Frustrations-Aggressions-Hypothese

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Die Frustrations-Aggressions-Hypothese besagt, dass das Erleben von Frustration die Wahrscheinlichkeit von aggressivem Verhalten steigert.[1]

Sie geht davon aus, dass einer Frustration eine Aggression folgen kann (nicht muss). Mit anderen Worten: Auf eine Wunschversagung kann eine Verstimmung, ein verbaler oder tätlicher Angriff folgen. Die Stärke der Aggression ist dabei in der Regel proportional zur Stärke der Frustration. Diese nimmt zu, je näher das angestrebte Ziel und je größer das erwartete Glücksgefühl ist. Abgeschwächt wird die Frustration – und damit die nachfolgende Aggression – wenn der Verursacher groß und kräftig ist, oder wenn die Frustration unabsichtlich geschah.[2]

Klassisches Experiment von Barker, Dembo und Lewin[Bearbeiten]

1941 führten Roger Barker, Tamara Dembo und Kurt Lewin folgendes Experiment durch: Kinder wurden in einen Raum voller attraktiver Spielsachen geführt. Die Kontrollgruppe durfte sofort damit spielen, die Experimentalgruppe wurde zunächst von einem Drahtgitter davon abgehalten. Diese Kinder konnten das Spielzeug zwar sehen, aber erst nach langem Warten damit spielen. Viele dieser Kinder zerstörten das Spielzeug, warfen es gegen die Wand, trampelten darauf herum usw.[1]

Zur Frustrations-Aggressions-Hypothese von Dollard und Miller[Bearbeiten]

Diese These von John S. Dollard (1900–1980) und Neal E. Miller betont, dass Aggressionen grundsätzlich als Frustrationsfolgen auftreten.[3] Die Aggressionsstärke hängt dabei ab

  1. vom Grad der Neigung zu Frustrationsreaktionen
  2. vom Grad der Behinderung einer Reaktion
  3. von der Zahl der frustrierenden Reaktionen
  4. von der Zahl gelöschter nicht-aggressiver Reaktionen

Kritisch zu sehen ist die theoretische Klärungsbedürftigkeit der Begriffe „Aggression“, „Frustration“, die mangelnde Berücksichtigung der verschiedenartigen Frustrationsformen und besonders die Tatsache, dass Aggressionen sich eindeutiger durch Bekräftigungslernen als durch Frustrationen erklären lassen.

Miller erweiterte die Frustrations-Aggressions-Hypothese später mit um den Begriff der Aggressionsverschiebung, der eine Verschiebung des Aggressionsziels nach Hemmung der ursprünglichen Aggression beschreibt.

Nach derzeitigem Forschungsstand der Psychologie gibt es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Frustration und Aggression. Es sei möglich, dass Frustrationen auch in andere Verhaltensweisen als Aggressionen münden können.

Zur Frustrations-Regressions-Hypothese von Barker u. a.[Bearbeiten]

Diese Hypothese stellt als zentrale Frustrationswirkung die Regression in den Mittelpunkt, d. h.ontogenetisch frühere, „unreife“ Stufen, welche sich als infantilere Muster des Denkens, Fühlens und Verhaltens auszeichnen und mit einem höheren Grad des Gefühls von Sicherheit verbunden sind.

Der Konstruktivitätsgrad des Spielverhaltens von Kindern sinkt z. B. nach Entzug attraktiven Spielzeugs erheblich ab. Das Verhalten zeigt qualitative Merkmale früherer Entwicklungsphasen der Kinder.

Auch hier setzt die Kritik von lerntheoretischer Seite aus an, besonders durch Untersuchungen über instrumentelles Bekräftigen regressiven Verhaltens.

Zur Frustrations-Fixierungs-Hypothese von Maier[Bearbeiten]

Nach dieser Hypothese werden die unter Frustrationsbedingungen auftretenden Verhaltensweisen fixiert bzw. auch beibehalten, wenn sie sinnlos geworden sind. Sie wurde durch Rattenexperimente mit unlösbaren Situationen aufgestellt. Das Fixierungsverhalten wird durch Wolpe als gelernte angstmindernde Reaktion aufgefasst.

In neueren Untersuchungen werden Frustrationsfolgen als Produkt selektiver Bekräftigungen verstanden (Adelman u. a.): Diejenige Reaktion wird verstärkt, die den Organismus aus der frustrierenden Situation befreit.

Zur Frustrations-Fixierungs-Hypothese von Berkowitz (1974)[Bearbeiten]

Leonard Berkowitz unterscheidet zwischen instrumenteller und impulsiver Aggression. Seine Weiterentwicklung der Frustrations-Aggressions-Hypothese ist ein kognitiv-neoassoziationistische Ansatz. Er stellt folgende modifizierende Annahmen auf:

  • Frustration führt nicht unmittelbar zu einem Bedürfnis, einem anderen Organismus Schaden zuzufügen, sondern dieser Prozess wird durch den emotionalen Zustand des Ärgers vermittelt.
  • Neben der Frustration können auch andere Formen aversiver Stimulation negative Effekte und damit Aggression auslösen.
  • Das Auftreten negativer Affekte und die Bereitschaft zu aggressiven Handlungen treten parallel auf, nicht sequentiell.

Zur Kontroverse zwischen den Hypothesen[Bearbeiten]

Die Kontroverse zwischen auf der einen Seite den Hypothesen, die Aggression, Regression und Fixierung als Frustrationsfolgen in den Vordergrund stellen, und auf der anderen Seite lerntheoretischen Annahmen ist zurzeit noch nicht entschieden. Dies gilt insbesondere für die Übertragung dieser primär humanpsychologischen Denkansätze auf das Verhalten von Tieren, also auf verhaltensbiologische Beobachtungen.

Kritiker der Frustration-Aggressions-Hypothese weisen u. a. daraufhin, dass hierbei auch die Zuschreibung von Kausalität (phänomenale Kausalität) eine Rolle spiele. Gewöhnlich führe Frustration nur dann, und selbst dann nicht immer, zu Aggressionen, wenn ihr Ursprung nicht der eigenen Person oder unpersönlichen Ursachen, sondern einer anderen Person zugeschrieben werde.[4]

Einzelbelege[Bearbeiten]

  1. a b E. Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. Pearson Studium. 6. Auflage 2008. ISBN 978-3-8273-7359-5, S. 392
  2. E. Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. Pearson Studium. 6. Auflage 2008. ISBN 978-3-8273-7359-5, S. 393
  3. John Dollard et al. (1939): Frustration and Aggression. New Haven, CT: Yale University Press
  4. Fritz Heider: Soziale Wahrnehmung und phänomenale Kausalität. In: Martin Irle (Hg.), zusammen mit Mario von Cranach und Hermann Vetter: Texte aus der experimentellen Sozialpsychologie. Luchterhand : 1969. S. 43