Fritz Heidegger

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Fritz Heidegger (* 6. Februar 1894 in Meßkirch; † 26. Juni 1980) war ein deutscher Bankkaufmann. Er war der beste Kenner der Schriften seines fünf Jahre älteren Bruders, des Philosophen Martin Heidegger, und transkribierte alle zu Lebzeiten seines Bruders veröffentlichten Texte von dessen schwer lesbaren Manuskripten in entsprechende Typoskripte.[1] Darüber hinaus war er auch selbst als Autor tätig.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

„Mesmerhaus“ in Meßkirch, das Elternhaus von Martin und Fritz Heidegger

Fritz Heidegger war der jüngste Sohn des Küfermeisters und Mesmers Friedrich Heidegger und dessen Frau Johanna.

Im Rahmen seiner Schulausbildung besuchte er drei Jahre lang das damalige Erzbischöfliche Konvikt in Konstanz am Bodensee (heute: Heinrich-Suso-Gymnasium), verließ es jedoch wegen eines Sprachfehlers. In Berlin absolvierte er eine Banklehre. 1922 kehre er nach Meßkirch zurück; bis zu seiner Pensionierung war er bei der dortigen Volksbank angestellt.[2]

Obwohl Fritz Heidegger, der intellektuell seinem Bruder Martin durchaus ebenbürtig war,[1] den angestrebten Beruf eines Geistlichen nicht ergreifen konnte, war er für Martin eine Autorität in religiösen Fragen. Die Transkription seiner Manuskripte durch den Bruder Fritz wiederum war für den Philosophen „mehr als die Herstellung von Abschriften, denn es verlangte Anderes: nämlich das Einarbeiten in Gedankengänge, die auch der damaligen wissenschaftlichen Welt und den Fachleuten noch unbekannt und unzugänglich waren.“[3] Während des Zweiten Weltkriegs sicherte Fritz Heidegger die Manuskripte seines Bruders in einem Banktresor,[4] nach dem Krieg begleitete er ihn häufig zu philosophischen Symposien.[2]

Fritz Heidegger selbst galt als stadtbekanntes Original, sein berühmter Bruder Martin hingegen war in seinem Heimatort der „Bruder vom Fritz“.[4] Wenn Fritz spotten konnte, sprach er ohne Stocken, doch wenn er „ernst“ wurde, geriet ihm das „Heideggersche Dasein“ zum „Da-da-dasein“;[4] er war „berühmt und berüchtigt für seine Fasnachtsreden“.[1][5] Darüber hinaus warnte er vor „braunen Hundertprozentigen“ und prophezeite schon 1934, „der 2. Weltkrieg“ werde schon „in wenigen Jahren“ ausbrechen.[6] Seine Reden ähnelten Predigten und Kanzelansprachen im Stil des aus Kreenheinstetten in der Nähe von Meßkirch stammenden Augustinermönchs Abraham a Sancta Clara.[2] Fritz Heideggers „eigenwillige Sprachkreationen“ und das „Sokratisch-Subversive der Fastnachtsreden“[7] machten auch vor der Philosophie seines Bruders nicht halt.[5]

Erhalten sind von Fritz Heideggers Werken ein Fasnachtsspiel und die Reden aus den Jahren 1934, 1937 und 1948.[2] Im Jahr 2005 erschien eine Doppelbiografie über die Brüder Heidegger unter dem Titel Martin und Fritz Heidegger. Philosophie und Fastnacht, verfasst von dem Berliner Literaturwissenschaftler Hans Dieter Zimmermann.

Zitate[Bearbeiten]

„Das Fassende des Fassbaren ist die Nacht. Sie fasst, indem sie übernachtet. So ge-fasst, nachtet das Fass in der Nacht. Sein Wesen ist die Ge-fasstheit in der Nacht. Was fasst? – Was nachtet? Dasein nachtet fast. Übernächtig west es in der Umnachtung durch das Fass, so zwar, daß das Fassbare im Ge-fasst-werden durch die Nacht das Anwesen des Fasses hütet. Die Nacht ist das Fass des Seins. Der Mensch ist der Entberger und Hüter des Fasses. Dies ist seine Ver-fassung. Zwar entbirgt sich dem Dasein als sein Existential des Über-die-Welt-hinaus-seins das Ge-fass. Das Fassende des Fasses aber ist die Leere. Nicht das Fass fasst die Leere, nicht die Leere das Fass. Sie fügen einander wechselseitig in ihr Fass-bares. Im Erscheinen des Fasses als solchem aber bleibt das Fass selbst aus. Es hat sein Bleibendes in der Nacht. Die Nacht übergießt das Fass mit seinem Bleiben. Aus dem Geschenk dieses Gusses west die Fass-nacht. Es ist unfassbar.“

Fritz Heidegger: zitiert nach Hans Lenk: Das Gefass. Pseudomephistophelisches 'fassliches' Philosophieren. Berlin 2006, S. 31

Über seinen berühmten Bruder sagte er:

„Den Martin hot me für nix Gscheits brauche kenne, no isch er halt Philosoph worre.
(Den Martin hat man für nichts Gescheites gebrauchen können, da ist er eben Philosoph geworden.)“

wie vor

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Zwanzig Millionen Dollar – verschtoscht – in bar!, Farce, Erstaufführung 1936 in Meßkirch
  • Fritz Langen: Zwanzig Millionen Dollar – verschtoscht – in bar!, Hörspiel nach dem gleichnamigen Theaterstück von Fritz Heidegger, Südwestrundfunk, SWR 4, 11. Dezember 2010[8]
  • 100 Jahre Volksbank Meßkirch e.G.m.b.H.: 1864–1964, Festschrift zum 100jährigen Jubiläum der Volksbank Messkirch E.G.M.H. am 31. Mai 1964, Heuberg-Druckerei, Messkirch 1964.
  • Ein Geburtstagsbrief, in: Vittorio Klostermann (Hrsg.): Martin Heidegger zum 80. Geburtstag von seiner Heimatstadt Meßkirch, Frankfurt am Main 1969, S. 58−63.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Bettina Schulte: Der Weg von der Theologie zum Denken. In: Badische Zeitung. 21. September 2013
  2. a b c d Luzia Braun: Da-Da-Da-Sein. Fritz Heidegger: Holzwege zur Sprache. Quasi una Philosophia in: Die Zeit, 22. September 1989
  3. Martin Heidegger: Tischrede zum 70. Geburtstag des Bruders (6. Februar 1964), GA 16, S. 596
  4. a b c Rüdiger Safranski: Ein Meister aus Deutschland: Heidegger und seine Zeit, Frankfurt 1997, S. 22
  5. a b Maximilian Krämer: Philosophie und Karneval. Das Dasein nachtet fast. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 11. Februar 2013
  6. Denker: Närrische Wahrheit, Der Spiegel, 14. Februar 2005
  7. Siehe Sokratische Methode
  8. Armin Heim: Heideggers hintersinniger Humor, Südkurier, 14. Dezember 2010
  9. Rezension von Frank-Rutger Hausmann: Martin Heidegger und Fritz Heidegger, Informationsmittel für Bibliotheken 05-2-317
  10. Hans-Dieter Zimmermann: Martin und Fritz Heidegger, Perlentaucher, 5. August 2005