Fundregion Kalkriese

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Karte der Fundstellen

Die Fundregion Kalkriese ist ein Areal in der Kalkrieser-Niewedder Senke in Bramsche im Osnabrücker Land, in dem größere Mengen römischer Funde gemacht wurden. Es handelt sich neben dem Römerlager Hedemünden, dem Fundplatz Bentumersiel und dem Harzhornereignis um eine der wenigen größeren römischen Fundstellen in der Nordhälfte Deutschlands.

In der Zeit der Römer in Germanien fand eine Reihe großer Schlachten in Germania Magna statt. Das Gebiet gilt bei Wissenschaftlern als ein möglicher Schauplatz der Varusschlacht des Jahres 9 n. Chr., oder als Hinweis auf die Schlacht des Caecina oder die Schlacht am Angrivarierwall.

Fundregion[Bearbeiten]

Vermuteter Ort der Schlacht bei Kalkriese
Geländemodell der Enge beim Kalkrieser Berg

Das Fundareal befindet sich etwa 16 km nordöstlich von Osnabrück und 10 km östlich von Bramsche in der Senke bei Bramsche-Kalkriese. Nach Wolfgang Schlüter ist die Senke „ein etwa 6 km langer und an der schmalsten Stelle rund 1 km breiter Engpass zwischen dem Großen Moor im Norden und dem Kalkrieser Berg, der dem Wiehengebirge vorgelagert ist, im Süden.“[1]

Die Fundgeschichte in dieser Region reicht bis mindestens in das 18. Jahrhundert zurück. Inzwischen wurden zahlreiche Fundstücke entdeckt und Überreste mehrerer Befestigungsanlagen ergraben. Die Funde verteilten sich über ein Areal von mehr als 30 km².

Die heutige Tätigkeit der Archäologen konzentriert sich im Wesentlichen auf das Gebiet der Flurstücke um den Oberesch. Der Name Esch deutet auf eine Methode der Bodenverbesserung hin, die in Norddeutschland über Jahrhunderte angewandt wurde und aus der sich Plaggeneschböden gebildet haben. Aus den nahen Moorgebieten sowie aus den eigenen Ställen wurde immer wieder Material herangeschafft, um den vom Anbau von Getreide ausgelaugten Boden zu düngen (sogenannte Plaggenwirtschaft). Die herangeschafften Mengen reichten aus, die ursprüngliche Kulturschicht mit einer meterhohen Bodenschicht zu bedecken und über 2000 Jahre hinweg zu konservieren.

Der römische Feldherr Publius Quinctilius Varus wurde im Jahre 9 n. Chr. von seinem germanischen Verbündeten Arminius verraten und in einer Schlacht vernichtend geschlagen. Für diese im deutschen Bewusstsein bedeutsamste Schlacht wurde das Schlachtfeld bisher nicht abschließend lokalisiert, doch gilt Kalkriese seit 1988 als der Favorit unter den Theorien zum Ort der Varusschlacht. Der Landkreis Osnabrück und die Stiftung der Sparkassen im Osnabrücker Land errichteten gemeinsam zur Information über die Ausgrabungen 2000 auf dem Fundplatz Oberesch den Museumspark Varusschlacht, der 2001 durch ein Museum zum Museum und Park Kalkriese ergänzt wurde.

Fundgeschichte[Bearbeiten]

Sammlung der Familie von Bar[Bearbeiten]

Schon vor mehreren Jahrhunderten fanden Bauern beim Bestellen der Felder der Gegend römische Münzen. Die ersten Berichte stammen aus dem Jahre 1692.[2]

Die Familie von Bar, die ihren Sitz auf der Wasserburg Alt Barenaue, später auf dem Schloss Neu Barenaue hatte, versprach den Findern eine Belohnung. Auf diese Weise entstand seit Ende des 17. Jahrhunderts eine Münzsammlung, die auf Graf Heinrich Sigismund von Bar (1655–1721) zurückgeht.[3]

Der Osnabrücker Rektor Zacharias Goeze (1662–1722) berichtete 1698 über die Sammlung:[4] „Herr Heinrich Sigismund von Bar… zeigte 127 Münzen aus seinem Besitz, sowohl goldene als auch silberne, gefunden im Boden von Barenaue. Er verfasste mit eigener Hand eine kleine Schrift so sorgfältig, dass es kaum einer hätte besser machen können.“ Die Sammlung führte schon früh zu Interpretationen: Der Jurist und Philosoph Carl Gerhard Wilhelm Lodtmann (1720–1755) ordnete die Funde den Feldzügen des Germanicus und einem Reitergefecht im Rahmen der Schlacht am Angrivarierwall zu:[5] „Der Ort selbst ist ein wenig entfernt vom Erdwall und vom Dümmersee und passt nicht zum Kampf. Daher kann behauptet werden, dass dort zwischen Reitern beider Völker gekämpft wurde.“

Auch der Jurist und Historiker Justus Möser (1720–1794) vermutete im Jahre 1780 einen Zusammenhang mit der Schlacht am Angrivarierwall:[6] „Der Sieg, den Germanicus damals auf dem Rückzuge an dem Damme erfocht, welcher die Angrivarier und Cherusker schied, soll zu Damme nahe bei diesem Vörden vorgefallen seyn; und man hat in den dortigen Gegenden verschiedene Münzen gefunden. Davon befindet sich ein guter Teil bey dem Grafen von Bar zu Barenau.“

Der Osnabrücker Syndikus Johann Eberhard Stüve interpretierte 1789 die Funde als Hinterlassenschaft der Varusschlacht:[7] „Viele sind der Meinung, dass dieses Treffen in der Gegend von Detmold geschehen sey. Allein der durch das Hochstift fließende Fluss, die Dute genannt, die sehr bergige Gegend, die vielen römischen Münzen so des Kaysers Augustus Namen zeigen, welche noch immer gefunden werden, und andre Umstände, machen es sehr wahrscheinlich, dass der Ort dieser Niederlage im Hochstift Osnabrück, und zwar, wo es mit der Grafschaft Tecklenburg zusammengrenzet, zu suchen sey.“

Der Historiker Paul Höfer vermutete 1884 die Schlacht am Angrivarierwall unweit von Kalkriese an der Hunte. Er führte den Schatz von Barenau als Beweis an, den er selbst genau besichtigt hatte. Die einst in der Sammlung auch vorhandenen Goldmünzen sollen während der französischen Besetzung verloren gegangen sein. Er schrieb:[8] „Die Münzen sind als die Ueberbleibsel jener Schlacht am Angrivarenwalle anzusehen, welche nach Tacitus bis an die Sümpfe (d. große Moor) sich ausgedehnt hat.“

Der Historiker Theodor Mommsen ließ daraufhin im Dezember 1884 die Sammlung durch den Berliner Numismatiker Julius Menadier untersuchen. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Sammlung einen Aureus, 179 Denare und zwei Asse. 1885 interpretierte er aufgrund der Münzfunde und der Topographie ihres Fundortes Kalkriese als Schauplatz der Varusschlacht.[9][10] Am 15. Januar 1885 trug Mommsen seine Schlussfolgerung der Preußischen Akademie der Wissenschaften vor:[11] „Meines Erachtens gehören die in und bei Barenau gefundenen Münzen zu dem Nachlass der im Jahre 9 n. Chr. im Venner Moor zugrundegegangenen Armee des Varus.“

Der Historiker Friedrich Tewes aus Hannover widersprach Mommsen und ordnete die Funde am 27. Dezember 1887 den Germanicus-Feldzügen des Jahres 15 n. Chr. zu:[12] „Das Terrain zwischen Barenau und Engter hat keine Umwallungen oder sonstige Anhaltspunkte aufzuweisen, und wie bekannt, hat Mommsen seine Hypothese lediglich mit den angeblich in der nächsten Umgegend von Barenau aufgefundenen römischen Münzen, welche sich heute im Besitz des Erblanddrosten von Bar befinden, zu begründen versucht. Der letztere gestattete nun gerne die Besichtigung der Sammlung, deren republikanische und augusteische Denare der Überlieferung nach einzeln durch den Plaggenhieb zu Tage gefördert sein sollen. Hiergegen spricht jedoch die Oxidation der Münzen, die, wie ich bisher beobachten konnte, sich nur bei größeren Funden und niemals bei Einzelfunden in dieser Weise zeigte. Die Beweiskraft wird dadurch bedeutend abgeschwächt. Sämtliche, bezüglich der Kriegsschauplätze der Jahre 9, 15 und 16 n. Chr. aufgestellten Hypothesen stehen überhaupt vor der Hand noch auf sehr schwachen Füßen, immerhin ist die Annahme, dass die Kämpfe des Jahres 15 n. Chr. in der Gegend zwischen Barenau und Engter bzw. im Dieven-Moor stattgefunden haben, die berechtigte, da das dortige Terrain sich wohl mit dem von Tacitus und anderen geschilderten vereinbaren lässt und auch die Richtung des besprochenen Bohlweges darauf bezogen werden kann.“

Zu den weiteren Funden zählte im Jahre 1908 eine Goldmünze. Die Sammlung enthielt auch Münzen aus Meppen sowie möglicherweise aus Spanien. Schon Mommsen vermutete eine Durchmischung mit nicht-örtlichen Funden.[2] Während der Besetzung durch britische Truppen im Jahre 1945 wurde der Schatz entwendet und ist bis heute zum großen Teil verschollen. Im Jahre 1963 fand der Fund einer Silbermünze nur geringe Beachtung.

Funde des Major Clunn[Bearbeiten]

Der Fund der drei Schleuderbleie 1988 war Auslöser der andauernden archäologischen Grabungen in Kalkriese.

Der pensionierte britische Offizier und Sondengeher Major Tony Clunn entdeckte mit einem modernen empfindlichen Metallsuchgerät 1987 160 Silbermünzen und zwei Spielsteine (latrunculi) in einem Verwahrfund auf dem Flurstück Lutterkrug.

Im Sommer 1988 fand er drei Schleuderbleie. Es waren die ersten militärischen Ausrüstungsgegenstände der Römerzeit, die in dieser Gegend gefunden wurden. Sie legen auch die Anwesenheit von Hilfstruppen nahe, da vor allem im Mittelmeerraum rekrutierte Soldaten solche Geschosse benutzten.[13]

Funde aus der organisierten Ausgrabung[Bearbeiten]

Nach den Funden von Clunn fanden systematische Untersuchungen statt, die noch andauern.

Im Gebiet wurden viele Funde wie Münzen, militärische Ausrüstungsgegenstände, Knochen und Wallanlagen gemacht. Bis auf wenige Ausnahmen handelte es sich um kleine Stücke und Fragmente, die entweder der systematischen Plünderung eines Schlachtfeldes entgangen sind oder die den Germanen des Aufhebens nicht wert waren. Die östlichsten Fundstellen befinden sich fünf bis sechs Kilometer östlich des Kalkrieser Bergs in den Gemarkungen Schwagstorf und Ostercappeln.

Die eiserne Gesichtsmaske weist Reste eines Überzuges aus Silberblech auf und war Teil eines Maskenhelmes.

Münzen[Bearbeiten]

Zu den wichtigsten Funden und Befunden zählen mehrere tausend römische Gold-, Silber- und Kupfermünzen. Letztere waren das Geld der Legionäre. Sie stammen überwiegend aus der Regierungszeit des Kaisers Augustus, die übrigen sind älter. Zur Einordnung des Fundes interessieren nur die jüngsten Münzen. Es sind bisher keine römischen Münzen gefunden worden, die später als 9 n. Chr. geprägt wurden. Gefunden wurden unter anderen Kupfermünzen mit dem Gegenstempel des Varus („VAR“), die in den Jahren 7 bis 9 n. Chr. geprägt wurden.

Eine Ausgrabungsstelle auf dem Schlachtfeld

Unter den Münzfunden von Assen befanden sich immer wieder kleinere Siegelstücke, mit denen üblicherweise das Säckchen mit Schreibutensilien verschlossen wurde. Ihr gehäuftes Auftreten in der Gegend von Kalkriese lässt die Vermutung aufkommen, dass das Vergraben der persönlichen Besitztümer der römischen Soldaten vor einem Gefecht von der Armee organisiert wurde, um je nach Ausgang des Gefechtes Eigentumskonflikte zu vermeiden und den beteiligten Soldaten ihre persönliche Habe zurückerstatten zu können. Für Verwundete und Tote werden ähnliche Regeln vorhanden gewesen sein.

Art, Menge und Verbreitung von aufgefundenen Münzen lassen die Hypothese zu, dass es sich bei Kalkriese um eines unter vielen Kampffeldern der untergegangenen Legionen handelt. Die großräumige Streuung des gesamten Fundmaterials sowie der Münz-, Einzel- und Hortfunde macht die Interpretation als Verlustgut unwahrscheinlich. Die Gabelung des Fundstranges etwa 500 Meter westlich der Ausgrabungsstätte deutet dagegen auf ein unkoordiniertes und planloses Vorgehen der Römer während einer Schlacht hin.

Wallanlage[Bearbeiten]

Auf dem zentralen Fundplatz Oberesch wurde 1990 eine etwa 400 Meter lange, in Ost-West-Richtung verlaufende Wallanlage entdeckt. Hauptsächlich aus Rasensoden errichtet, dürfte sie eine Sohlbreite von viereinhalb bis fünf Meter gehabt haben. Sie war „ohne vorgelagerten Befestigungsgraben, aber mit einem schmalen Drainagegraben an der Rückfront“ versehen.[1] Ihre ursprüngliche Höhe wird auf zwei Meter geschätzt.[14]

Vor der Wallanlage wurden viele Kleinteile wie Kupfermünzen oder Fragmente gefunden. Nach der Deutung von Susanne Wilbers-Rost war der Wall so angelegt, dass von ihm aus der Weg besonders gut angegriffen werden konnte. Der Wall wies Pfostengruben einer Brustwehr, Durchlässe und einen Stichgraben auf.

Ein größeres, verziertes Silberblechfragment, das im Jahr 2005 zusammen mit einem verbogenen Bronzeblech in einem teils mulden-, teils V-förmigen Graben am Westende des Walles gefunden wurde, weist darauf hin, dass der rechtwinklig zum Wallende verlaufende Graben erst nach den Kampfhandlungen verfüllt wurde. Wegen des Arbeitsaufwands, mit dem der lange Graben zur Südseite hin angelegt wurde, sprechen die Archäologen der Anlage strategische Bedeutung zu. Sie sollte offenbar das Vordringen von Gegnern hinter den Wall verhindern.[15]

Knochen[Bearbeiten]

Es wurden ab 1994 mehrere Gruben gefunden, die mit Menschen- und Tierknochen gefüllt waren, sowie im Sommer 2000 die Überreste eines vierjährigen, angeschirrten Maultiers mit gebrochenem Genick, das offenbar von einer während des Kampfes zusammengebrochenen Wallanlage verschüttet wurde. Bis 2001 wurden die Reste von 8 Pferden und 30 Maultieren nachgewiesen.[1]

Die Reste menschlicher Knochen von insgesamt 17[16] Individuen stammen durchweg von gesunden Männern im Alter zwischen 25 und 45 Jahren. Einige Knochen weisen Hiebspuren auf, beispielsweise ein menschlicher Schädel, der durch einen Schwerthieb gespalten wurde.[17] Der anthropologische Befund weist auch darauf hin, dass die Skelette mehrere Jahre an der Erdoberfläche gelegen haben, was aufgrund der Trockenbrüche der Knochen sowie der ungeordneten Einbringung von nicht vollständigen Skeletten in die Gruben gefolgert wird.[18][19] Die naturwissenschaftlichen Untersuchungen der Pferde- und Maultierknochen zeigen unter anderem, dass alle Tiere im Spätsommer oder Herbst zu Tode kamen.[20]

Ausrüstungsteile[Bearbeiten]

Zu den Fundstücken zählt auch eine eiserne, einst mit Silberblech überzogene Gesichtsmaske des Helms eines römischen Reiters. Sie wurde 1990 gefunden.[21]

Im Jahre 1992 kam das bronzene Mundblech einer Schwertscheide aus dem Boden. Die Untersuchungsergebnisse wurden der Öffentlichkeit im Jahre 2007 vorgestellt. Das Mundblech trägt eine Besitzer-Ritzinschrift mit der Abkürzung LPA. Die Inschrift kann als L(egio) P(rima) A(ugusta) gelesen werden.[22]

Die Ausgräber fanden verschiedene Teile der Ausstattung von Reit- und Zugtieren wie beispielsweise eine als Deichselende umfunktionierte Kuhglocke oder einen bronzenen Anhänger eines Pferdegeschirrs, der gleichzeitig die Funktion eines Amuletts hatte.

Außerdem gibt es Fundstücke aus verschiedenen handwerklichen Bereichen. So weisen ein bronzener Knochenheber und ein bronzener Skalpellgriff auf die Anwesenheit von Ärzten und die gefundenen bleiernen Senklote auf Landvermesser hin.

Interpretation[Bearbeiten]

Verortung der Varusschlacht[Bearbeiten]

Auch wenn die Diskussion nicht abgeschlossen ist, hält dennoch die große Mehrheit der Historiker einen Zusammenhang zwischen Kalkriese und der Varusschlacht aufgrund einer Reihe von Indizien zumindest für eine plausible Hypothese.

Die wichtigsten Zeugen und einzige verlässliche Basis zur Datierung der Geschehnisse sind die gefundenen Münzen, von denen viele den Gegenstempel VAR (VARus) oder VAL (VALa) aufweisen, also Varus selbst oder aber seinem Legaten Vala zugeordnet werden können. Münzen nach 10 bis 15 n. Chr. wurden bisher nicht entdeckt, so dass dieser Umstand zur Interpretation benutzt wird, dass eine Schlacht nicht nach 9 n. Chr. stattgefunden haben kann.

Die Datierung der Münzen und die Entdeckung der Knochengruben, die anthropologischen Befunde und die Untersuchungen der gefundenen Tierknochen deuten darüber hinaus darauf hin, dass Kalkriese möglicherweise der Ort der Varusschlacht ist. Die Streuung der Funde passt zu dem Schlachtgeschehen, das sich über vier Tage an unterschiedlichen Orten ereignete.[23]

Das besondere Interesse und die frühzeitige, von einigen Wissenschaftlern auch als voreilig kritisierte Entscheidung, dass es sich um die Örtlichkeit der Varusschlacht handele, führte dazu, dass die immer noch laufenden Ausgrabungen schon frühzeitig der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Bereits 1993, also eine verhältnismäßig kurze Zeit nach den ersten archäologischen Funden, wurde ein Informationsraum auf einem Bauernhof eröffnet. 2000 entstand der etwa 20 Hektar große Museumspark Varusschlacht, der im Jahr 2001 durch ein Museum zum Museum und Park Kalkriese ergänzt wurde.

Zu den Kritikern der frühen Festlegung zählen unter anderem der Historiker Rainer Wiegels, der Archäologe Stephan Berke, der Historiker Peter Kehne sowie der Numismatiker und Althistoriker Reinhard Wolters, der Althistoriker Dieter Timpe und der Mediävist Herwig Wolfram.[24]

Nach Peter Kehne sprechen die geringe Anzahl menschlicher Individuen, die Durchmengung mit Tierknochen und das Fehlen von Überresten von Frauen und Kindern gegen die Bestattung durch Soldaten des Germanicus. Die Wallanlage mit ihrem südwärts gerichteten Spitzgraben interpretiert Kehne als römische Sicherung. Die Länge des Walls und die Größe des Bereichs, der bis zu diesem Zeitpunkt als Schlachtfeld angesehen wurden, könnten nicht den erwarteten Ausmaßen der Varusschlacht entsprechen.[25]

Interpretation als Funde der Schlacht des Caecina[Bearbeiten]

Im Jahre 15 n. Chr. begann Germanicus nach der Schilderung des Tacitus weitere Feldzüge in Germanien. Germanicus besuchte auch das Schlachtfeld der Varusniederlage und ließ die Gefallenen bestatten. Wenig später ließ Germanicus seine Truppen in drei Abteilungen zurückmarschieren, von denen eine von dem römischen General Caecina geleitet wurde. Arminius griff dieses Kontingent in der Schlacht an den Pontes longi an. Die pontes longi waren ein Damm- oder Bohlenweg, dessen Umgebung topografische Ähnlichkeiten mit dem Ort der Varusschlacht aufgewiesen haben soll. Der auch Schlacht des Caecina genannte Kampf ähnelt der Varusschlacht in ihrem Verlauf und weist auch weitere Gemeinsamkeiten mit ihr auf. Diese große Schlacht schilderte Tacitus nach Auffassung der meisten Historiker bewusst als ein trotz aller Verluste für die Römer positiv ausgegangenes Gegenstück zur Varusschlacht.[26]

Da die Archäologen in kaum zehn Kilometer Luftliniendistanz zu Kalkriese einen Bohlenweg aufgefunden haben, der dendrochronologisch in das Jahr 15 n. Chr. datiert werden kann und die aufgefundenen Hölzer als germanische Waffen mit Kampfspuren gedeutet werden, werden die Funde von Kalkriese von einigen Wissenschaftlern als Ort der Schlacht an den Pontes Longi interpretiert. Zu dieser Schlacht passt ein in Kalkriese gefundenes und der Öffentlichkeit im Jahre 2007 vorgestelltes Mundblech einer Schwertscheide, das eine Besitzer-Ritzinschrift mit der Abkürzung „LPA“ trägt. Die Inschrift kann als L(egio) P(rima) A(ugusta) gelesen werden. Die 1. Legion war an der Schlacht des Caecina beteiligt und nach den Angaben von Tacitus in besonders schwere Kämpfe verwickelt.[22]

Die These über eine Verbindung zu Caecina vertreten unabhängig voneinander die Historiker Peter Kehne und Reinhard Wolters.

Interpretation als Relikte der Schlacht am Angrivarierwall[Bearbeiten]

Die Vermutungen auf den Zusammenhang mit den Feldzügen des Germanicus gehen schon auf Lodtmann 1753[5][27] und Möser 1780[6] zurück. Der Angrivarierwall soll sich bis zum Steinhuder Meer erstreckt haben.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Frank Berger: Kalkriese. – 1. Die römischen Fundmünzen. Von Zabern, Mainz 1996, ISBN 3-8053-1917-7.
  • Frank Berger: Aktuelle Varusschlachten. In: Numismatisches Nachrichtenblatt. 53 (2004), S. 267–273 (online).
  • Wilm Brepohl: Neue Überlegungen zur Varusschlacht. Aschendorff, Münster 2004, ISBN 3-402-03502-2.
  • Mamoun Fansa (Hrsg.): Varusschlacht und Germanenmythos. Eine Vortragsreihe anlässlich der Sonderausstellung Kalkriese – Römer im Osnabrücker Land in Oldenburg 1993. (= Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland, Beiheft 9). 3. Auflage. Isensee, Oldenburg 2001, ISBN 3-89598-235-0.
  • Norbert Hanel, Susanne Wilbers-Rost, Frank Willer: Die Helmmaske von Kalkriese. In: Bonner Jahrbücher. 204, 2004, S. 71–91.
  • Joachim Harnecker: Arminius, Varus und das Schlachtfeld von Kalkriese. Eine Einführung in die archäologischen Arbeiten und ihre Ergebnisse. 2. Auflage. Rasch, Bramsche 2002, ISBN 3-934005-40-3.
  • Ralf Günter Jahn: Der Römisch – Germanische Krieg (9–16 n. Chr.). Dissertation. Bonn 2001.
  • Dieter Kestermann: Quellensammlung zur Varus-Niederlage. Alle Texte der antiken Autoren, in Latein und Griechisch mit deutscher Übersetzung. Horn, 1992, ISBN 3-88080-063-4.
  • Gustav Adolf Lehmann, Rainer Wiegels (Hrsg.): Römische Präsenz und Herrschaft im Germanien der augusteischen Zeit. Der Fundplatz von Kalkriese im Kontext neuerer Forschungen und Ausgrabungsbefunde. Beiträge der Tagung des Fachs Alte Geschichte der Universität Osnabrück und der Kommission 'Imperium und Barbaricum' der Göttinger Akademie der Wissenschaften in Osnabrück (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Philologisch-Historische Klasse. Dritte Folge; Band 279). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-82551-8. (Rezension).
  • Stefan Mischer u. a.: Die Hermannsschlacht. DVD, Hamburg 2005. – Spielfilm, Dokumentation, Interviews und Leporello.
  • Wolfgang Schlüter (Hrsg.): Römer im Osnabrücker Land. Die archäologischen Untersuchungen in der Kalkrieser-Niewedder Senke. Rasch, Bramsche 1991, ISBN 3-922469-57-4.
  • Wolfgang Schlüter: Archäologische Zeugnisse der Varusschlacht? Die Untersuchungen in der Kalkrieser-Niewedder Senke bei Osnabrück. In: Germania. 70, 1992, S. 307–402.
  • Wolfgang Schlüter (Hrsg.): Rom, Germanien und die Ausgrabungen von Kalkriese. Internationaler Kongress der Universität Osnabrück und des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land e.V. vom 2. bis 5. September 1996. In: Osnabrücker Forschungen zu Altertum und Antike-Rezeption 1. Osnabrück 1999, ISBN 3-932147-25-1.
  • Michael Sommer: Die Arminiusschlacht. Spurensuche im Teutoburger Wald. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-50601-6.
  • Peter S. Wells: Die Schlacht im Teutoburger Wald. Artemis & Winkler, Düsseldorf/ Zürich 2005, ISBN 3-7608-2308-4.
  • Rainer Wiegels (Hrsg.): Die Varusschlacht. Wendepunkt der Geschichte? (= Archäologie in Deutschland, Sonderheft). Theiss, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-8062-1760-5. (mit Beiträgen von Rainer Wiegels, Armin Becker, Johann-Sebastian Kühlborn, Günther Moosbauer und anderen).
  • Rainer Wiegels, Winfried Woesler (Hrsg.): Arminius und die Varusschlacht. Geschichte – Mythos – Literatur. Schöningh, Paderborn 1995, ISBN 3-506-79751-4. (darin unter anderem: Heinrich Seeba: Hermanns Kampf für Deutschlands Not; Renate Stauf: Germanenmythos und Griechenmythos als nationale Identitätsmythen; Wolfgang Wittkowski: Arminius aktuell: Kleists Hermannsschlacht und Goethes Hermann).
  • Reinhard Wolters: Hermeneutik des Hinterhalts. Die antiken Berichte zur Varuskatastrophe und der Fundplatz von Kalkriese. In: Klio. 85/2003, S. 131–170. (Wolters zählt zu den prominentesten Kritikern der Annahme, die Funde bei Kalkriese stünden in Zusammenhang mit der Varusschlacht).
  • Michel Reddé, Siegmar von Schnurbein (Hrsg.): Alésia et la bataille du Teutoburg. Un parallèle critique des sources. (= Beihefte der Francia, hrsg. vom Deutschen Historischen Institut Paris, Band 66). Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2008, ISBN 978-3-7995-7461-7.
  • Ernst Andreas Friedrich: Der Engpaß am Kalkrieser Berg. In: Wenn Steine reden könnten. Band II, Landbuch-Verlag, Hannover 1992, ISBN 3-7842-0479-1, S. 30–32.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kalkriese – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Wolfgang Schlüter: Die Varusschlacht. Archäologische Forschungen in Kalkriese bei Osnabrück. In: Detlev Hopp, Charlotte Trümpler: Die frühe römische Kaiserzeit im Ruhrgebiet. Kolloquium des Ruhrlandmuseums und der Stadtarchäologie/Denkmalbehörde in Zusammenarbeit mit der Universität Essen. Klartext Verlag, Essen, 2001, ISBN 3-89861-069-1.
  2. a b Frank Berger in: Geldgeschichte vs. Numismatik: Theodor Mommsen und die antike Münze. Berlin 2004, S. 209 ff. (online).
  3. Wolfgang Spickermann u. a.: Münzfunde in Kalkriese.
  4. Zacharias Goeze: De Numis Dissertationis XX. 1698, zitiert nach [1].
  5. a b Carl Gerhard Wilhelm Lodtmann: Monumenta Osnabrugensia. 1753: „Locus ipfe remotior parumper ab aggere, et a palude Dümmer, pugnae non conuenit; unde ibi inter utriusque gentis equites pugnatum videri potest.“. Übersetzung nach [2].
  6. a b Justus Möser: Osnabrückische Geschichte. 1780, S. 181–182, Osnabrücksche Geschichten und historische Einzelschriften, Erster Teil, Dritter Abschnitt, § 15.
  7. Johann Eberhard Stüve: Beschreibung und Geschichte des Hochstifts und Fürstenthums Osnabrück: mit einigen Urkunden. Schmidt, Osnabrück 1789. Zitiert nach [3].
  8. Paul Höfer: Der Feldzug des Germanicus im Jahre 16 n. Chr. 2. Ausgabe, Bernburg 1885, S. 86.
  9. Theodor Mommsen zitiert nach Numa GT.
  10. Theodor Mommsen: Die Örtlichkeit der Varusschlacht. Berlin 1885.
  11. zitiert nach Patriotische Zänkereien um den wahren Ort der Varusschlacht. In: Zeitung Universität Osnabrück. Ausgabe Nr. 96/3 vom 1. Juni 1996, Tagungen/Termine, S. 9 (online).
  12. Friedrich Tewes, 1887, zitiert nach [4].
  13. Wolfgang Schlüter: Zwischen Lutherdamm und Oberesch – Die Anfänge des Kalkriese-Projektes. In: Varus-Gesellschaft (Hrsg.): Varus-Kurier. Georgsmarienhütte, April 2002, S. 7 ff.
  14. Günther Matthias Moosbauer: Kalkriese oder neueste Forschungsergebnisse zur Varusschlacht. Vortrag zur Veranstaltungsreihe: Landesgeschichte im Landtag. Gehalten am 15. Mai 2006. (online).
  15. Susanne Wilbers-Rost: Immer für eine Überraschung gut: Grabungen auf dem Oberesch. In: Varus-Gesellschaft (Hrsg.): Varus-Kurier. Georgsmarienhütte, Dezember 2006, S. 6 ff.
  16. Kehne: Lokalisierung der Varusschlacht? In: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2009, 78. Band, S. 162.
  17. Thomas Finke: Liefern Reste menschlicher Gebeine aus Kalkriese Informationen zur Varusschlacht? In: Varus-Gesellschaft (Hrsg.): Varus-Kurier. Georgsmarienhütte, November 1998, S. 9 f.
  18. Kurt Langguth: Laborpräparation der Knochenfunde vom Oberesch. In: Varus-Gesellschaft (Hrsg.): Varus-Kurier. Georgsmarienhütte, November 1998, S. 10 f.
  19. Susanne Wilbers-Rost, Hans-Peter Uerpmann, Margarethe Uerpmann, Birgit Großkopf, Eva Tolksdorf-Lienemann: Kalkriese 3. Interdisziplinäre Untersuchungen auf dem Oberesch in Kalkriese. Archäologische Befunde und naturwissenschaftliche Begleituntersuchungen. (= Römisch-Germanische Forschungen, Band 65). Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2007.
  20. Susanne Wilbers-Rost, Günther Moosbauer: Die Varusschlacht: 15 Jahre Forschung in der Kalkrieser-Niewedder Senke. In: Varus-Gesellschaft (Hrsg.): Varus-Kurier. Georgsmarienhütte, April 2002, S. 15 ff.
  21. Norbert Hanel, Susanne Wilbers-Rost, Frank Willer: Die Helmmaske von Kalkriese. In: Bonner Jahrbücher. 204, 2004, S. 71–91.
  22. a b Legio I in Kalkriese? Zu einer Ritzinschrift auf dem Mundblech einer Schwertscheide aus Kalkriese. In: G. A. Lehmann, Rainer Wiegels (Hrsg.): Römische Präsenz und Herrschaft im Germanien der Augusteischen Zeit. Göttingen 2007, S. 89 ff.
  23. Cassius Dio: Römische Geschichte 56, 21, 3. (englisch).
  24. Reinhard Wolters zitiert nach:  Matthias Schulz: Che Guevara im Nebelland. In: Der Spiegel. Nr. 11, 2004 (8. März 2004, online).
  25. Peter Kehne: Lokalisierung der Varusschlacht? Vieles spricht gegen Mommsen – alles gegen Kalkriese. In: Lippische Mitteilungen. 78/2009.
  26. Publius Cornelius Tacitus: Annalen 1, 63, 7. (lateinisch).
  27. Geschichten um Geschichte aus der Region. In: Westfälische Nachrichten. 5. Januar 2006 (online).

52.4080555555568.1294444444444Koordinaten: 52° 24′ 29″ N, 8° 7′ 46″ O