzung; voraussetzungslos / Voraussetzungslosigkeit; Vorstellung an sich; Wertgesetz; Whitehead, A. N.; Wissenschaft; Wissenschaftskritik.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Gerhard Lüdtke, Hans Strodel, Hans Jaeger: Kürschners deutscher Gelehrten-kalender. 17 Auflage. de Gruyter, Berlin, New York 1992, ISBN 3110117541.

Weblinks[Bearbeiten]