Friedrich Reck-Malleczewen

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Friedrich Percyval Reck-Malleczewen [maləˈtʃeːvn̩], eigentlich Friedrich (Fritz) Reck (* 11. August 1884 auf dem Gut Malleczewen (Kreis Lyck) in Ostpreußen; † 16./17. Februar 1945 im KZ Dachau) war ein deutscher Schriftsteller, Arzt und christlicher Gegner des Nationalsozialismus.

Herkunft und Ausbildung[Bearbeiten]

Als Sohn des ostpreußischen Rittergutsbesitzers und konservativen Abgeordneten Hermann Reck besuchte Friedrich Reck das Königliche Gymnasium Lyck.[1] Obwohl er eigentlich Musiker werden wollte, trat er auf Drängen seines Vaters nach dem Abitur 1904 in das Infanterie-Regiment Großherzog von Sachsen (5. Thüringisches) Nr.94 in Jena.

Er brach die Offizierslaufbahn ab und studierte Medizin an der Albertus-Universität Königsberg und der Innsbruck. Nach dem Staatsexamen (1910) und der Promotion mit der Arbeit „Beitrag zur Genese der Zylinder des Koma diabeticum“ (1911) konnte Reck sich nur kurzzeitig als Assistenzarzt an der Universitätsklinik Königsberg halten. Daraufhin begann er für Zeitungen zu schreiben. Als sich die Möglichkeit einer Anstellung als Schiffsarzt bot, bereiste er 1912 ganz Amerika. Anschließend arbeitete er in Stuttgart als Journalist und Theaterkritiker. Da Reck unter Diabetes mellitus litt, wurde er im Ersten Weltkrieg nicht einberufen.

Privatleben[Bearbeiten]

Noch während des Studiums heiratete er 1908 Anna Louise Büttner, Musikstudentin und Tochter eines kaiserlich russischen Staatsrats. 1913 lernte er in München Irma Glaser kennen. 1914 übersiedelte er nach Pasing bei München. Ab 1917 arbeitete Irma Glaser nebenberuflich als Sekretärin für Reck und wurde bald „durch ihr organisatorisches Geschick in Finanzangelegenheiten“[2] unentbehrlich. Darüber hinaus diente sie ihm als Vorlage für die Novelle Die Fremde, erschienen 1917. Sie lebte abwechselnd in Pasing, Bern und Wien. Seit 1920 wohnte sie im Haus ihres Lebensgefährten Reck in der Mussinanstr. 10. Sie war „emsig bestrebt, die Schwierigkeiten seines Charakters im Umgang mit anderen Menschen auszugleichen“[3]. Der antisemitische Schriftsteller Bruno Brehm verewigte das Paar in seinem Schlüsselroman Der Lügner (Wien, 1949). Recks erste Ehe, aus der drei Töchter und ein Sohn hervorgegangen sind, wurde 1930 geschieden. Nach fast 20 gemeinsamen Jahren kam Irma Glaser 1933 unter ungeklärten Umständen durch Gasvergiftung in Recks Haus ums Leben. Im gleichen Jahr konvertierte Reck zum katholischen Glauben und bezog das von ihm bereits 1925 erworbene Gut Poing bei Truchtlaching im Chiemgau. 1935 heiratete Reck die Adoptivtochter eines Adeligen und Freundes, Irmgard von Borcke. Aus dieser Ehe gingen drei Töchter hervor.

Recks gesamtes Leben stand unter der Problematik, seinen realen wirtschaftlichen Abstieg zu verarbeiten, der mit dem – durch seine Herkunft bedingten – Bewusstsein, einer gesellschaftlichen und geistigen Elite anzugehören, nicht zu vereinbaren war. In diesem Licht ist auch seine Literaturproduktion, die vor allem auf Verkäuflichkeit zugeschnitten war, zu sehen. 1931 äußerte Reck: „Ich kann nicht mehr (…) die besten Dinge, die ich zu sagen habe, für mich behalten und Romane für Dienstmädchen und Droschkenkutscher schreiben“.

KZ-Haft und Tod[Bearbeiten]

Wie andere Vertreter der konservativen Revolution hoffte Reck anfänglich, der Nationalsozialismus könne die gesellschaftliche Nivellierung des Individuums aufhalten. In seinem 1936 begonnenen Tagebuch eines Verzweifelten zeigt sich, dass seine Hoffnung in Hass auf die Nazis umgeschlagen ist. Er bezeichnet diese als „Herde böser Affen“. Der Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg wirft er vor, Hitler an die Macht gebracht zu haben. Der Gruppe um die Geschwister Scholl gilt dagegen seine Sympathie.

Aufgrund einer Denunziation (für die, laut Süddeutscher Zeitung vom 2. Mai 1948, der Verlagsdirektor Alfred Salat von der Spruchkammer München X zu drei Jahren Arbeitslager verurteilt wurde) wurde er 1944 von der Gestapo verhaftet, jedoch kurze Zeit später mit der Bescheinigung, dass weder politisch noch kriminell etwas gegen ihn vorliege, wieder entlassen. Sein Denunziant setzte jedoch durch, dass er am Silvesterabend 1944/1945 wegen „Verunglimpfung der deutschen Währung“ (so soll er in einem Brief an seinen Berliner Verleger sich die Bezahlung in Reichsmark verbeten haben, weil auf diese Währung „kein Nickel mehr zu setzen sei“) verhaftet und am 9. Januar 1945 ins KZ Dachau gebracht wurde, wo er wenig später starb.

Die genauen Umstände seines Todes sind nicht überliefert. Curt Thesing, der auf Betreiben der Witwe Irmgard Reck die Verwaltung des literarischen Nachlasses übernahm, schreibt jedoch im Vorwort zu Tagebuch eines Verzweifelten (am 3. November 1946), dass er „am 24. Februar – soweit seine Freunde die Todesursache festzustellen vermochten – durch Genickschuss“ starb. Andere Quellen nennen den 17. oder 16. Februar als Todestag. Nico Rost beschreibt in seinem Tagebuch Goethe in Dachau seltsamerweise eine Begegnung mit Reck im KZ am 15. April 1945. In ihrem biografischen Nachwort der Tagebuch-Ausgabe von 1994 nennt Christine Zeile als Todesursache eine Fleckfiebererkrankung.

Literarisches Schaffen[Bearbeiten]

In seinen Romanen verarbeitete Friedrich Reck-Malleczewen wiederholt seine Reiseerfahrungen. Daneben schrieb er zahlreiche Jugenderzählungen. Sein Vorbild war Robert Louis Stevenson, seine Arbeiten aber stehen in der Nähe zur Trivialliteratur.

Sein 1930 erschienener Roman Bomben auf Monte Carlo (der im Kern den Fantômas-Roman La Main Coupée plagiiert) wurde zweimal verfilmt.

Als Schriftsteller im nationalsozialistischen Deutschland ist Friedrich Reck-Malleczewen – wie Frank Thiess – der Konservativen Revolution zuzuordnen. In seinem 1937 erschienenen (Wieder-)Täuferroman Bockelson. Geschichte eines Massenwahns schildert er den Niedergang der ehemals ständisch-konservativen Stadt Münster im 16. Jahrhundert, die sich unter dem Einfluss des kleinbürgerlichen Demagogen Bockelson zur populistischen Diktatur entwickelt. Ein Vergleich des Täuferreichs von Münster unter ihrem „Führer“ Jan Bockelson mit den gesellschaftlichen Zuständen des Dritten Reichs ist beabsichtigt. Dies blieb auch den Nationalsozialisten nicht verborgen und das Buch wurde schließlich verboten.

Sein im Mai 1936 begonnenes Tagebuch, das bis zur Verhaftung im Oktober 1944 reicht, erschien unter dem Titel Tagebuch eines Verzweifelten 1947 erstmals in kleiner Auflage. Erst 1966 wurde es von einem anderen Verlag erneut herausgebracht und seitdem mehrfach wiederaufgelegt. Es gilt mit seiner hellsichtigen und brillant geschriebenen Diagnose der Nazibarbarei als wichtiges Zeitdokument.

Werke[Bearbeiten]

  • Uradel, 1914 (Trauerspiel)
  • Aus Tsingtau entkommen. Erzählung für die Jugend, 1916
  • Die Fremde, Berlin 1917
  • Mit Admiral Spee. Erzählung für die Jugend aus dem Seekrieg 1914/15, Stuttgart (Levy & Müller) 1917
  • Der Admiral der Roten Flagge. Erzählung für die Jugend, Stuttgart (Levy&Müller) 1917 (Wiederauflagen unter dem Titel Der Admiral der schwarzen Flagge noch bis 1964 )
  • Phrygische Mützen [Kurznovellen], München (Drei Masken Verlag) 1922
  • Monteton. Roman, Berlin (Mosse) 1924
  • Die Siedlung Unigtrusttown. Roman, Berlin (Ullstein) 1925
  • Frau Übersee. Roman – Die Fremde. Novelle, Berlin (Deutsche Buch-Gemeinschaft) 1926
  • Sif, das Weib, das den Mord beging. Roman, München (Drei Masken) 1926
  • Liebesreigen und Fanfaren. Roman, Berlin (Volksverband der Bücherfreunde, Wegweiser-Verlag) 1927
  • Die Dame aus New York, ca. 1928 (Roman)
  • Sven entdeckt das Paradies. Roman, Berlin (Deutsche Buch-Gemeinschaft) 1928
  • Jean Paul Marat. Freund des Volkes, München (Drei Masken) 1929
  • Bomben auf Monte Carlo. Roman, Berlin (Scherl) 1930
  • Des Tieres Fall. Das Schicksal einer Maschinerie, München (Georg Müller) 1931 (Roman)
  • Hundertmark. Die Geschichte einer Tiefstapelei, Berlin (Vorhut Verlag Otto Schlegel) 1934
  • Krach um Payta. Eine Geschichte aus Dschungel und Sumpf, Berlin (Ullstein) 1935
  • Ein Mannsbild namens Prack. Roman, Berlin (Schützen) 1935
  • Sophie Dorothee. Mutter Friedrichs des Großen, Berlin (Schützen) 1936
  • Bockelson. Geschichte eines Massenwahns, Die Geschichte der Wiedertäufer von Münster, Berlin (Schützen) 1937
  • La Paloma. Roman, Berlin (Schützen) 1937
  • Spiel im Park. Roman, 1937
  • Charlotte Corday. Geschichte eines Attentates, (Schützen) 1937
  • Der grobe Brief. Von Martin Luther bis Ludwig Thoma, Berlin (Schützen) 1940
  • Diana Pontecorvo, Berlin (Knaur) 1944 (Roman)
  • Das Ende der Termiten. Ein Versuch über die Biologie des Massenmenschen. Fragment, hrsg. v. Curt Thesing, Lorch (Bürger-Verlag) 1946
  • Tagebuch eines Verzweifelten, Lorch (Bürger-Verl.) 1947, Vor- und Nachwort von Curt Thesing
  • Tagebuch eines Verzweifelten, Stuttgart (Goverts) 1966, Neuausgabe. Mit Vorwort von Klaus Harpprecht
  • Tagebuch eines Verzweifelten, Berlin/Bonn (J. H. W. Dietz Nachf.) 1981. Mit einem Vorwort von Bernt Engelmann
  • Tagebuch eines Verzweifelten, Frankfurt am Main (Eichborn) 1994, Neuausgabe. Mit einem biographischen Essay von Christine Zeile

Filmografie[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Paul Brock: Überragt vom Turm der Kirche. Lyck, die Hauptstadt Masurens wurde vor 555 Jahren gegründet. Ostpreußenblatt vom 30. August 1980, S. 11
  2. Vgl. Christine Zeile: Friedrich Reck — Ein biografischer Essay. In: Tagebuch eines Verzweifelten. Eichborn, Frankfurt am Main 1994 (Neuausgabe)
  3. Vgl. Christine Zeile: Friedrich Reck — Ein biografischer Essay. In: Tagebuch eines Verzweifelten. Eichborn, Frankfurt am Main 1994 (Neuausgabe).

Weblinks[Bearbeiten]