Friedrich Wilhelm Kritzinger (Ministerialdirektor)

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Friedrich Kritzinger
Kritzinger als Vertreter der Reichskanzlei im Besprechungsprotokoll der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942

Friedrich Wilhelm Kritzinger (* 14. April 1890 in Grünfier bei Filehne; † 25. April 1947 in Nürnberg) war ein deutscher Staatsbeamter, unter anderem als Ministerialdirektor und Staatssekretär in der Reichskanzlei unter Hans Heinrich Lammers während der Zeit des Nationalsozialismus.

Leben[Bearbeiten]

Ausbildung, Erster Weltkrieg und Weimarer Republik[Bearbeiten]

Kritzinger war der Sohn eines Pfarrers in Grünfier (Netzekreis) heute Zielonowo. In seiner Jugend besuchte er nach drei Jahren Privatunterricht von 1899 bis 1904 das Berger- und Auguste-Victoria-Gymnasium in Posen und von 1904 bis 1908 das Gymnasium in Gnesen. Anschließend studierte er Jura in Freiburg, Berlin und Greifswald. Nach dem Bestehen des Referendarexamens im Oktober 1911 wurde er in den Juristischen Vorbereitungsdienst aufgenommen. Diesen leistete er von 1911 bis 1913 und – unterbrochen durch seine Einberufung zum Militärdienst im Jahr 1913 – von 1920 bis 1921 bei Gerichten in Mogilne (?) und Berlin und bei der Staatsanwaltschaft Hirschberg ab.

Von 1914 bis 1918 nahm Kritzinger mit dem Jäger-Bataillon 5 am Ersten Weltkrieg teil, zuletzt im Rang eines Leutnants der Reserve. Im Krieg wurde Kritzinger mit dem Eisernen Kreuz beider Klassen und dem Hausorden der Hohenzollern ausgezeichnet. Zu Kriegsende geriet er 1918 in französische Kriegsgefangenschaft, in der er bis Februar 1920 verblieb.

Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft setzte Kritzinger seinen Vorbereitungsdienst fort, den er schließlich im Mai 1921 mit dem Bestehen des Großen Juristischen Staatsexamens (Assessorexamen) abschließen konnte. Seit dem 30. Mai 1923 war Kritzinger mit Walti Luise Agnes Gräfin von Schwerin und Krosigk (1897-1996), der Tochter eines Großgrundbesitzers, verheiratet. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor.

Von Juli bis September 1921 war Kritzinger als Assessor beim Amtsgericht Striegau tätig. Anschließend kam er als „Hilfsarbeiter“ ins Reichsministerium der Justiz, wo er bis 1925 verblieb und sich mit Fragen des Völkerrechts befasste. Anschließend wurde er bis 1926 als Assessor bzw. Landgerichtsrat mit Arbeitsgebiet „Depositenbanken und Aufwertung“ im Preußischen Handelsministerium beschäftigt. 1926 wechselte Kritzinger wieder ins Reichsjustizministerium, wo er nun bis 1938 tätig bleiben sollte: Dort bearbeitete er als Referent zunächst Angelegenheiten des Völkerrechts und ab 1928 Angelegenheiten des Staatsrechts. Während dieser Zeit wurde er nacheinander zum Regierungsrat, Oberregierungsrat und – 1929 oder 1930 – zum Ministerialrat befördert. Einer politischen Partei gehörte Kritzinger in der Weimarer Republik nicht an. Eigenen Angaben bei Vernehmungen nach dem Zweiten Weltkrieg zufolge stimmte er bei den Reichstagswahlen bis 1933 für die Deutschnationale Volkspartei (DNVP).

NS-Zeit[Bearbeiten]

In den ersten Jahren nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten verblieb Kritzinger auf seinem Posten im Reichsjustizministerium. Anfang 1938 forderte ihn der Leiter der Reichskanzlei Hans Heinrich Lammers auf, in die Reichskanzlei zu wechseln, da diese einen Fachmann für Staatsrecht benötigte. Eigenen Angaben zufolge lehnte Kritzinger dieses Ersuchen zunächst ab, änderte seine Meinung aber. Einerseits hatte Lammers seine Bitte mehrfach wiederholt und andererseits hatte ihm der Reichsjustizminister Franz Gürtner erklärt, dass es seine „Pflicht“ sei, der Aufforderung nachzukommen. Daraufhin trat Kritzinger im Februar 1938 als Ministerialdirektor in die Reichskanzlei ein, in der ihm die Leitung der Abteilung B übertragen wurde. Zur selben Zeit wurde er Mitglied der NSDAP.

Anfang 1942 wurde er zum Unterstaatssekretär und am 21. November desselben Jahres (zeitgleich mit Gerhard Klopfer) von Hitler zum Staatssekretär in der Reichskanzlei befördert.

Während seiner Tätigkeit in der Reichskanzlei war Kritzinger unter anderem auch mit der Bearbeitung des Sachbereiches „Judenproblemen“ befasst. In dieser Eigenschaft beteiligte er sich im Jahre 1939/40 an der Erarbeitung der so genannten Verordnung gegen Volksschädlinge und an der Elften Verordnung zum Reichsbürgergesetz, der Grundlage für den Einzug des Vermögens der deutschen Juden anlässlich ihrer Deportation. Als Staatssekretär war er 1942/43 außerdem mit der Ausarbeitung von Verordnungen zur Rechtsmittelbeschränkung für Juden befasst.

Im Frühjahr 1942 gehörte Kritzinger zu den Teilnehmern der Wannseekonferenz. Hier wurden die Grundlagen für die Ermordung der sich im Herrschaftsbereich der Nationalsozialisten aufhaltenden Juden beschlossen bzw. durch Vertreter führender staatlicher und parteiamtlicher Dienststellen untereinander abgestimmt. Nach einem Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte verfügte Kritzinger zu diesem Zeitpunkt noch nicht über ein gesichertes Wissen vom Völkermord.[1]

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Friedrich Wilhelm Kritzinger nach seiner Gefangennahme

Kurz vor der Eroberung Berlins durch die Rote Armee verließ Kritzinger die Stadt am 23. April 1945, nachdem er vom 20. April 1945 an mit der Leitung der Evakuierung der verbliebenen Minister und Ministerialbeamten beauftragt gewesen war. Nachdem er noch im Mai 1945 Staatssekretär in der Regierung Dönitz in Flensburg geworden war wurde er schließlich am 23. Mai im Ausweichsregierungssitz Flensburg von den Briten verhaftet.

Nach einem Aufenthalt im Kriegsgefangenenlager Nr. 32 (Camp Ashcan) im luxemburgischen Bad Mondorf wurde Kritzinger nach Bruchsal überstellt. In der Folgezeit wurde er mehrfach vernommen, so unter anderem vom amerikanischen Ankläger in den Nürnberger Prozessen Robert Kempner. Als einziger Teilnehmer der Wannseekonferenz von 1942 gab Kritzinger seine Teilnahme von sich aus zu und bestätigte den verbrecherischen Charakter derselben. Ferner erklärte er sich „der deutschen Politik […] während des Krieges“ geschämt zu haben und stimmte der Charakterisierung von Hitler und Himmler als „Massenmördern“ zu.[2]

Im April 1946 wurde Kritzinger aus der Haft entlassen, jedoch im Dezember erneut inhaftiert. Aus gesundheitlichen Gründen wurde er schließlich erneut auf freien Fuß gesetzt und starb kurze Zeit später.

Literatur[Bearbeiten]

  • Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft: Persönlichkeiten der Verwaltung, 1991, S. 445-449.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Friedrich Kritzinger‎ – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans Mommsen: „Der Holocaust und die Deutschen“, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft ZfG 56 (2008), H. 10, S. 853.
  2. Vernehmung Kritzingers durch Kempner im Jahr 1947. Kempner vermerkt ausdrücklich, dass Kritzinger Schamesröte bei den entsprechenden Angaben ins Gesicht gestanden habe.