Friedrich Ludwig Jahn

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Friedrich Ludwig Jahn
Jahn-Denkmal in Neubrandenburg

Friedrich Ludwig Jahn, auch „Turnvater Jahn“ genannt (* 11. August 1778 in Lanz (Prignitz); † 15. Oktober 1852 in Freyburg (Unstrut)) war der Initiator der deutschen Turnbewegung, die von Anfang an mit der frühen Nationalbewegung verknüpft war. Sie war u. a. mit der Zielsetzung entstanden, die Jugend auf den Kampf gegen die napoleonische Besetzung und für die Rettung Preußens und Deutschlands vorzubereiten. Den ersten Turnplatz schuf er 1811 in der Berliner Hasenheide. Die von Jahn und seinen Mitstreitern auf dem Turnplatz in der Hasenheide demonstrierten Vorstellungen von der „Deutschen Turnkunst“ sind im heutigen Turnbetrieb noch wiederzufinden, ebenso grundlegende von Jahn eingeführte Begriffe und Bezeichnungen, die Eingang in die wissenschaftliche Terminologie des Geräteturnens gefunden haben. Damit hat Jahn die Grundlagen nicht nur für den Turnbetrieb, sondern zum großen Teil auch für den heutigen Sportbetrieb geschaffen.

Das von Jahn begründete Turnen (Geräte, Übungen) entwickelte sich zur heutigen Sportart Gerätturnen. Die Turngeräte Reck und Barren wurden von ihm eingeführt.

Leben[Bearbeiten]

Jugend und Studienzeit[Bearbeiten]

Der Sohn eines Pfarrers wurde zuerst vom Vater unterrichtet. 1791 besuchte er das Gymnasium in Salzwedel (Altmark), das 1931 nach ihm benannt wurde (Jahngymnasium Salzwedel), ab 1794 das Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, das er zwei Jahre später ohne Abschluss verließ.

Ohne das dafür erforderliche Abitur immatrikulierte er sich 1796 an der Universität Halle zum Theologiestudium und verbrachte sieben Jahre an verschiedenen Universitäten, darunter der Universität Greifswald, die er, wie schon die Gymnasien, wegen schlechter Führung und seines nie bestandenen Abiturs verlassen musste.[1]

Jahn nahm eine Stelle als Hauslehrer an und befasste sich intensiv mit deutscher Sprache und Geschichte. Er trat in Halle für die Reinheit der deutschen Sprache ein und verfasste die Schrift Patriotismus in Preußen, daraufhin musste er Halle verlassen und ging nach Breslau. Häufig verbarg sich Jahn um 1800 in Halle in einer Höhle in einem Felsen an der Saale, heute als Jahnhöhle bekannt.

1800 wurde ihm in Leipzig der Prozess gemacht und ein Verbot für alle deutschen Universitäten ausgesprochen. 1802 begegnete er Ernst Moritz Arndt an der Universität Greifswald; die vaterländische Idee des „Vereinigten Deutschland“ entstand. Von Juli 1801 bis Januar 1802 hielt er sich an der Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) ohne Immatrikulation auf.

Jahn war Anhänger der Unitisten.

Entwicklung seiner Weltanschauung[Bearbeiten]

Bald darauf verließ Jahn Greifswald wieder ohne Abschluss, ging zunächst nach Neubrandenburg, wo er 1803–1804 als Hauslehrer die Kinder des Barons le Fort unterrichtete. Danach ging er in die Glashütte Sophienthal bei Waren (Müritz) und schließlich als Privatlehrer nach Jena. 1807 traf er Johann Christoph Friedrich GutsMuths in Schnepfenthal, dem er Impulse für das Turnen in Deutschland verdankt. Während des Krieges (Schlacht bei Jena und Auerstedt) fungierte Jahn als Kurier im Regierungsauftrag. 1810 wurde er an der Plamannschen Erziehungsanstalt in Berlin tätig, scheiterte dann aber an einer Prüfung für die Oberlehrerstelle in Königsberg. Er wurde Hilfslehrer in Berlin und widmete sich der Turnerei.

Jahn-Denkmal auf den Jahnklippen bei Scharzfeld

In seiner 1808 verfassten Schrift Deutsches Volksthum[2], 1810 in Lübeck publiziert, skizzierte er erstmals seinen entschiedenen völkischen Nationalismus, zu dem er während der französischen Besatzung gekommen war und den er mit scharfen Angriffen auf die „Ausländerei“ und die „Verwelschung“ verband:[3]

„Unglückliches Deutschland! Die Verachtung deiner Muttersprache hat sich fürchterlich gerächt. Du warst schon länger dir unwissend durch eine fremde Sprache besiegt, durch Fremdsucht ohnmächtig, durch Götzendienst des Auslandes entwürdigt. Nie hätte dein Überwinder so vielfach in einem andern Lande gesiegt, wo die Vergötterung seiner Sprache nicht mitgefochten … Diese Sprache hat deine Männer betört, deine Jünglinge verführt, deine Weiber entehrt.--- Deutsche, fühlt wieder mit männlichem Hochsinn den Wert eurer edeln lebendigen Sprache, schöpft aus ihrem nieversiegenden Urborn, grabet die alten Quellen auf, und lasset Lutetiens stehende Lache in Ruhe!“

Hier vertrat Jahn die Ansicht, Deutschland solle eine größere Rolle in Europa einnehmen; dies sei auch möglich, wenn man sich auf die Einheit der Deutschen besinne. Als Ziel nannte er ein „Großdeutschland“, zu dem auch die Schweiz, Holland und Dänemark gehören würden. Hauptstadt solle die neue Stadt Teutonia werden, die in Thüringen gegründet werden solle, wo sich die Fernstraßen aus den dann deutschen Grenzstädten Genf, Memel, Fiume, Kopenhagen, Dünkirchen und Sandomir treffen würden.

Die Turnbewegung und die Nationalbewegung entstehen[Bearbeiten]

Am 13. November 1810 gründete Jahn mit 11 Freunden in der Hasenheide bei Berlin den geheimen Deutschen Bund zur Befreiung und Einigung Deutschlands. Aus den ausgedehnten Wanderungen, die Jahn mit seinen Schülern unternahm, entwickelte sich schließlich regelmäßiges Turnen. Am 19. Juni 1811 begann er an dem Treffpunkt der Schüler- und Freundesgruppe mit dem öffentlichen Turnen. So war die Hasenheide der erste deutsche Turnplatz, der mit Geräten nach dem Vorbild von GutsMuths ausgestattet wurde. Ebenso entstammten die Leibesübungen, die Jahn Turnen nannte, dem Vorbild GutsMuths, allerdings meinte Jahn mit Turnen die Gesamtheit aller Leibesübungen: Geräteübungen wurden weiterentwickelt und durch Spiele, Schwimmen, Fechten und Wandern ergänzt.

Widmungen am Jahndenkmal in der Berliner Hasenheide
Jahnstein an der Travemünder Allee zur Erinnerung an den ersten Sportplatz in Lübeck

Zunächst war das Turnen ein buntes Treiben auf den Turnplätzen mit dem Ausdruck einer romantischen Volksbewegung, um die „Feinde der Freiheit“ zu besiegen. Diese Feinde waren neben den Franzosen auch Fürsten aus Deutschland, die weiterhin die Einheit und Freiheit der deutschen Nation verhinderten. Jahn war gegen die Kleinstaaterei und für ein einheitliches Deutschland (weswegen er 1819 verhaftet wurde und 6 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbrachte). Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die Jugend, er wollte diese für einen eventuellen Kampf vorbereiten. Er erfand das Turnen als eine körperliche Betätigung für jedermann mit einem durchaus wehrpolitischen Nutzen. Jahn entwickelte das Turnen weiter zur „patriotischen Erziehung zur Vorbereitung auf den Befreiungskrieg“. Er sah das Turnen in engem Zusammenhang mit politischen Zielen: der Befreiung Deutschlands von napoleonischer Herrschaft, der Idee eines künftigen deutschen Reiches unter preußischer Führung und der Teilnahme der einzelnen Staatsbürger am Wohl und Weh des Ganzen.

Auch das Turnen ordnete er politischen Gesichtspunkten unter. Jahn wollte die Jugend für den Kampf gegen Frankreich trainieren. Mit anderen versuchte er dem preußischen Königshof die Notwendigkeit des Aufstands deutlich zu machen. Offenbar verabredete er mit Scharnhorst und Hardenberg die Gründung eines Freikorps, denn er kam schon zum Sammelplatz, bevor dem König von den Ministern die Bitte um die Errichtung des Lützowschen Freikorps vorgelegt wurde. Mit einigen Turnern aus Berlin kam er dazu auch nach Breslau, viele weitere Freunde und Bekannte aus Studientagen konnte er darüber hinaus für das Korps gewinnen. Bei der Anreise regte er in Frankfurt (Oder) die Gründung des ersten Turnplatzes auf den Laudonsbergen der Frankfurter Dammvorstadt an.[4]

Im Freikorps leistete er vor allem bei der Verwaltung, der Ermutigung und Anfeuerung der Freiwilligen sowie durch seine Ortskenntnis in Mittel- und Norddeutschland besondere Dienste. Er war auch zeitweise als Anführer eines Bataillons eingesetzt.

Mit der Niederlage Napoleons 1813 wurde die Voraussetzung für die nationale Befreiung Deutschlands geschaffen. Mit dem Sieg der Völkerschlacht bei Leipzig wurde Jahns Wunsch in gewissem Sinn Wirklichkeit.

1813, in der Zeit der Völkerschlacht bei Leipzig, forderte Jahn: „… freie Rede, Verfassung, Einheit des Vaterlandes …“ Im selben Jahr nahm Jahn in Berlin den in der Zwischenzeit von Ernst Eiselen geleiteten Turnbetrieb wieder in seine Hand. Er half bei der Verbreitung des Turnens, wo es ihm möglich war: Er schickte Vorturner und besuchte auf seinen Turnfahrten selbst verschiedene Turnplätze.

Am 12. Juni 1815 wurde in Jena die Urburschenschaft gegründet. 1816 erschien Jahns Buch Die Deutsche Turnkunst (mit Ernst Eiselen).[5] In diesem Buch beschreibt Jahn folgende Punkte

  1. Ziele, Inhalte und Formen
  2. Verhaltens- und Kleiderordnung
  3. allgemeine Verhaltensregeln

Dieses Buch ist aus der Praxis heraus für die Praxis entstanden. Für die Turner und Anhänger Jahns war es eine Art Bibel einer neuen volkstümlichen Erziehung über den Körper. Das Buch ist in mehrere Abschnitte unterteilt:

  1. in einem Vorbericht wird die Entstehung des Buches als Ergebnis einer Gemeinschaftsarbeit beschrieben
  2. die eigentlichen Turnübungen werden behandelt: gehen, laufen, springen, schwingen, schweben, Reckübungen, Barrenübungen, werfen, ziehen, schieben, heben, tragen, strecken, ringen,
  3. Turnspiele
  4. Musterbeschreibung eines Turnplatzes und der Turngeräte wird gegeben
  5. Turnordnung, Turngesetze, das Verhalten und die Kleidung der Turner und Lehrer wird dargestellt.

Den Höhe- und Wendepunkt der frühen Turnbewegung konnte man in den Jahren 1817/18 vermerken. Nach den Befreiungskriegen gewannen die konservativ politischen Kräfte in Preußen wieder an Einfluss. Somit war der Reformfrühling vorüber. Diejenigen, welche sich nicht anpassen wollten, wurden zurechtgewiesen. Diese Erfahrung musste auch Jahn mit seiner Verhaftung machen. Denn er verfolgte weiterhin die Ideen der Reformzeit, hatte jedoch keinen Rückhalt mehr zu erwarten. Mehrere Turner aus Jahns Umfeld wurden festgenommen oder erhielten ein Berufsverbot, so dass sie ins Ausland (vor allem Amerika) auswanderten.

Restauration[Bearbeiten]

Der Wiener Kongress enttäuschte Jahn, da sich dort eine Politik des europäischen Gleichgewichts durchgesetzt hatte. Der deutsche Bund unterdrückte die liberalen Verfassungsbewegungen in den Einzelstaaten. Von den eigentlichen Zielen Jahns war nur die Befreiung von Frankreich erfüllt.

Er begann 1817 mit einer Vortragsreihe zum Deutschen Volkstum, in dem er die Missstände im preußischen Heer anprangerte und die Beschränkung der bürgerlichen Rechte im Staat bedauerte. Damit schuf er sich nicht nur Freunde, sondern auch Feinde wie den Staatskanzler Hardenberg, der das Turnen unter staatliche Aufsicht an den Schulen übernehmen wollte. Außerdem gab er immer wieder in derben Worten seinem Patriotismus bzw. Nationalismus Ausdruck. Zuhörer waren von seiner Schroffheit nicht selten unangenehm berührt, etwa wenn Jahn auch noch nach dem Sieg über Napoleon die französische Sprache und ihr Erlernen verteufelte. 1825 wurde Jahn, der Deutschland gegenüber Polen und Franzosen abgrenzen wollte, auch als Zeuge des nun zunehmenden Antisemitismus herangezogen.[6]. Seitdem wird in Verquickung mit dem Stil Treitschkes vielerorts der Satz „Polen, Franzosen, Pfaffen, Junker und Juden sind Deutschlands Unglück“ als Jahn-Zitat wiederholt – ohne dass dafür bisher ein Nachweis erbracht werden konnte. So ist aus heutigem Wissensstand festzustellen, dass Jahn einerseits ein polternder Patriot und auch Nationalist war, andererseits nicht einfach als „Früh-Nationalsozialist“ dargestellt werden kann. Zudem hielt er eine lockere Verbindung mit dem jüdischen Studenten Salomon Stiebel aus Frankfurt, die er 1811 aufnahm und spätestens 1848 als Paulskirchen-Abgeordneter wiederbelebte.[7] Bereits 1891 hatte der Jahn-Biograph Carl Euler den Vorwurf des Antisemitismus zurückgewiesen. Dass Antimodernismus und Antijudaismus sich bisweilen bei Jahn trafen, zeigt eine Bemerkung aus einem seiner Briefe (1834), in dem von einem „neuen, volkstumslosen, jüdelnden und junkernden Weltbürgertum“ die Rede ist. Auch die „Jüdische Turnzeitung“ schrieb 1902 zu Jahns 50. Todestag, er sei „auf uns Juden nie gut zu sprechen gewesen“.

In engem Bezug zum Turnwesen stand auch die Bewegung der Burschenschaften. Sie und die Turner verfolgten im Grunde die gleichen politischen Ziele. Allerdings gab es auch kleine Gruppierungen, die sich von diesen Zielsetzungen abhoben. Es kam zur Spaltung des deutschen Liberalismus in eine demokratische und eine nationalliberale Richtung.

Denkmal auf dem Leopoldsberg in Wien von Georg Leisek (1928)

Am 18./19. Oktober 1817 fand auf Jahns Initiative als Höhepunkt der Turnbewegung in Deutschland (mit über 100 Turnplätzen alleine in Preußen) das Wartburgfest mit der ersten neuzeitlichen (rein symbolischen) Bücherverbrennung im deutschsprachigen Raum statt. Jahn selbst stellte die Liste der Bücher zusammen, sein Schüler Hans Ferdinand Maßmann initiierte die Aktion. Dieser symbolträchtige Akt der Bücherverbrennung zog den Argwohn Metternichs auf sich, Jahn wurde nun beim preußischen Ministerium zunehmend zur missliebigen Person, nachdem er zudem bei einer Abendgesellschaft – mit nur gemischtem Erfolg – ein Hoch auf die Studenten des Wartburgfestes ausgebracht hatte. Seine Vorlesung über Deutsches Volksthum durfte er im Wintersemester nicht mehr offiziell an der Universität halten. Im Sommer 1818 kam es zur Berliner und Breslauer Turnfehde, worin Kritik gegen das Turnen oder gegen seine religiös-patriotische Richtung laut wurde.

1819 wurde im Zuge der Demagogenverfolgung dem Turner und Burschenschafter Jahn die Wiederaufnahme des Turnens auf der Hasenheide untersagt, da die Turnübungen im Rahmen des Unterrichts stattfanden und der Schulbehörde untergeordnet werden sollten. Die Ermordung des Schriftstellers, Spott-Journalisten und russischen Generalkonsuls August von Kotzebue, zuvor schon durch die Bücherverbrennung betroffen, durch den Studenten und Turner (oder Burschenschafter) Karl Ludwig Sand löste letztendlich die Turnsperre aus.

Die Auswirkung der Karlsbader Beschlüsse trafen die Turnbewegung hart. Jahn wurde am 13. Juli 1819 verhaftet, die Burschenschaften verboten, Universitäten unter Staatsaufsicht und viele studentische Turner und Burschenschafter unter polizeiliche Aufsicht gestellt. Jahn verbrachte die nächsten fünf Jahre in Haft in Spandau, Küstrin und Kolberg. Ein Turnverbot in ganz Preußen und anderen deutschen Staaten wurde erlassen.

Somit war offiziell in Preußen 1820 das Turnen eingestellt, allerdings fanden weiterhin vielerorts trotz dieser Sperre Leibesübungen statt.

Der Dichter und Richter E. T. A. Hoffmann leitete die Ermittlungen im Fall Jahns und seines Umfeldes. Jahn verharmloste seine Rolle im vergangenen Jahrzehnt, was durch seine ebenfalls verhörten Freunde gedeckt wurde. Hoffmann fällte 1820 ein mildes Urteil, trotz Beschuldigung des Regierungsrats Jahnke, eines ehemaligen Mitglieds des geheimen Deutschen Bundes. Jahn solle freigelassen werden, da keine hochverräterischen Tendenzen bei ihm sichtbar geworden seien. Jedoch wurde Jahn auf höhere Anweisung noch fünf Jahre in Haft gehalten, da man in ihm nicht ganz zu Unrecht neben Fichte und Arndt den geistigen Vater der studentischen Freiheits- und Einheitsbewegung sah. Am 15. März 1825 wurde er freigesprochen, unter der Bedingung, in keiner Universitäts- oder Gymnasialstadt zu wohnen.

1825 bis 1852 lebte Jahn unter Polizeiaufsicht in Freyburg an der Unstrut (heute in Sachsen-Anhalt). Hier steht heute noch die älteste Turnhalle Deutschlands, deren Bau Jahn nach der politischen Rehabilitation initiiert hatte. Im September 1828 wurde er wegen des Kontakts mit Schülern und Lehrern bis 1835 nach Kölleda ausgewiesen.

Rehabilitation[Bearbeiten]

Jahndenkmal an der Erinnerungsturnhalle in Freyburg (Unstrut), erbaut 1894

Im Laufe der Jahre wurden die Bestimmungen gelockert, und Ärzte und Pädagogen unterstützten das Wiederaufleben der Leibesübungen. 1837 wurden in den Gymnasien Leibesübungen gestattet.

1840 erfolgte Jahns Amnestierung und vollkommene Rehabilitierung durch Friedrich Wilhelm IV., Jahn erhielt das ihm aberkannte und vorenthaltene Eiserne Kreuz aus den Befreiungskriegen.

1842 hob Friedrich Wilhelm IV. den Erlass seines Vaters auf und beendete damit offiziell die Turnsperre; Turnen wurde in Preußen zugelassen und sogar Schulfach.

1848 wurde Jahn in die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche gewählt. Er wandte sich vom patriotischen Turnen ab, engagierte sich für Ruhe und Ordnung und vertrat die Idee eines preußischen Erbkaisertums. Damit büßte er seine Volkstümlichkeit zwar weitgehend ein, gelangte aber in der Folgezeit zu voller Anerkennung als Bahnbrecher der Leibeserziehung.

1852 starb Jahn in Freyburg (Unstrut). Dort wurde er an der Stirnseite der ersten deutschen Turnhalle beigesetzt. Aus Anlass der Olympischen Spiele in Berlin 1936 wurden seine Gebeine umgebettet. Sie fanden ihre letzte Ruhestätte im Ehrenhof seines Wohnhauses, das er 1838/39 erbaut hatte. Heute beherbergt es das Friedrich-Ludwig-Jahn-Museum.

Frisch, fromm, fröhlich, frei[Bearbeiten]

Turnerkreuz (FFFF) am Giebel eines Sportlerheims in Eisenberg

Der Turnerwahlspruch geht auf einen Reimspruch des 16. Jahrhunderts zurück (Frisch, frey, fröhlich, frumb – Sind der Studenten Reichthumb!), den Jahn 1816 im Turnlehrbuch Die deutsche Turnkunst zur sittlich-moralischen Maxime der Turner erhob (Frisch, frei, fröhlich und fromm – ist des Turners Reichtum).

Ende 1843 erklärte Jahn der Frankfurter Turngemeinde die Bedeutung des Wahlspruches, den er am Giebel seines Wohnhauses in Freyburg, dem heutigen Friedrich-Ludwig-Jahn-Museum, anbringen ließ:

  • „frisch nach dem Rechten und Erreichbaren streben, das Gute thun, das Bessere bedenken, und das Beste wählen
  • frei sich halten von der Leidenschaft Drang, von des Vorurtheils Druck, und des Daseins Ängsten
  • fröhlich die Gaben des Lebens genießen, nicht in Trauer vergehn über das Unvermeidliche, nicht in Schmerz erstarren, wenn die Schuldigkeit gethan ist, und den höchsten Muth fassen, sich über das Mißlingen der besten Sache zu erheben
  • fromm die Pflichten erfüllen, leutseelig und volklich, und zuletzt die letzte, den Heimgang. Dafür werden sie gesegnet sein, mit Gesundheit des Leibes und der Seele, mit Zufriedenheit so alle Reichthümer aufwiegt, mit erquickenden Schlummer nach des Tages Last, und bei des Lebens Müde durch sanftes Entschlafen.“

Aus den Anfangsbuchstaben des Turnerwahlspruches, den vier F, formte der Darmstädter Kupferstecher Heinrich Felsing 1843/46 das Turnerkreuz.

Der 1893 gegründete sozialistische Arbeiter-Turnerbund wandelte das Jahnsche Motto in einen neuen Wahlspruch um (Frisch – Frei – Stark – Treu).

Caspar David Friedrich - Zwei Männer in Betrachtung des Mondes

Kunstgeschichte[Bearbeiten]

Der Maler Caspar David Friedrich (1774-1840) stellt in seinem 1819 entstandenen Gemälde Zwei Männer in Betrachtung des Mondes Jahn zusammen mit dem Neubrandenburger Pastor Franz Christian Boll (1776-1818) dar.[8] Es handelt sich hier um eines der Gedächtnisbilder für den verstorbenen Boll, dem man die etwas untersetzte Figur mit Umhang zuordnen kann. Der andere, sportlich wirkende Typ, ist aus den historischen Umständen heraus als Friedrich Ludwig Jahn in jungen Jahren zu identifizieren, während seiner Hauslehrerzeit in Neubrandenburg.[9]

Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft e. V.[Bearbeiten]

Gedenkbriefmarke der Deutschen Post zum 200. Geburtstag
5 Mark Gedenkmünze der DDR zum 125. Todestag von Friedrich Ludwig Jahn aus dem Jahr 1977

Der Förderverein zur Traditionspflege und Erhaltung der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gedenkstätten (gegründet 1992) hat sich 2008 durch Satzungsänderung umbenannt und setzt nun seine Aktivitäten als Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft mit Sitz in Freyburg (Unstrut) fort. Die Aufgaben des Vereins sind jetzt weiter gefasst und formulieren einen höheren Anspruch: Die Gesellschaft widmet ihre Tätigkeit dem Ziel, das Leben und Wirken des Gründers der Turnbewegung in Deutschland und seines Umfeldes zu erforschen, seine Bedeutung in Geschichte und Gegenwart zu interpretieren, sein Erbe zu bewahren und zu verbreiten. Dazu unterhält die Gesellschaft Beziehungen zum Deutschen Turner-Bund und den Landesturnverbänden, zu Hochschulen, Schulen, Museen und Organisationen, die sich dem Anliegen verpflichtet fühlen. Jahn soll als einer der großen Deutschen in das Blickfeld einer größeren Öffentlichkeit gerückt werden.

Dem Schaffen Friedrich Ludwig Jahns widmet sich auch die Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek.

Ehrungen[Bearbeiten]

Jahn hatte im Laufe seines Lebens in vielen deutschen Städten gelebt und gewirkt. In sehr vielen davon sind nach seinem Tode Denkmäler aufgestellt worden. Auch an der Gründungsstätte der Turnbewegung, in der Berliner Hasenheide, wurde am 10. August 1872 die Bildsäule F. L. Jahn's enthüllt.[10] In zahlreichen deutschen Städten wurden Straßen nach Jahn benannt, beispielsweise in Halle und in Langenhagen an den früheren Sportanlagen. In Bielefeld erhielt der zentral gelegene Jahnplatz seinen Namen.

Seinen Namen trug auch ein Motorschulschiff der GST-Marineschule „August Lütgens“ in Greifswald-Wieck, die „F. L. Jahn“. Das ehemalige Fischereifahrzeug war als Ausbildungsschiff der Gesellschaft für Sport und Technik von 1958 bis 1972 im Hafen Greifswald-Wieck stationiert und wurde anschließend in den Stadthafen Rostock verlegt.

Am 31. Mai 2013 wurde Jahn in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.[11]

Kritik[Bearbeiten]

Wegen der nationalistischen und mutmaßlich antisemitischen Einstellung Jahns gibt es aber auch Kritik an diesen Ehrungen. In mehreren Städten gibt es Initiativen, nach Jahn benannte Plätze umzubenennen. So gibt es in Graz seit 2006 immer wieder Aktionen zur Umbenennung der Jahngasse bei der Landessportanstalt, wo auch ein Jahn-Denkmal steht.[12] Auch in Berlin gibt es die Initiative „Sport ohne Turnväter“, die für die Umbenennung des Jahnsportparks in Prenzlauer Berg eintritt. Als Gegenargument wird jedoch angeführt, dass Jahn auch als „Kind seiner Zeit“ gesehen werden müsse, dessen Ideen vom Preußischen Kaiserreich, dem Nationalsozialismus und der DDR vereinnahmt wurden.[13]

Siehe auch[Bearbeiten]

Denkmal in Lanz

Quellen und Literatur[Bearbeiten]

  • Schulze: Vertheidigungs-Schrift für den Doktor der Philosophie Friederich Ludwig Jahn. Glarus 1823. (Hierin auch die Nennung des Datums seiner Verhaftung, 1819, nicht 1820.)
  • Carl Philipp Euler: Friedrich Ludwig Jahn – sein Leben und Wirken. Krabbe, Stuttgart 1889.
  • Paul Piechowski: Friedrich Ludwig Jahn. Vom Turnvater zum Volkserzieher. Mit einer Porträt-Tafel. Leopold Klotz, Gotha 1926.
  • Heinrich Gerstenberg: Friedrich Ludwig Jahn. In: Mitteldeutsche Lebensbilder. Band 1: Lebensbilder des 19. Jahrhunderts. Magdeburg 1926, S. 54–64.
  • Erwin Mehl: Jahn als Spracherzieher. Zum 200. Geburtstag des Turnvaters (* 11. August 1778 zu Lanz). Verein Muttersprache, Klosterneuburg-Weidling 1978. (Wissenschaftliche Schriftenreihe Muttersprache; Heft 9) (Wiener Sprachblätter; 7).
  • Oliver Ohmann: Turnvater Jahn und die Deutschen Sportfeste. Sutton, Erfurt 2008.
  • Oliver Ohmann: Friedrich Ludwig Jahn. Sutton, Erfurt 2009.
  • Hans-Joachim Bartmuß: 15 Jahre unter Polizeiaufsicht, dennoch aktiv, von seinen Mitbürgern geehrt und geschützt – Friedrich Ludwig Jahn in Freyburg und Kölleda. In: Landesheimatbund Sachsen-Anhalt und Förderverein zur Traditionspflege und Erhaltung der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gedenkstätten (Hrsg.): Friedrich Ludwig Jahn und die Gesellschaften der Turner – Wirkungsfelder, Verflechtungen, Gruppenpolitik. Beiträge zur Regional- und Landeskultur Sachsen-Anhalts. Heft 33, Halle 2004, S. 87–110 Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek.
  • Günter Jahn: Die Studentenzeit des Unitisten F.L. Jahn und ihre Bedeutung für die Vor- und Frühgeschichte der Burschenschaft 1796–1819. In: Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im 19. und 20. Jahrhundert. Christian Hünemörder/Günter Cerwinka (Hrsg.);15. Heidelberg 1995, S. 1–129.
  • Hainer Weißpflug: Friedrich Ludwig Jahn – Patriot und Begründer der deutschen Turnbewegung. In: Die Mark Brandenburg, Heft 71, Berlin 2008, ISBN 978-3-910134-15-7.
  • Hans-Joachim Bartmuß, Eberhard Kunze, Josef Ulfkotte (Herausgeber): „Turnvater“ Jahn und sein patriotisches Umfeld. Briefe und Dokumente 1806–1812. 2008.
  • Eduard Ferdinand Angerstein: Jahn, Friedrich Ludwig. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 13, Duncker & Humblot, Leipzig 1881, S. 662–664.
  • Horst UeberhorstJahn, Friedrich Ludwig. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974, ISBN 3-428-00191-5, S. 301–303 (Digitalisat).
  • Werner Bergmann: Jahn, Friedrich Ludwig. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus, Band 2/1, Personen A- K, De Gruyter Saur, Berlin 2009, S. 403-406. ISBN 978-3-598-24072-0

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Friedrich Ludwig Jahn – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Der Turnvater Jahn als Spion – G. W., in Die Gartenlaube (1867), Heft 35, S. 559–560

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans-Joachim Bartmuss, Eberhard Kunze, Josef Ulfkotte: „Turnvater“ Jahn und sein patriotisches Umfeld. Briefe und Dokumente 1806–1812. Böhlau Verlag, Köln-Weimar 2008, S. 19.
  2. Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek
  3. Deutsches Volksthum, S. 199 f.
  4. Hans-Eberhard Fehland, Hans-Jürgen Losensky: Sportstadt Frankfurt (Oder). Herausgeber: Verein Sportgeschichte der Stadt Frankfurt (Oder) e. V. 2005, S. 7.
  5. Friedrich Ludwig Jahn, Ernst Wilhelm Bernhard Eiselen: Die deutsche Turnkunst, zur Einrichtung der Turnplätze dargestellt. Selbstverlag, Berlin 1816. (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)
  6. Fritz Eckardt: Die turnerische Bewegung von 1848/49, Frankfurt 1925, S. 63.
  7. Salomon Stiebel: Erinnerungen aus den deutschen Befreiungskriegen von 1813 und 1814. Frankfurt a. M. 1847. Auch Prof. Bartmuß auf http://www.gymmedia.com/Forum/agforum/06_jahndisput2.htm
  8. Detlef Stapf: Caspar David Friedrichs verborgene Landschaften. Die Neubrandenburger Kontexte. Greifswald 2014,S. 152 ff. netzbasiert P-Book
  9. Dietrich Grünwald: Friedrich Ludwig Jahn und das Turnen in Mecklenburg-Strelitz. Neubrandenburger Mosaik, Heimatgeschichtliches Jahrbuch des Regionalmuseums Neubrandenburg Nr. 17, 1993, S. 15-46
  10. Bildsäule Jahns in der Hasenhaide im Adressbuch 1875.
  11. zeit.de: Willy Bogner erhält Goldene Sportpyramide vom 31. Mai 2013, abgerufen am 6. Juni 2013
  12. Straßenschild ausgetauscht, Kleine Zeitung am 14. Dezember 2012
  13. Turnvaters rechte Gedanken, taz am 9. Oktober 2011